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Zu Fuß zum Nord- und Südpol: "Ich wanderte einfach immer weiter"

Foto: Arved Fuchs Expeditionen

Zu Fuß zum Nord- und Südpol "Ich war wie besessen"

Er lief und lief und lief: Ende 1989 erreichte Arved Fuchs mit Reinhold Messner den Südpol und war damit als erster Mensch in einem Jahr zu beiden Polen gewandert. Auf einestages erinnert er sich an brutale Kälte, Weihnachten in der Einsamkeit - und Zwist mit Messner.

Schwieriger und tückischer kann ein Gelände kaum sein. Vor mir lag eine Strecke von 800 Kilometern über treibende Eisfelder, unterbrochen von fünf Meter hohen Gürteln aus Presseis oder offenen Wasserflächen. Mein Ziel war der Nordpol. Ich wollte ihn unbedingt erreichen - zu Fuß.

Bloß nicht noch einmal hier scheitern, wie neun Jahre zuvor.

Am 20. März 1989 starteten wir, ein achtköpfiges Expeditionsteam, am Cape Columbia im äußersten Norden Kanadas. Die Kälte war brutal. Minus 56 Grad zeigte das Thermometer an einigen Tagen an, und die ersten zwei Wochen stieg die Temperatur nie über -40 Grad.

Wer denkt, dass Temperaturen unter -20 Grad so kalt sind, dass man ohnehin keinen Unterschied mehr feststellt, irrt gewaltig. Je kälter es wird, desto deutlicher spürt man jedes einzelne Grad. Und trotzdem muss man in der Eiseskälte leben, essen, schlafen, zur Toilette gehen und bis zu 13 Stunden einen schweren Schlitten über ein Durcheinander aus zusammengepressten Eisfeldern schleppen. Gleichzeitig galt es aufzupassen, um rechtzeitig hungrige Eisbären zu sichten.

Die Strömung trieb uns wieder zurück

Nein - ein Spaziergang war das wirklich nicht. Während man sich nachts in seinen dicken Schlafsack kuschelte, um endlich ein wenig warm zu werden, trieb einen die Strömung wieder nach Süden zurück und reduzierte die so mühsam erarbeitete Wegstrecke des vergangenen Tages auf wenige Kilometer. So wurden aus den 800 Kilometern Luftlinie schnell 1000 Kilometer. Der Nordpol lässt sich nur schwer erobern.

Als ich nach einer 56-tägigen Extremtour am 14. Mai 1989 den geografischen Nordpol erreichte, ging für mich daher ein Traum in Erfüllung. Wir hatten Schnee, Eis und Kälte getrotzt und am Ende etwas geschafft, was vor uns nur wenige Menschen bewältigt hatten. Dabei ist der Pol selbst völlig unscheinbar und unwichtig. Keine Fahne, kein Schild keine Station. Nur Packeis, so weit das Auge reicht.

Der Bergsteiger hat den Lohn des Gipfels, von dort geht es nur noch bergab. Der Polwanderer hingegen kann einfach weiterlaufen, ohne dass sich optisch etwas ändern würde. Durch nichts unterscheidet sich der Nordpol von den vorangegangenen Hunderten von Kilometern. Er ist ein rein navigatorischer Punkt. All jene Touristen, die mit dem Eisbrecher im Sommer dorthin fahren oder sich gar einfliegen lassen, um dann die letzten Meilen auf Skiern dorthin zu wandern, werden es nie verstehen. Der Nordpol - das ist der Weg dorthin.

Doch seine Eroberung war für mich im Jahr 1989 erst der Anfang. Kaum zurück, gönnte ich mir nur eine kurze Verschnaufpause. Ich war wie besessen. Die Nase war noch gezeichnet von Erfrierungen, da joggte ich bereits wieder durch Wälder, rackerte mich im Kraftraum ab und baute neue Pulkaschlitten. Die Zeit verflog, und ehe ich mich versah, befand ich mich bereits auf dem Weg in die Antarktis.

Das Ziel: Der Südpol - was sonst? Damit nicht genug: Zusammen mit meinem Partner Reinhold Messner wollte ich den gesamten antarktischen Kontinent auf Skiern durchqueren. Ein Vorhaben, das kein Geringerer als der legendäre britische Polarforscher Ernest Shackleton acht Jahrzehnte zuvor geplant hatte - und dabei gescheitert war.

