100 Jahre später Wie Versailles bis heute für Unfrieden sorgt

Am 10. Januar 1920 trat der Vertrag von Versailles in Kraft. Eine neue Weltordnung sollte entstehen. Doch die Vereinbarung spielte den Faschisten in die Hände und führte zu Konflikten, die weiter andauern.
Foto: M. S. LENTZ / GETTY IMAGES

Dieser Artikel stammt aus der Reihe SPIEGEL+ Bestseller. Er erschien zuerst in SPIEGEL 26/2019.

Als der amerikanische Präsident Woodrow Wilson am 13. Dezember 1918 nach einer neuntägigen Schiffsreise in Brest an Land ging und in einem Cabriolet durch die Stadt fuhr, empfingen ihn französische und amerikanische Soldaten freudig. Sie riefen "Vive l'Amérique!" und "Vive Wilson!". Es lebe Amerika, es lebe Wilson. Am nächsten Tag in Paris war seine Ankunft "spektakulär", schreibt sein Biograf John Milton Cooper, Jr. "Horden jubelnder Menschen füllten die Bürgersteige und hingen aus jedem Fenster."

Ein Vertrauter Wilsons notierte in seinem Tagebuch: "Die Franzosen glauben, dass er mit einem Hauch von Zauberei den Tag der politischen und industriellen Gerechtigkeit herbeiführen kann. Wird er das? Kann er das?"

Auch die Deutschen hofften damals auf den US-Präsidenten, zudem die Ungarn, die Italiener, die Chinesen, die Afrikaner in den Kolonien. Es war eine Stunde null der Weltgeschichte, der Erste Weltkrieg war vorbei, die Menschen betrauerten 15 Millionen Tote, vier Reiche waren zusammengebrochen, das deutsche und das österreichisch-ungarische Kaiserreich, das russische Zarenreich, das Reich des osmanischen Sultans. Neue Staaten entstanden schneller, als man Landkarten ändern konnte, Polen, Jugoslawien, die Tschechoslowakei.

Nach ihrer bis dahin größten Katastrophe brauchte die Welt eine neue Ordnung, und der Mann, der sie schaffen sollte, war Woodrow Wilson. Einen Monat nach Kriegsende kam er nach Paris, um an der größten Friedenskonferenz aller Zeiten teilzunehmen. Ein halbes Jahr später, am 28. Juni 1919, vor 100 Jahren, wurde der Vertrag von Versailles unterzeichnet. Ihm folgten vier weitere Verträge mit den Verlierern des Ersten Weltkriegs, mit Österreich, mit Ungarn, mit Bulgarien, mit dem Osmanischen Reich.

Bei seiner Ankunft in Europa galt Wilson als eine ähnliche Lichtgestalt wie 90 Jahre später Barack Obama, dem vor Amtsantritt zugetraut wurde, die Welt besser und vor allem friedlicher zu machen. In Berlin hörten Obama 200 000 Leute bei einer Rede zu, er konnte sich mit dem Friedensnobelpreis schmücken, bevor er wirklich etwas für den Frieden geleistet hatte.

Wer am Start von so viel Euphorie empfangen wird, kann nur enttäuschen. Die Geschichte der Pariser Friedenskonferenz erzählt deshalb viel über eines der wesentlichen Spannungsfelder der Politik, das Verhältnis von Erwartungen und Möglichkeiten. Es geht hier meist um eine Subtraktion: Zieht man die Möglichkeiten von den Erwartungen ab, bleibt als Rest die Frustration. Und Paris habe mit "globalen Erwartungsüberschüssen" begonnen, sagt der Freiburger Historiker Jörn Leonhard, der das Buch "Der überforderte Frieden" geschrieben hat.

Die Aufgabe: die Deutschen so mit Reparationen und Rüstungsbeschränkungen einhegen, dass sie nie wieder ihre Nachbarn überfallen können. Nach dem Zusammenbruch der vier Reiche viele Grenzen in Europa neu ziehen. Das deutsche Kolonialreich aufteilen. Den Völkerbund schaffen, ein multilaterales Gremium, das den Frieden in aller Welt sichern könnte.

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