Ein Bild und seine Geschichte Wo will der denn hin?

In Nebraska nahm ein Mann mit seinem Auto die Treppe. War es Übermut, ein Unfall oder ein Navigationsfehler? Das Foto erschien 1911 in US-Medien - mit ungeahnten Folgen.
Foto: Platte County Historical Society

1911 häuften sich Meldungen über seltsame Ereignisse in den USA: In San Francisco waren zwei Männer per Automobil in den Stadtpark gerollt - über die Treppe. In Paducah (Kentucky) zuckelte jemand die Stufen zum Gerichtsgebäude hoch, durch die Tür in den Saal und die Stufen auf der Rückseite wieder hinunter.

Auch in Duluth, Minnesota hatte sich jemand im Auto über die Treppe Zufahrt zum Gerichtsgebäude verschafft. Und in Nashville (Tennessee) fuhr ein H.W. Major am 5. August 1911 gar alle 66 Stufen zum Haupteingang des State Capitol auf dem höchsten Hügel der Stadt hinauf, wendete direkt im Regierungssitz, fuhr wieder abwärts.

Gebäude mit dem Auto zu besuchen, wird - sofern es sich nicht um Werkstätten, Waschstraßen oder Autokinos handelt - generell nicht gern gesehen. Was also war da los? Wie konnten die Herren derart vom Weg abkommen, wo doch die digitale Navigation noch längst nicht erfunden und die analoge fast idiotensicher war?

Auslöser war das Foto eines Mannes, der am 8. Mai 1911 mit einem Ford "Model T Roadster" die Vordertreppe des Gebäudes der christlichen Jugendorganisation YMCA in Columbus (Nebraska) nahm. Veröffentlicht wurde es neun Tage später im "Columbus Journal", dazu eine eidesstattliche Erklärung von vier Augenzeugen, darunter der Fotograf. Die Zeugen brauchte es, weil der Vorgang auf dem Bild unglaublich schien, nach landläufiger Meinung sogar schlicht unmöglich - jedenfalls mit diesem Auto.

Vorsicht, "Ford-Fraktur"

Der Wagen sah von vorn aus wie ein verkürzter Sarg, der von einer Parkbank verfolgt wurde, und hatte schon ebenerdig seine Tücken. Ein Modell T überhaupt in Gang zu bringen, erforderte Stärke, Ausdauer und Willenskraft: Zunächst stellte man die beiden Hebel an der Lenksäule auf Viertel vor vier, stieg aus und zog am Kühler per Drahtseil die Starterklappe. Dann nahm man die Handkurbel und drehte kräftig, bis der Motor ansprang, auf jeden Fall aber mit der linken Hand. Niemals mit der rechten.

Bei einer Fehlzündung konnte die Kurbel dem Fahrer nämlich den Arm oder das Handgelenk brechen. Was häufig geschah. Mediziner hatten dafür sogar einen eigenen Namen: "Ford-Fraktur".

Fotostrecke

Ford nimmt Treppe

Foto: Keystone View/ Hulton Archive/ FGP/ Getty Images

Um den Motor anzulassen, musste man vor dem Auto stehen. Standardmäßig war ein hoher Gang eingelegt. War der Handbrems- und Kupplungshebel nicht richtig in die neutrale Position eingerückt, neigte das Modell T dazu, den Fahrer beim Starten zu überrollen. Sobald der Motor lief, sprang man am besten flink hinters Lenkrad und gab Gas.

Denn stand das Auto mit laufendem Motor, hatte es die Tendenz, seine Einzelteile abzuschütteln. Nicht abfallen konnte nur, was es ohnehin nicht gab: Stoßstangen, Scheibenwischer, Kühlwasserpumpe, Geschwindigkeitsmesser, Kraftstoffanzeige, Batterie und eine linke Vordertür. Sie war in der Basisversion nur als Prägung angedeutet.

