Fluchtdrama auf dem Mississippi "Wir konnten es nicht schaffen, wir mussten Peter loslassen"

Drei junge deutsche Seeleute fühlten sich in den USA wie im Paradies. Warum nicht bleiben? Sie tranken sich Mut an, sprangen nachts über Bord in den Mississippi. Bald ließen ihre Kräfte nach.

Ivan Dmitri/ Michael Ochs Archives/ Getty Images

Protokoll von Stefan Kruecken


Zur Person
    Kapitän Dietmar Froböse, Jahrgang 1941, machte nach der Matrosenausbildung seine nautischen Patente A5 und A6 an der Seefahrtsschule in Hamburg. Danach studierte er an der Hochschule für Wirtschaft und Politik und verließ sie als Volkswirt. In seiner Laufbahn arbeitete er unter anderem für die Reederei Hapag-Lloyd und fast 20 Jahre lang für die Kutterfischer aus Finkenwerder, Bremerhaven und Cuxhaven. Von 2001 bis 2005 segelte er in seinem Boot um die Welt. Dietmar Froböse lebt mit seiner Familie in der Nähe von Hamburg.

New Orleans, die Stadt des Jazz und der harten Partys, gefiel uns jungen Seeleuten ausgesprochen gut. Im Sommer 1958 stromerten wir jede Nacht durch die Klubs entlang der Canal Street. Jung, braungebrannt und voller Testosteron. Es gab nur ein Problem: unseren ständigen Geldmangel. US-Dollar waren kostbar, und mit unserer bescheidenen Heuer, ausbezahlt in D-Mark, kamen wir nicht weit.

Ich war 17, Jungmann auf einer meiner ersten Reisen im Sommer 1958. Meine Kumpel an Bord des Frachters "Christina Bischoff" waren Matrose Peter, der aussah wie ein Bodybuilder. Und Matrose Bajo aus einer alten Seefahrerfamilie in Altona, ebenfalls ein Hüne, 1,90 Meter groß.

Es dauerte nicht lange, bis wir drei hübsche Mädchen kennenlernten. Peters Bekanntschaft war die Tochter eines Zahnarztehepaars und mit einem kleinen, offenen Sportwagen der Marke Triumph unterwegs. Ihre Eltern besaßen ein Wochenendhaus direkt am Golf von Mexiko. Sie lud uns alle ein, das Haus zu besuchen. Der Alte, unser Kapitän, hätte uns einen Landurlaub niemals genehmigt. Doch die Gelegenheit war einfach zu gut.

Im offenen Wagen brausten wir über die Straßen Richtung Meer, lachend, fröhlich, wir spürten den warmen Fahrtwind im Gesicht. Das Ferienhaus war sehr großzügig eingerichtet. Es gab eine überdachte Wassergarage, darin ein Motorboot. Wir fühlten uns großartig, so frei. Es waren unbeschwerte Tage. Wir schwammen im warmen Wasser, tranken kaltes Bier und fuhren Wasserski.

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Missglückte Desertion: "In mir stieg Panik auf"

Wir fühlten uns wie die Könige der Welt.

"Ich bleibe hier", sagte Peter in einem Moment, als wir ohne die Mädchen auf der Veranda saßen.

Wir sahen ihn erstaunt an. Abhauen? Ohne Erlaubnis und ohne Papiere? Das roch nach einer Menge Ärger. Andererseits: War dies nicht das Paradies? War das Leben in New Orleans nicht alles, von dem wir immer geträumt hatten?

Nächtliche Flucht von Bord

Am Morgen des dritten Tages, wir saßen bei geöffneten Fenstern und frühstückten, klopfte jemand energisch an die Tür. Mir war sofort klar, was für eine Art Klopfen das war. Ich kletterte auf einen Stuhl, um im Ernstfall über den Tisch durchs Fenster zu springen. Peters Mädchen öffnete. Zwei breitschultrige Polizisten standen im Türrahmen. Einer klopfte auf sein Halfter, in dem ein schwerer Colt steckte. Meine Fluchtpläne lösten sich in diesem Moment in der Morgenluft auf. So grimmig, wie er aussah, bestand kein Zweifel, dass er von der Schusswaffe Gebrauch machen würde.

"Mitkommen!"

Auf Handschellen verzichtete man, als man uns in einem Polizeiauto in den Hafen von New Orleans fuhr. Wie nur hatten uns die Cops so schnell finden können? Zurück an Bord der "Christina Bischoff" wurde das Rätsel gelöst: Peter hatte eine Karte seines Mädchens, auf das sie ihre Anschrift gekritzelt hatte, auf dem Tisch seiner Kammer vergessen.

