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Mord, Märchen und Thomas Mann: "Zensur aus dem Hinterhalt"

Foto: DEFA-Stiftung/ Progress Film-Verleih/ Max Tesch

Verbotene Filme in der Bundesrepublik Die Zensur der Kalten Krieger

Und eine Zensur fand doch statt: 1954 verbot ein "Interministerieller Filmausschuss" in der Bundesrepublik "Der Untertan" von Wolfgang Staudte. Jahrelang verhinderte das ominöse Gremium die Einfuhr von politisch unliebsamen Werken aus dem Ostblock.

"Kongo-Müller" streckt die Arme in Richtung Kamera aus, als hielte er den Totenkopf noch zwischen den Händen. Feixend erinnert er sich, wie er den Schädel eines erschossenen kongolesischen Rebellen seinerzeit in Afrika als Souvenir überreicht bekam, nicht etwa "ausgekocht", wie die Presse behauptet habe, sondern lediglich mit Seife und Wasser gewaschen, "das war alles".

Söldnerlegende "Kongo-Müller": Legionär an der Medienfront

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Getarnt als westdeutsches Fernsehteam hatten die beiden DDR-Filmemacher Walter Heynowski und Gerhard Scheumann den berüchtigten Söldner Siegfried Müller im November 1965 in einem Münchner Fernsehstudio über seine Kriegserlebnisse plaudern lassen. "Der lachende Mann. Bekenntnisse eines Mörders" nannten sie ihren halb entlarvenden, halb propagandistischen Dokumentarfilm später. In der Bundesrepublik durfte er nicht gezeigt werden. Ein obskurer "Interministerieller Ausschuss für Ost/West-Filmfragen" hatte seine Einfuhr verboten.

Ins Leben gerufen worden war das Gremium mit dem technokratisch monströsen Namen bereits am 5. Januar 1953. In der "Frage des Imports von Filmen aus sowjetisch dirigierten Ländern" hatten sich Vertreter des Auswärtigen Amtes, des Bundeswirtschaftsministeriums, des Presse- und Informationsamtes, des Bundesamtes für Verfassungsschutz sowie des Bundesinnenministeriums darauf geeinigt, einen Ausschuss zu gründen, der sicherstellen sollte, dass nur solche Filme in die Bundesrepublik eingeführt würden, die "inhaltlich politisch einwandfrei" seien.

Manns "Untertan" international gefeiert, in der Bundesrepublik verboten

Intern erfüllte der Ausschuss eine beratende Funktion gegenüber dem "Bundesamt für gewerbliche Wirtschaft". De facto fiel die Entscheidung darüber, ob ein Film in die Bundesrepublik eingeführt und dort öffentlich aufgeführt werden durfte, jedoch im "Interministeriellen Prüfungsausschuss", wie das Gremium zunächst hieß. Der Ausschuss, der hinter den Kulissen mit der Organisation der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft kooperierte, berief sich anfangs auf ein Militärregierungsgesetz zur Kontrolle des Güterverkehrs vom September 1949 und ab Mitte der Fünfzigerjahre auf den Paragrafen 93 StGB, der die Verbreitung verfassungsfeindlicher Schriften und Darstellungen unter Strafe stellte. Nach seiner Gründung tagte er das erste Mal am 8. Dezember 1953. Im Mai 1954 wiesen die Ausschussmitglieder von 13 Filmen, die vom DDR-Filmunternehmen Defa für die Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche eingereicht worden waren, vier zurück.

Im selben Jahr wurde auch Wolfgang Staudtes Verfilmung von Heinrich Manns "Der Untertan" die Einfuhr verweigert. Der West-Berliner Filmproduzent Erich Mehl, der Staudte persönlich kannte und den Regisseur für die Dreharbeiten des "Untertan" mit Materialien ausgestattet hatte, an die in der DDR nur schwer heranzukommen war, wollte das nicht so einfach hinnehmen. Er legte den Film in einer gekürzten Fassung erneut vor, bekam jedoch abermals einen ablehnenden Bescheid. Offiziell begründet wurde das Verbot nicht.

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Mord, Märchen und Thomas Mann: "Zensur aus dem Hinterhalt"

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Hinter vorgehaltener Hand erfuhr Mehl, dass Staudtes Film für den Geschmack der Prüfer zu viele Parallelen zur Gegenwart enthielt. Nun mobilisierte Mehl die West-Berliner Medien. Der Berliner "Telegraf" veröffentlichte ein "Plädoyer für den Untertan". Der "Kurier" lobte den Film als "avantgardistisch". Der Radiosender Rias kritisierte das Verbot als "unerklärlich". Denn immerhin war "Der Untertan" bei den Filmfestspielen in Cannes und Venedig gezeigt worden und hatte internationale Preise gewonnen.

Sogar Märchenfilm zensiert

Beim dritten Anlauf erhielt Mehl im Herbst 1956 dann endlich die ersehnte Einfuhrgenehmigung. Und der Interministerielle Filmausschuss geriet zum ersten Mal bundesweit in die Schlagzeilen. Der SPIEGEL warf ihm eine "verschleierte Zensur" vor und bemängelte, dass sein "gesetzliches Fundament bisher noch keiner Nachprüfung standzuhalten hatte".

Daran sollte sich zunächst allerdings nichts ändern. Der Ausschuss sichtete und zensierte munter weiter. Das Defa-Märchen "Das tapfere Schneiderlein", in dem der Held eine Magd der Königstochter vorzieht, wurde ebenso verboten wie Gerhard Kleins "Berlin - Ecke Schönhauser", dem die Prüfer 1958 unterstellten, in "seiner kommunistischen Tendenz Institutionen der Bundesrepublik (z.B. die Notaufnahmelager) verächtlich" zu machen.

