Mateusz Morawiecki

Warum Polen 1,3 Billionen Euro von Deutschland verlangt »Eine historisch beispiellose Plünderung«

Mateusz Morawiecki
Ein Gastbeitrag von Mateusz Morawiecki
Fast 80 Jahre nach Kriegsende fordert Polens nationalkonservative Regierung Entschädigungen in Billionenhöhe. Hier schreibt der Ministerpräsident, warum er die Deutschen in der Verantwortung sieht.
Zerstörtes Warschau (Aufnahme vom 30. November 1944)

Zerstörtes Warschau (Aufnahme vom 30. November 1944)

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EPU CAF / dpa

Am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht Polen. Zuvor hatte sich Hitler mit Stalin darüber geeinigt, das Land zu besetzen und zu teilen. Sofort nach dem Einmarsch begann der Terror nicht nur gegen die jüdischen Bürger: Systematisch ermordeten die Deutschen Angehörige der polnischen Eliten – Lehrer, Professoren, Ingenieure und Geistliche. 1943 rebellierten die im Warschauer Ghetto eingepferchten Juden gegen die Nazis, 1944 versuchte die polnische Untergrundarmee, ganz Warschau zu befreien. Die Deutschen schlugen beide Aufstände brutal nieder, Haus für Haus sprengten sie die polnische Hauptstadt in die Luft.

Die Regierung von Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hat die Höhe der ihrer Ansicht nach fälligen Entschädigungen auf 1,3 Billionen Euro berechnet. Sie wirbt bei den EU-Partnern und der Uno für ihr Anliegen. Die deutsche Bundesregierung dagegen betrachtet die Reparationsfrage als abgeschlossen und hat Verhandlungen abgelehnt. Sie sieht dafür keine Rechtsgrundlage, weil die damalige kommunistische Führung Polens 1953 den Verzicht auf deutsche Reparationen erklärt hatte.

Mit Interesse lese ich, wie sich die Deutschen immer wieder auch mit den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit befassen. Zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE: Der Artikel unter dem Titel »Arisierung: Die Liquidation« beschreibt die sorgfältig geplante und rigoros durchgeführte Enteignung der deutschen Juden zwischen 1933 und 1939. Damit schufen die Nationalsozialisten den organisatorischen Rahmen für die Verfolgung und Ermordung der Juden.

Die deutsche Öffentlichkeit – so scheint es mir – ist sich durchaus bewusst, was den Juden angetan wurde. Dennoch scheint kaum durchgedrungen zu sein, was die Nazis in Polen insgesamt angerichtet haben. Denn 1939 ging das Morden und Plündern erst richtig los. Der deutsche Überfall auf unser Land und die sechs Jahre währende Besatzung haben eine Wunde gerissen, die bis heute nicht verheilt ist. Wir wenden uns an die Vereinten Nationen, unsere Partner in Europa und natürlich an die Deutschen, um sie für dieses Thema zu sensibilisieren.

Eine ganze Generation polnischer Künstler, Schriftsteller und Kulturschaffender wurde Opfer der totalitären Kriegsmaschinerie. Das gewaltige kulturelle Schaffen Polens ging unwiederbringlich verloren. Es verschwand zusammen mit Tausenden von geraubten Kunstwerken, mit Dutzenden dem Erdboden gleichgemachten Denkmälern, mit gestohlenen Gemälden, zertrümmerten Skulpturen, in verbrannten Bibliotheken und Archiven, in geplünderten Museen, in den Ruinen der polnischen Städte und Gemeinden.

Polen sollte vom Angesicht der Erde getilgt werden. Das Ziel war die vollständige Zerstörung.

Hinter jedem dieser verlorenen Kunstwerke steht ein Mensch mit seiner Bildung, seinem Können und seiner Kreativität. Die Kultur, das geistige und künstlerische Schaffen, ist der Faden, den die Nationen durch die Jahrhunderte weben und der sie zusammenhält – und genau darauf zielte der totale Krieg der Nazis: Polen sollte vom Angesicht der Erde getilgt, die Erinnerung daran ausgelöscht werden. Das Ziel war die vollständige Zerstörung.

