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DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik: Wie der Mauerfall Familien auseinanderriss

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Vertragsarbeiter in der DDR Wie der Mauerfall eine Familie zerriss

Statt Jubel brachte der Mauerfall Cornelia Itgmi Wandja die Trennung: Ihr Partner musste gehen, wie viele Migranten, die zum Arbeiten in die DDR gekommen waren. Zurück blieben eine Frau mit gebrochenem Herzen – und ein Sohn ohne Vater.

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Das Foto am Kühlschrank von Cornelia Itgmi Wandja ist vergilbt. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, jetzt gelblich, vom Rauch in ihrer Küche. Itgmi Wandja, 59, berlinert, wenn sie spricht, die Haare trägt sie kurz und stachelig. Sie wirkt wie eine Frau, die sich nichts nehmen lässt. Eigentlich.

»Da muss ich 28 gewesen sein«, sagt sie und schaut auf das Bild. »Amido war 27.« João Amido war ihr Partner, ihre große Liebe: »Alle meine Beziehungen, die ich nach Amido hatte, gingen schief. Ich habe immer jemanden gesucht, der so ist wie er.« Seit 31 Jahren haben die beiden sich nicht mehr gesehen, vor 16 Jahren hatten sie zuletzt Kontakt.

Die meisten Geschichten des Mauerfalls handeln von Freude, Liebe, vom Zusammenfinden. Aber diese junge Frau aus der DDR und der junge Mann aus Mosambik – sie wurden durch Deutschlands Wiedervereinigung getrennt. Es ist eine Geschichte von Ungewissheit, von vergeblicher Liebe und auch von Rassismus.

Gekommen, um zu arbeiten

Ein Sprung zurück in die Achtzigerjahre: Als einer von 17.000 mosambikanischen Vertragsarbeitenden kommt João Amido in die DDR. In Berlin stellt ihn das Wälzlagerwerk »Josef Orlopp« an. Ein Abkommen  zwischen den beiden sozialistischen »Bruderstaaten«, 1979 in Maputo unterzeichnet, soll für Arbeitskräfte in der DDR und für industriellen Fortschritt in Mosambik sorgen.

Es ist nicht die einzige Vereinbarung: Schon ab den Sechzigerjahren reisten Menschen aus Vietnam, Kuba und Mosambik, aus Angola, Äthiopien und Algerien zum Arbeiten oder Studieren nach Ostdeutschland. 1989 leben dort 94.000 Vertragsarbeiter, die größte Gruppe aus Vietnam. Sie sind gekommen, um zu arbeiten, untergebracht in separaten Wohnheimen – zur DDR-Bevölkerung sollen die Ausländer und Ausländerinnen wenig Kontakt haben.

»In der ersten Phase des bilateralen Abkommens von 1979 bis 1984 kamen kleinere Gruppen junger Mosambikaner:innen«, sagt die Historikerin Isabel Enzenbach von der Technischen Universität Berlin. »Die ihnen versprochene Ausbildung wurde eher noch geleistet als in der zweiten Phase ab 1985. Nun, vor allem im Jahr 1988, kamen große Gruppen, die nur noch den dramatischen Arbeitskräftemangel in den veralteten Anlagen kompensieren sollten. Ihre Vier-Jahres-Verträge fanden mit der Wende ein jähes Ende.«

»Wir haben uns geliebt und jeden Tag genossen«

Zwei Jahre nach ihrer Ankunft beginnt der Staat, der sie holte, zu bröckeln. Einen Frühlingsabend 1989 verbringt Cornelia in einer Berliner Kneipe nahe ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg. Zwei Mosambikaner setzen sich zu ihr, sie reden, lachen, trinken, so lernt sie João Amido kennen. Schnell werden die beiden ein Paar und teilen den Alltag, zu dem auch Cornelias Kinder aus früheren Partnerschaften gehören.

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Einige Monate später suchen die beiden einen Fotografen auf. Cornelia trägt ein hellblaues Umstandskleid, maßgeschneidert. Sie erwartet ein Kind von João. »Ich muss im siebten oder achten Monat schwanger gewesen sein«, schätzt sie mit Blick auf das Foto an ihrem Kühlschrank. Es zeigt die beiden, wie sie sich küssen.

