Weihnachten in Mangelzeiten Und sie bewegt sich doch!

Ein schwitzender Weihnachtsmann, ein exlodierender Blitz und ein Zug, der erst auf den letzten Drücker fährt: Als kleiner Junge erlebte Klaus Nerger 1951 ein Weihnachtsfest der ganz besonderen Art. Es sollte sein vorletzter Heiligabend in der DDR werden.

Klaus Nerger

Der Winter war kalt, und rechtzeitig zum Weihnachtsfest hatte es viel Schnee gegeben. Heiligabend rückte näher, die Geschenke waren zeitig schon erstanden worden, verpackt und sorgfältig versteckt. Nur das für den kleinen Enkel fehlte noch. Mutter - der Vater galt seit den letzten Tages des Krieges als vermisst - Großeltern und Tante hatten beschlossen: er solle eine elektrische Eisenbahn erhalten: ein gewagtes Vorhaben in der Zeit des allgemeinen Mangels in der DDR 1951.

Zwar sollten es Trafo, Schienen, Lokomotive, Waggons und Weichen und sogar ein Signal tatsächlich geben - gesehen hatte es, außer auf einem Werbezettel, aber noch niemand. Die Verkäuferin im HO-Laden hatte dem Großvater jedoch versichert, bis Weihnachten sei alles da. So blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten.

Endlich hatte das Warten ein Ende. Per Anruf - als Leiter des Reichsbahnamtes des Eisenbahnknotenpunkts Güstrow verfügte der Großvater über das Privileg eines Telefons- teilte man uns mit, die Packung mit der Modelleisenbahn sei angekommen und könne nun abgeholt werden. Die Freude in der Familie war groß. Noch am gleichen Abend steckte der Großvater, jetzt ganz Kind, die Schienen zusammen, schloss den Trafo an und setzte Dampfross und Waggons auf das Schienenrund, schaltete den Strom an und - die Zugmaschine brummte, aber sie bewegte sich nicht.

Der Betriebselektriker springt ein

Hektik machte sich breit: Ein Tag vor Heiligabend, und das Geschenk funktionierte nicht! Aber es sollte "durch die Hintertür", wie man eine solche Situation in China beschreiben würde, eine Lösung geben. Großvater schaltete den Betriebselektriker des Reichsbahnausbesserungswerkes eingeschaltet. Ihm gelang es, den Fehler zu entdecken und zu beheben. Die Lok war einsatzbereit, und die Erwachsenen sahen voller Staunen, wie sich das kleine Wunderwerk der Technik in Bewegung setzte und nunmehr unbeirrt seine Runden zog.

Der Heilige Abend kam, draußen war es schon dunkel. Ein zartes Läuten erklang, die Tür zum Wohnzimmer wurde aufgestoßen, die Kerzen am mageren Baum brannten, und aus dem Radioapparat, dessen schwach beleuchtete Skala mit ihren zahlreichen Orten Weltoffenheit vorgaukelte, erklang ein vertrautes Weihnachtslied, ausgestrahlt vom "gleichgeschalteten" Rundfunk der DDR.

Der Weihnachtsmann schwitzte, sein aus Watte gestalteter Bart war verrutscht, und nachdem er sich mit einem "Draußen vom Walde, da komm ich her" vorgestellt hatte, fragte mit irgendwie vertrauter Stimme: "Warst Du denn auch lieb?" Aber all das bemerkte das Kind nicht; es war viel zu aufgeregt, als es stotternd das gelernte Gedicht "Lieber, guter Weihnachtsmann" aufsagte. Dann war es soweit: Unter den Augen des erfahrenen Großvaters konnte der Zug sich endlich in Bewegung setzen und zog an diesem Abend und später so manche Runde.

Apfelsine für Ball gehalten

Als die erste Aufregung sich gelegt hatte, wurden auch die anderen Geschenke in Augenschein genommen, darunter ein Teller mit Selbstgebackenem. Die Apfelsine, rund und orangenfarben inmitten des Gabentellers, hielt der Enkel für einen Ball! Schließlich richtete der Großvater den Fotoapparat ein, präparierte den Blitz, der Enkel schaute mit großen, glänzenden Augen auf seine Geschenke - und der präparierte Blitz explodierte. Bei der späteren Entwicklung stellte sich jedoch heraus, dass alle an diesem denkwürdigen Abend aufgenommenen Fotos etwas geworden waren, nur das mit dem Enkel und seiner Eisenbahn nicht.

Die Bahn zog noch viele Runden. Dann blieb sie zurück - in der SBZ, wie man die DDR im Westen noch lange titulierte. Der Enkel und seine Mutter verließen das Land am Ende des nächsten Jahres. Viele Jahre später sandte der Großvater die Eisenbahn per Post in den Westen nach; da hatte der Enkel aber schon eine neue elektrische Eisenbahn bekommen. Der gelungenen Weihnachtsüberraschung aus dem Jahre 1951 erging es nicht anders, als so manchem anderen heiß gehegten und schließlich erfülltem Wunsch: Irgendwann ist sie "unter die Räder" gekommen. Nur der Trafo, ein grüner Kasten, befindet sich noch heute auf dem Dachboden im Hause des Enkelkindes.



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