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Versailler Vertrag: "Die Stunde der Abrechnung ist da"

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Versailler Vertrag "Der Krieg in den Köpfen ging weiter"

Wie schafft man Frieden nach der Hölle des Ersten Weltkriegs? In Versailles wollten die Sieger eine neue Weltordnung errichten. Und scheiterten krachend, sagt der Historiker Gerd Krumeich.
Zur Person
Foto: Krumeich/ picture alliance / dpa

Professor Gerd Krumeich, Jahrgang 1945, zählt zu den renommiertesten Experten auf dem Gebiet des Ersten Weltkriegs. Er ist unter anderem Gründungsmitglied des Museums Historial de la Grande Guerre sowie Mitherausgeber der Documents diplomatiques français zum Versailler Vertrag. Zuletzt erschien sein kontrovers diskutiertes Buch "Die unbewältigte Niederlage. Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik".

Versailles, am 28. Juni 1919: Menschentrauben umlagern an diesem strahlend schönen Samstag das Schloss im Pariser Vorort, Gedränge auch im prächtigen Spiegelsaal. Gut tausend Gäste - Politiker, Diplomaten, Militärs, Journalisten - sind geladen, um einem historischen Moment beizuwohnen: der Unterzeichnung des Versailler Vertrags durch die Deutschen, genau dort, wo 1871 Wilhelm I. zum Kaiser proklamiert und das Deutsche Reich ausgerufen wurde.

Frankreichs Regierungschef Georges Clemenceau, "der Tiger" genannt, hat die Demütigung perfekt inszeniert: Fünf Gesichtsversehrte, sogenannte Gueules Cassées ("zerhauene Visagen"), ließ er in der mittleren Fensternische des Saals platzieren, als lebende Menetekel deutscher Barbarei. Um 15.07 Uhr befiehlt Clemenceau: "Lassen Sie die Deutschen eintreten." In völliger Stille werden Reichsaußenminister Hermann Müller und Verkehrsminister Johannes Bell von zwei Amtsdienern hereingeführt. Niemand erhebt sich.

Die beiden Herren, Blick zur Decke gerichtet und totenbleich, haben ihre eigenen Füllfederhalter mitgebracht, um nicht mit französischer Tinte einen Vertrag unterschreiben zu müssen, gegen den sich Deutschland bis zur letzten Minute gewehrt hatte: wegen der Reparationsforderungen, der Gebietsverluste, der Abrüstung - und vor allem, weil die Deutschen mit der Unterzeichnung anerkennen mussten, dass sie die Alleinschuld an dem grauenvollen Krieg trugen.

"Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?", rief Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann am 12. Mai 1919 und trat zurück, um nicht unterzeichnen zu müssen. Das Entsetzen insbesondere über den "Kriegsschuldartikel" 231 ging quer durch alle politischen Lager - und muss ernster genommen werden als bisher, so die Forderung des Historikers Gerd Krumeich. Zu lange habe man die Emotionen der Zeitgenossen, ihr "kollektives Trauma", vernachlässigt.

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Versailler Vertrag: "Die Stunde der Abrechnung ist da"

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William Orpen

einestages: Hätten Sie 1919 den Versailler Vertrag unterschrieben?

Krumeich: Auf keinen Fall! Ich lasse mich doch nicht erpressen - und genau so war es damals: Die Unterschrift wurde wie mit vorgehaltener Pistole erzwungen.

einestages: Nicht zu unterschreiben, war keine Option. Für den Fall einer Verweigerung existierten detaillierte Pläne zur Besetzung Deutschlands.

Krumeich: Aber wären die Poilus, die einfachen französischen Soldaten, wirklich auf Berlin marschiert? Das ist eine schwierige, völlig unerforschte Frage. Experten wie der Historiker Bruno Cabanes sind der Ansicht, die Poilus seien nach vier Jahren Krieg viel zu demotiviert gewesen, um sich erneut in Bewegung zu setzen. Aber ob man sie hätte zwingen können?

einestages: Seit Kriegsende, nach der Novemberrevolution, gab es in Deutschland Demokratie. Mitverhandeln durften die Verlierer in Versailles trotzdem nicht. Warum?

