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Währungsreform: Ein Meister im Prassen

Foto: Ferdi Keuter/Archiv Ferdi Keuter

Währungsreform Ein Meister im Prassen

Geldscheine als Zigarettenanzünder, ein rauschendes Fest und ein unendlicher Kirmesausflug: Bevor 1948 die D-Mark eingeführt wurde, ergriff Malermeister Philipp Keuter die Gelegenheit und schöpfte aus dem Vollen.

Der Krieg war vorüber und die Rückkehr in die Normalität beschwerlich. Als Malermeister hatte mein Vater wieder seinen Betrieb aufgenommen. Allerdings mangelte es an den grundlegendsten Dingen. Mehrmals fuhr er mit dem Rad von Eschweiler nach Wuppertal und zurück, eine stolze Distanz von 110 Kilometern. In der Wuppertaler Pinselfabrik Storch wurden wieder die händeringend benötigten Werkzeuge gefertigt. Malerbürsten gab es nur gegen Abgabe von Schweineborsten. Die hatte mein Vater zuvor bei Bauern im Sauerland gesammelt und tauschte sie ein.

1946 stellt er erste Gesellen und Lehrlinge ein. Die gemietete und von Granaten teilweise zerstörte Werkstatt reparierte er mit Hilfe seiner Mitarbeiter notdürftig. Der Hauseigentümer, ein Schreinermeister, wollte sich allerdings erst dann bereiterklären die Fenster und Türen zu reparieren, wenn er vorher Gleisschwellen aus Eichenholz von der Reichsbahn bekäme. Die ließen sich sicherlich irgendwo besorgen, nahm er an.

Zu den neuen Kunden des Malerbetriebs gehörte die Aachener Straßenbahn. Zwei Kilometer vom Betrieb entfernt unterhielt sie ein Depot in Eschweiler. Soviel Arbeit gab es, dass mein Vater mit planbaren Umsätzen kalkulieren konnte. Die Kosten für einen Betriebswagen trug das Unternehmen noch nicht. Alles wurde mit einem Schubkarren transportiert. Die Rechnungen wurden monatlich geschrieben, kassiert wurde bar.

Reichsmark in Flammen

Mit dem Jahr 1948 nahte die Währungsreform. Am 21. Juni sollte die Reichsmark gegen die Deutsche Mark eingetauscht werden. Alle Menschen waren bemüht, alle Verbindlichkeiten in alter Währung zu begleichen. Meinem Vater war das selbstverständlich nicht recht. Er hoffte, dass die Straßenbahngesellschaft die rechtzeitige Zahlung verschlafen würde. Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Man bat ihn noch vor dem Stichtag, die offene Summe abzuholen.

Nach dem Umstellungsgesetz vom 27. Juni 1948 sollten private Bankguthaben im Verhältnis 10:1 in D-Mark umgetauscht werden. Das Verhältnis war für Unternehmen im Wesentlichen das gleiche. Zähneknirschend stimmte also mein Vater der Zahlung zu. Ich begleitete ihn zur Abrechnung. Wir fuhren mit dem Fahrrad zum Auszahlungstermin und mit 12.000 Reichsmark in der Tasche zurück. Die Stimmung war nicht besonders gut. Das Umtauschverhältnis ging meinem Vater sicher unaufhörlich durch den Kopf, und die Tatsache, dass das Leben teurer werden würde. Aber die schlechte Stimmung verflog bald, und mein Vater nahm es gelassen.

Mit einem Teil des Geldes gab er ein Fest. Freunde kamen, Bekannte mit guten Beziehungen besorgten die nötigen Lebensmittel, Zigaretten und Getränke.

Übermütig geworden von einem guten Schuss Knollibrandi, einem selbstgebrannten Schnaps, wurde aus einem Reichsmark-Hunderter kurzerhand ein Fidibus gedreht, mit dem sich die Männer reihum die standesgemäß selbstgedrehten Glimmstängel anzündeten. Die Proteste der Ehefrauen wurden geflissentlich ignoriert. Das wertlose Geld war im Überfluss da.

Karussell fahren bis zum Abwinken

Wenig später fand die Eschweiler Kirmes statt. Kettenkarussell und Schiffsschaukel wurden von den Brüdern Lowis betrieben, die damals unsere Nachbarn waren. Mein Vater ging mit uns Kindern hin, griff am Kettenkarussell angekommen bedächtig in die Hosentasche, zückte ein Bündel Geldscheine und beauftrage den Freund Lowis damit, uns Kinder solange fahren zu lassen, bis uns davon schlecht werde. Angesichts der Geldmassen musste es sich um Ewigkeiten handeln.

Viele Runden hatten wir noch nicht gedrehten, als wir wieder nach Hause wollten. Es war uns schnell langweilig geworden. Den Rest des Geldes ließ sich mein Vater nicht wiedergeben. Was die Gebrüder Lowis damit machten, ist unbekannt. Viel wird es nicht gewesen sein. Die Anekdote von der gespielten Maßlosigkeit meines Vaters kursiert bis heute.

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