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Untergang der "Tirpitz": Bomben auf das Biest

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Untergang der "Tirpitz" Bomben auf das Biest

Churchill nannte sie "The Beast", für die Royal Navy war sie ein stählerner Alptraum: die "Tirpitz". Mit Mini-U-Booten und Fernbombern attackierten die Briten gegen das größte jemals gebaute deutsche Schlachtschiff. Vor 65 Jahren versenkten sie die "Tirpitz" endlich - nach 14 Versuchen. Von Ulrich Jaeger
Von Ulrich Jaeger

Geschützt vom besten Stahl der Welt, "Wotan hart" und "Wotan weich", den zäheren der Panzerstoffe aus dem Hause Krupp, lag "R 311" rund fünf Kilometer vor der norwegischen Stadt Tromsö in einem Fjord. Ausguckposten spähten durch die weltweit konkurrenzlosen Entfernungsmess- und Zielsuchgeräte der Marke Zeiss aus Jena in den klaren Morgenhimmel, der das Schlachtschiff "Tirpitz" am 12. November 1944 grüßte.

"Zuerst sehen, zuerst schießen und zuerst treffen, meine Herren!", so hatten Ausbilder der Marineschule der Besatzung des größten Kampfschiffes, das Deutschland je baute, die Formel des Seesieges gelehrt. Und da kamen sie, "zehn, fünfzehn, zwanzig" britische Lancaster-Bomber, wie die Ausguckposten meldeten.

Als die insgesamt 21 Angreifer noch rund 20 Kilometer entfernt waren, entfesselte die "Tirpitz" ihre beispiellose Feuerkraft. Doch an diesem Tag versagte in Norwegens Küstenwasser die Siegformel zur See. "Tirpitz"-Matrosen sahen "Litfasssäulen voller Sprengstoff" auf sich zurauschen - 5,4 Tonnen schwere "Tallboy"-Bomben, konstruiert, um den mehrere Meter dicken Beton deutscher U-Boot-Bunker zu durchschlagen, die auf dem Weg in ihr Ziel Überschallgeschwindigkeit erreichten.

"Große Jungs" gegen "Tirpitz"

Die ersten "Großen Jungs" verfehlten das Schiff. Dann aber gelangen "in rascher Folge", wie britische Bomberpiloten sich erinnern, "drei direkte Treffer". "Eine Säule von Dampf und Rauch", so schilderten es die Piloten, schoss etwa hundert Meter in den Himmel. Nur zehn Minuten nach dem ersten Einschlag kenterte die "Tirpitz" durch. Wie eine auf den Rücken gedrehte Schildkröte zeigte das Schlachtschiff seinen verletzlichen Bauch.

"Sie war eines der zähesten Schiffe der Welt", zollte der damalige britische Luftwaffen-Staatssekretär Sir Archibald Sinclair der zerstörten Kampfmaschine Respekt. Für die Nazis hatten das Schlachtschiff und seine 902 bei dem Angriff getöteten Besatzungsmitglieder einfach nur ihre "Aufgabe, wesentliche Kräfte der feindlichen Seemacht zu binden". "Der gegnerische Aufwand der zur Beobachtung und Bekämpfung des Schiffes verbraucht wurde, ist hoch zu bewerten", schloss die Marine-Leitung ihren Nachruf auf die "Tirpitz" kühl.

So zynisch die Totenrede anmutet - britische Marinekreise bestätigten diese Sicht. "Da kein britisches Schiff in der Lage war, sich mit ihr unter gleichen Bedingungen zu messen", heißt es über die "Tirpitz", "sind wir immer gezwungen gewesen, eine machtvolle Kombination von Trägern, Schlachtschiffen und kleineren Fahrzeugen bereitzuhalten, um ihr entgegenzutreten."

Versenkt das "Biest"!

Geboren wurde das mächtigste deutsche Kriegsschiff aus einer Lüge. Als die "Tirpitz", benannt nach dem kaiserlichen Großadmiral und Motor der wilhelminischen Seerüstung Alfred von Tirpitz, 1936 in Wilhelmshaven auf Kiel gelegt wurde, war es dem Deutschen Reich durch das deutsch-britische Flottenabkommen von 1935 untersagt, Kriegsschiffe von mehr als 35.560 Tonnen Wasserverdrängung zu bauen. Doch als das Schlachtschiff im Sommer 1941 dienstbereit war, verdrängte es 50.000 Tonnen - und übertraf damit jedes angelsächsische Schlachtschiff seiner Generation.

