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Verschickungskinder: Als das Heim weh tat

Misshandlungen in Ferienheimen "Macht was. Bitte! Bitte!"

Sie wurden geschlagen, durften nachts nicht zur Toilette, mussten Erbrochenes essen: Ab den Fünfzigerjahren wurden Millionen Kinder in deutsche Kurheime verschickt. Lange schwiegen die Misshandlungsopfer - nun organisieren sie sich.

Es war ihr zweites Mal in einem Kinderkurheim. Und so rechnete Sabine Ludwig schon mit den Erniedrigungen und Misshandlungen der Erzieherinnen, die Kinder wie sie nur ängstlich "die Tanten" nannten.

Die Tanten waren in den Augen der Heimkinder böse, ihre Schläge hart, ihre Strafen sadistisch. Das Essen war eklig, sollte aber heruntergewürgt werden. Manche Kinder mussten offenbar ihr Erbrochenes aufessen.

Dünne Kinder sollten in solchen Kurheimen zunehmen, dicke Kinder abspecken, kränkliche an der gesunden See- oder Waldluft Kraft tanken. Vermutlich Millionen Kinder wurden in der Bundesrepublik ab den Fünfzigerjahren auf Anraten von Schulärzten in Kinderkurheime verschickt; 1963 gab es 839 Heime mit Platz für jährlich 350.000 Kinder vor allem aus benachteiligten Familien. Ziel war es, ihnen "Lebensmut" und eine "besondere Liebe" zu vermitteln.

Was die Eltern nicht ahnten oder nicht glauben wollten: Häufig wurden ihre Liebsten in der Ferne seelisch und körperlich misshandelt - von Personal, das seine Methoden wohl nicht selten aus der NS-Zeit übernommen hatte. Erst in jüngster Zeit haben Opfer ihr Schweigen gebrochen.

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Verschickungskinder: Als das Heim weh tat

"Ich habe drei Wochen durchgeheult", erinnert sich Sabine Ludwig an ihren zweiten Heimaufenthalt 1964 auf Borkum. Zuvor hatte die Zehnjährige mit ihren Eltern einen Geheimcode vereinbart, falls sie in Briefen nicht offen schreiben könnte.

Die Absprache: Malte sie ein buntes Haus, war alles in Ordnung. Bei einem schwarzen Haus ging es ihr schlecht.

Gezeichnete Hilfeschreie

Sechs Briefe schickte Sabine Ludwig in den sechs Wochen von Borkum nach Berlin; wöchentlich war nur ein Brief erlaubt. Stets malte sie ein dunkles Haus mit bleistiftgrauem Dach und schwarzen Fenstern. Doch trotz der gezeichneten Hilfeschreie griffen ihre Eltern nicht ein. Gleich im ersten Brief klagte Sabine:

"Ich habe großes Heimweh, ich muss immer weinen, nachts und den ganzen Tag. Wäre ich doch lieber zu Hause geblieben. Ich möchte wieder nach Hause. Es wäre schön, wenn ihr da seid. (...) Ach macht doch was. Bitte! Bitte!"

Als "schön" bezeichnete die Zehnjährige allein die Busfahrt am ersten Tag, als "nicht böse" die Tanten - denn die lasen natürlich mit. Eine Erzieherin notierte beschwichtigend neben der Zeichnung des schwarzen Hauses:

"Liebe Familie Ludwig! Sabine hat sich schon gut eingelebt und auch Kontakt mit anderen Kindern bekommen. Heute hat sie noch nicht geweint."

Darunter schrieb Sabine im P.S.:

"Aber ich glaub, das Heimweh vergeht wieder. Ich komm ja bald nach Hause zu euch. Macht euch keine Sorgen um mich."

