Unvergessliche Fußballspiele Schumachers Fuß und Gottes Hand

Ist es Dramatik bis zum Schlusspfiff, sind es Traumtore in letzter Sekunde oder unglaubliche Aufholjagden? An manche Fußballspiele erinnern sich Fans noch Jahrzehnte später, als wäre es gestern gewesen. Doch warum? Heiko Abbas versucht zu ergründen, was eine Partie legendär macht.

AP

Ein exemplarisches Beispiel für die Frage nach dem besonderen Spiel eines Turniers war sicherlich die Europameisterschaft 1972 in Belgien. Denn nicht das Finale war hier Spiel des Turniers, sondern der dramatische 3:1 Sieg der Deutschen in der Vorrunde über die Engländer. Und hier findet sich auch bereits eine wichtige Zutat für ein "Spiel der Spiele": Historische Rivalität. Die Deutschen und Engländer konnten sich im 20. Jahrhundert selten gut leiden, und so übertrug sich diese Antipathie auch auf den Sport, den beide Völker am meisten lieben. Spätestens seit Wembley 1966, auch eine Partie, die nie jemand vergessen wird, kam es bei jeder Neuauflage des Duells zu großen Fußballmomenten.

Das gleiche gilt auch für Paarungen wie Deutschland gegen Italien, man denke nur an das WM-Halbfinale 1970, das von der Fifa sogar zum Spiel des Jahrhunderts gekürt wurde, oder für Deutschland gegen Niederlande, die sich 1974 oder 1988 denkwürdige Begegnungen lieferten.

Doch nur weil man vielleicht bestehende Ressentiments in eine Fußballpartie mit einbringt, muss das dieses Spiel noch lange nicht zu einem Kracher machen. Es gehört selbstverständlich auch ein entsprechender Spielverlauf dazu. Hier kann man die WM 1970 als eine der herausragendsten nennen, die für die Deutschen jede Menge spannender Spiele bereit hielt. War die deutsche Elf doch locker mit drei Siegen aus der Vorrunde ins Viertelfinale eingezogen, trafen sie hier (Achtung: Traditionsduell) auf die englische Mannschaft. Das deutsche Team schien nach einer Stunde mit einem Stand von 0:2 schon ausgeschieden, als Beckenbauer in der 67. und Seeler in der 82. Minute noch für den kaum für möglich gehaltenen Ausgleich sorgten. In der Verlängerung besiegelte dann Müller in der 108. Minute mit dem 3:2 den Sieg der Deutschen.

Dramatik und Spannung bei der WM 1970

Direkt hiernach kam es dann im Halbfinale zum Jahrhundertspiel, der (Achtung: schon wieder ein Traditionsduell) Begegnung Deutschland gegen Italien. Bereits nach sieben Minuten gingen die Italiener in Führung, danach entwickelte sich über 90 Minuten ein wilder Schlagabtausch, die Deutschen berannten das Tor von Albertosi und kamen immer wieder zu guten Gelegenheiten, doch auch die Italiener spielten jetzt keinesfalls den gefürchteten Catenaccio, sondern mit offenem Visier. Erst in der Nachspielzeit konnte dann Schnellinger den Ausgleich erzielen. In der Verlängerung war die Dramatik kaum noch zu steigern. Müller schoß die Deutschen in Führung, ehe Burgnich den 2:2 Ausgleich erzielte. Wenige Minuten später schoß Riva die Italiener in Front, nur um kurz danach mit ansehen zu müssen, wie erneut Müller zum 3:3 ausglich. Deutschland, in den letzten 20 Minuten im Grunde nur noch mit zehn Spielern, da Beckenbauer aufgrund einer Schulterverletzung fast nur noch stehen konnte (Auswechslungen waren im damaligen Reglement im Spiel nicht vorgesehen), stemmte sich mit aller Macht gegen die italienischen Angriffsbemühungen, doch bereits eine Minute nach dem 3:3 konnte der eingewechselte Rivera den 4:3 Siegtreffer erzielen. Nicht nur aufgrund dieser beiden Partien gilt die WM 1970 sportlich als die bislang beste Fußballendrunde. Doch wenn man jemanden nach dieser WM fragt, dann sind es meistens diese beiden Spiele und gar nicht so sehr das Finale (in dem Pele immerhin sein Abschiedsspiel hatte und das 1:0 schoß), die den Zuschauern im Gedächtnis geblieben sind.

