Jahrzehntelang vergessene NS-Opfer »Niemand saß zu Recht im KZ. Das ist jetzt amtlich«

Lagerhaft wegen Alkoholismus, Abtreibung oder Betteln: Die Nazis markierten angebliche »Asoziale« im KZ mit schwarzen, »Berufsverbrecher« mit grünen Winkeln. Ein neuer Verein soll Opfern und Angehörigen helfen.
Ankunft von KZ-Häftlingen in Sachsenhausen (1938): Aussortiert und weggesperrt

Ankunft von KZ-Häftlingen in Sachsenhausen (1938): Aussortiert und weggesperrt

Foto: JAZZ EDITIONS / Gamma-Rapho / Getty Images

Es reichte Alkoholsucht oder Obdachlosigkeit, Prostitution oder Abtreibung: Gnadenlos sortierte das NS-Regime all jene aus, die in den Augen der Rassenideologen und Kriminologen als »minderwertig« und »gemeinschaftsunfähig« galten. Sie wurden als »Berufsverbrecher« beziehungsweise »Asoziale« stigmatisiert, in Konzentrationslager gesperrt und der »Vernichtung durch Arbeit« ausgeliefert. Um im KZ für alle sichtbar zu sein, mussten sie auf der linken Brustseite ihrer Häftlingskleidung einen grünen (»Berufsverbrecher«) oder einen schwarzen Winkel (»Asoziale«) tragen.

Anders als andere KZ-Opfergruppen haben die von den Nazis derart stigmatisierten Menschen bis heute keine Interessenvertretung. Deshalb plant Frank Nonnenmacher, emeritierter Professor für politische Bildung, einen »Verband der Angehörigen der ignorierten Opfer des Nationalsozialismus« zu gründen.

»Wir müssen das gesellschaftliche Schweigen brechen, das im Zusammenhang mit diesen Menschen jahrzehntelang an der Tagesordnung war«, sagt Nonnenmacher, Jahrgang 1944, im Gespräch mit dem SPIEGEL. Während verfolgte Gruppen wie Homosexuelle sowie Sinti und Roma sich organisierten und erfolgreich um Anerkennung des begangenen Unrechts kämpften, habe sich kaum jemand für die »Berufsverbrecher« und »Asozialen« eingesetzt.

»Asozial und arbeitsscheu«: Schätzungsweise 70.000 Menschen wurden vom NS-Regime als »Berufsverbrecher« und »Asoziale« stigmatisiert.

»Asozial und arbeitsscheu«: Schätzungsweise 70.000 Menschen wurden vom NS-Regime als »Berufsverbrecher« und »Asoziale« stigmatisiert.

Foto: Markus Heine / IMAGO

»Mit diesem Stigma erwecken sie keine Sympathien, noch heute ist der Begriff ›Asozialer‹ ein gängiges Schimpfwort«, so Nonnenmacher. Daher habe sich die Nachkriegsgesellschaft nie für das Schicksal dieser sozialen Randgruppen interessiert. Ausgeblieben sei auch die Solidarität der Mithäftlinge: »Um die eigene Glaubwürdigkeit als Opfergruppe zu erhöhen, distanzierten sich die politischen Häftlinge ganz klar von den Grün- und Schwarzwinkligen.«

Bettler, Fürsorgeempfänger, Drogensüchtige

Hart kritisiert der Wissenschaftler zudem die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA): Der 1947 zunächst als VVN gegründete Verband habe »systematisch dazu beigetragen«, dass KZ-Häftlinge mit dem grünen und schwarzen Winkel nicht als NS-Opfer anerkannt worden seien.

Ausgegrenzt, verfolgt, ermordet: Perfides System der Nazis – mit diesen »Winkeln« wurden KZ-Häftlinge markiert

Ausgegrenzt, verfolgt, ermordet: Perfides System der Nazis – mit diesen »Winkeln« wurden KZ-Häftlinge markiert

Foto: ITS Bad Arolsen

Schätzungen zufolge wurden rund 70.000 Menschen vom NS-Regime als »Berufsverbrecher« oder »Asoziale« in Konzentrationslagern inhaftiert. Um nach abgebüßter Gefängnisstrafe in KZ-»Vorbeugehaft« zu kommen, reichte Lebensmitteldiebstahl oder der Vorwurf der Prostitution. Unter »Asoziale« wurden etwa Drogen- oder Spielsüchtige verstanden, aber auch Obdachlose und Bettler, Fürsorgeempfänger und Personen mit ansteckenden Krankheiten, vor allem Geschlechtskrankheiten.

