Verreisen in der DDR Zwangseinweisung ins Ferienheim

Nichts mit Last-Minute-Reisen: Die DDR steckte Milliarden in die eigene Tourismusbranche, denn ins Ausland ließ sie die eigenen Bürger nicht so gerne. Daheim allerdings fehlte es im Sommer nicht nur an Bier, sondern sogar an Zimmern - der Urlaub geriet für Ostdeutsche zur Lotterie.

Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR

Von


"Frei vom Alltag", verspricht der hellgrüne Bus mit den verschmitzten Augen und der Blume im Mundwinkel. Er ziert das Cover einer Broschüre von 1958, die Urlaubsangebote des staatlichen Reisebüros der DDR bewirbt. Die freundliche Aufmachung verströmt ein Gefühl der Fröhlichkeit, Leichtigkeit, Unkompliziertheit.

Die Realität sah oft anders aus: Das Bangen um den Sommerurlaub begann für DDR-Bürger schon im Winter. Bis zu einem Stichtag mussten die Bestellscheine für Busfahrten oder für begehrte Auslandsreisen in den Ostblock beim DDR-Reisebüro eingegangen sein. "Da kam bei uns säckeweise Post an", erinnert sich Bärbel Schindler, die elf Jahre im sächsischen Kamenz bei Dresden eine Außenstelle des DDR-Reisebüros leitete. Von 1000 Anträgen seien nur etwa 30 genehmigt worden. "Das war dann wie ein großer Lottogewinn!"

Nichts mit Last-Minute-Mentalität: Urlaub in der DDR war zwar äußerst günstig, aber bis ins Kleinste reglementiert. Obwohl der Staat von Beginn an Urlaub als eine zentrale sozialpolitische Aufgabe verstand, Ferien mit Milliarden subventionierte und eine Infrastruktur für Massentourismus aufbaute, blieb das Reisen bis zum Schluss ein Politikum: Unzufriedene beschwerten sich über die Begrenzung der Urlaubsziele auf die "sozialistischen Bruderstaaten" oder bespöttelten den DDR-Reiseatlas als "kleinstes Buch der Welt". Als 1989 Massenproteste das DDR-System erschütterten, forderten viele neben mehr Demokratie auch etwas völlig Undenkbares: "Visafrei nach Hawaii!"

Nicht einfach abhängen

Der Wunsch nach Reisefreiheit beschleunigte den Zusammenbruch der DDR, die vier Jahrzehnte mit patriarchalischer Fürsorge versucht hatte, das Freizeitverhalten seiner Bürger zu finanzieren, zu steuern und zu kontrollieren. Symbolisch kürte die Gesellschaft für deutsche Sprache 1989 "Reisefreiheit" zum Wort des Jahres.

Es war das Ende einer langen Tradition des Wohlfahrtstourismus: Schon bei der Staatsgründung 1949 schrieb die DDR für jeden Arbeitenden das "Recht auf Erholung" und "auf jährlichen Urlaub gegen Entgelt" gar in Artikel 16 der Verfassung. Das "Handbuch der DDR" bejubelte das sozialistische Urlaubssystem als "große soziale Errungenschaft der DDR".

Der hohe Anspruch lautete: Bezahlbarer Urlaub für alle. Das Ziel war "Entspannung, Erholung und Erhaltung der Arbeitskraft", wie es auf offiziellen Werbeplakaten hieß. Das sollte jedoch nicht als Aufruf zum Hedonismus verstanden werden: "Erholungsurlaub war nicht Privatsache, sondern Teil der Politik", erklärt Andreas Ludwig, Leiter des Dokumentationszentrums "Alltagskultur der DDR" in Eisenhüttenstadt, das derzeit eine Ausstellung über Urlaub in der DDR präsentiert. "Einfach abzuhängen und nichts zu tun wurde anfangs nicht so gerne gesehen."

Massenhaft Enteignungen

Vielmehr erwartete die DDR, dass sich ihre Bürger in der Freizeit fortbildeten oder an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnahmen. Der Urlaub mit Kollegen sollte das Kollektiv festigen. Doch früh musste die Staatsmacht einsehen, dass ihre hehren Ansprüche auf wenig Gegenliebe stießen. "Schon in den fünfziger Jahren gab es viele in der SED, die einfach sagten. 'Lasst die Leute doch einfach schlafen im Urlaub, wenn sie das wollen!'", erzählt Ludwig.

