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Todestag der Geschwister Scholl: Gestorben im Kampf gegen Hitler

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Tod von Sophie und Hans Scholl "Ich erinnere mich, wie Mutter die Särge streichelte"

Die "Weiße Rose" kämpfte gegen die Nazi-Tyrannei. Am 22. Februar 1943 wurden Sophie und Hans Scholl geköpft. In bislang verborgenen Erinnerungen denkt ihre Schwester zurück an die letzten Stunden und die Beerdigung.


Der einestages-Autor Tim Pröse hat für sein Buch "Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler" 18 Gegner des NS-Regimes getroffen und porträtiert: unter anderem einen Stalingrad-Veteranen, den Neffen des Hitler-Attentäters Georg Elser, den letzten Überlebenden von Schindlers Liste - und Inge Aicher-Scholl, die Schwester von Sophie und Hans Scholl. Dies ist ein gekürzter Auszug aus seinem Buch.


Die Eltern hetzten in den Todestrakt des Gefängnis Stadelheim in München. Nur etwa zehn Minuten blieben Robert und Magdalena Scholl an diesem Nachmittag des 22. Februars 1943 um 16 Uhr. Genau eine Stunde vor der Hinrichtung ihrer Kinder um 17 Uhr. Im Besuchsraum beugte sich der Vater über die Brüstung und umarmte Hans und Sophie: "Ihr werdet in die Geschichte eingehen", sagte er und weinte. Und Sophie antwortete ihm: "Das wird Wellen schlagen."

In bislang verborgenen Aufzeichnungen erinnert Hans' und Sophies Schwester Inge Aicher-Scholl an diesen Moment, den ihre Eltern ihr schilderten: "Da war diese wundersame Bereitschaft, mit der sich Sophie von ihrem Leben löste", und ihr "strahlendes Lächeln, als schaue sie in die Sonne". Sie schreibt vom "verklärten Angesicht Sophies in dieser Stunde, das noch einmal in seinen Jugendfarben seltsam schön und lebendig leuchtete".

Inge Aicher-Scholl schrieb in Maschinenschrift kurz nach der Hinrichtung ihrer Geschwister auch folgende Zeilen: "Nach dem Abschied gingen sie dann ganz furchtlos, gelassen und von einem tiefen Enthusiasmus erfüllt." Sophie hatte auf der Pritsche ihrer Gefängniszelle alle Bilder ihrer Freunde aufgestellt.

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Todestag der Geschwister Scholl: Gestorben im Kampf gegen Hitler

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Dann legten die Scharfrichter erst Sophie, 21 Jahre alt, dann Hans, 24, und deren Mitstreiter Christoph Probst, 23, unter die "Fallschwertmaschine". Inge Aicher-Scholl notierte über die letzten Momente der Begegnung mit den Eltern gegen 16 Uhr: "Hans' Gesicht leuchtete. Er nannte Vater alle Namen, die er von ihm grüßen solle - als er den eines Mädchens nannte, floss ihm eine Träne über die Wange. Zum Abschied sagte er noch: 'Ich habe keinen Hass, ich habe alles, alles unter mir'."

"Ich habe noch nie jemanden so sterben sehen", sollte der Henker Johann Reichhart, der 3000 Menschen in der Nazizeit köpfte, nach dem Krieg staunend über Sophie Scholl sagen. Mit einer "kindlich festen Bereitschaft" sei sie mit ihrem Bruder "zu dieser Tür gegangen, durch die sie dann allein hat gehen müssen", schrieb Inge Aicher-Scholl, die nach dem Krieg die Ulmer Volkshochschule gründete, den Gestalter Otl Aicher heiratete und sich in der Friedensbewegung engagierte.

"Sophie Scholl war die Mutigste von uns allen!"

Ihre Geschwister bildeten den Kern der "Weißen Rose", der 1942 gegründeten Widerstandsgruppe Münchner Studenten. Zum engsten Kreis zählten Willi Graf, Alexander Schmorell, Christoph Probst und Professor Kurt Huber, die kurz nach den Geschwistern umgebracht wurden.

