Fotostrecke

Street View 1907: Tollkühne Fahrten mit Bilderbüchern

Street View anno 1907 In hundert Metern bitte umblättern

Schon vorher sehen, wohin man fährt? Google Street View war kein Novum. Bereits ein Jahrhundert zuvor waren analoge Vorläufer erschienen: Reiseführer mit Streckenskizzen und Straßenfotos für frühe Motoristen.

Die Innovation bedurfte keiner großen Erklärungen, der Nutzen war offensichtlich: In Zukunft konnte man den Reiseweg und das Ziel selbst erkunden, noch bevor man aufgebrochen war. Man würde wissen, wie die Landschaft unterwegs aussah, welcher Anblick einen erwartete. Die virtuelle Erkundung würde sich anfühlen, als führe man tatsächlich an Häusern, Bäumen und Zäunen vorbei. Pfeile auf der Straße markierten den Weg.

Ende Mai 2007 stellte der Internetkonzern Google die Erweiterung seines Kartensystems Maps vor: Der Routenplaner bot nun auch Fotos aus der Straßenperspektive. "Street View" erleichterte die Anfahrt, zumindest in Regionen, in denen der Dienst zur Verfügung stand.

Die 360-Grad-Perspektive von einem beliebigen Punkt New Yorks oder San Franciscos aus war zweifellos spektakulär und auch umstritten, wegen der Möglichkeit, bis in manches Wohnzimmer zu zoomen. Keineswegs neu aber war die Idee, Straßenkarten mit Fotos auf Bürgersteigniveau zu kombinieren. Das Prinzip des Digitalprojekts zeigt erstaunliche Parallelen zu den "Photo-Auto Maps" - gewissermaßen ein analoges Street View. Und schon mehr als 100 Jahre alt.

Eine ungewöhnliche Hochzeitsreise

Die große Stunde dieser Erfindung aus den USA war der Beginn des Automobilzeitalters. Ab 1905 waren Photo-Auto Maps die clevere Antwort auf eine der heikelsten Herausforderungen früher Kraftfahrer: Wie auf unmarkierten Wegen von einer Stadt in eine andere finden?

Fotostrecke

Street View 1907: Tollkühne Fahrten mit Bilderbüchern

Die Lösung bestand in einer Abfolge von Fotos. Sie zeigten jeweils die Straße aus Fahrerperspektive, und zwar vom Start der Reise bis zum Ziel. Eingezeichnete Pfeile wiesen an Kreuzungen oder Gabelungen die Richtung - das Ganze war gedruckt als handliche Broschüre, mit erläuternden Bildunterschriften und Platz für Notizen.

So ein Foto-Autoreiseführer hat eine große Zukunft, glaubte damals Andrew McNally II., Enkel des Gründers des amerikanischen Kartenverlags Rand McNally & Company. Deshalb scheute er keine Mühen und griff selbst zur Kamera - sogar in seinen Flitterwochen.

Man ist versucht, sich die Hochzeitsreise von Andrew und seiner angetrauten Eleanor 1908 vorzustellen: ein verliebtes junges Paar, ein nagelneues Packard-Automobil, der Aufbruch in die unendlichen Weiten Amerikas - und an jedem Abzweig hält der Gatte an, steigt aus, läuft vor und zurück und macht Fotos, fährt weiter. Bis zum nächsten Stopp.

Die rund 150 Kilometer von Chicago nach Milwaukee müssen sich endlos angefühlt haben.

Keine Schilder, keine Straßen

Autofahren war damals eher etwas für robuste Naturen, stets fürs Liegenbleiben gewappnet mit Extrakraftstoff, Ersatzteilen, Werkzeug, Abschleppseilen. Straßen zwischen amerikanischen Städten hatten nur selten betonierte Fahrbahnen. Es gab manche mit Makadam, einer eher zerbrechlichen Teer-Gestein-Mischung, ansonsten Schotterstraßen und Schlammpisten. Der Straßenbau war den Gemeinden überlassen; so konnte eine rüttelige Ortsdurchfahrt auch abrupt im Nichts enden.

Und natürlich gab es nirgends Wegweiser. Homer Sargent Michaels, ein in Chicago ansässiger Autoverkäufer, kam deshalb auf die Idee, in Fotos zu dokumentieren, was zuvor Motoristen einander nur erzählten oder mit kleinen Skizzen weitergaben. Der wahrscheinlich erste Foto-Autoreiseführer entstand um 1905 und wies den Weg von Chicago nach Lake Geneva, einem Erholungsort in Wisconsin. Bald kamen weitere beliebte Strecken hinzu.

Die Reiseführer enthielten stets einen fotografischen Ablauf für die Hin- und für die Rückfahrt. Die Fotos waren nummeriert, die Ziffern fanden sich in einer Skizze der gesamten Route. Eingezeichnet waren zudem Landmarken wie Brücken, Kanäle, Flüsse und Schienen. Um 1907 nahm der Kartenverlag Rand McNally diese Routenplaner ins Programm.

Zu dicke Bücher taugten nicht für die Fahrt

Als Andrew und Eleanor McNally 1908 nach Chicago zurückkehrten, hatten sie sicher Bilder für ein ganzes Flitterwochenalbum beisammen - nur eben ohne Flitterpaar. Stattdessen unspektakuläre Fotos von Straßen, Häusern, Zäunen, Scheunen, Bäumen, nur selten mit Menschen oder Autos. Immerhin: Erspart blieb ihnen das Problem, mit dem Google 100 Jahre später rang - Gesichter, Kennzeichen oder Fassaden zum Schutz von Persönlichkeitsrechten und Privatsphäre unkenntlich machen zu müssen.

McNallys Sorge war eher, dass man zu wenig auf den Fotos erkennen konnte: wenn nämlich heftige Regenfälle, Stürme oder Brände Straßen und Wege nicht mehr auffindbar oder unpassierbar gemacht hatten. Und das konnte bereits nach einer Saison der Fall sein.

Nach rund zwei Dutzend Ausgaben stellte Rand McNally die Lieferung von Photo-Auto-Guides 1912 ein. Die Automobilisten konnten inzwischen schneller fahren, ihr Radius war massiv erweitert, sie brauchten mehr Routen und viel umfangreichere Reiseführer. Aber mit Exemplaren von über 1000 Seiten konnten sie während der Fahrt nichts anfangen.

Aus der gescheiterten Idee entstand ein neuer Standard: Statt Pfeile auf Fotos zu malen, wurden die Straßen selbst markiert. John Brink, Zeichner bei Rand McNally, schlug vor, Highways zu nummerieren. 1917 erschien im Verlag die Ausgabe "Illinois Auto Trails", die erste Straßenkarte mit nummerierten Highways. In den späten Zwanzigerjahren führten die USA dann ein für alle Bundesstaaten einheitliches Nummernsystem ein.

Bei der Navigation war man fortan nicht mehr auf Fotos angewiesen. Und das war die viel größere Innovation für den amerikanischen Straßenverkehr, fast 100 Jahre vor Google Street View.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.