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Vietnam-Krieg: Die Stadt, die keiner kennen durfte

Foto: Hulton Archive/ Getty Images

Vietnam-Krieg Die Stadt, die keiner kennen durfte

Gigantisch groß und streng geheim: Für den Vietnam-Krieg errichtete die CIA eine verborgene Stadt mitten im Dschungel von Laos. Sie hatte 100.000 Einwohner, von ihrem Rollfeld hoben mehr Flugzeuge ab als vom Flughafen Chicago - doch nicht einmal der US-Kongress war eingeweiht.
Von Jürgen Kremb

Es erinnert ein bisschen an eine Szene aus einem Rambo-Film. In der Dschungelsenke von Long Cheng zieht sich der bröselige Beton einer ehemalige Landebahn durch das mannshohe Dschungelgras. Verbeulte Sowjet-Jeeps drehen ihre Runden, gesteuert von ernst dreinschauenden Soldaten der laotischen Armee. Noch sind die Reste eines verfallenen Flughafengebäudes zu sehen. Aber zahlreiche verlassene Kasernengebäude aus grauem, vermoostem Beton sind vom vordringenden Urwald längst verschluckt worden.

Xaisomboun, auch die "Special Zone" genannt, liegt 300 Kilometer und gut zehn Fahrstunden von der laotischen Hauptstadt Vientiane entfernt. Eigentlich wäre der schlaglochübersäte Schotterweg, der durch wildzerklüftete Berglandschaften führt, die kürzeste Verbindung, um Besucher von der Hauptstadt zur Touristenattraktion der "Ebene der Tonkrüge" zu bringen. Aber schon nach wenigen Kilometern kann man hier nur noch im Geländegang vorwärtskommen und plötzlich ist gar kein Durchkommen mehr.

Aufgeregt springt ein Soldat aus seinem gut getarnten Erdbunker heraus, der irgendwann in den sechziger Jahren entstanden sein muss. Hektisch fährt der kleine Mann in seiner abgewetzten Uniform einen Schlagbaum herunter. Er fuchtelt mit einer AK-47 Maschinenpistole in der Luft herum. Die Botschaft ist klar: Hier geht die Fahrt nicht weiter.

Geheimbasis für den schmutzigen Krieg

Was hinter der Schranke liegt, haben die regierenden Kommunisten nach Ende des Vietnam-Krieges fast keinem westlichen Ausländer gezeigt. Aber von einer nahen Bergkuppe, die außerhalb der Sichtweite des Militärpostens liegt, kann man sich unbemerkt von dem Soldaten in den Dschungel schleichen und nach einer beschwerlichen Kraxeltour gibt eine Lichtung den Blick ins Tal frei - auf jene Landebahn mitten im Dschungel.

Was die laotische Armee heute als Militärstützpunkt Long Cheng nur noch provisorisch nutzt, fungierte zwischen 1962 und 1975 als Kommandozentrale für den geheimen Krieg der amerikanischen CIA in Laos. Völlig abgeschnitten von der Außenwelt war im Dschungel mit Hilfe der USA die zweitgrößte Stadt des südostasiatischen Landes entstanden. Doch alles war so geheim, dass selbst der Kongress in Washington davon nichts wusste. Ohne parlamentarische Kontrolle und finanziert aus einem Sonderbudget, das nicht dem Verteidigungsministerium, sondern dem US-Botschafter in Vientiane direkt unterstand, sollte von hier aus der Vormarsch der Nordvietnamesen gestoppt werden.

Wenig ist auch heute noch über diesen schmutzigen Krieg Washingtons bekannt. Denn in Laos, auf dessen Gebiet Teile des legendären Ho-Chi-Minh-Pfades verliefen und das deshalb für den Nachschub der Vietcong entscheidend war, kämpften nicht wie in Vietnam US-Wehrpflichtige. Diesen Krieg führte eine amerikanische Söldnertruppe, rekrutiert unter tollkühnen Piloten, die sich bei ihrem Einsatz über Nordvietnam als besonders wagemutig hervorgetan hatten. "Ravens" nannten sich diese Cowboys der Lüfte, die stets ohne Uniform, dafür mit Wildwesthut und Jeans in ihre Ein-Propeller-Maschinen stiegen - in der Hochzeit gab es in Long Cheng mehr Starts als auf Chicagos Flughafen O'Hare.