An einem anderen Ziel hielt die DDR-Führung dagegen eisern fest: den Sozialtourismus schnell massentauglich zu machen. Dabei ging man nicht zimperlich vor: 1953 durchsuchten Hunderte Polizisten in der "Aktion Rose" mehr als 700 private Hotels, Gaststätten oder Pensionen an der Ostseeküste. Der Vorwurf: Die Hoteliers würden "illegal eingeführte Westwaren" verkaufen und für die "Agentenzentralen des amerikanischen Imperialismus" arbeiten. Am Ende der Aktion wurden 440 Hotelbesitzer enteignet und unter dem Vorwand krimineller Machenschaften verhaftet.

Hauptnutznießer war der Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), der viele der enteigneten Häuser übernahm. Schon seit Jahren hatte der FDGB regelmäßig Zehntausende in seine staatlich subventionierten Häuser geschickt - zu unschlagbar günstigen Konditionen: Nur ein Drittel der Kosten mussten die Urlauber zahlen; das galt sogar schon für die Hinreise mit der Reichsbahn. Zwei Wochen Vollpension im Ostseebad Boltenhagen kosteten 1965 beispielsweise schlappe 95 Mark pro Person - bezahlt mit einem der begehrten rosafarbenen "FDGB-Ferienschecks".

Zu wenig Bier, zu viele Touristen

Doch der vermeintliche Volltreffer barg handfeste Nachteile. Ein FDGB-Urlaub klang wie ein Krankenhausaufenthalt: Auf den Ferienschecks war von der "Einweisung ins FDGB-Urlauberdorf" und "Verpflegungsstellen" die Rede. Der Sozialversicherungsausweis durfte nicht fehlen, Sportkleidung war ausdrücklich erwünscht - und zu guter Letzt mussten manche auch ihren Chef oder einen unliebsamen Kollegen beim kollektiven Mittagessen ertragen. In den stets ausgebuchten Heimen wurden Renovierungen verschoben, Wasserhähne tropften, Betten quietschten - und morgens begann der Kampf um die Etagendusche.

"Das entscheidende Problem war die Versorgung von drei Millionen Gästen an der Ostsee und im Thüringer Wald mit den Mitteln einer Planwirtschaft", sagt Andreas Ludwig vom Dokumentationszentrum in Eisenhüttenstadt. Manche Lebensmittel gingen aus, das Bier wurde knapp, nach der Ölkrise 1979 wurden Busreisen gestrichen. Obwohl die DDR jährlich bis zu zehn Prozent ihres Haushaltes in die subventionierte Ferien investierte und das Land mit dem größten Massentourismus im Ostblock wurde, deckte das Angebot zu keiner Zeit die Nachfrage. Einen FDGB-Ferienscheck bekam der Antragssteller statistisch etwa nur alle fünf Jahre - und das, obwohl es schon Anfang der achtziger Jahre 680 FDGB-Ferienheime mit 130.000 Bettenplätzen gab.

Manch einer hätte einen FDGB-Ferienscheck aber nicht einmal geschenkt genommen: Plan-Urlaub in einer Plan-Wirtschaft war für viele DDR-Bürger ein Alptraum. Sie hatten keine Lust auf das Gemeinschaftsgetue, auf das sozialistische Rahmenprogramm in überfüllten Betriebsferienheimen an einer ebenso überfüllten Ostsee. Ihnen war das eigene Land längst zu klein geworden. Sie träumten von Australien oder New York - und kamen höchstens nach Ungarn oder Bratislava. Sie wollte individuell und nicht im Kollektiv reisen.

Camping als Flucht vor dem Kollektiv

Privatunterkünfte waren jedoch kaum zu bekommen. Deshalb wurde der Campingurlaub seit den sechziger Jahren immer beliebter. Mehr als 500 Zeltplätze gab es am Ende in der DDR, die größten mit bis zu 5000 Stellplätzen. Campen wurde eine Massenbewegung. Populäre Wohnzeltanhänger wie der "Klappfix" oder das "Campifix" gingen in den Sprachgebrauch ein wie Trabi oder Wartburg.

Zehntausende standen stundenlang an für Reiseanträge für Bulgarien, die CSSR oder Ungarn. Auf dem Hinweg stopften sie ihren Trabbi mit Lebensmittel voll oder versuchten, hartes Westgeld der Verwandtschaft über die Grenze zu schmuggeln, da offiziell nur ein Tageshöchstsatz umgetauscht werden durfte. In der CSSR lag der beispielsweise bei mageren 30 Mark - an Luxus war da nicht zu denken. Manch einer fühlte sich daher als Urlauber zweiter Klasse, wenn er am Plattensee plötzlich auf einen Westdeutschen traf.