Es geht aber auch ganz anders. Es müssen nicht immer ein historischer "Fußballkrieg" oder ein spannender Spielverlauf sein, der eine Partie unvergessen macht. Manchmal kann es auch nur ein Moment sein, ein kurzer, wenige Sekunden dauernder Moment, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht. Ob nun positiv, wie das sensationelle Tor von Paul Gascoigne zum 1:0 gegen den Rivalen Schottland bei der EM 96 oder negativ, wie das brutale Foul von Toni Schumacher gegen den Franzosen Battiston bei der WM 82, das in einem großartigen Spiel geschah, welches nach einem 3:3 in der Verlängerung durch ein Elfmeterschießen entschieden werden musste, in dem Schuhmacher glänzend hielt. Aber in Erinnerung wird dieses Spiel wegen des Fouls bleiben, bei dem der deutsche Torhüter den Franzosen auf brutalste Weise umrannte, dieser das Bewußtsein verlor und beinahe auch sein Leben, während Schumacher lässig an einem Pfosten lehnte und sich die Rettungskräfte anguckte, die sich über den Verletzten beugten.

Doch nicht nur fußballerische Momente, großartige Geniestreiche, böse Fouls oder tolle Spielzüge machen ein Spiel unvergessen, vor allem auch die Atmosphäre des Turniers, die Zuschauer, das Drumherum sind wichtige Komponenten, damit ein Spiel in die Geschichte eingeht. Man stelle sich Wembley 66 vor ohne die Zuschauer, die bereits zwei Minuten vor Spielende auf den Rasen rannten oder die WM 2006 in Deutschland ohne die riesigen Public Viewings, bei denen bis zu einer Millionen Menschen (vor dem Brandenburger Tor in Berlin) gemeinsam auf Großbildleinwänden die Spiele anguckten. Treffend formulierte es Bernd Schneider bei der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea, die zwar in diesen beiden Ländern eine riesige Fußballeuphorie auslöste, jedoch ohne dass sich die Stimmung in die Stadien übertragen konnte (Schneider auf die Frage wie es sich im Sapporo Dome denn spiele: "Vor der Playstation ist mehr Stimmung.").

Sensationssieg für Österreich

Eine nicht unwesentliche Rolle spielt natürlich auch die Frage, um welche Turnierrunde es sich handelt. Final- oder Halbfinalspiele haben natürlich ein wesentlich höheres Potential, ein unglaubliches Spiel zu werden, als Vorrundenspiele oder gar Qualifikationsspiele. Doch auch hier gibt es Ausnahmen, wie die Schmach von Cordoba 1978. Die Österreicher, nach zwei Niederlagen bereits ausgeschieden in der Zwischengruppe, gewannen in einem furiosen Match gegen die Deutschen, die sich nach zwei Unentschieden noch Hoffnungen auf die Finalspielteilnahme machen konnten.

Dass der Underdog aus Österreich den amtierenden Weltmeister Deutschland in dieser Partie schlug, hat sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Es handelte sich hier um eine Finalgruppe, und so waren es keine klassischen K.O.-Spiele, die Österreicher waren schon draußen, nichts sprach für eine Sensation. Doch vielleicht war es grade diese Kombination, die die Schmach von Cordoba ermöglichte.