Eine rechtliche Basis für die Tätigkeit des Ausschusses wurde erst 1961 mit dem "Gesetz zur Überwachung strafrechtlicher und anderer Verbringungsverbote" geschaffen. Es verbot den Import von Filmen, die "als Propagandamittel gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung oder gegen den Gedanken der Völkerverständigung" dienen konnten. Zur Prüfung mussten die Filme dem Bundeswirtschaftsamt vorgelegt werden. Werke aus befreundeten Staaten wurden jedoch schon bald von dieser Vorlagepflicht entbunden. Kontrolliert und zensiert wurden ausschließlich Filme aus Ostblockländern.

Verräterisches Eingeständnis

Der fragliche Filmausschuss, der nun offiziell als beratendes Gremium des Bundeswirtschaftsamtes fungierte, wurde in liberalen Medien zunehmend schärfer kritisiert. Nachdem der Constantin Filmverleih einen der beiden "antikatholischen" Skandalfilme, die sich 1961 die Goldene Palme der Filmfestspiele in Cannes geteilt hatten, den polnischen Beitrag "Mutter Johanna von den Engeln", offenbar auf Anraten des Ausschusses kurz vor dem geplanten Kinostart 1962 wieder abgesetzt hatte, warf die "Zeit" ihm "Zensur aus dem Hinterhalt" vor.

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Am 8. Oktober 1963 reagierte die SPD-Fraktion auf die vermehrte Kritik mit einer Kleinen Anfrage an die schwarz-gelbe Bundesregierung. Nach welcher Verfahrensordnung arbeitete der Ausschuss? Wie viele Filme hatte er geprüft? Und: War das Bundeswirtschaftsamt all seinen Empfehlungen gefolgt? Besonders die letzte Frage war brisant, weil sie Aufschluss darüber geben konnte, ob der Ausschuss in Wirklichkeit nicht doch mehr war als ein beratendes Gremium. Die Antworten der Regierung fielen spärlich aus. Ein Verweis auf deren Geschäftsordnung, ein paar Zahlen (zwischen dem 1.1.1961 und dem 1.10.1963 wurden 756 Filme geprüft und 19 verboten) und ein verräterisches Eingeständnis: Alle vom Ausschuss empfohlenen Verbote wurden auch tatsächlich ausgesprochen.

Die Gegner des umstrittenen Verbringungsgesetzes fühlten sich bestätigt: Der Interministerielle Filmausschuss betrieb verfassungswidrige Zensur. Und der Widerstand dagegen nahm zu. Im Sommer 1964 setzte sich der Sozialistische Deutsche Studentenbund in München über das Verbot von Gerhard Kleins "Berlin - Ecke Schönhauser" hinweg. Anfang August 1964 protestierten Hunderte Berliner Studenten gegen das Importverbot des tschechoslowakischen Spielfilms "Das höhere Prinzip". Und 1966 klagten erstmals zwei Importeure gegen ein Einfuhrverbot.

Der Fall des 43-jährigen Freiburger Versicherungswerbers Helmut Soeder landete schließlich beim Bundesverfassungsgericht.

Cineast des Landesverrats verdächtigt

Soeder hatte im Frühjahr 1966 auf der Leipziger Messe eine Kopie von Heynowskis und Scheumanns Dokumentarfilm "Der lachende Mann" geschenkt bekommen. Am 9. September führte Soeder den Film Freunden und Bekannten vor. Zwei Tage später, als er den Streifen erneut zeigen wollte, erschien die Kriminalpolizei und forderte ihn auf, die Filmkopie dem Bundeswirtschaftsamt zur Prüfung vorzulegen.

Soeder aber weigerte sich und ließ sich auch von einer Hausdurchsuchung, einem Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts "landesverräterischer Beziehungen" und einem angedrohten Zwangsgeld von 1000 D-Mark nicht einschüchtern. Er klagte vor dem Frankfurter Verwaltungsgericht, das den Fall im Mai 1967 an das Bundesverfassungsgericht weiterverwies. Dieses wertete in seinem Urteil vom 25. April 1972 das Verbringungsgesetz zwar mehrheitlich als verfassungskonform. Zwei der acht Richter kamen jedoch zu einer abweichenden Einschätzung und empfahlen dem Gesetzgeber, die "einer freiheitlichen Demokratie wahrlich nicht zum Ruhme gereichende Regelung" abzuschaffen. Knapp zwei Jahre später entfiel die Vorlagepflicht im Rahmen des neuen Filmförderungsgesetzes dann tatsächlich.

Der umstrittene Filmausschuss hatte seine Tätigkeit zu diesem Zeitpunkt längst eingestellt. Bereits zwischen 1966 und 1967, als sich die Verfassungsklage abzeichnete, hatte er seine Kompetenzen wieder an das Bundeswirtschaftsamt abgetreten. In der Prüfpraxis der Filmimporte aus Ostblockländern schlug sich das sofort spürbar nieder. Wurde vom 1. September 1961 bis Ende 1966 noch über 28 Filme ein Einfuhrverbot verhängt, so kam es in den folgenden drei Jahren zu keinem weiteren Verbot. Insgesamt hatte der sogenannte Interministerielle Ausschuss für Ost/West-Filmfragen zwischen 1953 und 1966 mehr als 3000 Filme gesichtet und circa 130 Einfuhrverbote ausgesprochen. Ein kleiner, gesichtsloser Zirkel, dessen Mitglieder man namentlich größtenteils nicht kannte und der im Verborgenen tagte, hatte dreizehn Jahre lang auf einer bestenfalls fragwürdigen Rechtsgrundlage in der Bundesrepublik eine Art Geheimzensur betrieben und dutzendweise Filme verboten, die der Regierung nicht genehm waren.

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