Am 9. November 1989 feiern Menschen auf der Straße, Verwandte fallen sich in die Arme. Das Paar ist an diesem Abend zu Hause. Cornelia freut sich, auch sie hat Verwandte in West-Berlin lange nicht gesehen. Im Januar 1990 kommt der gemeinsame Sohn zur Welt: Johannes-Amido, benannt nach dem Vater. »Sobald Amido von der Arbeit kam, hat er dem Kleinen die Flasche gegeben, auch wenn ich das schon erledigt hatte. Er war ein Überpapa«, sagt sie und lacht.

Mittlerweile mangelt es in der DDR an Rohstoffen, Importe können nicht mehr bezahlt werden, Betriebe gehen pleite. »In der Ost-Berliner Firma Wälzlagerwerk ›Josef Orlopp‹, die Lager für Landmaschinen und Kraftfahrzeuge herstellt, wird nach Aussagen eines Meisters ›nur noch ein Bruchteil der üblichen Produktmenge‹ gefertigt«, schreibt der SPIEGEL im Februar 1990 über Amidos Arbeitgeber. Dass er keine Perspektive mehr haben könnte, das Land bald verlassen würde – es kam ihr damals nicht in den Sinn, sagt Itgmi Wandja: »Wir haben uns geliebt und jeden Tag genossen. Es war eine sehr schöne Zeit.«

Keine Rückkehr, kein Kontakt

Die ausländischen Arbeiter werden zuerst entlassen. Gut 60 Prozent aller Verträge von Vertragsarbeitenden, unter anderem aus Vietnam, Mosambik und Angola, werden ab Mai 1990 gekündigt. Damit verlieren sie auch ihr Aufenthaltsrecht und den Wohnheimplatz.

Bei den betrieblichen Kündigungen, die ab Januar 1990 massenhaft stattfanden, waren die Vertragsarbeiter:innen in der Regel die ersten, die gehen mussten. Obwohl einseitige Kündigungen laut bilateralem Abkommen nicht zulässig waren. Doch sie hatten keine starke Lobby. Historikerin Isabel Enzenbach sieht das als »Zeichen des latenten Rassismus, der damals schon vorherrschte«. »Die Botschaft, die teilweise mit Gewalt vermittelt wurde, war: ›Ihr geht nach Hause!‹«

Allen, die vor Vertragsablauf ausreisen, verspricht der Staat eine Entschädigung von 3000 DDR-Mark. Dass auch ihr Partner im Oktober 1990 Deutschland verlassen wird, erfährt Cornelia Itgmi Wandja erst kurz davor. Sie telefoniert sich durch Behörden, isst tagelang nichts mehr, weint viel. Warum João Amido gehen musste, versteht sie bis heute nicht. »Der Betrieb hätte ihn übernommen«, sagt sie und wird laut dabei. Doch das Werk ist bereits angeschlagen. Teile des Lohns, die er lange in die Rentenkasse eingezahlt hat, sollen ihm in Mosambik ausbezahlt werden. Dort wartet seine Familie auf ihn.

Unterdessen ziehen rassistische Schlägertrupps durchs wiedervereinte Deutschland. Der Staat, für den Amido gearbeitet hat, existiert nicht mehr. »Die Behörden sagten, er müsse nach Mosambik fliegen, erst dann könne er wiederkommen«, sagt Itgmi Wandja. Es klingt, als hoffe sie noch immer ein wenig darauf. Doch João Amido kam nie zurück.

Ein Teil der Kindheit fehlt

Als die Vertragsarbeiter 1990 zurück nach Mosambik reisten, trafen sie auf ein Bürgerkriegsland. Viele wurden zum Militär einberufen. Bis heute kämpfen sie in Mosambik um die Auszahlung von Lohn, den die DDR als Schuldentilgung einbehalten hatte.

An einem Herbsttag 2021 sitzt Johannes-Amido Möbes in einem Café im Stadtteil Prenzlauer Berg – wo sein Vater ihn zurückließ, als er noch ein Baby war. Möbes hat Grübchen, die ihn immer ein wenig lächeln lassen. Mit 31 Jahren ist er inzwischen selbst Vater und sagt, diese Erfahrung habe ihm gezeigt, wie sehr ihm ein Teil seiner Kindheit fehle.