Krumeich: Das war ein absolutes Novum in der Geschichte des Völkerrechts. Hass und Verachtung reichten so tief, dass man sich nicht mit den Deutschen an einen Tisch setzen wollte. Ich kann die Franzosen gut verstehen: 13 Départements waren zerstört, das Land war ausgeblutet, bei ihrem Rückzug hatten die Deutschen systematisch Bergwerke in Nordfrankreich unter Wasser gesetzt. Anders die Situation in Deutschland, wo der Krieg bis zuletzt merkwürdig fern erschien, da er nie auf eigenem Boden ausgetragen worden war. Deshalb verstanden die Deutschen die Niederlage auch nicht.

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einestages: Der Erste Weltkrieg mit rund 15 Millionen Toten gilt als der erste "totale Krieg", verheerend wie keiner zuvor. Mit dem Friedensvertrag wollte US-Präsident Woodrow Wilson Kriege für immer aus der Welt schaffen.

Krumeich: Wilson brachte diese schöne, aber illusorische Idee mit nach Europa und wurde dafür gefeiert. Männer wie der französische Regierungschef Georges Clemenceau haben darüber nur milde gelächelt. Zwar wollten alle den Kriegszustand beenden. Aber keiner war bereit, dafür den Standpunkt und die Probleme der anderen ernst zu nehmen. Zu viel war von allen Seiten investiert, zu viel gelitten worden. Deshalb ging der Krieg in den Köpfen auch derjenigen weiter, die auszogen, um endlich einen Frieden zu finden.

einestages: Von Clemenceau stammt der Satz: "Wilson langweilt mich mit seinen 14 Punkten, selbst der Allmächtige hatte nur zehn Gebote." Wie einig waren sich die Sieger?

Krumeich: Sie verfolgten völlig unterschiedliche Ziele. Wilson wollte den ewigen Frieden. Den Franzosen ging es vor allem um Rache und Reparationen, den Briten um eine Arrondierung ihres Imperiums, den Italienern um Gebietszuwachs. Einig waren sie nur in einem einzigen Punkt - der deutschen Alleinschuld am Krieg. Das war der Kitt, der sie zusammenhielt.

einestages: Der Aufschrei gegen Versailles ging durch Deutschland. Was war so unerträglich?

Krumeich: Versetzen wir uns in die Situation von damals. Erst kam Wilson und stellte Deutschland einen Verhandlungsfrieden in Aussicht, wenn es demokratisch geworden sei. Und dann? Dann sollten die Deutschen zugeben und unterzeichnen, am größten Verbrechen der Weltgeschichte schuld zu sein - das war schlicht nicht aushaltbar. Gegen den "Schandfrieden" wetterten selbst die liberalsten und klügsten Köpfe wie der Soziologe Max Weber, Religionsphilosoph Ernst Troeltsch, Schriftsteller Kurt Tucholsky...

einestages: ...ein Pazifist und Erzkritiker des preußischen Militarismus.

Krumeich: Kurz vor der Unterzeichnung des Vertrags veröffentlichte Tucholsky in der Zeitschrift "Ulk" ein heute vergessenes, geradezu prophetisches Gedicht, ich zitiere auszugsweise:

"Brüder! Brüder! Schließt die Reihn!
Brüder! Das darf nicht wieder sein!
Geben sie uns den Vernichtungsfrieden,
ist das gleiche Los beschieden
unsern Söhnen und euern Enkeln.
Sollen die wieder blutrot besprenkeln
die Ackergräben, das grüne Gras?
Brüder! Pfeift den Burschen was!"

Genau so kam es - mit dem Zweiten Weltkrieg.

einestages: Selbst unter den Siegern galt der Vertrag als misslungen. Der britische Ökonom John Maynard Keynes sagte schon 1919 die Katastrophe voraus, der französische Oberbefehlshaber Ferdinand Foch prophezeite: "Das ist kein Frieden. Es ist ein Waffenstillstand auf 20 Jahre." Warum pochte man dennoch darauf?

