Vom Prager Frühling in die Emigration "Wir landeten auf der Müllhalde der Geschichte"

Bleiben oder gehen? Rund 100.000 Tschechoslowaken flohen nach dem blutigen Ende des "Prager Frühlings" in den Westen. Viele ließen alles stehen und liegen, andere emigrierten erst, als sich die "Normalisierung" wie Blei über das Land gelegt hatte.

dpa

Tagelang hatten sie auf schlechtes Wetter gewartet. Nur dann wollten sie es wagen. Anfang September 1968 war es endlich soweit. Im Nieselregen robbten Milan Horácek und Frantisek Dracny durch die tiefschwarze Nacht dem Grenzzaun entgegen. Mit scheinbar traumwandlerischer Sicherheit kletterten sie über den ersten, mit Elektrodrähten gesicherten Grenzzaun, ohne Alarm auszulösen. Sie liefen, deutliche Spuren hinterlassend, über den feinsäuberlich geharkten Sandstreifen, überwanden den zweiten Zaun genauso problemlos wie den ersten und rannten los.

Etwa eine Stunde lang hetzten die beiden Jugendlichen durch die Dunkelheit - getrieben von der Angst vor Grenzsoldaten, die ihre Flucht bemerkt haben könnten: Nur weg von der Grenze, weg aus der Tschechoslowakei, hin nach Österreich, in den Westen.

"Ich war noch nie in meinem Leben so erschöpft", sagt Milan Horácek, der heute für die Grünen im Europäischen Parlament sitzt. "Frantisek hatte mich auf diesen Teil der Flucht nicht vorbereitet. Deshalb war ich total untrainiert." Alles andere aber war minutiös geplant. Dracny hatte vor seiner Flucht zwei Jahre als Grenzsoldat an der österreichisch-tschechoslowakischen Grenze Dienst geschoben. Jedes Detail hatte er sich eingeprägt. Jede Gelegenheit hatte er genutzt, um zu lernen, wo die Drähte an den Zäunen entlangliefen und wo man beim Herüberklettern gefahrlos hintreten konnte. Dort, wo die Pforten für die Posten in den Grenzzaun eingelassen waren, war er es am einfachsten. Es hatte sich gelohnt: Ihre Flucht war nicht bemerkt worden.

Nicht nur Horácek und Dracny kehrten der Tschechoslowakei im Spätsommer 1968 den Rücken. Rund 100.000 Menschen verließen damals das kleine Land mit gerade 15 Millionen Einwohnern. Wer einen gültigen Reisepass hatte, konnte legal ausreisen - wer keinen hatte, musste bei der Überwindung des "Eisernen Vorhangs" sein Leben riskieren.

Alle diese Menschen liefen weg vor einer Zukunft, von der sie sich seit dem 21. August 1968 nichts mehr erhofften. An diesem warmen Sommertag hatten Truppen des Warschauer Paktes innerhalb von 36 Stunden das gesamte Land besetzt. Tausende Panzer und mehrere Hunderttausend Soldaten hatte die sowjetische Führung aufgeboten, um die Reformexperimente des tschechoslowakischen Parteichefs Alexander Dubcek ein für alle Mal zu beenden.

Wissen, wann man besser geht

Den Reformern, die seit Januar 1968 einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu schaffen versucht hatten, blieben nur drei Möglichkeiten: Anpassung und Unterordnung unter das neue Regime des Altstalinisten Gustáv Husák, der Dubcek auf Moskaus Geheiß im April 1969 ablöste. Oder Isolation - also Standhaftigkeit um den Preis der gesellschaftlichen Ächtung, die aus Ärzten, Schriftstellern, Journalisten über Nacht Heizer, Nachtwächter und Straßenkehrer machte. Und schließlich als letzter Ausweg: Flucht oder Emigration.

Fotostrecke

9  Bilder
Nach dem Prager Frühling: Flucht oder bleiben?

"Wer in Theresienstadt, Buchenwald und Auschwitz gewesen ist, weiß einfach, dass es Situationen gibt, in denen man am besten alles stehen und liegen lässt", sagt Tomas Kosta, damals Chef des Svoboda-Verlags und heute Berater des tschechischen Außenministers. Er war an diesem 21. August 1968 auf einer Tagung in Österreich - und beschloss, nicht nach Prag zurückzukehren.

"Ich setzte mich den ganzen Tag aufs Postamt und wartete auf eine Telefonverbindung. Um 10 Uhr abends hatte ich endlich meine Frau am Telefon. Wir waren uns sofort einig", erzählt Kosta. Sie packte einen Koffer, schloss die Wohnung ab und fuhr nach Wien zu ihrem Mann - für immer. Von dort kam das Ehepaar über die Schweiz nach Deutschland.

Presse- und Reisefreiheit, sozialistische Marktwirtschaft, Liberalisierung der Politik - die tschechoslowakischen Reformer wussten, dass ihre Vorstellungen vom Sozialismus den sowjetischen Herren ein Dorn im Auge war. Doch sie setzten darauf das Moskaus verstehen würde, dass es man in Prag und Brünn den Sozialismus zwar korrigieren, aber durchaus nicht abschaffen wollten. "Wir waren überzeugt, dass wir den Sozialismus besser gestalten könnten - "ökonomisch effektiv und ohne totalitäre Strukturen", erinnert sich der 1930 geborene Historiker Michal Reiman, der 1968 die Prager Reformer beriet, nach dem Einmarsch der Sowjets seinen Posten verlor und 1978 schließlich in die Bundesrepublik emigrierte.

"Hier ist keine Konterrevolution!"

