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Die dritte Generation: "Ich wollte alles für meinen Opa tun"

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Enkel der Holocaustüberlebenden "Was hat Auschwitz aus mir gemacht?"

Die Oma schwieg und verbarg ihre Tätowierung. Der Opa weinte, trank, wollte sich erschießen. Enkel von Auschwitz-Überlebenden erzählen, wie sich Traumata über Generationen übertrugen.

Die Schatten von Auschwitz spürte Tatjana Schmidt schon als Kind. Etwa wenn ihr Großvater wieder einmal trank - und doch der Vergangenheit nicht entkommen konnte:

"Dann ist er ins Schlafzimmer gegangen, hat seine Waffe geholt und wollte sich umbringen. Ich habe dann gehört, wie meine Oma geschrien hat und ihm die Waffe weggenommen hat. Zweimal habe ich es auch gesehen, wie er auf der Bettkante saß mit der Waffe am Kopf: 'Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr.' Bis zuletzt war das so."

Hermann Wilhelm Schmidt hatte Traumatisches erlebt, schon Minuten nach seiner Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz im Frühjahr 1943. Mit seinen sechs Kindern stiegen er und seine Frau - von den Nazis verfolgt, weil sie Sinti waren - aus dem Viehwaggon aus. Sein Baby trug er auf dem Arm, seinen zweijährigen Sohn hielt er an der Hand.

"Und dann hat er geweint"

Das Baby weinte. Ein SS-Mann wollte es ihm wegnehmen. Schmidt bat, das Kind beruhigen zu dürfen. Der SS-Mann aber erwiderte, er werde es selbst beruhigen. Er riss das Baby an sich und schleuderte den Kopf so heftig gegen einen Waggon, dass es sofort tot war.

"Mein Opa hat uns nicht viel (von Auschwitz) erzählt. Aber immer wieder von dem Baby. Und dann hat er geweint."

75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 sind die meisten Überlebenden von damals verstorben. Viele haben zu Lebzeiten wenig oder nur widerwillig von ihren Erlebnissen berichtet: manche aus Scham, als einzige überlebt zu haben, andere aus Selbstschutz oder Sorge um ihre Kinder.

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von Treuenfeld, Andrea

Leben mit Auschwitz: Momente der Geschichte und Erfahrungen der Dritten Generation

Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Seitenzahl: 256
Für 20,00 € kaufen
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So wurde das Schweigen an eine Generation weitergegeben, die in einer Zeit aufwuchs, in der man schnell den Krieg vergaß und sich lieber an der Zukunft erfreute, am Boom im Wirtschaftswunderland. Die dritte Generation aber, die der Enkel der Holocaust-Überlebenden, stellte zunehmend Fragen. Diese Generation kannte die Fakten über den Holocaust aus Schule und Fernsehen. Und doch erschien vielen das abstrakt - bis sie in der eigenen Familie nachhakten.

"Leben mit Auschwitz" heißt ein spannendes Buch der Journalistin Andrea von Treuenfeld. In berührenden Interview-Protokollen erzählt es von dieser "dritten Generation" und ihrer komplexen emotionalen Beziehung zu den Großeltern. Was macht es mit den Enkeln, wenn der angehimmelte Opa plötzlich schwach ist und weint? Wenn die Oma ihre tätowierte Nummer am Unterarm stets sorgsam kaschiert? Wenn man nicht weiß, was man ansprechen darf oder gar muss? Wenn grausige Details die eigene, die kindliche Vorstellungskraft sprengen?

Schau dir das an, sagte er

Vanity Katz, die bald 18 wird, war fünf Jahre, als ihr Großvater Schihe Katz ihr vom Krieg zu erzählen begann - gegen den Willen ihrer Eltern und gegen das eiserne Schweigen der Großmutter. Anfangs überforderte sie das.

"Ich hab's nicht verstanden. Weil ich nicht wusste, was damals passiert war. Deshalb konnte ich auch nicht begreifen, warum er (mein Opa) so abgemagert war. Warum er Seife essen musste, Kartoffelreste essen musste. Warum man ihn geschlagen hat. Warum gerade ihn, was hat er gemacht?"

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Die dritte Generation: "Ich wollte alles für meinen Opa tun"

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Als Vanity zehn war, zeigte ihr Opa ihr auf dem Sofa Fotos von den Leichenbergen in den KZ und sagte: "Schau dir das an." Langsam spürte Vanity, wie wichtig es war, diese Geschichte zu kennen und sie irgendwann selbst weiterzugeben. Die Beziehung zu ihrem Opa wurde immer enger. Fast jeden Tag trafen sie sich oder telefonierten.

"Anscheinend war ich die, mit der er am besten darüber reden konnte. Wir haben Stunden zu zweit da gesessen und uns unterhalten. (...) Meine Eltern waren immer erstaunt, dass ich so viel wissen wollte. (...) Ich wollte alles für meinen Opa tun."

"Ich stand vor dem Tor und habe keine Luft bekommen"

So wie einige Holocaustüberlebende ihre Familie durch Schweigen schützen wollten, so sprang dieser Beschützerinstinkt umgekehrt auf die dritte Generation über. Im Mai 2019 nahm Vanity - ihr Großvater war fünf Jahre zuvor verstorben - an der Gedenkveranstaltung "March of the Living" in Auschwitz teil. Für sie wurde schon die Ankunft am ehemaligen KZ zu einer schweren psychologischen Belastung:

"Ich wollte nicht diesen Bus verlassen. Weil ich so geweint habe. Und dann stand ich vor dem Tor und habe keine Luft bekommen. (...) Zu wissen, dass ich gerade da bin, wo meine Großeltern ihre schlimmste Zeit verbracht haben, das war schrecklich. (...) Sie mir dort vorzustellen, ich konnte es nicht. Trotzdem wollte ich immer schon dorthin. Für meine Großeltern. Damit ich ihnen zeige, auch wenn sie es nicht mehr erlebt haben, wie wichtig mir ihre Geschichte ist."

