In sieben Schritten Wie Kokain Rambo die Vergnügungsteuer ersparte

In sieben Schritten: Wie Kokain Rambo Steuern sparen half
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21.05.2022 14.13 Uhr
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1. Schritt: Koks ist mein Gemüse
Koksen ist Achtziger? Eher Achttausender, und zwar vor Christus: Archäologische Funde belegen, dass die Bevölkerung des heutigen Peru dem Kokain schon lange vor Erfindung von Schulterpolstern und Wetgel zugetan war. Nämlich im frühen Holozän. Nur dass die Droge damals noch nicht Nasenpuder, sondern Backenfutter war: Auf alten peruanischen Töpferwaren sind oft Figuren mit auffällig aufgeblähten Pausbacken zu sehen - vom Cocablätter-Kauen.
Seit Jahrtausenden hatte man in Südamerika die wegen ihrer belebenden Wirkung geschätzten Blätter des Cocastrauches (Erythroxylum Coca) gekaut; sie dienten auch als vitamin- und proteinreiche Nahrung. Mit dieser Angewohnheit waren die erzkatholischen Konquistadoren, die ab dem 16. Jahrhundert Südamerika eroberten, gar nicht einverstanden. Die Spanier verboten das vermeintliche Mittel des Teufels - bis ihnen auffiel, dass die Unterjochten ohne Coca viel langsamer arbeiteten.
Also erlaubten sie das Blätterkauen wieder, erhoben Steuern auf die Pflanze und exportierten sie Mitte des 18. Jahrhunderts nach Europa. Dort suchten Wissenschaftler die Wirkstoffe, die dem Strauch seine euphorisierende Wirkung verliehen. Um 1850 gelang es erstmals, Kokain zu isolieren. Die anästhetischen, aktivitätssteigernden und Hunger unterdrückenden Wirkungen führten zu einem Kokain-Boom in Europa. So brachte etwa...
2. Schritt: Edler Nasentropfen für den Papst
...der französische Chemiker Angelo Mariani 1863 einen Wein auf den Markt. Der "Vin Mariani" enthielt elf Prozent Alkohol - und 211 bis 253 Milligramm Kokain pro Liter. Das Erfolgsrezept: Das Ethanol im Wein löste das Kokain aus den hinzugefügten Cocablättern. So entstand Cocaethylen - das die Wirkung des Kokains noch verstärkte.
Vin Mariani wurde beworben als Mittel gegen Ermüdung und zur Stimmungsaufhellung. Es war, gelinde gesagt, der Renner: Schriftsteller wie Jules Verne, Henrik Ibsen und Arthur Conan Doyle suchten Inspiration im Wunderwein. Queen Victoria schätzte ein Gläschen Koks ebenso wie König Alfons XIII. von Spanien oder Erfinder Thomas Edison. Die deutsche "Allgemeine Militär-Zeitung" empfahl 1886 sogar, Vin Mariani als "neues Verpflegungsmittel" der Truppen zu verwenden. Selbst Päpste wurden Koksweinjünger - allen voran Papst Leo XIII. Er erschien in Anzeigen für das Getränk als Werbefigur und verlieh Angelo Mariani für seine Weinkreation eine Verdienstmedaille des Vatikans.
Natürlich rief diese Erfolgsgeschichte bald Nachahmer auf den Plan. Der berühmteste wurde...
3. Schritt: Can't beat the feeling
...der Pharmazeut John Stith Pemberton aus Atlanta. Nach einer Verwundung im Amerikanischen Bürgerkrieg war Pemberton morphiumsüchtig geworden - und suchte nun nach einem Ersatz für die Droge. So erwachte sein Interesse am Kokain, mit dem damals Morphiumsucht behandelt wurde. Nach dem Vorbild des Vin Mariani brachte er in Nordamerika 1885 das Getränk "French Wine Coca" auf den Markt. Es stieß jedoch auf Gegenwehr der Abstinenzvereine, die strikt gegen jeden Alkoholkonsum waren und damals in den USA an Macht gewannen. Noch 1885 verbot man in Atlanta und Umgebung jeglichen Alkoholkonsum.