Wer daheim campte, hatte es nicht leichter - zumindest nicht während der Sommerferien. Denn auch Stellplätze waren begehrt und mussten monatelang vorher bei der Zentralen Campingplatzvermittlung beantragt werden - was in einem bürokratischen Briefverkehr endete: "Werter Campingfreund! Ihren Antrag auf Zeltgenehmigung haben wir erhalten... Die Zeltgenehmigung geht Ihnen rechtzeitig per Nachnahme zu. Mit sozialistischem Gruß..."

DDR-Reisebüroleiterin Bärbel Schindler hingegen musste nie um eines der beliebten Urlaubsplätzchen bangen - und das lag nicht an ihrer Anstellung. "Ich hatte enge Verwandte mit einer Wohnung direkt an der Ostsee", erzählt die 64-Jährige, die heute selbst ein Reisebüro besitzt. "Für mich war der Urlaub jedes Jahr gesichert."



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Thomas Steffen, 11.07.2009
1.
Also ich habe bis zur Wende mit meinen Eltern nie Urlaub auf einem Zeltplatz oder FDGB-Ferienheim gemacht. Die meisten größeren Betriebe hatten Bungalows o.ä. und das wurde gern in Anspruch genommen. Also ziemlich unvollständig der Artikel.
Willy Lehmann, 11.07.2009
2.
Richtig, in der DDR war das Verreisen schwierig und die Betreuung in FDGB-Heimen, so man einen Platz erhaschte, war mindestens so nervend wie in Ferienclubs der Gegenwart. - Aber in der DDR konnten sich auch einfache Menschen Urlaub leisten. Die ALGII-Empfänger der BRD 2009 können dies nicht, wenn sie ihren sonstigen Verpflichtungen nachkommen wollen. Da reicht das Geld nicht. Und die Angst, das daheim die Wohnung ausgeräumt wird, würde mindestens bei den Leuten aus der ostdeutschen Provinz, in der zur Zeit geklaut wird, was das Zeug hält, immer mitfahren. - Vielleicht sollten einige Spiegel-Redakteure mal dort Urlaub machen. Es wäre erkenntnisfördernd!
Dr. Ulrich Krauss, 12.07.2009
3.
wir haben so einen Bungalow oder auch Datscha nach der Wende gekauft. da hat mich doch fast der Schlag getroffen. Dort hätte ich nicht einmal Urlaub gemacht, wenn man mir jeden Tag 50 Euro zugegeben hätte. Wir haben ersteinmal alles rausgerissen, ordentliche Dusche u. WC, Küche , Fenster , fußboden reingebaut. Das war gar nicht so einfach, den damals gab es noch nicht überall Baumärkte, Mussten alles dahinfahren. Karin Hoffmann
Ulrich Frommelt, 12.07.2009
4.
Schon lustig, im Spiegel Online zu lesen, was man selbst gar nicht bemerkt hat. Ich muss wohl urlaubsmäßig in einem anderen Land gewesen sein. Obwohl ich in einem Großbetrieb (rund 20000 Mitarbeiter) war, habe ich nie Urlaub im Kollektiv erlebt bzw. erleben müssen, nur bei zwei Betriebsreisen waren ein paar Leute, die man kannte- selbst Parteisekretäre, falls welche mit waren, gaben Ruhe. Da habe ich eher heute den Eindruck, alles gehe planwirtschaftlich zu- so viele Unternehmen machen gleichzeitig "zu", von Bossen in den Urlaub geschickt, den selben die "Total global" predigen und am liebsten chinesische Löhne zahlen wollen (mal abgesehen von Beamten in Stadt und Land, die sich auf Jahre vorher ihre Plätze sichern oder gleich mal ein viertel bis ein Jahr Auszeit sich gönnen- GEZ bzw. steuerfinanziert). Klar, damals gab es nicht viel, aber man war grössten Teil gemeinsam beschissen dran. Heute hat man das Geld (leider nicht alle), es gibt alles (sollte man meinen) und man wird beschissen. Was ist also das schlimmere Übel?
Torsten Berg, 13.07.2009
5.
Unsauber recherchiert ist dieser Artikel. Das Urlaubsleben in der DDR bestand nicht nur aus FDGB-Ferienheimen und später dem Zeltplatz. Aber das ist ja typisch für die heutigen Medien, dass alles in der DDR schlecht gemacht wird und vereinheitlicht wird!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.