Wenn Sophie Scholl bis heute so herausragt aus der Geschichte, dann nicht nur, weil sie eine so mutige junge Frau war, eine Art deutsche Jeanne d'Arc. Sondern auch, weil sie den Tod bewusst wählte. Als ein Gestapo-Beamter ihr im dreitägigen Verhör anbot, sie zu verschonen, wenn sie sich denn als Mitläuferin der "Weißen Rose" ausgeben würde, lehnte sie ab. Und entschied sich damit für die Guillotine.

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"Kommilitoninnen! Kommilitonen!": Die sechs Flugblätter der "Weißen Rose"

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Franz J. Müller bestätigte das. Er war der letzte Überlebende aus der Gruppe, der aktiv Flugblätter verteilt hatte. Im Jahr 2012 sagte er: "Sophie Scholl war die Mutigste von uns allen!"

Die "Weiße Rose" war im Jahr 1943 Stadtgespräch in München. Zehntausende ihrer Flugblätter hatte sie im ganzen "Reich" verteilt. Entsprechend aufgeregt machte sich die Gestapo auf ihre Spuren. Der Gauleiter von Bayern fühlte sich sogar so herausgefordert von den Studenten, dass er ursprünglich plante, sie öffentlich köpfen zu lassen. Dann aber reiste der oberste Blutrichter Roland Freisler per Nachtzug aus Berlin an.

Die Flugblätter hat die Gestapo vernichtet. Die 78 eng beschriebenen Seiten aber, in denen Inge Aicher-Scholl ihre Trauer kurz nach der Hinrichtung ihrer Geschwister verarbeitete, zeugen bis heute von den letzten Stunden in Stadelheim. Diese ungefilterten "Erinnerungen an München", für die sie fast alle Augenzeugen aus dem Gefängnis befragte, waren als Geschenk und Trost für die Eltern gedacht. Nur ein kleiner Kreis von Freunden und Mitgliedern der Familie Scholl durfte sie lesen.

Eine letzte Zigarette, dann das Fallbeil

Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1998 erlaubte mir Inge Aicher-Scholl, dieses Manuskript zu lesen, zu fotokopieren und darüber zu berichten. Es war ihr Wunsch, dass Teile davon einmal in einem Buch erscheinen. Im Münchner Institut für Zeitgeschichte sind die "Erinnerungen an München" heute archiviert, aber man darf sie dort nicht einsehen. Deshalb sind sie selbst den meisten Historikern noch immer nicht bekannt.

Die Schwester konnte sich zwar nicht mehr im Gefängnis verabschieden, war aber zur Beerdigung dabei. Sie erinnert sich, wie Karl Alt, der Gefängnispfarrer, Sophie und Hans mit den Worten des Johannes-Evangeliums aussegnete: "Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde." Zwei Tage zuvor war der Pfarrer noch "mit bebendem Herzen" zu den Geschwistern in die Todeszellen geeilt, um ihnen das letzte Abendmahl zu geben. "Man vermeinte das Flügelrauschen der Engel Gottes zu vernehmen", sagte der Geistliche.

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Die Dokumentation "Frauen die Geschichte machten: Sophie Scholl - Die Seele des Widerstands" läuft am Donnerstag, 22. Februar 2018, um 23:30 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Vier Tage zuvor, am 18. Februar 1943, hatten sich die Studenten Hans und Sophie Scholl ein letztes Mal in den Lichthof ihrer Universität aufgemacht. Sophie stieß, ob absichtlich oder versehentlich, einen Stapel mit Flugblättern von der Empore. Ein letztes Mal wirbelten die Blätter durch die Luft. Plötzlich hallte Gebrüll durch den Lichthof: "Halt! Sie sind verhaftet!", schrie der Hausmeister Jakob Schmid und rannte die Stufen zu Hans und Sophie hoch.