Preisabfragezeitpunkt:
15.12.2019, 05:03 Uhr
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Das Schiff war mit unserer Ankunft reisefertig, wir legten ab. Für unseren unangemeldeten Ausflug mussten wir uns noch rechtfertigen, das war klar. Zu dieser Zeit galt in Deutschland noch der Straftatbestand der Desertion; wir hatten mit einem Prozess, womöglich auch mit einer harten Strafe zu rechnen. In Peters Kammer berieten wir, was nun zu tun war.

"Ich fahre nicht nach Deutschland zurück", sagte Peter. "Ich bleibe hier in Amerika."

Wir tranken Bier und schmiedeten einen Fluchtplan. Als wir damit fertig waren, war der Kasten leer. Leider hatten wir die geplante Position, an der wir mit einem Fass vom Schiff abspringen wollten, längst passiert und befanden uns nun im breiten Mündungsgebiet des großen Flusses. Darin schwammen eine Menge Kaimane, das wussten wir.

Die Nacht war stockfinster, als wir ans Heck der "Christina Bischoff" schlichen. Das Fass fiel mit einem leisen Platschen über Bord. Bajo kletterte über die Verschanzung und hangelte sich am Seil abwärts. Das gleichmäßige Drehen der Schraube war zu hören. Nun war ich an der Reihe! Ich handelte wie ferngesteuert.

Und dann mussten wir Peter loslassen

Wir schwammen nicht weit voneinander entfernt im Fluss. Doch vom Fass war nichts mehr zu sehen und auch das Ufer kaum zu erkennen. Bajo fluchte. Wir schwammen rechtwinklig zum weißen Schraubenwasser der "Christina Bischoff". Die Minuten vergingen, wobei ich das nicht genau sagen kann, denn ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Ich war ein sehr guter Schwimmer. Nun war schemenhaft ein Uferstreifen zu erkennen.

Ich hörte neben mir eine Art Schnaufen, ein stoßweises Atmen. Peter schwamm schwer, mit kurzen Zügen. Er atmete nicht rhythmisch. Ich spürte, wie Panik in mir aufstieg.

Bajo und ich nahmen Peter in die Mitte. Ich tauchte, löste Peters Gürtel, an dem eine Kamera hing, und zog ihm die schwere Jeans aus. Er schwamm immer langsamer und atmete in hektischen Hüben. Ich schwamm vor Peters Kopf, damit er sich an meiner Schulter festhalten konnte. Ich spürte, wie schwer dieser muskelbepackte Körper war. Er drückte mich unter Wasser. Nach einigen nach oben gerichteten Schwimmzügen ließ ich mich absacken. Er ließ los. Bajo übernahm. Wir merkten jedoch, dass wir kaum vorankamen; die Abstände, in denen wir uns abwechselten, wurden kürzer.

Wir bewegten uns nur noch auf der Stelle. Das Ufer kam keinen Meter näher.

"Scheiße - Scheiße!" fluchte Bajo.
Wir konnten es nicht schaffen.
Wir mussten Peter loslassen.

Deutlich konnte ich sehen, wie er langsame letzte Schwimmzüge machte. Dann verschwand er ganz langsam in der Dunkelheit. Er sah mich an.

Ich werde dieses Bild niemals vergessen.

"Kommt er wieder hoch?", fragte Bajo. "Er kommt doch wieder hoch?" Ein Rauschen in meinem Kopf.

Wir schwammen weiter auf den Landstreifen zu, in meiner Erinnerung dauerte es nicht lange. Bajo und ich taumelten durch das flache Wasser ans Ufer. Keiner sprach. Nur das Zirpen von Grillen erfüllte die Nacht. Vor uns das dichte Gestrüpp der Mangroven. Die Erschöpfung machte sich bemerkbar. Wir sahen einen Baumstumpf und wollten uns gerade mit den Köpfen darauflegen, als der Baumstumpf Beine bekam und in der Dunkelheit verschwand. Ein kleiner Kaiman, den wir anscheinend geweckt hatten. Wir fluchten und suchten einen Baumstamm, der sich nicht bewegte. Der Schlaf kam wie eine warme Wolke.

"Ich glaube, wir müssen uns stellen"

Mit dem Sonnenaufgang wurden wir wach. Ich trug nicht viel am Körper, außer meiner Jeans und einem T-Shirt. Alles andere hatte ich abgestreift, um besser schwimmen zu können. Bajo hingegen besaß noch sein Hemd und sogar seine Schuhe. Über dem Fluss waberte Dunst. Der Morgen war noch jung, aber schon stickig und schwül. Wir liefen los, was bedeutete, dass ich dem schweigenden Bajo folgte. Wir stießen auf einen Trampelpfad, der uns aus den Mangroven herausführte. Wo war die nächste Straße? Meine Füße waren zwar an das Laufen ohne Schuhe gewöhnt, doch das Gras schnitt in die Hornhaut und verursachte kleine Risse. Bremsen fielen über uns her.

