Vinyl-Single Abrocken mit 45 Umdrehungen

Klein, schnell, billig: Die Vinyl-Single war das perfekte Medium für die Rock-'n'-Roll-Revolution. 1953 kam sie nach Deutschland und fegte die alten Schellackscheiben samt Marschmusik und Operetten vom Markt. Inzwischen ist sie selbst Geschichte - und erlebt im Web-Zeitalter doch einen späten Triumph.

Rüdiger Bloemeke

Die Pressekonferenz im Hamburger Nobelhotel Atlantic war professionell aufgezogen: Vor Journalisten aus aller Welt stellte der Physiker Eduard Rhein am 14. August 1953 seine Erfindung vor. Eine platinblonde Helferin demonstrierte anschaulich, was sich hinter dem neuen "Füllschrift-Verfahren" verbarg: Mit einem Arm stemmte sie 42 Schellackplatten in die Hüfte, in der anderen Hand hielt sie 20 mit dem neuen Verfahren hergestellte Vinyl-Singles. Beide Stapel enthielten fünf Stunden Musik - bei einem Gewichtsunterschied von mehr als 13 Pfund.

Die kleine Schwester der Langspielplatte gab es in den USA schon seit 1949, allerdings ohne das Rhein'sche Aufzeichnungsverfahren. Dort hatten sich die Labels Columbia (CBS) und Radio Corporation of America (RCA) in den ersten Nachkriegsjahren einen Wettlauf zur Ablösung der Schellackplatte geliefert, der als "War of the Speeds" in die Geschichte einging. Columbia gewann das Rennen 1948 mit einer Erfindung von Dr. Peter Goldmark, einem hauseigenen Entwicklungsingenieur: die neue Platte behielt die Größe der alten Schellacks bei, konnte aber mit 33 1/3 Umdrehungen pro Minute im Vergleich zur traditionellen 78er ein Vielfaches an Musik speichern - die LP war geboren.

Bei der RCA hingegen verfolgte man ein vollkommen anderes Konzept. Dort werkelten die Entwicklungsingenieure unter dem Tarnnamen "Madame X" an einem Plattenwechsler, für dessen Nutzung die eigens erfundene 17-Zentimeter-Single mit 45 Umdrehungen ein Jahr darauf endlich die Serienreife bekam. Die erste Single-Veröffentlichung war Jacques Offenbachs "Gaité Parisienne", gespielt von Arthur Fiedlers Boston Pops Orchestra - vier Singles aus rotem Vinyl mit einem bunten Pappkarton als Verpackung. Die Single mit Bildcover war geboren - und das Single-Farbsystem bei der RCA auch: Die Farbe Rot blieb der Klassik vorbehalten, Pop-Platten erschienen in Blau, Country in Grün, Aufnahmen für Kinder in Gelb.

Rock'n'Roll als Raketenantrieb

Die deutsche Firma Teldec, mit der Erfinder Rhein einen Lizenzvertrag für sein Verfahren schloss, hatte schon vor der Präsentation im Atlantic erste Erfahrungen mit der Single gesammelt. In ihrer Plattenfabrik im schleswig-holsteinischen Nortorf waren schon ein Jahr zuvor 25.000 der kleinen schwarzen Scheiben des Capitol-Labels für den skandinavischen Markt gepresst worden - dort war man Deutschland voraus. In den Büroetagen der deutschen Labels Electrola, Philips, Teldec und Deutsche Grammophon saßen zumeist ältere Herrschaften, die gern Märsche, Volksmusik und Schlager herausbrachten. "Elvis Presley wurde anfangs hauptsächlich von skandinavischen Partnerfirmen und von der US-Army bestellt", erinnert sich Peter A. Ingwersen, ab 1956 bei Teldec für das RCA-Repertoire zuständig.

Dann fiel der Groschen auch bei den Deutschen. Die Single wurde zum Synonym für Rock'n'Roll - und zum Mega-Seller. Sie war es, die die Musik der Stunde billig, handlich und überall verfügbar machte: Bill Haley, Elvis Presley, Fats Domino, Little Richard oder Chuck Berry - völlig neue Sounds wurden plötzlich auf den Plattentellern der Nachkriegsgeneration serviert und gaben der Single den nötigen Kick, der sie zum Fetisch der Teenager und "Halbstarken" machte. Nicht wenige Jugendliche setzen ihr gesamtes Taschengeld in 45er-Vinyls um, und Jugendliche, die "700 little records all rock, rhythm and jazz" besaßen, wie Rock-Herold Chuck Berry im Song "You Never Can Tell" verkündet, waren keine Seltenheit.

Schnell produziert als Wegwerfware, avancierten die begehrten Scheiben stattdessen schlagartig zum Kultobjekt. Die zerbrechlichen Schellacks dagegen waren quasi über Nacht unmodern und wurden nur noch von ältlichen Traditionalisten gekauft, die den neuen, rebellischen Sound aus Amerika nicht goutierten. Neue Entwicklungen heizten den Trend weiter an: Das Füllschriftverfahren ermöglichte nämlich, auf den kleinen Scheiben sogar vier Stücke unterzubringen. Diese "Extended Plays" (EPs), die mit 8 D-Mark doppelt so viel kosteten wie handelsübliche Singles, wurden in opulenten Bildhüllen angeboten, bei denen anfangs sogar noch die Öffnung per Nähmaschine verschlossen wurde.