»Man nennt sie die ›Arbeitsscheuen‹. Es ist uns verboten mit ihnen zu sprechen. (...) Junge Menschen mit spindeldürren Beinen sollen hier unter Aufsicht der sattgefütterten SS das Arbeiten lernen. Die Unterbringung der ›Arbeitsscheuen‹ ist die Schändlichkeit selbst. In aller Eile ist eine große Baracke unterhalb der anderen Baracken aufgeschlagen, in der fast alle Inneneinrichtung fehlt. So hausen sie und sterben massenweise.«

So schilderte der politische Häftling Moritz Zahnwetzer  nach dem Krieg die Ankunft der Verhafteten der »Aktion Arbeitsscheu Reich« im KZ Buchenwald. Im Zuge dieser 1938 durchgeführten NS-Terrormaßnahme wurden mehr als 10.000 Männer und einige Hundert Frauen als angeblich »asozial« in die Konzentrationslager eingewiesen.

Schweigen aus Scham und Angst

Auch Frank Nonnenmachers Onkel kam als »Berufsverbrecher« ins KZ. Ernst Nonnenmacher, 1908 in Stuttgart geboren, zunächst Schulschwänzer, dann Wanderarbeiter, Tagelöhner und Kleinkrimineller, war bis zum April 1945 vier Jahre lang in Konzentrationslagern inhaftiert: zunächst in Flossenbürg, später in Sachsenhausen. Nach dem Krieg suchte Ernst Nonnenmacher bei den Behörden um Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus nach, was ihm jedoch verweigert wurde.

Seither sprach Ernst Nonnenmacher nicht mehr über sein Schicksal – ähnlich wie die meisten anderen einstigen KZ-Häftlinge mit grünem oder schwarzem Winkel. »Die Scham und das Diskriminierungspotenzial waren so groß, dass man geschwiegen hat«, sagt Frank Nonnenmacher. Er hat das Buch »DU hattest es besser als ICH. Zwei Brüder im 20. Jahrhundert« über seine Familiengeschichte geschrieben: Während sein Onkel Ernst im KZ saß, diente der Vater Gustav Hitlers Luftwaffe.

Weil die Verfolgten schwiegen und das Thema niemanden interessierte, existiert auch kaum Erinnerungsliteratur – anders als bei anderen Opfergruppen. »Es gibt Bibliotheken von Literatur zu Juden und Homosexuellen, Sinti und Roma, sie werden zu Recht in Gedenkrituale einbezogen«, so Nonnenmacher. »Bei Grün- und Schwarzwinkeligen klafft da eine gewaltige Leerstelle.«

Nonnenmacher wendet sich gegen die gesellschaftliche Ignoranz und will die Anerkennung der als »Berufsverbrecher« und »Asoziale« Stigmatisierten als KZ-Opfer erreichen. Daher startete er 2018 eine Petition bei der Plattform change.org . Knapp 22.000 Menschen unterzeichneten den Appell an die Bundesregierung.

Bislang kein einziger Antrag auf Entschädigung

Am 13. Februar 2020 nahm der Bundestag den Antrag von CDU/CSU und SPD  mit dem Titel »Anerkennung der von den Nationalsozialisten als ›Asoziale‹ und ›Berufsverbrecher‹ Verfolgten« an. Außer der AfD stimmten alle Fraktionen zu. »Ein voller Erfolg«, sagt Nonnenmacher. »Niemand saß zu Recht im KZ. Das ist jetzt amtlich.«

Allerdings: Konkret wurde noch kaum etwas umgesetzt. Zudem sind die infrage kommenden KZ-Opfer fast alle bereits gestorben. »Bislang wurde kein einziger Antrag auf Entschädigung eingereicht«, sagt Nonnenmacher. Ähnliches gelte für den Entschluss, Forschung rund um die Verfolgung der mit dem grünen und schwarzen Winkeln Stigmatisierter zu fördern: »Für diese Aufgabe wurde bisher kein Cent eingesetzt.«

Was schon angepackt, aber noch nicht umgesetzt worden ist: Eine Wanderausstellung soll durch deutsche Städte touren und über Schicksale der »Berufsverbrecher« und »Asozialen« informieren.

Von der Vereinsgründung erhofft sich Nonnenmacher, Druck auf Regierung und Gesellschaft auszuüben. Zugleich sollen die Angehörigen ein Forum bekommen, in dem sie sich austauschen und organisieren können. »Es ist seit Jahrzehnten überfällig, dass auch die im NS-Regime sozialrassistisch Verfolgten endlich in die Erinnerungskultur einbezogen werden«, sagt Nonnenmacher.

Zur Mitgliedschaft aufgerufen sind Menschen, die selbst oder deren Vorfahren oder Verwandte als vermeintliche »Berufsverbrecher« oder »Asoziale« im KZ inhaftiert waren. Die Gründungsversammlung wird voraussichtlich am 21. und 22. Januar 2023 in Nürnberg stattfinden. Die Initiative geht neben Nonnenmacher auf die Grünen-Politikerin Ines Eichmüller zurück – auch unter ihren Vorfahren befand sich ein einst als »asozial« stigmatisiertes KZ-Opfer.

Nachkommen, die an der Verbandsgründung teilnehmen wollen, werden gebeten, sich mit Frank Nonnenmacher (fnoma@gmx.de ) in Verbindung zu setzen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.