Augenblick mal Vorsicht, Menschenfänger!

Kaum rollte das Auto, baute der Mensch damit Unfälle. Vor 100 Jahren glaubte man an eine seltsame Idee, um Passanten zu retten – ein Bild und seine Geschichte.
Foto:

National Photo Collection / Library of Congress

Hoppla, der Mann mit der Schirmmütze wird vom Auto angefahren und stürzt. Er scheint in eine Art Korb zu fallen. Augenzeugen beobachten, wie er im Metallgitter landet – und der Wagen ihn mitnimmt.

Die Szene ereignete sich kurz vor Heiligabend 1924 am helllichten Tag, mitten in Washington, D.C. Auch die Polizei hatte sie aufmerksam beobachtet, am Straßenrand stand damals Inspektor Albert J. Headley vom Metropolitan Police Department.

Headley war verantwortlich für den Verkehr in der Stadt Washington und hatte 1924 besonders viel zu tun, nachdem die Zahl der Fahrzeug-Neuzulassungen geradezu explodiert war. 101.543 Autolizenzen hatte der District of Columbia allein im Vorjahr ausgestellt. Aber Regeln für das Fahren und Parken gab es noch so gut wie keine. Mit mehr Autos kamen mehr Unfälle, auch mit Fußgängern.

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Fußgänger in Gefahr: Aus dem Weg!

Headley wollte weitere Todesfälle verhindern – und ließ nichts unversucht, so kann man das Foto deuten. Die Aufnahme vom 17. Dezember 1924 entstand bei der Vorführung eines »Man-Catchers«, eines »Menschenfängers«.

Die Vorrichtung an der Frontpartie des Wagens sollte schwere Verletzungen verhindern und ließ Passanten, die unerwartet vor dem Auto auftauchten, in eine Art Gitterkorb plumpsen, damit sie nicht überrollt werden. Das Foto lässt erahnen, dass es sehr darauf ankam, wie genau jemand von dem Körbchen erwischt wurde.

Ähnliche Versuche gab es in Berlin, wie ein Filmausschnitt von 1927 zeigt. Das Auto als Pick-up im Wortsinne:

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Statt eines starren Metallkorbs verwendeten die Berliner ein Netz, wie bei einer Hängematte. Schon um die Jahrhundertwende hatten Automobilhersteller und Ingenieure an solchen Sicherheitsvorkehrungen getüftelt.

Einer der Auslöser war der Tod der 44-jährigen Bridget Driscoll. Als wahrscheinlich erste Fußgängerin starb die dreifache Mutter 1896 nach einem Zusammenstoß mit einem Auto bei einer Vorführung auf dem Gelände des Crystal Palace in London. Untersuchungsrichter Percy Morrison soll danach gesagt haben, er hoffe, »dass so etwas nie wieder passiert«.

Vom Elektrotaxi überrollt

Ein ähnlich prägendes Ereignis für die amerikanische Öffentlichkeit war 1899 der Tod von Henry H. Bliss. Der 69-jährige Immobilienhändler starb, nachdem er in New York aus einer Straßenbahn ausgestiegen und von einem Taxi angefahren worden war – zum Verhängnis wurde ihm ausgerechnet ein leises Elektrotaxi.

Nun sollten Passanten-Fangkörbe verhindern, dass Fußgänger unter die Räder gerieten. Der »Man-Catcher« orientierte sich am »Cowcatcher«, wie er schon im 19. Jahrhundert bei der Eisenbahn eingesetzt wurde. Dieser Lokomotiven-Vorbau sah aus wie ein Schneeschieber und diente dazu, Hindernisse von den Schienen zu befördern.

Auf die Idee dazu kam als einer der Ersten der englische Mathematiker Charles Babbage, als er für die Liverpool and Manchester Railway arbeitete. Gebaut wurde seine Erfindung jedoch nie, und es ist auch ungewiss, ob spätere Nutzer davon wussten.

Das Prinzip jedenfalls sollte sich bewähren. »Cowcatcher« sind bis heute unter der Bezeichnung »Pilot« im Einsatz. Ihre Gestalt wandelte sich: Aus dem schaufelartigen Schneeschieber wurde ein stumpfer Keil, der Objekte seitlich von den Schienen drängte.

Hat ein Kuhfänger je eine Kuh gefangen?

Noch mehr Ähnlichkeit hatte die Auto-Vorrichtung mit dem Fangkorb früher Straßenbahnen zum gleichen Zweck. Zwar konnte ein solches Gitter nicht verhindern, dass eine Person mitgeschleift wurde, bis die Bahn zum Stehen kamen; wohl aber verhinderte es ein Überrollen. Bei den noch geringen Geschwindigkeiten erhöhte das durchaus die Überlebenschance.

Den »Man-Catcher« fürs Auto gab es in mehreren Ausführungen. Einige Prototypen waren allerdings so konstruiert, dass sie die Sicht des Fahrers wie auch die Manövrierfähigkeit des Wagens einschränkten. 1939 stellten Ingenieure aus Sheffield daher eine Art Schaufel vor, die im Notfall wie ein Fächer aufklappte, dann purzelte der Fußgänger hinein.

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Anders als später Airbags löste die Vorrichtung nicht automatisch aus; dafür musste der Fahrer an einen Hebel neben dem Lenkrad greifen. Und schnell genug reagieren. Durchsetzen konnte sich auch diese Erfindung nicht.

»Kuhfänger«, »Bullenfänger« oder auch »Hirschfänger« werden heute die massiven Frontbügel an vielen Geländewagen genannt – obwohl noch kein SUV dabei beobachtet wurde, mit dieser verchromten Stange je eine Kuh eingefangen zu haben. Von Hirschen ganz zu schweigen. Und bei diesem Rammschutz geht es ganz und gar nicht vorrangig um das Objekt vor der Fahrzeugfront der Wuchtbrummen, im Gegenteil: Die Stahlrohre gelten als besonders gefährlich für Kühe, Hirsche, erst recht für Fußgänger – und sind daher in einigen Staaten verboten.

Was bleibt, ist die kuriose Karriere einer Idee, deren Sinn und Folgen sich im Laufe eines Jahrhunderts nahezu ins Gegenteil verkehrten.

Augenblick mal!
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