"Leben mit Auschwitz" rekonstruiert auf einer zweiten Ebene, wie Auschwitz schrittweise ins kollektive Gedächtnis der Deutschen einging, trotz aller Impulse zur Verdrängung. Da waren etwa die Auschwitz-Prozesse in den Sechzigern, Claude Lanzmanns bewegende Doku "Shoah" 1985 und das Verbot der Holocaustleugnung ab 1994. Vereinigungen wie das "Internationale Auschwitz Komitee" kämpfen bis heute gegen das Vergessen, Zeitzeugen wie Esther Bejarano reisen unermüdlich auch noch mit 95 Jahren von Schule zu Schule.

Botschaften gegen den Antisemitismus beim "March of the Living" in Auschwitz, 2019

Botschaften gegen den Antisemitismus beim "March of the Living" in Auschwitz, 2019

Foto: Artur Widak/ NurPhoto/ Getty Images

Für viele aus der dritten Generation löste Spielbergs "Schindlers Liste" 1994 eine besonders emotionale Konfrontation mit der eigenen Familiengeschichte aus. Barbara Bisicky-Ehrlich, 45, erinnert sich an ihre Enttäuschung, als ihre beste Freundin in der zwölften Klasse nicht mit ins Kino kommen wollte.

"Das hat mich getroffen. Ich habe gedacht, wir sind seit zehn Jahren engste Freundinnen, du bist bei mir zu Hause, du kennst mich gut - und jetzt weigerst du dich, dich ein bisschen damit zu beschäftigen, was meine Großeltern erlebt haben? Weil du es nicht verkraftest, dir einen Hollywoodfilm anzugucken? Das fand ich damals so schlimm. Es hat einen richtigen Bruch in mir gegeben."

"Weggelachte Tränen"

Dabei hatte Bisicky-Ehrlich, heute in der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main aktiv, lange Zeit selbst wenig über die eigene Familiengeschichte erfahren. Obwohl die Nazis einen Großteil der jüdischen Familie aus der Tschechoslowakei ausgelöscht hatten, wurde zu Hause selten über Auschwitz geredet.

"Wir waren eine unglaublich fröhliche Familie, leicht, entspannt - ich sage immer, ich hatte eine Kindheit wie in Bullerbü. Aber irgendwann fängt man ja an, bewusster zu denken. (...) Für mich zeigte sich zunehmend deutlicher, dass unter diesem vielen Lachen, dieser ganzen Fröhlichkeit, die bei uns zu Hause war, eine tiefe Trauer saß. 'Weggelachte Tränen' hat das mal eine Bekannte genannt. (...) Da war so viel Schmerz, auch im Erleben meiner Mutter, die es nun wirklich schwer hatte, weil sie die Traumata ihrer Eltern ungefiltert abbekommen hat."

Das übertrug sich weiter, sagt Bisicky-Ehrlich, die ihre Familiengeschichte in dem Buch "Sag, dass es dir gut geht" verarbeitet hat. Stets hatte sie das Gefühl, alles tun zu müssen, damit es ihrer Mutter gut geht. Sie rebellierte nicht, blieb eine brave Tochter, und fragte sich oft: 'Wie wäre ich ohne den Holocaust?' Oder: 'Was hat Auschwitz aus mir gemacht?' War sie nur wegen ihrer Biografie so sensibel, ja übersensibel und wachsam? Rührte daher diese ständige Angst vor so vielen Dingen, die sie erst nach langer Zeit besser zu beherrschen lernte?

"Meine Theorie ist, dass die zweite Generation die Traumata der Eltern auffangen musste und dadurch selbst traumatisiert wurde. Deshalb muss die dritte Generation jetzt beweisen, dass es ihr wieder gut geht. Wir sind in der Verantwortung zu zeigen, dass es sich gelohnt hat, zu überleben."

Denn das Leben nach dem Horror der KZ wieder zu lieben, das konnten viele zunächst nicht. Hermann Wilhelm Schmidt, dessen Baby in Auschwitz ermordet worden war, verlor am Ende all seine sechs Kinder durch den Holocaust. Als er später noch einmal Vater wurde, war er zunächst unfähig, Gefühle zu seinem Sohn aufzubauen. Wieso sollte er mit ihm zum Arzt gehen? Auf ein totes Kind mehr oder weniger komme es doch nicht an, soll er seiner Frau gesagt haben.

"Eine ganz neue Liebe"

Erst nach Jahren ließ dieser Fatalismus nach. Schmidt wurde, so beschreibt es seine Enkelin Tatjana, ein "super Vater", der schließlich auch den Kampf gegen den Alkohol gewann. Vieles verdankte er dabei der dritten Generation, so Tatjana Schmidt:

"Mein Opa hat mir gesagt, dass er lange nicht lieben konnte, und dass die richtige große Liebe erst kam, als ich auf die Welt gekommen bin. Mit Enkeln kam etwas Neues, ein ganz neuer Abschnitt. Eine ganz neue Liebe, die er vorher nicht gekannt hat. Er hat immer die Angst gehabt, seine Kinder sterben sowieso. Wir Enkel haben ihn das alles ein bisschen vergessen lassen."

Die Angst vor den Deutschen aber konnten sie nicht vertreiben. Zeitlebens warnte Hermann Wilhelm Schmidt seine geliebten Enkel, sich mit Deutschen einzulassen.