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Diese Sätze standen im völligen Widerspruch zum Rest des Briefes. Sie empören Sabine Ludwig, heute eine erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin, noch 55 Jahre später. Denn damals hatte sie das beängstigende Gefühl, ausgeliefert zu sein: "Die Sätze wurde mir diktiert, meine Schrift ist in dieser Passage auch viel ordentlicher." Plötzlich standen ihre Buchstaben so diszipliniert aufrecht, wie es die Tanten von allen Kindern erwarteten.

"Gleichgültige Brutalität"

Als mitfühlend hat sie niemanden in Erinnerung: "Sie waren alle von einer gleichgültigen Brutalität." Besonders schlimm war ihr erster Heimaufenthalt 1961 im Fichtelgebirge. Nachts durften die Kinder nicht auf die Toilette. Das wurde streng überwacht, es sollte strikt Ruhe herrschen. Sabine hielt nicht durch, nässte ein. Dafür wurde sie am nächsten Tag öffentlich gedemütigt.

"Ich musste meine Matratze rauswuchten und im Waschsaal mit einer Wurzelbürste säubern. Dann musste ich mich mit der nassen Matratze vor den Schlafsaal der Jungs stellen, die mich natürlich auslachten." Für jedes Einnässen dieselbe Strafe. "Was wollten die erreichen? Dass man seine Blase diszipliniert?"

Mit ihrer Geschichte, die sie 2014 zum Jugendbuch "Schwarze Häuser" inspirierte, ist Ludwig nicht allein. Doch gut dokumentiert und erforscht ist bisher nur das Schicksal von dauerhaft in christlichen Heimen untergebrachten Kindern der Nachkriegszeit, seit sie 2006 SPIEGEL-Journalist Peter Wensierski in seinem Buch "Schläge im Namen des Herrn" zu Wort kommen ließ. Daraufhin befasste sich der Bundestag damit und richtete einen Entschädigungsfonds ein.

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Wensierski, Peter

Schläge im Namen des Herrn: Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Seitenzahl: 208
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Preisabfragezeitpunkt

03.02.2023 06.19 Uhr

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Dagegen ist über ähnlich gepeinigte Kinder in Kurheimen wenig bekannt. Sie selbst nennen sich "Verschickungskinder".

Die Berliner Journalistin Anja Röhl - selbst als Kind Opfer in solchen Ferienheimen - lässt dieses Thema nicht los. All diese schockierende Einzelheiten, die sie von anderen Betroffenen erfuhr, nachdem sie vor einigen Jahren begonnen hatte, auf ihrer Internetseite Verschickungsheime.de  Berichte zu sammeln und ehemalige Opfer miteinander zu vernetzen. Seit Monaten schon organisiert Röhl den ersten bundesweiten Kongress über das "Elend der Verschickungskinder". Er läuft noch bis zum 24. November auf Sylt, wo einst viele Kinder traumatisierende Wochen verbrachten.

"Erziehungstipps aus der NS-Zeit"

"Die schlimmsten Erlebnisse erinnern sie mit fotografischer Präzision", sagt Röhl, "ein Kriterium für hohe Glaubwürdigkeit". Kürzlich berichtete das ARD-Magazin "Report Mainz", daraufhin meldeten sich bei ihr etliche weitere Betroffene. Inzwischen hat Röhl etwa 700 Zeitzeugenberichte gesammelt. "Darunter gibt es nur drei oder vier positive, die zudem ziemlich unpräzise sind."

Häufig liest Röhl von schockierenden Strafen: Kinder, denen man den Mund zuklebte. Die stundenlang barfuß oder halbnackt in kalten Waschräumen ausharren mussten. Prügel, Isolation, eiskalte Duschen, mitunter sexueller Missbrauch. Und immer wieder Schilderungen von ungenießbaren Essen, von übelschmeckenden Gries- und Milchsuppen und Zwangsfütterungen: Kinder wurden an Stühle gefesselt, mussten das eigene Erbrochene herunterschlingen.

Röhl versucht, die Abgründe dieser "extrem kalten Pädagogik" und des "Sadismus gegen Kinder" zu ordnen. Sie hofft, Forschung dazu anzustoßen.