Gegen das damals noch als gesund geltende Kokain hingegen hatte die Abstinenzbewegung nichts. Also brachte Pemberton 1886 eine modifizierte Variante ohne Alkohol heraus - und taufte sie Coca-Cola. Er vermarktete das Getränk als "wertvolle Hirnnahrung", angeblich wirksam gegen Schmerzen, Melancholie, Hysterie und überhaupt "alle Nervenleiden".
Doch allmählich wurden nach der anfänglichen Begeisterung auch die negativen Folgen des Kokainkonsums bekannt: Koks-Sucht war Ende des 19. Jahrhunderts weit verbreitet; viele der frühen, mit dem Stoff medizinisch behandelten Patienten verstarben. Kokainverbote folgten, und ab 1903 stellte man Coca-Cola nur noch mit Cocablättern her, denen das Kokain entzogen worden war. Es war nicht das Aus für das angebliche Gesundheits-Wundermittel: Mit geschickten Werbekampagnen gelang es der Coca-Cola Company über die folgenden Jahrzehnte, ihr Produkt auch ohne Drogenzusätze zu einem der beliebtesten Erfrischungsgetränke der Welt zu machen. Selbst im fernen...
4. Schritt: KGB vs. Blubberblasen
...Afghanistan hatte die braune Brause im Jahr 1979 einen berühmten Fan: Hafizullah Amin. Der damalige afghanische Präsident hatte keineswegs nur Fans unter den Afghanen, seit er im April 1978 per Putsch die Macht an sich gerissen hatte. Zunächst hatte er noch als Leiter der Geheimpolizei aus zweiter Reihe agiert, stieg aber am 14. September 1979 selbst zum Präsidenten auf, indem er seinen Amtsvorgänger verhaften und ermorden ließ.
Im Land lehnten sich die Mudschahidin, islamistische Guerilla, gegen Amin auf, der ein säkularisiertes, sozialistisches Afghanistan anstrebte. Und auch im Ausland hatte er sich Feinde gemacht: Der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew beobachtete mit Besorgnis, wie Amin daran scheiterte, die Unruhen in Afghanistan in den Griff zu bekommen. Hinzu kam die Sorge, Amin könne sich Unterstützung aus den USA holen - amerikanische Truppen waren das letzte, was der Kreml sich an der Grenze zur UdSSR wünschte. Also fiel am 11. Dezember 1979 der Entschluss, Amin auszuschalten.
Der KGB versuchte dies erst einigermaßen unauffällig und mischte mit Hilfe von Amins russischem Koch am 13. Dezember 1979 Gift in eine Coca-Cola, das Lieblingsgetränk des Präsidenten. Womit die Agenten nicht gerechnet hatten: Die Blasen in der kohlensäurehaltigen Limonade machten die Wirksamkeit des Gifts weitgehend zunichte. Amin wurde im Lauf des Abends nur ein wenig blass - sonst ging es ihm gut. Die Sowjets beschlossen daraufhin drastischere Maßnahmen und starteten...
5. Schritt: Handgranaten im Palast
...am 27. Dezember 1979 die militärische Operation "Storm-333": Russische Sondereinsatzkommandos - von denen Amin glaubte, sie seien zu seinem Schutz vor Ort - stürmten den Palast. Der Zugriff verlief weit weniger unauffällig als der Vergiftungsversuch: Aufgrund chaotischer Einsatzkoordination töteten sich die sowjetischen Soldaten zum Teil gegenseitig. Schließlich fanden sie Amin, erschossen ihn und sprengten ihn mit einer Handgranate - wobei auch sein elfjähriger Sohn starb.
Moskau setzte als kremltreuen Nachfolger Präsident Babrak Karmal ein. Obwohl die Sowjetunion beteuerte, sie sei durch einen Vertrag mit Afghanistan zum Eingreifen verpflichtet gewesen, sahen die USA ihr Vorgehen als Bedrohung für den Westen: Schließlich war es die erste militärische Operation der UdSSR außerhalb von Ostblockstaaten seit Ende des Zweiten Weltkriegs.
