Währungsunion Als die D-Mark in die DDR kam

Endlich war es soweit: Am 1. Juli 1990, ein halbes Jahr nach Fall der Mauer, wurde die deutsch-deutsche Währungsunion wirksam. Aus dem Mythos Westmark wurde für DDR-Bürger wie die Leipzigerin Katharina Steinwachs ein ganz normales Zahlungsmittel - und Intershop und Ostmark Geschichte.

D-Mark für DDR-Bürger: Zwei DDR-Bürger zeigen am ersten Tag der deutsch-deutschen Währungsunion ihre neuen D-Mark-Scheine. Die Nacht zuvor hatten viele Ostdeutsche in die neue Ära hineingefeiert.
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D-Mark für DDR-Bürger: Zwei DDR-Bürger zeigen am ersten Tag der deutsch-deutschen Währungsunion ihre neuen D-Mark-Scheine. Die Nacht zuvor hatten viele Ostdeutsche in die neue Ära hineingefeiert.


Der 30. Juni 1990 fiel auf einen Sonnabend. In dieser schönen Frühsommernacht endete für uns DDR-Bürger der Mythos der Westmark, die sich ab jetzt in unser normales Zahlungsmittel verwandelte.

In meiner Jugendzeit in den siebziger und achtziger Jahren in Leipzig hatte die Westmark einen mythischen Status. Sie teilte meine Mitschüler, Lehrer und Freunde in zwei Gruppen: diejenigen, die Westmark und damit auch Jeans, T-Shirts, Turnschuhe und Füller westdeutscher Marken besaßen, und in die anderen, die nur auf die vom sozialistischen Einzelhandel angebotenen Waren wie Wisent-Jeans und Klamotten aus der "Jugendmode" zurückgreifen konnten.

Westgeld erhielt man von großzügigen Westverwandten (so man diese hatte) oder auf dem ostdeutschen Schwarzmarkt, wo der Tauschkurs in den letzten Jahren der DDR bei 1:10 lag. Hatte man also kein Westgeld, so kostete einen die Levi's Jeans umgerechnet 500 DDR Mark - ein gutes Monatsgehalt eines Facharbeiters. Wer nicht auf Verwandte zurückgreifen oder den horrenden Kurs finanzieren konnte, versuchte, während der Leipziger Messen an Jobs zu kommen, bei denen großzügige westdeutsche Messebesucher kleine Trinkgelder aushändigten. Ich weiß nicht, ob ihnen klar war, welchen Wert eine 5-DM-Münze für uns hatte.

Harte Devisen gegen weiche Gummibärchen

Meist wurde so eine Münze nicht umgetauscht, sondern ehrfürchtig in einen der ganz speziellen Läden in der Leipziger Innenstadt oder am Messegelände getragen - den Intershop. Eigentlich waren die Intershops geschaffen worden, um Westbesucher auf Familienbesuch oder Geschäftsreise zum Ausgeben der von der DDR Wirtschaft so dringend benötigten harten Devisen zu verführen. Sie sollten dort für Devisen ihren Verwandten oder Geschäftsfreunden Kaffee, Haribo-Süßigkeiten, Chanel-Parfüm, Adidas-Turnschuhe oder auch Bohrmaschinen, Fliesen für das Bad oder Raufasertapete kaufen. Produkte, die die DDR-Wirtschaft nicht oder nur in völlig unzureichender Quantität und Qualität herstellte.

Die Devisennot der DDR wurde in den achtziger Jahren dann so groß, dass auch der normale DDR-Bürger in den Intershops einkaufen durfte - so er denn über die harte Westmark verfügte. Ich kann mich heute noch an den ganz besonderen Duft in und um die Intershops erinnern und erwarte manchmal beim Vorbeilaufen am "Thüringer Hof" in der Leipziger Innenstadt, dass mir jetzt dieses unverwechselbare Aroma nach Seife und Schokolade in die Nase steigen müsste.

Mit Rotkäppchen auf die Neue

Dies alles verschwand in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1990. Und obwohl wir die "Mark der DDR" selbst immer nur als Währung zweiter Klasse begriffen hatten, so tat die Trennung doch weh und war von Ängsten begleitet, wie man denn nun so profane Ausgaben wie Miete, Straßenbahn oder Brot begleichen sollte. Der Abschied musste jedenfalls gebührend begangen werden. Alle Clubs und Diskotheken - so viele gab es ja nicht - feierten in dieser Nacht "Währungspartys". Wir feierten in der Moritzbastei in Leipzig.

Zum ersten Mal in meiner Studentenzeit schaute ich nicht auf den Pfennig und trank nicht wie sonst Bier vom Fass. Nein, wir bestellten eine Flasche Sekt (ich vermute "Rotkäppchen") nach der anderen und versuchten bis Mitternacht, all das Geld auszuegben, welches wir nicht für den automatischen Umtausch auf dem Konto gelassen hatten. Denn nach dieser Nacht sollte es nur noch seinen Materialwert haben.

Mitternacht kam, wir weinten ein bisschen und begriffen, dass der Prozess der Wiedervereinigung einen weiteren, unaufhaltsamen Schritt gegangen war. Auf dem Heimweg sahen wir, dass es in den Schaufenstern der Läden bereits wie im Intershop aussah und sich diese auf den Ansturm von 16 Millionen neuer Kunden mit Westgeld vorbereitet hatten.



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