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Vernichtungslager Belzec: Gras auf dem Grauen

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Vernichtungslager Belzec Gras auf dem Grauen

Soll man es sich ansehen? Auf einer Reise durch den Osten Polens stand Matthias Kneip plötzlich und unerwartet vor dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Belzec. Auf einestages berichtet er von den Spuren eines Verbrechens, die die Nazis dort 1943 eigentlich systematisch hatten beseitigen wollen.

Man hatte mich gewarnt. Wer die Gedenkstätte in Auschwitz besucht habe, bräuchte hier nicht mehr herzukommen, denn im Gegensatz zu Auschwitz wurden die Lager in Sobibor, Treblinka und Belzec noch von den Nationalsozialisten dem Erdboden gleichgemacht. Nichts mehr ist erhalten geblieben. Selbst die Leichen wurden in Belzec im Frühjahr 1943 systematisch ausgegraben, auf einem aus Bahnschwellen konstruierten Scheiterhaufen verbrannt und von speziellen Maschinen zermalmt.

Von den 500.000 Juden, die hier zwischen Februar und Dezember 1942 ermordet wurden, sollten keine Spuren bleiben. Weder vom Lager noch von den Toten. Gras sollte über das Grauen wachsen und das Verbrechen rückwirkend ungeschehen machen. Doch die Rechnung der Nationalsozialisten ging nicht auf. Zwar wuchs das Gras, und das Gelände lag tatsächlich viele Jahre nach dem Krieg brach. Doch der Massenmord war keineswegs in Vergessenheit geraten. Allein es blieb die Frage, welche Form dem Andenken gerecht würde.

Seit dem Jahr 2004 erinnert in Belzec ein gewaltiges Monument an das Verbrechen von damals. Ein Mahnmal, von dem nicht wenige Besucher sagen, dass es das Erinnern erschlägt, weil es die Form der Erinnerung vorgibt. In Treblinka dominieren Steine und Beton, die den Massenmord nur andeuten, in Sobibor ist der Besucher selbst aufgefordert, den Weg in die Vergangenheit durch Innehalten zu rekonstruieren. In Belzec aber ist der Weg der Erinnerung vom Monument vorgezeichnet. Es liegt am Besucher selbst, sich darauf einzulassen oder umzukehren.

Weg durch den "Schlauch"

Ungefähr vierzig Kilometer südlich der polnischen Stadt Zamosc, fast unmittelbar an der ukrainischen Grenze, stehe ich plötzlich und unerwartet dieser Gedenkstätte gegenüber. Sie kündigt sich nicht an, bereitet den Besucher nicht vor. Wer hierher kommt, weiß, warum er den langen Weg auf sich genommen hat.

Ihr Anblick lässt mich für einen Moment innehalten. Hier muss etwas Grauenvolles geschehen sein. Ein mehrere Fußballfelder großes Areal, das nach hinten leicht ansteigt, ist über und über mit mal helleren, mal dunkleren Steinen bedeckt. In der Mitte schneidet ein gepflasterter, 150 Meter langer Weg das Mahnmal in zwei Hälften, wobei der Weg sich der Steigung des Areals nicht anpasst. Je weiter ich ihn gehe, umso höher erheben sich links und rechts über mir die Wände. Früher nannte man diesen Weg den "Schlauch". Getarnt und mit Stacheldraht gesichert führte er die Juden direkt in die am Ende dieses Weges gelegenen Gaskammern.

Mit dem Bau des Lagers in Belzec war im November 1941 begonnen worden. Es war Teil der so genannten Aktion Reinhard, die die Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements zum Ziel hatte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Vernichtungslagern wurde es in unmittelbarer Nähe eines Dorfes errichtet, da an ihm die zentrale Bahnlinie zwischen Lublin und Lemberg vorbeiführte.

Die Einwohner des Dorfes mussten beim Aufbau helfen, die Wachmannschaften beherbergen und bewirten. Die Frauen wuschen die Uniformen, der Bäcker lieferte das Brot direkt ins Lager. Der Tod nebenan gehörte zum Alltag. Und niemand wäre später auf die Idee gekommen zu sagen, er hätte nichts gewusst. Aber was hätte man tun können. Auf Hilfe jeder Art stand der Tod.

An der Hand genommen

Der Gang scheint mir unendlich lang. Oder gehe ich nur so langsam? Es stimmt, was die Leute sagen. Das Monument gibt den Weg der Erinnerung vor. Doch der Weg ist erschreckend eindrucksvoll, zwingt den Besucher zur Rekonstruktion. Das Innehalten ergibt sich von selbst. Und so wie die zum Tode Verurteilten damals stehe auch ich irgendwann vor der Wand am Ende des Ganges, die scheinbar keinen Ausweg bietet.

In diesem Lager wurden damals Gaskammern zum ersten Mal fest installiert. Vermutlich ließen die Motoren sowjetischer T34-Panzer das Gas durch Duschkopfimitate einströmen, wobei besondere Filter den Geruch neutralisierten. 20 Minuten dauerte es bis zum Erstickungstod. Menschen wurden Masse für Massengräber, auf denen heute die Steine ruhen als jüdisches Symbol der Erinnerung und des Gedenkens.

Erde, bedecke mein Blut nicht, lass mein Schreien keine Ruhestatt finden. Diesen Spruch aus dem Buch Hiob finde ich am Ende des Ganges an die Wand geschrieben. Als ich mich umdrehe, blicke ich auf die aus Stein gemeißelten Vornamen der hier Ermordeten. Von A wie Anna bis Z wie Zygmunt. Die Nachnamen sind gestorben.

Links und rechts der Wand führen mich zwei steile Treppen zum oberen Teil des Feldes zurück, um das herum ich langsam zum Eingang laufe. Auf der hellen Umrandung aus Beton sind, nach dem Monat der Deportation geordnet, in rostigen Metallbuchstaben alle Ortsnamen geschrieben, aus denen die Juden aus Polen, aber auch aus anderen Ländern hergebracht wurden. Lublin, Krakau, Lemberg sowie fast alle Orte der näheren Umgebung finde ich dort, aber auch Berlin und Wuppertal.

Vorbei an einem großen Haufen gestapelter Schienen, der an die Exhumierung der Toten und deren physische Vernichtung im Frühjahr 1943 erinnern soll, erreiche ich wieder den Eingang der Gedenkstätte, der noch ein kleines Museum angeschlossen ist. Ich stehe in Gedanken versunken und blicke wieder in den Gang, der sich vor mir in die Tiefe des Monumentes erstreckt. Ich habe Auschwitz besucht. Und empfinde doch Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer dieses Denkmals hier, das mich an der Hand genommen hat, um mir eine alternative Form des Erinnerns vorzugeben. Nicht aus freien Stücken, sondern aus der Not heraus, die Geschichte aus dem Nichts wieder hervorholen zu müssen.

Zum Weiterlesen:

Matthias Kneip: "Reise in Ostpolen. Orte am Rand der Mitte". Verlag House of the Poets, Paderborn 2011, 226 Seiten.

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