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Vietnamkrieg: Die Hölle im Dschungel

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Vietnamkrieg Als Amerika das Fürchten lernte

Selbstmordattentäter greifen das US-Hauptquartier an, GIs sterben in Sprengfallen, die Generäle verzweifeln: Die Tet-Offensive 1968 wendete im Vietnamkrieg das Blatt gegen die USA - und führte in ein historisches Desaster für die Supermacht.
Von Hans Michael Kloth

Der mächtigste Mann der Welt war schwer nervös. "Ich will kein verdammtes Dinbinfu!", herrschte US-Präsident Johnson an diesem Januartag 1968 seinen zum Rapport in Sachen Vietnam angetretenen Generalstabschef an. Die vom Vietcong belagerte Basis der Marines bei Khe San sei auf jeden Fall zu halten, forderte Johnson. Eine US-Garnison eingekesselt und aufgerieben wie die Franzosen 1954 in Dien Bien Phu - das wäre eine Katastrophe, unbedingt und mit allen Mitteln zu verhindern.

Mit einer Übermacht von fast vier zu eins hatten zuvor Vietcong-Guerillas das Bergdorf in der Provinz Quing Tri attackiert, von dem aus rund 6000 Marines die Nachschubwege der kommunistischen Aufständischen zu unterbinden versuchten. Binnen weniger Tage beorderte nun US-Befehlshaber General William C. Westmoreland insgesamt 50.000 Gis, darunter 15.000 Elitesoldaten, zur Verteidigung der Basis. Auf die Stellungen der Angreifer regneten in den folgenden Wochen 100.000 Tonnen Bomben nieder - die "dichteste Konzentration Sprengstoff, die jemals auf einen Flecken Erde niederging", wie der Historiker Marc Frey in seinem Standardwerk "Geschichte des Vietnamkriegs" schreibt.

Vietcong-Kommandeur Vo Nguyen Giap rieb sich derweil die Hände: die Amerikaner waren tatsächlich in seine sorgfältig gestellte Falle getappt. Wie das Kaninchen auf die Schlange starrten sie auf ihre bedrohte Basis, das Trauma von Dien Bien Phu immer im Hinterkopf - und boten Giaps Guerilleros den entblößten Süden des Landes dar.

Totale Überraschung

Am frühen Morgen des 31. Januar 1968 kurz vor 3 Uhr riss eine Explosion Saigon aus dem Schlaf. Ein Selbstmordkommando der Vietcong hatte sich den Weg in die amerikanische Botschaft freigesprengt und war wild auf alles feuernd über das Gelände gezogen. Bei Sonnenaufgang war der Botschaftsrasen mit Toten übersät. Und der Überraschungsangriff auf das Zentrum der US-Macht in Südostasien war nur der Auftakt. Insgesamt 80.000 kommunistische Kämpfer attackierten in dieser Nacht im ganzen Land die US-Streitkräfte und deren südvietnamesische Verbündete, allein 4000 davon Saigon. Doch angegriffen wurden auch vier weitere der größten Städte des Landes, dazu 36 der 44 Provinzhauptstädte und 64 örtliche Verwaltungszentren - es war eine gewaltige, über Jahre geplante Operation, die nun losbrach: die Tet-Offensive.

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Das Überraschungsmoment war total. Niemand bei den Amerikanern hatte dem mit primitiven Mitteln kämpfenden Gegner die Fähigkeit zur Durchführung einer derart komplexen Großoperation zugetraut; den Geheimdiensten waren die Vorbereitungen schlicht entgangen. Noch Wochen nach Angriffsbeginn glaubten Johnson und Westmoreland, dass nicht die Städte des Süden das strategische Ziel seien, sondern doch der Außenposten von Khe San. Auch den Zeitpunkt hatten die Vietcong-Strategen klug gewählt: Über das dreitägige Neujahrsfest Ende Januar hatte bisher stets ein stillschweigender Waffenstillstand gegolten; jeder zweite Soldat der südvietnamesischen Armee war daher auf Heimaturlaub, als der Gegner just am höchsten vietnamesischen Feiertag zuschlug, dem die spektakuläre Operation ihren Namen verdankte.

Rund um die Provinzstadt Ben Tre wurden alle 27 Verteidigungsstellungen vom Vietcong überrannt. Die alte Kaiserstadt Hue am Perfume River wurde von 7500 Soldaten der regulären nordvietnamesischen Armee genommen. In Saigon selbst griffen 4000 Kämpfer in kleinen Kommandoeinheiten nicht nur die US-Botschaft an, sondern auch den Palast des südvietnamensischen Präsidenten Nguyen Van Thieu, den Flughafen Tan Son Nhut und das Hauptquartier von General Westmoreland. Aus Kampfhubschraubern mussten die US-Tuppen Teile von Saigon in Trümmern legen, um die Kontrolle über die Hauptstadt nicht zu verlieren.

Kühl einkalkulierte Niederlage?

So exzellent sie geplant war - militärisch war die Tet-Offensive für den Vietcong dennoch eine Katastrophe. Der erhoffte Aufstand gegen die Amerikaner in den Städten blieb aus, und die Verteidiger fingen sich, nach anfänglicher Panik, erstaunlich rasch. Nach weniger als einem Monat hatten die US-Truppen und ihre südvietnamesischen Verbündeten alle verlorenen Stellungen zurückerobert, die meisten bereits nach wenigen Tagen.