Mit einem Mal blieb Bajo stehen. Eine große Schlange lag quer über dem Pfad; ihre Enden waren im hohen Gras nicht zu sehen. Die Schlange rührte sich keinen Zentimeter. Bajo stieg vorsichtig über sie. Ich folgte ihm. Die Hitze setzte uns immer mehr zu. Wir benötigten nun dringend Wasser. Als es Mittag wurde, nach mehr als vier Stunden Marsch, erreichten wir einen hohen Gitterzaun. Dahinter standen Wachtürme auf Stelzen. Es war ein Stützpunkt der Küstenwache.

"Bajo, ich glaube, wir müssen uns stellen", sagte ich.

Er schüttelte wortlos den Kopf und ging weiter. Was sollte ich tun? Ich überlegte kurz, folgte ihm dann aber. Es wurde immer beschwerlicher. Ich spürte, wie die Zunge in meinem Mund anschwoll. Wir gingen weiter und weiter, und die Sonne stand bereits tief, als Bajo einsah, dass unsere Situation keinen Ausweg kannte. Zügig marschierten wir zurück in Richtung des Camps.

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Anscheinend erwartete man uns bereits, denn das Gittertor öffnete sich wie von Geisterhand. Uniformierte empfingen uns mit Maschinenpistolen. Wir wurden in ein Gebäude geführt und verhört. Ich meldete dringendes Bedürfnis an, worauf mich ein Marinesoldat zur Toilette begleitete. Die Tür musste offen bleiben. Ich sah ihn gequält an, immerhin ließ er die Waffe sinken.

Warum man uns als Sicherheitsrisiko einstufte, erfuhren wir später. Die "Christina Bischoff" war Monate zuvor Häfen in Bulgarien, Rumänien und vor allem in der UdSSR angelaufen. Der Kalte Krieg befand sich in einer intensiven Phase, und es bestand der Verdacht, dass es sich bei uns um Agenten des Ostblocks handeln konnte.

Wer sonst wäre so verrückt, in den Mississippi zu springen?


Der Text ist ein überarbeiteter und gekürzter Auszug eines Kapitels aus dem neuen Buch "Kapitäne!", erschienen im Ankerherz-Verlag. Darin erzählen 20 Seeleute echte Abenteuer vom Meer.

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Peter Pagodi, 16.11.2019
1.
Es wäre schön gewesen, wenn man erfahren hätte, wie alles letztlich geendet ist...
Jochen Hoffstätter, 16.11.2019
2. ...
Zitat von frank_w_abagnaleEs wäre schön gewesen, wenn man erfahren hätte, wie alles letztlich geendet ist...
Sie sollen das Buch kaufen!
Thomas Schröter, 16.11.2019
3. glorifizierte USA zur Zeit der Rassentrennung um von DT abzulenken?
Wieder eine Story, die von vorgeblich goldenen Zeiten in den USA fabuliert, diese als Traum junger deutscher Männer glorifiziert während in der Realität Millionen Menschen per Rassentrennung unterdrückt wurden. Soll die Publikation einer solchen Story, während ein US-Präsident verurteilte Kriegsverbrecher begnadigt und Menschenrechtsverletzungen und Folter wieder zum gesellschaftlichen Konsenz zumindest großer Teile der US-Gesellschaft gehören, dazu dienen die US-Vorherrschaft in Deutschland per kultureller Dominanz zu zementieren?
Peter Pagodi, 16.11.2019
4.
#Jochen Hoffstätter - Dann sollte der Artikel als Werbung gekennzeichnet werden.
D. B., 16.11.2019
5. Seefahrt
Auch ich habe gute Erinnerungen an New Orleans. Auch ich kam als Jungmann mit einem Schiff der DDG "Hansa" am 8.4.1968 dort an. An dem Tag wurde Martin Luther King ermordet. Der Kapitän sagte, geht nicht an Land, dass war aber kein Verbot. Wir wollten natürlich auch nach Canal Street usw. Als wir zurück kamen, mussten wir durch ein Viertel mit Afro- Amerikanern. Erst war uns nicht ganz wohl zumute, als die Leute hörten, dass wir Deutsche sind, waren sie sehr freundlich. Ein paar hatten gute Erinnerungen als G.I.s. Letztendlich haben wir noch ein paar Bier zusammen getrunken und wurden von unseren neuen Freunden an Bord gebracht. Bei uns ist allerdings niemand achteraus gesegelt....
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