Zum Todestag von Walt Disney Kommerz mit Herz

Aus den frühen Zeichentrickfilmen wuchs ein Imperium: Walt Disney war Mr. Micky Maus und ein Meister maschineller Magie. Heute verspricht sein globaler Freizeitkonzern alles, was Spaß macht - nicht nur Kindsköpfen.

DPA

Von , New York


Meine Kindheit war ein Disney-Traum. Dieser Traum begann mit zerfledderten Micky-Maus-Heften, die mich aus dem Ruhrpott nach Entenhausen beamten, setzte sich mit einer Sammlung von Comicfiguren fort, die ich im Wald zum Leben erweckte, und fand seinen frühen Höhepunkt im "Dschungelbuch". Das war mein erster Kinofilm, bei der Gewitterszene mit den Geiern heulte ich vor Angst.

Denn der Traum schien realer als das Leben. Disneys magisches Reich prägte die visuellen wie seelischen Seiten meiner schrägen Fantasiewelt, in der kleine Kinder große Helden sein konnten und am Ende - fast - immer alles gut wurde.

Dass ich schon damals einer globalen Entertainmentmaschine verfallen war, das wusste ich natürlich nicht. Oder dass das "Dschungelbuch" bereits Disneys 19. abendfüllender Zeichentrickfilm war und der letzte, den er persönlich überwachte. Am 15. Dezember 1966, zehn Monate vor der Premiere, starb der unbelehrbare Kettenraucher an Lungenkrebs - in einer Klinik direkt gegenüber seinem Studio.

Disney-Kurzfilm: "Steamboat Willie" (1928)

Walt Disneys Person sollte mich erst interessieren, als ich älter war. Anfangs zeichnete er aus Langeweile, dann erste Werbefilme und Cartoons. Mit seinem Bruder Roy gründete er 1923 das Disney Brothers Cartoon Studio. Mit dem Trickfilmzeichner Ub Iwerks erfand er Micky Maus, die eigentlich Mortimer heißen sollte und 1928 mit "Steamboat Willie" ihr Kurzfilmdebüt hatte. Diese nicht mal acht Minuten waren die Saat für ein weltweites Imperium aus legendären Helden, Filmen, Musicals, Fernsehshows, Vergnügungsparks und endloser Ware.

Hinter dem Genie ein Monster

Dabei blieb Disney der Erfolg lange versagt. Meist war er pleite, trotz eines ersten Oscars 1932 und des Durchbruchs mit "Schneewittchen und die sieben Zwerge", für den er einen großen Oscar bekam und sieben kleine. Und wie so oft soll hinter dem Genie ein Monster gesteckt haben, ein Rassist, Antisemit, Frauenfeind. Nach dem zweiten Weltkrieg gebärdete er sich als Antikommunist und sorgte dafür, dass etliche Mitarbeiter auf Hollywoods berüchtigter schwarzer Liste landeten.

Doch wie für die meisten, die ihre frühen Jahre mit Disneys verbrachten, blieb dieser Mann auch für mich lange ein Phantom, eine Chiffre für perfektionierten Eskapismus. Was mich stattdessen faszinierte, war die Mechanik der Magie: Wie hat er das nur gemacht? Doch selbst die angelesene Auflösung des Rätsels (Bambis Bewegungen entstanden aus einzeln ausgemalten und abgefilmten "Folien"!) konnte den Zauber nicht verderben. Im Gegenteil.

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Walt Disney: Der umtriebige Mr. Micky Maus

Eine Zeitlang wollte ich sogar selbst mal Trickfilmzeichner werden. Jahre später, als die Computeranimation begann, dieses Kunsthandwerk zu überrollen, sprach ich mit Disney-Chefzeichner Andreas Déjà, der in Dinslaken aufgewachsen ist. "Ich gebe die Hoffnung nicht auf", sagte Déjà über das Ende des Zeichentricks.

Einmal wieder Kind sein

Kurz darauf, 2005, schloss Disney sein letztes Animationsstudio und steuerte um. Im folgenden Jahr übernahm es seinen Partner, den CGI-Pionier Pixar ("Toy Story"), Ziehkind von Apple-Gründer Steve Jobs. Der Rest ist eine computergesteuerte Erfolgsstory, von der man nicht weiß, wie der Purist Walt Disney wohl darauf reagiert hätte.

