Wahrer Pazifismus Die DDR und die Neutronenbombe

An einer Schul-Wandzeitung in einer DDR-Oberschule tauchte 1977 eine Protestresolution gegen die Neutronenbombe auf. Der Zwölftklässler Jochen Selle unterschrieb - und geriet in ungeahnte Auseinandersetzungen.

Jochen Selle

Die Entwicklung der Neutronenbombe und deren materialschonende, aber lebensvernichtende Wirkung löste 1977 weltweit Diskussionen aus. Auch unter uns Zwölftklässlern, die wir damals eine Erweiterte Oberschule im Thüringischen Gera besuchten.

Einer unserer Mitschüler verfasste eine Protestresolution für die Wandzeitung, in der er seine ablehnende Haltung gegenüber dieser Art von Waffen deutlich zum Ausdruck brachte. Die meisten Klassenkameraden dachten ähnlich pazifistisch und stimmten dem Inhalt des Dokuments per Unterschrift zu.

Nun wäre diese Begebenheit an sich nicht weiter erwähnenswert, da weltweit Aktionen gegen die Neutronenwaffen organisiert wurden. Bemerkenswert aber war die Reaktion auf unseren kleinen, eher unauffälligen Protest im sozialistischen Bildungssystem der DDR.

Mit Brecht gegen den Klassenfeind

Unser Klassenlehrer unterrichtete in den Fächern Staatsbürgerkunde und Sport und engagierte sich als Reserve-Hauptmann der NVA auf dem Gebiet der vormilitärischen Ausbildung der Schüler. Er war somit prädestiniert, uns Heranwachsenden stete Wachsamkeit gegenüber dem Klassenfeind zu predigen und unermüdlich an unserer Erziehung zu proletarischen Klassenkämpfern zu arbeiten.

Am Tag nach Anbringung der Resolution an der Wandzeitung betrat unser Lehrer sichtlich erregt den Klassenraum, hielt das Dokument unseres Protests in der Hand und fragte nach dem Verfasser des "Pamphlets". Dieser bekannte sich sofort dazu, worauf Genosse Lehrer begann, Bertold Brecht zu zitieren:

"Wer die Wahrheit nicht kennt, ist ein Dummkopf. Wer die Wahrheit kennt und sie eine Lüge nennt, ist ein Verbrecher."

Verbrecher oder dumm?

Mit wütenden Kreidestrichen unterteilte er die Wandtafel in zwei Spalten, linke Spaltenüberschrift "Dumme", rechte Spaltenüberschrift "Verbrecher". Anschließend wandte er sich der Klasse zu und propagierte mit erhobener Stimme: "Wir sind nicht gegen die Neutronenbombe. Wir sind gegen die AMERIKANISCHE Neutronenbombe!"

Und genau das Wort "amerikanisch" tauchte in unserer Resolution nicht auf.

Als abschließende erzieherische Maßnahme - in Aufzeichnungen eines Klassenkameraden treffend als "kollektive Demütigung" bezeichnet - erfolgten die Einzelbefragungen. Jeder Mitunterzeichner der Resolution musste sich erheben und sich erneut zum Wandzeitungsartikel positionieren. Es gab unter uns nur wenige Mitschüler, die so couragiert waren, sich namentlich in die Spalte "Verbrecher" eintragen zu lassen.

Auch ich ließ mich aus Angst vor möglichen Repressalien lieber den "Dummen" zuordnen. Eine Handlung, für die ich mich immer noch schäme, wenn ich mit den mutigen Freunden aus damaliger Zeit heute ins Gespräch komme.



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Eike Otto, 21.12.2007
1.
Meine Erinnerung ist hier eine andere. Die Neutronenbombe wurde gerade in seiner Funktionsweise als besonders "imperialistisch" dargestellt und musste als Beweis für die "menschenverachtenen Machenschaften des Kapitalismus" herhalten. Es läge im Interesse des Kapitals, dass im Falle eines Krieges das "Sachkapital" erhalten bleibt. Daher würden Sozialismus und Neutronenbombe niemals zusammen passen, oder so ähnlich. Mal unabhängig von dieses Propaganda halte ich aber auch heute noch die Erfindung einer derartigen Bombe für extrem menschenverachtend.
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