Krumeich: Die sogenannten Peacemaker hatten keinerlei Verhandlungsspielraum. Clemenceau wie auch der britische Premier David Lloyd George wussten: Wenn wir den Deutschen entgegenkommen, fallen wir bei den nächsten Wahlen durch. Es ging allein darum, die eigenen nationalen Ansprüche zu legitimieren.

Deutschland vor der Guillotine: Anti-Versailles-Karikatur im "Simplicissimus" (1919)

Deutschland vor der Guillotine: Anti-Versailles-Karikatur im "Simplicissimus" (1919)

Foto: Kunstbibliothek/ SMB/ Dietmar Katz/ Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte

Einestages: Gibt es denn gar nichts Positives über den Vertrag zu sagen? Immerhin wurde Deutschland nicht zerschlagen.

Krumeich: Großartig war etwa die Einrichtung der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf, eine Art Arbeitsamt, das Frieden durch soziale Gerechtigkeit schaffen wollte. Auch die Völkerbund-Idee war gut - mit dem Problem, dass Deutschland nicht dabei sein durfte. Wilsons Formel vom Selbstbestimmungsrecht der Völker war theoretisch toll, in der Praxis jedoch führte sie zu neuen Konflikten. Ob in Ex-Jugoslawien, dem Irak oder Syrien: Viele Kriege haben ihren Ursprung in den willkürlichen Grenzziehungen der Verträge nach dem Ersten Weltkrieg. Die Völkerbefriedungsidee von Wilson war schlicht nicht durchführbar.

einestages: Weil Sie Versailles infrage stellen, bezeichnen manche Historiker Sie als rechten Revisionisten, der die AfD stärke.

Krumeich: Das ist mir völlig gleichgültig. Als Mentalitätshistoriker habe ich als allererste Aufgabe, den Zeitgenossen von damals zuzuhören, mich einzufühlen. Ich soll nicht ständig klüger sein als die Menschen von damals und sie belehren. Unsere Historiker-Pflicht ist es zu verstehen! Und nicht für politische Ordnung zu sorgen - dafür gibt es die Bundeszentrale für politische Bildung.

einestages: Kollegen wie Jörn Leonhard finden Ihre Ansichten "gefährlich". Warum?

Krumeich: Nach 1945 dominierte zunächst die Lesart eines Golo Mann, nach der primär die Alliierten und deren "Knebelungsfrieden" 1919 für Hitler verantwortlich seien, nicht aber die Deutschen. Um diese Lüge auszuhebeln, wollten andere Historiker Versailles offensichtlich positiv bewerten. Das war keine historische, sondern eine historisch-politische Frage. Ich finde aber: Nach 100 Jahren müsste die politische Dimension zurücktreten, wir sollten ohne politisch motivierte Erregung miteinander diskutieren können. Natürlich tragen die Deutschen von heute her gesehen die Hauptverantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Aber: Der Vertrag von Versailles und die Alleinschuldzuweisung blieben den Deutschen auf Dauer unerträglich - und genau das öffnete Hitler die Türen.

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Krumeich, Prof. Dr. Gerd

Die unbewältigte Niederlage: Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik

Verlag: Verlag Herder
Seitenzahl: 336
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einestages: Verstört haben Sie viele auch mit der Frage, ob es nicht doch einen wahren Kern der Dolchstoßlegende gebe. Gefallen Sie sich in der Rolle des Provokateurs?

Krumeich: Für mich gilt noch heute, was schon 1968 galt: Was verboten ist, das macht mir gerade Spaß (lacht). Die Dolchstoßlegende gab es in vielen Varianten. Die dumpfe der Nazis besagt: Der Jude = Kommunist habe nicht gewollt, dass Deutschland gewinnt, und dem siegreich voranstürmenden Heer den Dolch in den Rücken gestoßen. Das ist natürlich grober Unfug. Aber die Zeitgenossen trieb die Frage um: Wie lange hätte das Heer noch durchhalten - und vielleicht einen besseren Frieden - erreichen können, wenn es nicht zum Umsturz gekommen wäre? Viele waren der Ansicht: Die Revolution hat uns die Waffen aus der Hand genommen.

einestages: Aber die deutsche Armee war zweifelsfrei am Ende.