Am 22. Februar ließen die Gefängniswärter Hans, Sophie und Christoph kurz vor 17 Uhr noch einmal zusammenkommen vor dem Raum, in dem das von einem schwarzen Tuch verhangene Fallbeil stand. Sie rauchten gemeinsam noch eine Zigarette. Sophie ging zuerst. Zwei Schergen des Henkers Reichhart führten sie zur "Fallschwertmaschine". Sechs Sekunden später war sie tot.

"Nun durfte sie über ihm ausruhen"

Sophie Scholls allerletzte Botschaft aber haben weder die Gefängniswärter noch die Gestapo entdeckt. Selbst Inge Aicher-Scholl bemerkte sie erst Jahrzehnte später - auf der Rückseite der Anklageschrift. Mit Bleistift steht dort in kunstvollen Schwüngen geschrieben: "Freiheit."

Zu ihrem 75. Todestag wird ihr Grab in München wieder überhäuft sein von weißen Rosen. Es trägt die Nummer 73-1-18. Auf dem Münchner Friedhof am Perlacher Forst liegen Sophie und Hans Scholl nicht nebeneinander in der Erde, sondern übereinander. "Wie schön, daß die beiden in ein Grab gebettet wurden, wie sie auch einen Tod gestorben waren", schrieb Inge Scholl. "Sophie, die sich in ihren letzten Tagen so innig in allem an Hans angeschlossen hatte, ja sogar entschieden gewünscht hatte, sie möchte als Mädchen keine bessere Behandlung erfahren als er, durfte nun über ihm ausruhen."

Auch die Weiße-Rose-Mitglieder Christoph Probst, Hans Leipelt und Alexander Schmorell sind auf diesem Friedhof begraben, der direkt an das Gefängnis Stadelheim grenzt, wo sie alle hingerichtet wurden.

"Die Sonne sank in leiser Feierlichkeit hinunter", hielt Inge Scholl später ihre Erinnerung an die Beerdigung ihrer Geschwister fest - und beschrieb den Sonnenuntergang als Symbol für den Abschied, aber auch für ihre Hoffnung auf ein Fortleben ihrer Lieben im Jenseits: "Aber wir wussten ja, daß es nicht für immer war", notierte sie. Der christliche Glaube einte die Geschwister.

Besuch in Sophies altem Zimmer

Inge Aicher-Scholl schrieb: "In meinem Herzen war ein Fest, das keine Trauer zugelassen hat." Besonders erinnert sie sich an die Szene, wie die "Mutter noch einmal die Särge streichelte, so wie man behutsam schlafende Kinder streichelt, mit einer seltsamen Beharrlichkeit. Als wolle sie diesen Moment letzter Zärtlichkeit ins Ewige bannen."

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Pröse, Tim

Jahrhundertzeugen: Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler. 18 Begegnungen

Verlag: Heyne Verlag
Seitenzahl: 320
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07.12.2022 19.08 Uhr

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Ein paar Tage zuvor war es Inge Aicher-Scholl gelungen, die Wohnung ihrer Geschwister noch einmal zu besuchen. Da stand sie nun in diesem auch ihr vertrauten Ort in Schwabing, den die Gestapo längst durchkämmt hatte. In den "Erinnerungen an München" beschreibt sie, wie sie in Sophies altes Zimmer ging, in das gerade Sonnenlicht fiel. Wie sie sich noch einmal vor Sophies Schreibtisch setzte und die Blätter berührte, die sie dort fand: "Bleistiftskizzen, von ihr mit leichter Hand hingeworfen. Eine leise Traurigkeit sprach mich aus ihnen an."

Inge Scholl glaubte, "noch die Wärme ihrer Hand daran zu spüren". Darüber hing eine Engelsfigur, auf dem Tisch stand ein Tulpenstrauß. "Tulpen hatten mich in ihrem Wesen immer an Sophie erinnert", schreibt Inge Scholl.

Und dann erinnerte sie sich an die letzten Worte, die Sophie zu ihr gesagt hatte: "Ich sehne mich so sehr nach Stille."

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