Der brutale Überfall Truppen aus den "Bruderländern" traf Tschechen und Slowaken ins Mark. "Man war voller Wut, man hielt die Faust geballt und wollte den Soldaten entgegen schreien: Hier ist keine Konterrevolution, ihr Soldaten seid fehlgeleitet", erinnert sich Bedrich Loewenstein, emeritierte Geschichtsprofessor der Freien Universität Berlin, der wie Reiman die CSSR 1978 in Richtung Bundesrepublik verließ. "Alle erlebten in diesen Tagen die völlige Einheit in der Ablehnung."

Noch Monate nach der Invasion wurden Straßenschilder verdreht, um die Besatzer in die Irre zu leiten, kritische Flugblätter verbreitet und unbotmäßige Parolen auf Häuserwänden gemalt. Mit vielen kleinen Nadelstichen und Symbolen versuchten Tschechen und Slowaken die Invasoren spüren zu lassen, dass sie unerwünscht waren. Weil sie in der Bevölkerung so gut wie keine Unterstützung fanden, gaben sich sie Sowjets in den Monaten, nachdem sie den großen Hammer hervorgeholt hatten, vergleichsweise konziliant. Parteichef Dubcek, der Anführer der "Konterrevolution", wurde nicht erschossen, sondern durfte noch ein halbes Jahr weiterregieren und seine eigenen Reformen rückgängig machen. Dann wurde er zum Waldarbeiter degradiert.

Das Ausbleiben der zu Stalins Zeiten üblichen blutigen Säuberungen nährte die Hoffnung vieler Intellektueller, dass der Sozialismus mit menschlichem Antlitz doch eine Zukunft haben könnte. "Ich war der Meinung, man dürfe die Flinte nicht vorschnell ins Korn werfen", sagt Loewenstein heute. "Ich hatte das Gefühl, dass man noch etwas retten könnte." Also blieb er. Ähnlich beurteilte der Schriftsteller Jirí Grušsa, nach der "samtenen Revolution" Botschafter in Wien und Berlin und 1997 kurzzeitig tschechischer Bildungsminister, damals die Lage ein: "Es war ja nicht sofort alles vorbei. Man hoffte, dass ein Teil der Reformen und des Freiraumes überleben würde", erinnert er sich. Also blieb auch der damals 30-Jährige - zunächst. "Erst 1970 wurde klar, dass das eine Illusion war", sagt Grusa, der heute die Diplomatische Akademie Wien leitet.

"Wir landeten auf der Müllhalde der Geschichte"

Die letzten Knospen des Prager Frühlings waren Anfang der siebziger Jahre endgültig abgeschnitten oder verdorrt. Die Mehrheit der Tschechen und Slowaken arrangierte sich irgendwie mit der von Moskau verlangten und von Dubcek-Nachfolger Gustáv Husák durchgesetzten Politik der "Normalisierung", wie die Rückabwicklung der Reformen beschönigend genannt wurde. "Ich war verbittert, das viele ihre eigenen Überzeugungen widerriefen", sagt Loewenstein. Angesichts der massenhaften Berufsverbote habe er solche Umfaller "mit einiger Verachtung" zur Kenntnis genommen.

Wer sich nicht beugte, durchlebte schwierige Jahre. Ständige Repressionen und Bespitzelungen waren die Folge, Berufsverbote die Regel. "Wir landeten auf der Müllhalde der Geschichte", sagt Grusa. Die Protagonisten des "Prager Frühlings" führten ein Leben als Geächtete, niemand wollte etwas mit ihnen zu tun haben. "Es war eine bleierne Zeit, ein Stillstand, den viele als geradezu zeitlos empfanden", urteilt Loewenstein heute. Resignation, Hilflosigkeit, Apathie, zynische Anpassung, Verlust menschlicher Integrität, Herrschaft der Gesinnungslosen und Rachsüchtigen, Friedhofsruhe - mit solchen Begriffen assoziiert er diese für sein eigenes Leben prägende Epoche - während Grusa auch positive Aspekte an jene Jahre auf der Müllhalde der Geschichte sieht. Denn dort traf er Gleichgesinnte, wie etwa Václav Havel. "Es herrschte eine sehr kreative Atmosphäre. Die meisten von uns haben in dieser Zeit ein gutes Buch geschrieben", sagt Grusa. "Wir fühlten uns wie in einem Gewächshaus".

1977 setzten die Reformkräfte noch einmal ein Zeichen. Am 7. Januar veröffentlichten 242 Dissidenten, darunter zahlreiche Protagonisten des Prager Frühlings, in mehreren europäischen Zeitungen eine Petition gegen die Menschenrechtsverletzungen durch das kommunistische Regime in der CSSR. Die "Charta 77" rief einmal mehr die Staatssicherheit auf den Plan. Die Akteure wurden mit Verhören, Verhaftungen, Repressionen überzogen - und einer neuen, perfiden Form, Kritiker zum Schweigen zu bringen: unliebsame Zeitgenossen wurden kurzerhand ausgebürgert. So erging es auch Grusa und Loewenstein. Grusa durfte von einer Reise in die USA nicht zurückkehren. Loewenstein folgte dem Ruf an die Freie Universität Berlin und bekam seine Ausbürgerungsurkunde mit auf die Reise nach Deutschland.

Wenn heute vom Prager Frühling die Rede ist, dann ist in der Regel der 21. August gemeint. Was davor war, wird gern als Kampf zweier Lager innerhalb der kommunistischen Partei abgetan. Dabei prägt gerade die Monate davor die Erinnerung der Akteure bis heute viel stärker als die Repression danach. "Es war eine unglaubliche Zeit ", sagt Flüchtling Horácek heute, "Ich entdeckte eine neue Welt." "Der Prager Frühling war eine Volksbewegung", stimmt auch Kosta zu: "Die Frühlings- und Sommermonate 1968 war die schönste Zeit meines Lebens."

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.