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Holocaust: Der zynische NS-Plan vom "Paradies Madagaskar"

Holocaust Das geplante Massensterben auf Madagaskar

Im Januar 1942 koordinierten Hitlers Bürokraten bei der Wannsee-Konferenz den Mord an Millionen Juden. Damit endete ein anderer wahnwitziger Plan - die Deportation aller Juden in ein "Großghetto" auf Madagaskar.

Für Franz Rademacher war der Krieg schon im Mai 1940 gewonnen. Also machte sich der 34-jährige Jurist aus Neustrelitz grundsätzliche Gedanken über die wirklich wichtigen Fragen: Wohin mit all den Juden?

Noch keine vier Wochen leitete Rademacher das neue Referat D III, zuständig für "Juden- und Rassepolitik", im Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches, da legte er am 3. Juni 1940 seinem Vorgesetzten schon einen radikalen Plan vor. In dürren Sätzen skizzierte er eine millionenfache, beispiellose Vertreibung.

"Die Westjuden werden aus Europa entfernt, beispielsweise nach Madagaskar", schrieb er. Die "Ostjuden" sollten in einem Reservat im besetzten polnischen Bezirk Lubin "als Faustpfand in deutscher Hand bleiben", um die USA aus dem Krieg zu halten. Da Rademacher Frankreich und England für nahezu besiegt hielt, überlegte er bereits, "wieviel Geld und wieviel Schiffe" diese Länder für die Massendeportation stellen müssten. Denn zahlen sollten die Besiegten und Deportierten die Verschleppung selbst.

Plötzlich redeten alle über Madagaskar

Rademachers Vorgesetzter Martin Luther nahm den wahnwitzigen Plan wohlwollend auf. Nun interessierten sich fast alle NS-Spitzenfunktionäre, darunter Eichmann, Göring, Rosenberg und Heydrich, brennend für die ferne afrikanische Insel. Bald forderte auch Hitler, "Madagaskar für Judenunterbringung unter französischer Verantwortung" zu verwenden und weihte Mussolini in die Idee ein.

Knapp anderthalb Jahre später, am 20. Januar 1942, diskutierten zum Teil dieselben Männer in einer luxuriösen Villa am Berliner Wannsee die Ermordung von Millionen Juden. Es ging um die Behördenkoordination beim Genozid, der mit der Ermordung von mindestens 500.000 Juden bereits begonnen hatte.

75 Jahre liegt die berüchtigte Wannsee-Konferenz nun zurück. Über ihre Bedeutung sind Historiker bis heute uneins: Bestätigten und forderten diese kalten Bürokraten des Genozids nur verklausuliert das, was bereits umgesetzt wurde? Oder war die Konferenz von zentraler Bedeutung, weil sie aus einer losen Absicht zur Judenvernichtung ein konkretes, europaweites Mordprogramm entwickelte, wie der Historiker Peter Longerich in seiner aktuellen Studie argumentiert?

Die Wannsee-Konferenz schrieb Weltgeschichte. Der Madagaskar-Plan ist heute fast in Vergessenheit geraten. Doch so unrealistisch die Idee auch erscheinen mag: Die deutschen Rassepolitiker empfanden den Plan zeitweise "als Allheilmittel", so der britische Historiker Christopher Browning.

Denn nicht nur Hetzblätter wie der "Stürmer" bejubelten den "Platz für mehrere Millionen Judenknechte" auf Madagaskar, umzingelt von "schnellen und wachsamen Polizeischiffen". Die Insel als ein selbstverwaltetes "Großghetto" war auch die Wunschvorstellung führender NS-Beamter, die den massenhaften Tod bewusst einkalkulierten. Für Historiker Browning ist der Madagaskar-Plan daher ein "wichtiger psychologischer Schritt" auf dem Weg zum Holocaust: Als er scheiterte, habe das "die Hemmschwelle zum Massenmord" gesenkt.

Verquere Vordenker

Eine eigenständige Nazi-Idee war der Plan allerdings nicht. Madagaskar beschäftigte schon seit Ende des 19. Jahrhunderts polnische, französische, britische und deutsche Antisemiten.

Der deutsche Orientalist Paul de Lagarde schrieb 1885 als Erster in seinem Aufsatz "Über die nächsten Pflichten der deutschen Politik" eher beiläufig über "nach Madagaskar abzuschaffende" Juden. Madagaskar sei die weit klügere Wahl als etwa Palästina, betonte Lagarde, Vertreter des völkisch-rassistischen Antisemitismus. Diese Argumentationsbasis übernahmen später die Nazis. Denn Madagaskar erschien groß genug, um viele Millionen Juden aufzunehmen. Deutlich wichtiger noch: Die Insel war derart isoliert, dass eine "rassische" Vermischung kaum zu befürchten war.

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Holocaust: Der zynische NS-Plan vom "Paradies Madagaskar"

Genau so sollten die Nazis im Sommer 1940 die Wahl Madagaskars begründen: "Zur Vermeidung dauernder Berührung anderer Völker mit Juden ist eine Überseelösung insularen Charakters jeder anderen vorzuziehen." Dagegen drohe bei einer Aussiedlung nach Palästina "die Gefahr eines zweiten Roms". Begeistert machte NS-Chefideologe Alfred Rosenberg Lagarde posthum zum "Propheten der neuen Weltanschauung und Miterbauer des völkischen Staates".

Ebenso faszinierte Rosenberg ein weiterer Vordenker des Madagaskar-Plans: Der Brite Henry Hamilton Beamish war Begründer der einwanderungsfeindlichen Bewegung "The Britons". 1923 trat er mit Hitler im Münchner Zirkus Krone auf und lobte schon damals Madagaskar als "passende Heimat" für die Juden.

