Straßenumbenennung in Berlin »Wir löschen die Geschichte nicht aus, wir machen sie erst sichtbar«

Aus Wissmann wird Lameck: Ab heute erinnert eine Straße in Berlin-Neukölln an eine tansanische Politikerin – statt an den einstigen Gouverneur von »Deutsch-Ostafrika«. Warum das mehr als eine Lokalposse ist, sagt Mnyaka Sururu Mboro.
Ein Interview von Katja Iken
Nomen ost omen: Die Wissmanstraße in Berlin im Bezirk Neukölln wird umbenannt

Nomen ost omen: Die Wissmanstraße in Berlin im Bezirk Neukölln wird umbenannt

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

SPIEGEL: Sie kämpfen seit 2005 für die Umbenennung der Wissmannstraße – heute ist es so weit. Wie fühlt sich das an?

Mboro: Ich bin sehr erleichtert. Zwischendurch hatte ich schon gedacht, das klappt nie mehr. Deutschland tut sich so schwer mit seinem kolonialen Erbe . Jetzt bin ich wieder voller Hoffnung, es ist wie ein Lichtstrahl. Ein Anfang ist gemacht. Die Tansanier merken: Man kann mit den Deutschen reden.

Zur Person
Foto: Soeren Stache / dpa

Mnyaka Sururu Mboro, 1951 in Tansania geboren, fordert seit den Achtzigerjahren eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialvergangenheit. Der von ihm 2007 mitbegründete Verein Berlin Postkolonial setzt sich für die Umbenennung von Straßen ebenso ein wie für die Rückgabe geraubter Kulturgüter, Archäologiefunde und »menschlicher Überreste« (Human Remains).

SPIEGEL: Kaum jemand weiß hierzulande noch etwas über Hermann von Wissmann , ab 1888 Reichskommissar, dann Gouverneur der Kolonie »Deutsch-Ostafrika«  (heute Tansania, Ruanda und Burundi). Wie ist das in Ihrer Heimat?

Mboro: In Tansania kennen ihn alle, meine Oma hat mir oft von ihm erzählt. Das Wort »Verbrecher« reicht für Wissmann nicht aus – wir nennen ihn »maafa«, das ist Kisuaheli und bedeutet »schreckliche Katastrophe«. Mit seiner sogenannten Schutztruppe schlug er den antikolonialen Widerstand der Küstenbevölkerung nieder, so einen unfassbar brutalen Krieg hat es bis dahin bei uns nie gegeben. Und als Gouverneur führte Wissmann die Besteuerung der Kolonisierten ein. Das führte 1905 zum Maji-Maji-Krieg, der bis zu 300.000 Menschenleben kostete . Schlimmer kann man nicht sein.

Hermann von Wissmann im Jahr 1889 (sitzend, l.): »Schlimmer kann man nicht sein«

Hermann von Wissmann im Jahr 1889 (sitzend, l.): »Schlimmer kann man nicht sein«

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte

SPIEGEL: In vielen anderen deutschen Städten sind die Wissmannstraßen längst umbenannt. Warum hat das in Berlin so lange gedauert?

Mboro: Es ist mir ein Rätsel (lacht). Eigentlich ist Berlin so progressiv, aber was die Straßennamen angeht, bewegt sich die Stadt nur langsam. Sind wir hier etwa zu demokratisch? Seit 1984 kämpfe ich dafür, dass die Petersallee im sogenannten Afrikanischen Viertel, benannt nach einem der blutigsten deutschen Kolonialverbrecher , endlich umbenannt wird. Seit 1984!

SPIEGEL: Immerhin ist eine Umbenennung seit April 2018 beschlossene Sache. Neue Namen im Afrikanischen Viertel bekommen sollen auch die Lüderitzstraße und der Nachtigalplatz, benannt nicht nach einem Singvogel, sondern nach dem einstigen Reichskommissar für »Deutsch-Westfrika«. Woran hapert es?

Mboro: Es liegt am Widerstand der Anwohner, aber auch der Parteien CDU, FDP und AfD. Jeder versucht, den Bezirk für sich zu gewinnen – der Streit um die Straßennamen eignet sich da bestens.

SPIEGEL: Gegner werfen Ihnen vor, dass Sie mit Straßenumbenennung die Geschichte auslöschen wollen.

Mboro: Nein! Wir löschen die Geschichte nicht aus, wir machen sie erst sichtbar. Seit 15 Jahren, in Stadtführungen, Ausstellungen und Vorträgen. Wir wollen die Menschen aufrütteln, sie dazu bringen, sich mit der lange verdrängten deutschen Kolonialvergangenheit zu beschäftigen. Am Anfang und Ende der Lucy-Lameck-Straße wird jeweils eine Infotafel aufgestellt, die nicht nur über die neue Namensgeberin informiert, sondern auch auf Wissmann und dessen Taten hinweist.

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2021

Der deutsche Kolonialismus: Die verdrängten Verbrechen in Afrika, China und im Pazifik

Inhaltsverzeichnis

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SPIEGEL: Was sagen Sie denen, die Sie der Denkmalstürmerei bezichtigen?

Mboro: In Hannover erinnert ein großes Denkmal an Carl Peters , den wir in Tansania »mkono wa damu« nennen, »blutige Hand«. Das soll auf keinen Fall weg. Aber wie wäre es, einen afrikanischen Künstler einzuladen, der eine Skulptur daneben errichtet, um auf die kolonialen Verbrechen hinzuweisen? Wir wollen das Problem benennen, die Menschen für diesen Teil der Geschichte sensibilisieren, einen Prozess in Gang bringen.

SPIEGEL: Wie sieht der konkret aus?

Mboro: Straßenumbenennungen sind nur ein kleiner Trost, eine kleine Anerkennung des Unrechts, das man unseren Vorfahren angetan hat. Darauf muss eine offizielle Entschuldigung folgen. Zudem muss Deutschland uns die geraubten Kulturgüter und »menschlichen Gebeine« zurückgeben, darunter den Kopf des Mangi Meli, den ich seit Jahrzehnten suche. Diese Dinge haben für uns eine rituelle Bedeutung und müssen zurück. Wir klauen doch auch keinen Altar aus der katholischen Kirche. Das macht man nicht.

SPIEGEL: Sind Sie glücklich mit dem Namen Lucy Lameck?

Mboro: Er war nicht mein Favorit, ich war für die antikoloniale Widerstandskämpferin Nduna Mkomanile. Aber Lucy Lameck ist auch prima: Sie war die erste weibliche Abgeordnete im tansanischen Parlament und eine starke Kämpferin für die Rechte der Frau. Eigentlich hätte ihre Cousine zur Umbenennung kommen sollen. Wir wollten ein großes tansanisches Fest geben, mit Tanz bis in den frühen Morgen. Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein großer Tag ist es trotzdem.

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