»Wenn ich mit meinem Sohn auf dem Spielplatz bin: Stundenlang spielt er mit seinen Jungs, ohne dass er mich wahrnimmt. Und dann gibt es diesen einen Moment. Mein Sohn schaut sich suchend um, unsere Blicke treffen sich. Und er weiß, ich bin da.« Solche Momente vermisse er bis heute, sagt Möbes.

Mit Beginn der Pubertät und seiner ersten Liebe wurden andere Dinge wichtiger. Die Idee, seinen Vater wiederzufinden, rückte in den Hintergrund – »irgendwie hielt mich mein eigenes Leben vom Suchen ab«. Er würde sich freuen, seinen Vater kennenzulernen, sagt Johannes-Amido Möbes. »Aber ich brauche diesen Schritt nicht, um zu wissen, wer ich bin und woher ich komme.«

Für viele ist das Thema schambehaftet

Frances Kutscher hat andere Erfahrungen gemacht. 2016 gründet sie die Facebook-Gruppe »Solibaby. Das, was bleibt« , ein Netzwerk vor allem für die Kinder mosambikanischer Väter. Lange war sie mit der Suche nach ihrem Vater allein. Als Teenager fragte Kutscher bei den Botschaften in Deutschland und Mosambik an, später beim Suchdienst des Roten Kreuzes , suchte immer wieder über Facebook und andere Foren.

Ihre Nachforschungen blieben vergeblich, bis sich ein entfernter Verwandter meldete. Kutscher musste erfahren, dass ihr Vater bereits 2002 verstorben war. Sie trat in Kontakt mit ihren Geschwistern. Heute sagt die 29-Jährige: »Die Suche nach meinem Vater und seiner Familie hat mich selbstbewusster gemacht.«

Die »Solibaby«-Gruppe zählt 133 Mitglieder. »Viele Menschen haben Angst, über ihren damaligen Partner oder ihren Vater, den sie nie kennengelernt haben, zu sprechen«, sagt Kutscher am Telefon. »Das Thema ist schambehaftet, oftmals auch mit rassistischen Erfahrungen verknüpft.« Auch Cornelia Itgmi Wandja berichtet, sie sei nach der Wende verurteilt und angefeindet worden – für ihre Beziehung mit João Amido und den gemeinsamen Sohn.

»Es ist, als würde ich ihr wehtun, weil ich da bin«

2005 erreichte sie ein Brief aus Mosambik – João Amido erkundigte sich nach seinem Sohn. Cornelia Itgmi Wandja und Johannes-Amido Möbes antworteten. Seitdem: Funkstille, trotz aller Versuche kein Lebenszeichen. »Es sollte eine Anlaufstelle für Betroffene geben. Für die Kinder, die ohne ihre Väter aufwachsen mussten«, sagt Itgmi Wandja. Kinder wie ihr Sohn. Sie nennt ihn Amido. »Meine Mutter hat mich niemals Johannes genannt. Für sie war ich immer Amido«, sagt Möbes. Er überlegt: »Vielleicht, weil ›ihr‹ Amido nicht mehr da war?«

Seine Mutter besucht er regelmäßig. »Das ist meine Pflicht«, sagt Möbes. Er bringt ihr Medikamente, kümmert sich, schenkt seiner Mutter Aufmerksamkeit. Mehr noch als seine Geschwister sagt Cornelia Itgmi Wandja. In ihrer fürsorglichen Art seien sich Vater und Sohn sehr ähnlich: »Immer wenn ich ihn sehe, sehe ich ein Stück weit auch João Amido vor mir.«

Über diesen Satz denkt Johannes-Amido Möbes im Café im Prenzlauer Berg lange nach. »Ich wünschte, sie würde das nicht sagen. Es ist, als würde ich ihr wehtun, weil ich da bin ... Weil ich weiß, wie viele schmerzhafte Gefühle mit dieser Erinnerung verbunden sind.«

Dieser gemeinsame Verlust, den der 9. November 1989 einleitete, wirkt fort. Jeden Tag aufs Neue. Er verbindet die beiden und schweißt sie zusammen, ob sie wollen oder nicht. Eine Szene ist der Mutter noch besonders präsent. »Im Herbst 1990, als ich mich von João Amido verabschiedet habe, hat er diesen einen Satz zu mir gesagt: ›Alle deine Kinder werden gehen, nur Amido wird bleiben‹«, erinnert sich Cornelia Itgmi Wandja. »Damals habe ich es nicht verstanden. Heute weiß ich, was er meinte.« Sie weint.

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