Durch Veränderungen während der Bauzeit geriet es sogar noch um knapp tausend Tonnen massiger als seine Schwester, die kaum minder legendäre "Bismarck". Wie sie war die "Tirpitz" eigentlich dazu ausersehen, mit ihrer enormen Feuerkraft die bestens geschützten Geleitzüge der Alliierten auf dem Atlantik anzugreifen. Doch das Schicksal der "Bismarck", die im Mai 1941 von britischen Verbänden im Atlantik versenkt wurde, durchkreuzte die strategischen Pläne der NS-Kriegsplaner. Hitler beorderte das Schlachtschiff stattdessen im Januar 1942 nach Norwegen. Dort sollte die "Tirpitz" als eine schwimmende Artilleriestellung die von Hitler befürchte Invasion der Alliierten verhindern.

Britanniens Premier Churchill, der die "Tirpitz" nur "The Beast" nannte, hatte eigene Pläne für den stählernen Alptraum. Noch im selben Jahr, als der "Führer" das Schlachtschiff nach Norwegen beorderte, erklärte Churchill es zur wichtigsten Aufgabe der Royal Navy, die "Tirpitz" zu versenken.

Das tödliche Spiel beginnt

Im März 1942 begann das tödliche Spiel. Als Teil der "Operation Sportpalast" versuchte die "Tirpitz" gemeinsam mit drei Zerstörern, britische Konvois mit Ziel Murmansk abzufangen. Doch statt der Geleitzüge machten die deutschen Kriegsschiffe nur einen Frachter aus, den einer der Zerstörer versenkte. Erfolglos blieb auch das Unternehmen "Rösselsprung" im Juli 1942. Wieder war ein Geleitzug das Ziel. Doch als die "Tirpitz" auslief, um anzugreifen, wurde sie umgehend entdeckt und von der Marineführung zurückbeordert - aus Angst, das Schiff könne der britischen Flotte zum Opfer fallen.

Dann, im September 1943, fanden die mächtigen Geschütze des Riesen-Schlachtschiffs endlich ein Ziel. Während der "Operation Sizilien" landeten deutsche Soldaten im Feuerschutz der "Tirpitz" auf Spitzbergen. Fortan aber harrte die "Tirpitz" zumeist in der relativen Sicherheit norwegischer Fjorde aus. Doch die Royal Navy versuchte wirklich alles, um ihren Lieblingsgegner auch dort zur Strecke zu bringen - unter Codenamen wie "Chariot", "Mascot", "Source" oder "Tiger Claw" unternahm sie insgesamt 14 Attacken gegen die schwimmende Festung der Deutschen.

Einen Teilerfolg brachte erstmals das Unternehmen "Source" im September 1943: Zwei britischen Mini-U-Booten der Klasse X gelang es, mit Zeitzündern bestückte Minen unter dem Rumpf der "Tirpitz" zu platzieren. Zwar entdeckte die Besatzung die Bedrohung noch, doch gelang es nicht, das Schlachtschiff von seinem Liegeplatz aus der Gefahrenzone zu manövrieren - die Explosion beschädigte den Rumpf und hob die Maschinen aus ihren Fundamenten. 400 Werftarbeiter wurden nach Norwegen beordert, erst im April 1944 waren die Schäden behoben.

Gefangen im gekenterten Riesenschiff

Während künstlicher Nebel aus schiffseigenen Nebelwerfern und ihre überlegene Feuerkraft die "Tirpitz" bei weiteren Angriffen vor schweren Schäden bewahrten, traf während der Aktion "Paravan" am 15. September 1944 eine britische "Tallboy"-Bombe, obwohl das mächtige Schiff sich in einer künstlichen Nebelwand versteckt hatte. Die Zerstörungen auf dem Vorschiff waren so gravierend, das die Marineleitung die "Tirpitz" für dauerhaft seeuntüchtig erklärte.

Noch einmal beorderte die deutsche Admiralität das Schlachtschiff auf eine neue Position nahe der norwegischen Stadt Tromsö. Die "Tirpitz" bewältigte die knapp 400 Kilometer weite Reise aus eigener Kraft. In ihrer letzten Stellung setzte Kommandant Wolf Junge die "Tirpitz" befehlsgemäß auf Grund und sicherte das Schiff gegen Kentern ab.

Doch dann schlugen am 12. November 1944 die Bomben der "Operation Catechism" ein, und das vermeintlich festsitzende Schiff kenterte. Mit Schneidbrennern gelang es Crew-Mitgliedern noch, 85 eingeschlossene Kameraden zu befreien. Aber nicht alle Matrosen, die unter Deck gefangen waren, konnten gerettet werden. Die NS-Propaganda stilisierte auch diese Unglücklichen zu heldenhaften Märtyrern für "Führer" und Vaterland: "Eine eingeschlossene Gruppe, die nicht mehr gerettet werden konnte", heißt es in den Meldungen, habe in ihrem stählernen Sarg das Deutschlandlied gesungen

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