"Das Paradies ist Madagaskar"

Vier Jahre später durfte Beamish auch im "Völkischen Beobachter" behaupten, Madagaskar könne "bequem 50 Millionen Mann fassen". Statt "den Juden" zu töten, sei es besser, ihn "vor jeder Befleckung" mit "arischem Blut" zu bewahren und zu deportieren. Zynisch schloss Beamish: "Wo ist das Paradies, das allen Juden vergönnt, in Frieden und Freuden dahinzuleben? Das ist Madagaskar."

Das Paradies - für andere Antisemiten der Zeit um die Jahrhundertwende war es neben Madagaskar wahlweise Neu-Guinea, der Kaukasus, Alaska oder die Arktis. All diese unwirtlichen Ziele implizierten den möglichen oder eingeplanten Tod der Verschleppten; Madagaskar etwa galt wegen seines extremen Klimas unter Europäern damals als unbewohnbar.

SPIEGEL Geschichte

Die wirren Planspiele beeinflussten sogar seriöse Politiker wie den britischen Kolonialminister Joseph Chamberlain. Nach antijüdischen Pogromen bot er im Jahr 1903 den Zionisten um Theodor Herzl ein etwa 13.000 Quadratkilometer großes Gebiet in Uganda an, damals Teil der Kolonie Britisch-Ostafrika. Uganda sollte eine Übergangslösung sein, bis zur von Zionisten erträumten Gründung eines jüdischen Staats in Palästina. Nach heftigen Debatten schickten die Zionisten schließlich eine dreiköpfige Expedition nach Uganda, die das Angebot daraufhin ablehnte.

37 Jahre später drohte den europäischen Juden erneut eine Aussiedlung nach Afrika, über die sie diesmal nicht abstimmen konnten. Denn Madagaskar war eine französische Kolonie, und Frankreich war im Juni 1940 von der Wehrmacht besiegt.

Den Nazi-Bürokraten war es ernst

Nach Rademachers Thesenpapier brummte nun der NS-Verwaltungsapparat - mit ersten Folgen: Als Generalgouverneur im besetzten Polen verfügte Hans Frank, keine Juden mehr dorthin deportieren zu lassen. Wozu auch, wenn sie sowieso nach Afrika geschafft würden? Zugleich stoppte Frank den Bau jüdischer Ghettos.

Wie ernst den Nationalsozialisten der Plan zeitweise war, lässt sich zudem an einem typischen Muster im NS-Staat erkennen: Rivalisierende Behörden rangelten um die Führungskompetenz. So betonte Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), in einem Brief ans Außenministerium, Göring habe ihn mit der "Durchführung der jüdischen Auswanderung" beauftragt. Daher beschäftigte sich nun auch Adolf Eichmann, im RSHA zuständig für die Judendeportation, intensiv mit Madagaskar.

Nach dem Krieg erklärte Eichmann: "So ungünstig schien die Angelegenheit gar nicht zu sein." Akribisch berechnete sein Referat, aus welchen Gebieten wie viele Juden nach Madagaskar deportiert werden sollten - insgesamt vier Millionen binnen vier Jahren. Dazu müssten sich jeden Tag zwei Schiffe mit je 1500 Juden auf die etwa 30-tägige Reise machen. Insgesamt benötige man also nur 120 Schiffe.

Auf die ersten Transporte sollten nur Ärzte, Handwerker und Landwirte - Pioniere, um das "Reservat" aufzubauen. Optimistisch argumentierte die NS-Behörde, durch Trockenlegung der vielen Sümpfe "könnte der Seuchenausbreitung entgegengesteuert werden". Es gebe zwar kaum Straßen, und die Küsten seien fieberverseucht, doch der "hohe Viehbestand" von sieben Millionen Rindern werde die Ernährung von vier Millionen Juden sichern. ´

Zwischen den Zeilen ließ sich lesen: Falls nicht, wäre das auch egal.

Dienstfahrt mit Morden

All diese Planspiele litten an einer grundsätzlichen Fehleinschätzung: Großbritannien ließ sich weder, wie Hitler hoffte, an die Seite des NS-Staates zwingen noch militärisch schnell besiegen. Die Überlegenheit der englischen Seemacht ließ den Plan scheitern.

Am Ende musste ausgerechnet Rademacher, der den Madagaskar-Plan wie kein zweiter vorangetrieben hatte, seine Idee selbst zu Grabe tragen: Am 10. Februar 1942 überbrachte er dem Leiter der politischen Abteilung im Auswärtigen Amt die Entscheidung Hitlers, "dass die Juden nicht nach Madagaskar, sondern nach dem Osten abgeschoben" werden sollen. Madagaskar brauche daher "nicht mehr für die Endlösung vorgesehen werden".

Foto: SPIEGEL TV

Die Dokumentation "Die Konferenz - Wie der Holocaust organisiert wurde" läuft am Freitag, 20. Januar 2017, um 13.45 Uhr sowie am 4. März um 20.15 Uhr - auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Falls Rademacher enttäuscht war, so stürzte er sich mit neuer Akribie in seine kommenden Aufgaben. Auf der ersten Folgekonferenz von Wannsee, die in Eichmanns Referat stattfand, widmete er sich der "Frage der Sterilisierung von 70.000 Mischlingen". Das war noch harmlos im Vergleich zu seiner Verantwortung am Massenmord.

So gab Rademacher freimütig bei einer Reisekostenabrechnung als Grund seiner Dienstfahrt an: "Liquidation von Juden in Belgrad" - gemeint waren 1300 Menschen.