Schätzungen zufolge büßte der Vietcong den ersten drei Monaten des Jahre 1968 gut zwei Drittel seiner Kämpfer durch Tod, Verwundung oder Gefangennahme ein - ein brutaler Aderlass, von dem sich die "Nationale Befreiungsfront" (wie sich die Vietcong selbst nannten) nicht wieder erholte. Die militärische Initiative ging fortan auf die reguläre nordvietnamesische Armee über - möglicherweise, so spekulieren Vietnamkriegsexperten wie der Hamburger Historiker Bernd Greiner, war dies eine von den Machthabern in Hanoi von Anbeginn kühl einkalkulierte Folge. Klären lassen wird sich diese Frage erst, wenn Vietnam seine Archive öffnet.

Psychologisch jedoch war die Tet-Offensive ein phänomenaler Propagandaerfolg. Die schweren Verluste des Vietcong blieben in den internationalen Medien ebenso unterbelichtet wir ihre fürchterlichen Kriegsverbrechen: Allein in der alten Kaiserstadt Hue liquidierten die Eroberer fast 6000 Angehörige der vietnamesischen Elite anhand schwarzer Listen auf brutalste Weise: Die Opfer wurden erschlagen, enthauptet, lebendig begraben. Unter den Massakrierten waren auch französische Geistliche und vier Ärzte aus der Bundesrepublik.

"Was um alles in der Welt geht dort vor?"

Für die Öffentlichkeit in den USA wie in Europa dominierte aber das Bild einer hoffnungslos überrumpelten US-Armee, deren angeblich doch so primitive, sandalentragende Gegner ihren Kampf mitten in die amerikanisch kontrollierten Zentren Südvietnams tragen konnte. "Was um alles in der Welt geht dort vor?", fragte der fassungslose Star-Moderator Walter Cronkite in die Kamera: "Ich dachte, wir wären dabei, den Krieg zu gewinnen!".

Schlimmer noch, die Welt musste mit ansehen, wie die Verteidiger von Demokratie und Freiheit selbst zum Terror griffen. Das Bild des Polizeipräsidenten von Saigon, der einen gefesselten mutmaßlichen Vietcong aus nächster Nähe exekutiert, ging um den Globus, ebenso der von AP-Kriegsreporter Peter Arnett überlieferte Ausspruch eines US-Majors: "Wir mussten Ben Tre zerstören, um es zu retten." Vor allem das Massaker von My Lai im März 1968, bei dem eine US-Einheit innerhalb von zweieinhalb Stunde rund 500 Zivilisten vom Säugling bis zum Greis abschlachtete, wurde für die USA zum Guantanamo des Vietnamkrieges: eine ewig schwärende Wunde in der eigenen Glaubwürdigkeit.

Für Präsident Johnson brachte die Tet-Offensive so genau das PR-Desaster, welches er unbedingt hatte vermeiden wollen. Militärisch hatte er zwar letztlich die Oberhand behalten, doch sein mediales Dien Bien Phu war total. Jahrelang hatte er verkündet, der Gegner sei kurz vor dem Zusammenbruch; nun hatten die Aufständischen ihre Handlungsfähigkeit überdeutlich demonstriert und den Präsidenten so Lügen gestraft.

"How many kids did you kill today?"

Johnsons Militärs reagierten, wie Militärs reagieren: Sie forderten mehr Truppen. Als die "New York Times" am 10. März 1968 von den noch geheimen Überlegungen der Administration berichtete, mehr als 200.000 zusätzliche Soldaten nach Vietnam zu schicken - was bedeut hätte, Reservisten einzuberufen -, revoltierten Öffentlichkeit, Kongress und Johnsons eigene Partei. "Hey, hey, LBJ - how many kids did you kill today", skandierten Kriegsgegner auf den Straßen. Im Senat wurde Außenminister Dean Rusk in bis dahin nicht dagewesenem Tonfall attackiert. Und bei den Vorwahlen in New Hampshire stimmten zwei Tage nach der Veröffentlichung in der "Times" sagenhafte 42 Prozent der Wähler für Senator Eugene McCarthy aus Minnesota, der als erklärter Kriegsgegner die demokratische Nominierung für die Präsidentschaftswahl im November 1968 anstrebte. Kurz darauf warf auch der äußerst populäre Senator Robert Kennedy, Bruder des ermordeten JFK, seinen Hut ebenfalls für die Demokraten in den Ring - für Johnson begann es zunehmend eng zu werden.

Gleichzeitig geriet der Dollar unter Druck. Angesichts der horrenden Kriegskosten verloren die europäischen Geschäftsbanken das Vertrauen in die US-Wirtschaft und begannen, in großen Mengen US-Dollar abzustoßen. Allein am 14. März 1968 tauschten sie bei der US-Notenbank in Washington 370 Millionen US-Dollar gegen Gold ein - und zwangen Präsident Johnson, die Goldeinlösepflicht, den Grundpfeiler des damalige Weltwährungssystems, auszusetzen. Dies "kam dem Eingeständnis gleich, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr in der Lage waren, ihre internationalen Verpflichtungen in vollem Umfang zu erfüllen", urteilt Historiker Frey. "Sie signalisierte das Ende der Dominanz der Vereinigten Staaten über den Westen."

Am 31. März 1968 trat Präsident Johnson über die Fernsehbildschirme vor die Nation. Er verkündete das Ende der Bombardierung Vietnams nördlich des 20. Breitengrades und bot der Führung in Hanoi Friedensgespräche ohne Vorbedingungen an. Dann beendete Johnson seine Ansprache mit bedeutungsschweren Worten: "Ich werde nicht danach streben", ließ der mächtigste Mann der Welt seine Mitbürger wissen, "für eine weitere Amtszeit als Ihr Präsident nominiert zu werden."