Denn bisher weiß man wenig - und dann nur aus der Opferperspektive. Die meisten früheren Heimleiter, Hausmütter und Erzieherinnen dürften verstorben sein. Von den Hunderten Kinderkurheimen gibt es nur noch etwa 50. Sie schweigen ebenso darüber wie die Krankenkassen, die damals die Aufenthalte zahlten. Gab es Prämien für jedes von den Ärzten vermittelte Kind? Arbeitete einstiges KZ-Personal in den Heimen? Röhl kann das nicht beweisen, vermutet es aber; in einem Heim seien etwa den Kindern Nummern auf den Unterarm geschrieben worden.

Ein paar Muster kann Röhl erkennen. Etwa zwei Drittel ihrer Berichte stammen von Frauen. Die Kinder kamen meist aus Arbeiter- oder Angestelltenfamilien. Schon Zweijährige wurden wochenlang verschickt, Geschwister oft getrennt. Und: Die jungen Erzieherinnen waren häufig überfordert und zitterten vor der Hausmutter. Es gab wohl zu wenig Personal und eine hohe Fluktuation. So entwickelte die Gewalt eine Eigendynamik.

"Die meisten Kinder hatten das Gefühl: Wir kommen nie wieder nach Hause." Röhl kennt das nur zu gut - sie musste als Fünf- und Achtjährige in Heime auf Föhr und im Teutoburger Wald. "Ich hatte immer nur Angst. Diese Kinderangst ist extrem schmerzhaft, man ist immer unter Anspannung. Wie kann ich mich verstecken, wegducken?" Röhl kratzte sich damals die Hände blutig, riss die Haut in Fetzen. "Es war wie Ritzen."

Die Eltern schauten weg

Auch sie vereinbarte mit den Eltern eine Geheimsprache. "Die Wolken sind schlecht", hieß ihr Brief-Code. Aber sie setzte ihn nicht ein, zu hoffnungslos verloren fühlte sie sich.

Sabine Ludwigs Vater konnte die schwarzen Häuser nicht übersehen, schrieb aber in seinen Briefen lieber ausführlich über das Berliner Wetter und die staubige Baustelle nebenan. Nur selten ging er auf die düstere Zeichnung ein:

"Das graue Haus auf Deiner Postkarte, die vor drei Tagen ankam, hat uns sehr traurig gemacht, hoffentlich gefällt es dir jetzt. Ich hoffe, die Tanten sind alle lieb zu Dir - und Du zu ihnen."

Weil die Eltern wegschauten, empfanden viele Kinder ihre Erniedrigungen als normal und unvermeidbar. Sie schlossen ihre Erinnerungen weg. Mit wem sollten sie auch reden?

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Ludwig, Sabine

Schwarze Häuser

Verlag: DRV
Seitenzahl: 352
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"Ich war sehr enttäuscht", sagt Sabine Ludwig zum Schweigen ihrer Eltern. "Ich bin es immer noch. Das ist mir erst klar geworden, als ich mein Buch schrieb. Danach bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Leider lebten meine Eltern zu diesem Zeitpunkt nicht mehr."

In ihrem Roman wachsen die Kinder, die sechs Wochen unfreiwillig auf einer an Borkum erinnernden Insel verbringen, zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. Am Ende triumphieren sie, die Bösen werden bestraft. "Das war mir wichtig", sagt Ludwig.

Die Realität sah damals anders aus. Kurz vor Sabine Ludwigs Rückreise nach Berlin im Dezember 1964 schrieb ihre Mutter ihr einen Brief. Wortreich entschuldigt sie sich dafür, ein Päckchen mit Süßigkeiten zu spät zusammengestellt zu haben; leider lohne es sich jetzt nicht mehr, es loszuschicken. Zu den schwarzen Häusern: kein Wort. Stattdessen eine Mahnung:

"Und vergiss nicht, Dich beim Herrn Doktor und den Tanten zu bedanken!"

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