Universalmaschine für Bauern

Dafür konnte der ab 1908 produzierte, speziell für die Landbevölkerung konzipierte Wagen vieles: Felder pflügen, Mähdrescher ziehen, aufgebockt auch Wasser pumpen, Futter mahlen, Apfelsaft pressen oder eine Kreissäge antreiben. Ersatzteile waren fast überall erhältlich. Wer wollte, konnte sich sein Universalgefährt Stück für Stück zusammenkaufen und selbst zusammenbauen.

Was dieses Auto allerdings nicht konnte: Bergsteigen. Hügel mit steilem Gefälle schaffte es nur rückwärts, weil eine Kraftstoffpumpe fehlte. Der Vergaser wurde mittels Schwerkraft versorgt: Der Kraftstofftank befand sich leicht erhöht unter dem Fahrersitz. Der Hersteller ließ wissen, dass Steigungen von 20 Prozent daher nur über kurze Distanz und mit angemessener Tankfüllung zu bewältigen seien. Die Kraftstoffmenge wiederum konnte nur erkennen, wer zuvor den Sitz entfernte. Grundsätzlich wurde geraten, Hindernisse zu umfahren.

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Der Mann, der eidesstattlich beglaubigen ließ, mit so einem Auto die YMCA-Treppe in Columbus befahren zu haben, hieß Max Gottberg, ein Landwirt mit Interesse an Maschinen - und einer der ersten Autobesitzer der Region.

Als Gottberg eines Tages in der Stadt seinen Anwalt aufsuchte, steckte der gerade in Schwierigkeiten: Ein Mechaniker sollte sein Auto reparieren und hatte es zerlegt, die Einzelteile über den Hof verteilt, dann Reißaus genommen. Gottberg bot an, sich am Zusammenbau zu versuchen. Nach anderthalb Tagen fuhr das Auto wieder - und bald darauf eröffnete Gottberg erst eine Autowerkstatt auf seinem Bauernhof, danach ein Ford-Autohaus in Columbus.

Der Treppen-Stunt begeisterte auch Ford

Anfangs lief das Geschäft nicht so gut. Freunde spotteten über die Dimension seines Montagewerks. Es sei so groß geraten, dass er den Tag wohl nie erleben werde, an dem es mit Autos gefüllt sei. Weit gefehlt: Anfang Mai 1911 kündigte Gottberg den Bau eines neuen Autohauses an.

Was aber tatsächlich an ihm nagte, war die Behauptung, man könne mit diesem Auto nicht bergauf fahren. Also schritt er zur Tat.

Sein Treppenfoto veröffentlichte er per Anzeige in der Lokalzeitung und erklärte in einem längeren Text: "Wir möchten Sie nicht nur glauben machen, dass so etwas möglich ist. Wir möchten, dass Sie sich das Bild genau ansehen..." Anhand der Stufenhöhen rechnete Gottberg vor, sein Wagen habe eine Steigung von 37,6 Grad bewältigt. Er verschwieg allerdings auch nicht, dass ein solcher Aufstieg nur zu machen war, solange das Benzin im Vergaser reichte.

Die Wirkung des Bildes war groß. Die lokale Wochenzeitung musste wegen der Nachfrage mehrere Hundert Exemplare nachdrucken. Im Juli veröffentlichte auch die "Ford Times", das hauseigene Magazin der Ford Motor Company, den Treppen-Stunt. Das Unternehmen hatte herausgefunden, dass aufsehenerregende Schauvorführungen beste Werbung waren, und forderte seine Händler auf, Gottbergs Kunststück nachzueifern. Was einige dann prompt taten.

Max Gottberg blieb bis zu seinem Tod 1944 im Automobilgeschäft. In seinem letzten Montagewerk in Columbus befindet sich heute ein Ausflugslokal mit Brauerei. Das Bier heißt "Tin Lizzie" - wie der Spitzname für die Blechdose auf Rädern.

Augenblick mal!
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