Die Besatzung Polens durch Deutschland und der systematische Völkermord  verursachten unermessliches Leid sowie materielle und immaterielle Verluste. Infolge des Zweiten Weltkriegs starben oder verschwanden 5,5 Millionen Menschen in Polen. 21 Prozent davon waren Kinder unter zehn Jahren. 3,7 Millionen dieser Opfer starben allein in den Vernichtungslagern.

Aufstand im Warschauer Ghetto: Im Mai 1943 zwingen Soldaten der deutschen Waffen-SS Jüdinnen und Juden zu einem Sammelplatz für die Deportation

Aufstand im Warschauer Ghetto: Im Mai 1943 zwingen Soldaten der deutschen Waffen-SS Jüdinnen und Juden zu einem Sammelplatz für die Deportation

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Reinhard Schultz / IMAGO

Von Beginn der Besatzung an beanspruchten die Deutschen Kunstwerke in öffentlichen und privaten Sammlungen als Kriegsbeute. Bereits im Oktober 1939 fanden die ersten organisierten Raubaktionen statt; aus Krakau ließen die Deutschen Kunstwerke, etwa Bilder, Bücher, Skulpturen, ins Reich schaffen. Neben öffentlichen Kultureinrichtungen wurden auch private Sammlungen geplündert. An diesem Raubzug beteiligten sich die Besatzungsbehörden genauso wie Privatleute; Wehrmachtsoldaten etwa ließen Schmuck oder Gemälde der Polen mitgehen.

Die Besatzer terrorisierten und ermordeten Hunderttausende Künstler, Wissenschaftler, Lehrer, Schriftsteller. Im Zuge der sogenannten »Intelligenzaktion« gegen die polnische Führungsschicht verlor der Staat die Hälfte seiner Juristen, 40 Prozent der Ärzte, 20 Prozent der Hochschullehrer – insgesamt etwa hunderttausend Menschen.

Städte und Dörfer, die historische Architektur, wurden demoliert. Warschau ist die Stadt in Europa, die im Zweiten Weltkrieg am stärksten zerstört wurde. Die polnische Hauptstadt verlor 92 Prozent ihrer historischen Bausubstanz.

Wir sind überzeugt davon, dass der Vertrag zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen von 1953 ungültig ist.

Der im vergangenen Jahr veröffentlichte »Bericht über die Kriegsverluste Polens infolge der deutschen Aggression und Besatzung während des Zweiten Weltkriegs« beschreibt das tatsächliche Ausmaß des materiellen Schadens, den die Polen während der deutschen Besatzung erlitten: Die Summe dieser polnischen Verluste wurde auf mehr als 6.220.609.000.000 Zloty (rund 1,3 Billionen Euro) geschätzt.

Die deutsche Besatzung gehörte zu den grausamsten in der europäischen Geschichte, sie hat mindestens eine ganze Generation um ihre Zukunftschancen gebracht. Millionen von polnischen Bürgern wurden für die unvorstellbaren menschlichen und materiellen Verluste, die sie während des Zweiten Weltkriegs erlitten, nie entschädigt. Wir sind überzeugt davon, dass der Vertrag zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen von 1953 ungültig ist: Denn damals hat die Sowjetunion eine abhängige Warschauer Regierung zum Verzicht auf Reparationen gezwungen.

Auch Versuche von Privatpersonen, vor deutschen Gerichten Entschädigungen zu erwirken, scheiterten. Die Deutschen haben – aus unserer Sicht – weder für die Zerstörungen auf polnischem Boden noch für die historisch beispiellose Plünderung ihres Nachbarlandes Entschädigungen gezahlt.

Wir wissen, wie schwierig es ist, die moderne Welt mit dieser Wahrheit zu erreichen. Doch in den Beziehungen zwischen Menschen und auch zwischen Staaten sollten Wahrheit und Gerechtigkeit die höchsten Werte sein. In diesem Sinne fordern wir: Unsere deutschen Partner müssen endlich die politische, historische, rechtliche und finanzielle Verantwortung für alle Folgen des Überfalls auf unser Land übernehmen.

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