"Storm-333" brachte dem Land keinen Frieden: Viele Afghanen gingen nach der Invasion in den Widerstandskampf. Mit Amins Sturz begann der Sowjetisch-Afghanische Krieg. Die Mudschahidin kämpften neun Jahre lang gegen die Sowjets, unterstützt von der CIA und ausgestattet mit Waffen aus den USA. In den Achtzigerjahren bekamen die Mudschahidin noch mehr Unterstützung aus den USA, und zwar...
6. Schritt: Die gefährlichste Kickermatte der Welt
...Rambo, John Rambo. 1988 spielte Sylvester Stallone bereits zum dritten Mal den Mann mit der Lizenz zum (ausgiebigen) Töten. 1982 hatte der Actionheld in "Rambo" im Alleingang einen Haufen sadistischer Dorfpolizisten in den Wäldern Washingtons in einen Guerillakrieg verwickelt, 1985 in "Rambo II" im Alleingang einen Haufen sadistischer Soldaten im Dschungel Vietnams zu Klump geballert. Nun zog es den Vietnamveteranen 1988 in den Mittleren Osten - um im Alleingang einen Haufen sadistischer Sowjets in den Steppen Afghanistans kurz und klein zu schießen.
Im Film sträubt Rambo sich zunächst gegen die Geheimmission zur Unterstützung der Mudschahidin in Afghanistan. Erst als sein langjähriger Vertrauter Colonel Trautman dort in Gefangenschaft gerät, zieht Rambo wild entschlossen los, um den Sowjets den Garaus zu machen: Mit bloßen Händen, Messer oder Maschinengewehr, Granaten oder Kampfhubschrauber, Raketenwerfer, Pfeil und Bogen - oder auch einfach mal, indem er einen feindlichen Panzer klaut und damit den Helikopter des Oberbösewichts im Flug rammt.
"Rambo III" wurde nicht nur mit der Goldenen Himbeere für Sylvester Stallone als "Worst Actor" ausgezeichnet. Zusätzlich bewertete das Guinness Buch der Rekorde den Streifen auch als brutalsten Film der Geschichte, wegen der insgesamt 221 Gewalttaten und 108 Leinwandtode. Eine weitere Auszeichnung sollte besonders in Deutschland für Aufruhr sorgen - denn...
7. Schritte: Erst die Steuer, dann das Vergnügen
...die Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW), eine Art Bundes-Filmbehörde zur Empfehlung besonders gehaltvoller Titel, zeigte sich von "Rambo III" überaus angetan. Der Film erhielt das "Prädikat: wertvoll". Begründung des Gremiums: "Rambo III" sei ein "Abenteuer- und Actionfilm mit stark märchenhaften Zügen" mit einer "farbenfreudigen [...] Vielfalt der Ereignisse", der "bemerkenswert gut in Szene gesetzt" worden sei - nämlich "besonders geschickt durch Kamera und Montage", aber "auch in der Pyrotechnik". Es explodierte halt viel.
Die Bewertung rief bundesweit Entsetzen hervor. Andere Träger der Auszeichnung wollten ihr Prädikat aus Protest zurückgeben, NRW-Kultusminister Hans Schwier appellierte an den Filmverleih von "Rambo III", die Auszeichnung abzulehnen. Die "Zeit" verlieh der FBW im Gegenzug das "Prädikat 'peinlich'", die "taz" schäumte, der Film sei tatsächlich nur ein "Blut- und Hoden-Schinken", und der SPIEGEL schrieb, die FBW habe dem "US-Bogen-und-Bazooka-Schützen" mit dem Urteil "Schützenhilfe geleistet".
Was die Kritiker erzürnte, war dabei nicht nur die Diskrepanz zwischen Werturteil und US-Hurrapatriotismus-Actionfilm - es war auch ein handfester finanzieller Vorteil für den Filmverleih: Denn durch die Auszeichnung mit dem Prädikat erhielt "Rambo III" als erster Film der Reihe eine Steuerermäßigung auf die Vergnügungsteuer.
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