Krumeich: Das war bei den Gegnern doch genauso. Auch bei den Franzosen und Briten waren die Kompanien von rund 350 auf 30 bis 40 Mann dezimiert. Und nirgends hatte es einen entscheidenden Durchbruch der Alliierten gegeben.

einestages: In Ihrem Buch "Die unbewältigte Niederlage" attestieren Sie der deutschen Nachkriegsgesellschaft ein "kollektives Trauma". Gibt es das überhaupt?

Krumeich: Natürlich, es ist nur noch nicht erforscht. Individuelle Traumata lösen sich Psychologen zufolge nach etwa zehn Jahren. Ich sage: Das gilt für das kollektive Trauma auch. 1928/29 entstand diese irrsinnige Welle an Weltkriegsliteratur - gleichzeitig erstarkten die Nazis. Natürlich hat das mit der Wirtschaftskrise zu tun, aber eben nicht nur.

einestages: Was wäre die richtige Therapie gewesen, um das Trauma zu überwinden?

Krumeich: Ein vernünftiges Gefallenengedenken, ein gemeinsamer Trauertag, ein anständigerer Umgang mit den rund acht Millionen Kriegsheimkehrern. Das ist für mich die Krätze der Republik: Sie schaffte es nicht, die Soldaten moralisch zu integrieren, Hass und Zerrissenheit zu überwinden. Die kommen heim nach vier Jahren Hölle und sollen sich plötzlich wieder einreihen, Arbeit suchen, funktionieren? Die Kriegsverwundeten werden rechtlich mit zivilen Unfallopfern gleichgestellt. Die überall versprochene Ehrung fällt ins Wasser. Ich hätte das nicht mit mir machen lassen. Ich weiß nur nicht, ob ich links- oder rechtsradikal geworden wäre.

einestages: Und dann kam Hitler und tilgte das Trauma?

Krumeich: Er hat verstanden, wo es wirklich drückte - bei der versagten Ehre für die Soldaten. Dieses politische Vakuum füllten die Nazis. Sie errichteten Denkmäler, huldigten den Toten und Beschädigten des Krieges, heilten die nationale Wunde. Und beharrten am konsequentesten von allen auf der Auslöschung von Versailles. Das - und nicht der Antisemitismus - erklärt den großen Jubel, diese emotionale Begeisterung für Hitler. Auch bei den seit 1919 wahlberechtigten Frauen: Müttern, Großmüttern, Witwen der Soldaten.

einestages: In Ihrer Logik führt eine direkte Linie von Versailles zu Hitler. Ist das - angesichts der vielen positiven Ansätze der Weimarer Republik - nicht allzu deterministisch?

Krumeich: Es gibt einen kausalen Zusammenhang, was nicht bedeutet, dass das schlimme Ende unausweichlich gewesen wäre. Vielleicht hätte es, wenn die Wirtschaftskrise nicht gekommen wäre, andere Möglichkeiten der Trauma-Bewältigung gegeben. Aber es geht kein Weg daran vorbei, dass das unbewältigte Trauma der nicht verstandenen Niederlage - und das ist ja so viel mehr als nur Versailles - Hitler einen direkten Zugang zu so vielen Deutschen eröffnet hat.

einestages: Welche Lehren können wir heute aus Versailles ziehen?

Krumeich: Eine ist sicherlich, dass es wenig zielführend ist, den Gegner moralisch herabzuwürdigen. Aber hatten die Peacemaker 1919 eine andere Wahl? Nach diesem entsetzlichen Gemetzel hatten sie schlicht keinen Spielraum. Auch heute, etwa im Irak, in Syrien, ist das problematisch: Wie wollen Sie mit den Dschihadisten umgehen, ohne sie moralisch herabzuwürdigen?

einestages: Versailles war von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Krumeich: Genau. Aber anders hätte man es auch nicht machen können. Das ist meine fatalistische Conclusio.

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