Heiligtum in der Plastikhülle

Der Siegeszug der kleinen Scheiben war nicht aufzuhalten - schnell wurden sie zum neue Heiligtum der pubertierenden Jugend. Um die guten Stücke zu schonen, sortierten die stolzen Sammler ihre Singles gerne in Plastikalben, um sie zu "Hauspartys" mitzunehmen. "Fast kratzerfrei sind meine Haleys und Presleys, weil ich sie immer schön gepflegt habe, mit der Samtbürste entstaubt und in die Schutzhülle zurückgesteckt", berichtete die Journalistin Eva Windmöller noch Jahrzehnte, nachdem sie für die Zeitschrift "Star Revue" neue Singles besprochen hatte. Es gab sogar eigens für Singles produzierte Plattenspieler wie den Philips Mignon, dessen Design jede Musiktruhe alt aussehen ließ.

So sehr der Rock'n'Roll den kometenhaften Aufstieg der 45er befeuert hatte - die Kopplung der Single an den Sound hatte auch fatale Folgen: Mit abflauender Begeisterung für den Rock ging auch die Single in den Sinkflug über, weil nun der treibende Motor fehlte. Die Langspielplatte lief der kleinen Scheibe allmählich den Rang ab. Waren 1960 in Deutschland noch 51 Millionen Singles und nur 10 Millionen LPs verkauft worden, gingen 1969 nur noch 34 Millionen kleine Scheiben über den Ladentisch, im Vergleich zu 36 Millionen Langspielplatten. Zwar wurden sie weiter produziert, weil sie für die Hitparaden gebraucht wurden. Doch langsam aber sicher wurde die Single, die zuvor die Welt bewegt hatte, zum Auslaufmodell.

Selbst wenn es immer wieder Ein-Hit-Künstler gab, Bands oder Sänger, die einen Single-Hit landeten und danach in der Versenkung verschwanden, ohne je eine LP aufgenommen zu haben - am Niedergang der kleinen Schwarzen konnte das nichts ändern, genauso wenig, dass Songs etablierte Stars nur noch exklusiv auf Single veröffentlicht wurden.

Keine Zukunft mehr

Erst als Mitte der Siebziger die Maxi-Single im LP-Format Furore machte, feuerte die Disco-Welle noch einmal den Verkauf an. Wieder trafen technische und musikalische Neuentwicklung zusammen. War die Single genau das richtige Format für die Zwei-Minuten-14-Sekunden-Kracher wie das "Blue Moday" von Fats Domino gewesen, bot sich die Maxi-Single jetzt für New-Wawe-Bands wie New Order und deren ausgedehntes Sieben-Minuten-Epos "Blue Monday" an - die meistverkaufte Maxi-Single überhaupt. Wie früher auf den EPs ließen sich auf Maxis aber auch mehrere Stücke unterbringen - Platz, der gerne für Alternativversionen ein und desselben Stückes genutzt wurde oder für Spezialitäten und "Limited Editions" wie die Dub-Version von Peter Toshs und Mick Jaggers "Don't Look Back". Doch der Maxi-Boom blieb ein Strohfeuer - wie die Picture-Discs mit bunten Motiven im Vinyl.

Zum Scheitern verurteilt war auch das von EMI lancierte Experiment der A-Single. Das Konzept: Musik auf der A-Seite, Text zum Künstler auf der B-Seite - für nur 2,98 D-Mark. Doch von 15 Veröffentlichungen brachte es allein Bobby McFerrins "Don't Worry, Be Happy" zum Nummer-Eins-Hit, was die Sorgen der Plattenfirma nicht beheben konnte. 35 Jahre nach der Deutschland-Premiere der Single versuchte die Plattenindustrie der Idee 1988 mit der CD-Single noch einmal Leben einzuhauchen. Alternativversionen von Stücken, Remixe und nicht auf Alben veröffentlichte Songs sollten dem siechenden Format zu neuem Glanz verhelfen. Doch schon 1990 sackte der Single-Verkauf, egal ob Vinyl oder Silberling, insgesamt unter die 30-Millionen-Marke. Nach Zukunft sah das nicht aus.

Eine völlig neue Technik läutete dann Ende der neunziger Jahre endgültig das Sterbeglöckchen für die kleine Scheibe: In Zeiten von MP3 ist der Single heute nur noch eine Nische als superteures Sammlerobjekt oder als Ramsch auf Flohmärkten geblieben. Das Konzept, Songs einzeln zu verkaufen, hat sich dagegen endgültig durchgesetzt - jede MP3-Datei ist, genau genommen, nichts anderes als eine Single.

insgesamt 2 Beiträge
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Hans-Peter Dr. Kirsch, 27.08.2008
1.
Die "Single" hat einen Durchmesser von 7 inch, das sind etwa 17,7 cm. Ich merke das nur an um unseren Drang zu metrischen Maßen zu kritisieren. Bei einer Schallplatte gibt es üblicherweise 3 Durchmesser 7 inch, 10 inch, 12 inch und darunter kann sich jeder DJ etwas vorstellen. Glücklicherweise hält die Nachfrage der weltweiten DJ Szene die Vinylpressungen am Leben und selbst Klassiker von Bands wie Steely Dan sind als sogenannte "Reissues" wieder auf Vinyl zu haben. Für mich in einer flüchtig digitalen metrischen Welt beruhigend.
Michael Mellenthin, 27.08.2008
2.
Hallo, es gibt in meinem Besitz auch eine Single, die wir als "Kleinste Single der Welt" der Welt bezeichnet hatten. In mehreren Versuchen sind wir 1981 an die Grenze des physikalisch machbaren gegangen und haben es geschafft mit einem damaligen Presswerk in Lüneburg eine Singel mit 13 cm Durchmesser herzustellen die jeweils 1 cm abspielbare Fläche hatte, A und B Seite. Sie wurde damals für einen Werbegag eines Western Boots Laden in Hannover hergestellt 1 Exemplar ist noch bei mir vorhanden, da wir die Pressung für den Storeladen durchgeführt haben. Foto ist vorhanden
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