Leuchtmarkierungen für die B-52-Bomber

Die "Ravens", deren Name von ihrem Funk-Codewort stammte, setzten bei ihren geheimen Missionen über der grünen Hölle von Laos Leuchtraketen ab, wo sie gegnerische Positionen der Pathet Lao, des Vietcong oder der regulären nordvietnamesischen Verbände ausgespäht hatten. Waren die gegnerischen Stellungen ausgemacht, stiegen die auf US-Flugbasen in Thailand stationierten B-52-Bomber auf und machten das so markierte Areal dann mit Flächenbombardements dem Erdboden gleich. Zweieinhalb Tonnen Bomben pro Kopf der Bevölkerung gingen über Laos nieder, mehr als im Zweiten Weltkrieg auf Japan und Deutschland zusammen.

Die direkten Verbündenten der "Ravens" im geheimen Krieg in Laos waren die Urwaldkrieger der Hmong, eines laotischen Stammes von Kopfjägern. 50.000 von ihnen hatte die CIA als Kämpfer rekrutiert, zusammen mit 24.000 thailändischen Elitesoldaten mussten sie die Drecksarbeit am Boden erledigen.

Ihr Befehlshaber war der ebenso ruchlose wie begnadete General Vang Pao, ein kleiner, bulliger Mann mit einem kantigen Glatzenschädel. Für die CIA war er der richtige Mann. Er hasste die Kommunisten, aber auch seine Krieger, oft noch Kinder, führte er in seiner Dschungelstadt Long Cheng mit eiserner Härte und sie folgten ihm widerspruchslos. Den Sieg der Kommunisten konnte er dennoch nicht verhindern.

Überstürzte Flucht aus dem Dschungelcamp

Und so kam es im Mai 1975 bei Kriegsende in Long Cheng auch zu ähnlichen Szenen, wie sie sich in Saigon auf dem Gelände der US-Botschaft abgespielt hatten, nur waren im Hochland von Laos keine Journalisten und Kameramänner als Augenzeugen zugegen.

Als die Amerikaner dem Dauerregen der schweren Mörsergranaten aus vietnamesischen Geschützen nicht mehr standhalten konnten, gaben sie das Dschungelrevier mit seinen knapp hunderttausend Bewohnern kurzerhand auf. Gut 400 CIA-Berater, ein paar Dutzend "Ravens" und General Veng Pao wurden mit den letzten Maschinen nach Thailand ausgeflogen, aber die Mehrzahl der Hmong überließ man ihrem Schicksal.

160.000 dieser zähen Urwaldkrieger schlugen sich daraufhin in einer verlustreichen Flucht bis zum Mekong durch, schwammen nach Thailand und erhielten in den USA Asyl. Aber Zehntausende blieben zurück und sie kämpfen bis heute.

Erinnern will sich niemand

Noch immer verschanzen sich mehrere hundert Hmong in den unzugänglichen Bergen des laotischen Hochlandes, sie leiden ständig Hunger, ihre Kinder können nicht in Schulen gehen und sie haben keine Zukunft. Mal überfallen die Hmong-Guerilla deshalb einen Überlandbus oder ein Armeelager, dann schlägt das laotische Militär wieder gnadenlos zurück. Es ist ein sinnloser Krieg, geführt von den letzten Hardlinern des Indochina-Krieges.

Schuld daran, dass die Kämpfe immer noch nicht zu Ende sind, trägt vor allem ihr ehemaliger Oberbefehlshaber Vang Pao. Aus dem sicheren Asyl in den USA hatte er bis zum vergangenen Sommer seine letzten Anhänger in Laos über Satellitentelefon immer wieder zum Weiterkämpfen angetrieben und die baldige Befreiung versprochen. Die US-Regierung schob dem Treiben erst dann einen Riegel vor, als der betagte General im kalifornischen Sacramento von einem Undercover-Agenten des FBI schwere Gefechtswaffen erwerben wollte, um zurück nach Laos zu gehen und die Regierung in Vientiane zu stürzen.

Vang Po wurde für den absurden Plan nur unter Hausarrest gestellt. Doch im Dschungel von Laos bezahlten seine letzten Anhänger für den geplanten Putsch mit ihrem Leben. Die Hmong-Rebellen, die sich Ende Januar 2008 in der Nähe von Long Cheng ergeben wollten, schoss die misstrauisch gewordene laotische Armee kurzerhand nieder, als ihre Anführer den Wald verließen.

Die Tragik der letzten Hmong-Guerilla ist, dass sie nur noch lebendige Zeugen einer Zeit sind, an die eigentlich niemand mehr erinnert werden will - weder Washington noch Vientiane.