Da war sein Nachlass längst mehr als ein Studio: ein kommerziell-industrieller Komplex mit weltweiten Tentakeln. Schon 1955 startete Disneyland im kalifornischen Anaheim; am Eröffnungstag ging so viel schief, dass es den detailversessenen Gründer schmerzen musste.

Der Freizeitpark zeigte Disneys Vision einer heilen, reglementierten Welt. Seither sind fünf weitere Standorte hinzugekommen (Florida, Paris, Tokio, Hongkong, Shanghai).

Bei meinem ersten Besuch in Walt Disney World in Orlando war ich schon 23. Trotzdem fühlte ich mich wieder wie ein Kind, als ich über den fußschonenden Spezialasphalt der Main Street lief, jene idealisierte Zuckerbäckerversion einer US-Kleinstadt im frühen 20. Jahrhundert, bevölkert von Mitarbeitern, die "cast members" hießen und dauerlächelten. Das Potemkinsche Dorf weckte so tiefe emotionale Schlüsselreize, dass die aufdringliche Illusion bald vergessen war.

Superhelden und Sternenkrieger

Mittlerweile sind die Parks Vehikel für Werbung, Merchandising und "Cross-Promotion" anderer Disney-Produkte - darunter die Muppets, die Disney 2004 kaufte und die inzwischen in Walt Disney World auftreten.

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Ihnen gesellten sich 2009 bereits die Superhelden aus den Marvel Studios hinzu, zudem fortan auch die Charaktere des "Star Wars"-Universums. Disney schluckte es 2012 mit Lucasfilm. Der Vier-Milliarden-Dollar-Deal soll dem Konzern, der nach langer Flaute wieder Rekordumsätze einfährt, eine lange Zukunft sichern.

Vor ein paar Jahren kehrte ich nach Walt Disney World zurück, diesmal mit Familie. Der Eintritt kostete 1500 Dollar für sechs Personen, davon drei Kinder. Wir Erwachsenen kämpften an jeder Ecke, bei jeder offensichtlichen Inszenierung, gegen unseren Zynismus. Derweil verloren sich die Kids in ihren gelebten Träumen und schliefen am Ende, auf der Dampferfahrt zurück ins Hotel, selig ein.

insgesamt 3 Beiträge
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Uwe Cossmann, 15.12.2016
1. Magie
Meine Kindheit war ebenfalls Disney-geprägt. Die Comics, die Zeichentrickfilme, Figuren - als Kind hat man noch die Fähigkeit, Fiktion und Realwelt nahtlos miteinander zu verknüpfen. Aber es kam noch mehr hinzu: In jedem Wochenheft der 'Micky Maus' war auch so etwas wie ein Feuilleton-Teil. Und da ging es zu der Zeit oft um die Raumfahrtprojekte der Amerikaner (Gemini, später Apollo, usw.). Auch kleine Berichte über das Universum, über neue Technik usw.. Eine Zeitlang lebte ich also zwischen Entenhausen und fremden Welten. Dazwischen sehr irdische Spielzeugwerbung von Mattel und Corgi Toys. Erst sehr viel später habe ich erfahren, dass Disney selbst alles andere als ein Heiliger war - aber da war es längst zu spät: Den Nimbus lässt man sich nicht gerne kaputtmachen. Und die großen Zeichentrickfilme 'Susi und Strolch', Bambi, Dschungelbuch, halte ich von der Ausstrahlung und handwerklichen Fertigkeit her immer noch für das Größte, was dieses Genre je hervorgebracht hat.
Rainer Girbig, 15.12.2016
2. Ein Monster, huaah
...Rassist, Antisemit, Frauenfeind.... Ob Mr. Disney zu seinen Lebzeiten auch diese Etikettierung hatte? Oder waren die Zeiten damals vielleicht ganz andere und war ein - aus heutiger Sicht Frauenfeind - damals ganz normal? Ich wundere mich immer über diese seltsamen Ansichten, die anscheinend nur aus dem Jetzt getroffen werden. Offensichtlich war er ja auch ein potenzieller Mörder, weil er rauchte.
Linda Zenner, 16.12.2016
3. Das Privatleben von Walt Disney ist mir wurst....
meine Kinder sind mit den Zeichentrickfilmen von Walt Disney aufgewachsen: König der Löwen, Arielle, Aladin , Peter Pan 2, Pocahontas, Mulan, Taran, etc. plus die Filme mit Zusammenarbeit von Pixar: Toy Story, das große Krabbeln und Findet Nemo , hatten viel Freude und nix Schlechtes dabei gelernt, danke Herr Disney !
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