Zu guter Letzt dürfen in einem unvergessenen Spiel auch richtige Typen nicht fehlen. Spieler, die durch ihre Spielweise, durch ihre Ausstrahlung, durch ihr Können den Zuschauer in Erstaunen versetzen. Wenn die Argentinier 1986 keinen Maradona gehabt hätten, dann hätte auch keiner einen Fünzig-Meter-Sprint von der Mittellinie bis zum englischen Tor gemacht und dabei sieben gegnerische Spieler umkurvt und dann das 2:0 geschossen. Vom 1:0 durch Maradona mit seiner "Hand Gottes" wollen wir da mal gar nicht erst reden. Oder auch Oliver Kahn, der mit seinen Paraden 2002 die gegnerischen Teams zum Verzweifeln brachte und der einzige Weltklassespieler (neben Michael Ballack) der deutschen Mannschaft war und sie fast alleine ins Finale brachte. Nur um dann dort den entscheidenden Fehler zu machen, der den Brasilianern das 1:0 ermöglichte. Die Szene, wie ein gebrochener und trauriger Kahn an den Pfosten gelehnt dasitzt, ist ebenfalls unvergessen.

Natürlich spielen alle diese Faktoren zusammen und große Spieler und große Momente vereinen sich meistens in großen, unvergessenen Spielen. Aber es gibt Gründe, warum das Halbfinale der EM 1996 Deutschland gegen England mit dem Elfmeterschießen vielen Leuten eher im Gedächtnis geblieben ist, als das anschließende Finale der Deutschen gegen die Tschechische Republik, trotz des Ausgleichs und des Golden Goals von Bierhoff, oder wer erinnert sich noch an die Finalpartie der Europameisterschaft 2000 oder an das WM-Endspiel 1978? Sicherlich werden die Fußballfans der Nationen, die in diesen Finals beteiligt waren oder gar gewonnen haben die Spiele noch in Erinnerung haben, aber große, unvergessene Partien sind die, die unabhängig von den beteiligten Nationen überall wieder erkannt werden.



insgesamt 3 Beiträge
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Endre Laszlo, 17.03.2014
1. csato
aus der deutschen perspektive sollte nichts einzuwenden sein, aber wenn ein brasilianer, argentinier, italiener oder ein ungar gefragt wäre, hätte er gewiss einiges zu sagen...
Volker Heil, 17.03.2014
2. optional
"..da Beckenbauer aufgrund einer Schulterverletzung fast nur noch stehen konnte (Auswechslungen waren im damaligen Reglement im Spiel nicht vorgesehen), stemmte sich mit aller Macht gegen die italienischen Angriffsbemühungen, doch bereits eine Minute nach dem 3:3 konnte der eingewechselte Rivera den 4:3 Siegtreffer erzielen." Einwechseln durften sie also, die Italiener. 12 gegen 10,5. Da fiel siegen leicht. Übrigens: Pelé spielte noch bis 1971 in der brasilianischen Nationalmannschaft.
Thomas Haupenthal, 30.07.2016
3. Ich...
...erinnere mich durchaus noch an das WM-Finale 78, vor allem an die Siegerehrung.Es war wie eine kalte Dusche. Da stand dieser Moerdergeneral auf der Tribuene, um die argentinischen Spieler zu beglueckwuenschen und er genoss es, es war SEIN Triumph.Diese WM haette nie stattfinden duerfen, es war schon vor dem ersten Ball genug bekannt, was da in Argentinien vor sich ging. Es hat in der Geschichte von Olympiaden und Meisterschaften genuegend zweifelhafte Veranstalter gegeben, es bleibt immer die Frage, ob ein Boykott jemandem hilft, aber Fussball spielen in Rufweite des Folterknastes? Die deutsche Delegation war sich zudem nicht zu bloede, einen Altnazi, den Stukaflieger Rudel zu einem Besuch im Trainingsquartier einzuladen, das deutsche Aussenministerium, also Genscher, unternahm ausdruecklich nichts, um verhaftete Deutsche vor der Ermordung zu retten. Kurzum, diese WM war ein ganz truebes Kapitel ( Von anderen Schmiereien, etwa betreffend die Partei Argentinien - Peru, mal ganz angesehen)Es kann sein, dass uns die Oesterreicher vor noch Schlimmerem bewahrt haben. Waeren die Deutschen ins Finale gekommen, waere es moeglicherweise an ihnen gewesen, dem General... ( siehe oben...) Das waeren Bilder fuers Familienalbum geworden: Hermann Neuberger und Jorge Videla....
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