Als ich am 13. November 1989 am Rande des antarktischen Kontinents das Zuggeschirr meines Schlittens aufnahm und anlegte, war es, als ob jemand plötzlich einen Schalter in meinem Kopf umgelegt hätte. Sofort waren die Erinnerungen an die Monate der Erholung, an die Vorbereitung wie ausgelöscht. In meinem Kopf fanden sie von diesem Moment an nicht mehr statt. Irgendwie befand ich mich wieder am Nordpol, so vertraut war jeder Griff, jedes Geräusch, jeder Gedanke, dem ich nachhing. Ich wanderte einfach weiter, immer weiter - von Pol zu Pol. Kopf und Körper befanden sich im Polmodus.

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Zu Fuß zum Nord- und Südpol: "Ich wanderte einfach immer weiter"

Foto: Arved Fuchs Expeditionen

Technisch gesehen stellt die Durchquerung der Antarktis nicht annähernd so hohe Ansprüche wie eine Expedition zum Nordpol. Der grundlegende Unterschied besteht darin, dass man im Sommer laufen kann und festen Boden unter den Füßen hat - kein Treibeis mit einem 4000 Meter tiefen Ozean wie am Nordpol. Es ist vielmehr die riesige Distanz, die eine Durchquerung der Antarktis zu einer elementaren Herausforderung macht.

Im Zelt zu sitzen und seine Position in eine Karte zu übertragen, die man mühsam und mit eisigen Händen entweder mittels Sextant und künstlichem Horizont oder Koppelnavigation ermittelt hat, war ein ernüchterndes Erlebnis. Stundenlang hatte man sich abgerackert, war von Meereshöhe auf 3000 Meter angestiegen - und jetzt wurde man nicht einmal optisch für die Plackerei belohnt. Die Position des Vortages lag auf dem Maßstab unserer Karte unmittelbar unter der aktuellen Tagesposition. Pünktchen um Pünktchen reihten sich aneinander und bildeten erst im Verlauf von Wochen und Monaten eine dünne, zittrige Linie, die sich über das antarktische Plateau wand.

Auch wenn das Terrain einfacher war und die sommerliche Temperatur der Antarktis selten unter - 40 Grad fiel, so schafften doch der eisige Wind und die ungeheure Distanz von 2500 Kilometern Luftlinie Bedingungen, die wir erst einmal physisch und mental verkraften mussten. Ich wusste aus Erfahrung, dass man sich auf einer solchen Strecke nicht verausgaben oder gar verletzen durfte, sondern immer Reserven parat haben musste, um in Notfällen noch eine Schippe drauflegen zu können.

Einsame Weinachten

Reinhold Messner kam von den hohen Bergen des Himalaja. Dort geht es darum, so rasch wie möglich auf- und wieder abzusteigen, um die Todeszone schnellstmöglich zu verlassen. Eine Antarktisdurchquerung dauert dagegen Monate. Die Strategie ist daher eine völlig andere: hier die explosive Kraftentfaltung innerhalb weniger Tage, dort kontinuierliche Leistung über Monate.

An diesen unterschiedlichen Philosophien entluden sich hin und wieder Diskussionen. Obwohl Reinhold und ich beide Dickköpfe sind, haben wir uns dennoch arrangiert. Wohl weniger aus Einsicht, als vielmehr dem Zwang gehorchend, sonst wären wir gescheitert. Darüber hinaus war unser Verhältnis aber viel weniger belastet als später in den Zeitungen zu lesen war.

Wir unterhielten uns abends im Zelt, teilten, was immer uns zur Verfügung stand, und feierten gemeinsam Weihnachten auf dem antarktischen Hochplateau. Aus Müsliriegeln und Schokolade versuchten wir, auf einem Benzinkocher einen Kuchen zu backen, während der Sturm an unseren Zeltplanen rüttelte. Wir tranken zur Feier des Tages jeder einen Fingerhut voll Schnaps - so wie wir es bei jeder Überschreitung eines Breitengrades taten, und waren dabei ganz aufgeräumter Stimmung. Es war Alltag, unsere Normalität.

Die Mauer ist gefallen? Egal, weiterwandern!

Den Pol erreichten wir am 30. Dezember. Anders als am Nordpol gibt es hier eine feste Station, und der Südpol selbst ist durch eine Weltkugel, die auf einem Pfahl ruht, genau definiert. Am 14. Mai hatte ich am Nordpol gestanden, genau 230 Tage später war ich am Südpol. Ein weiterer Traum war Wirklichkeit geworden. Ich war von Pol zu Pol gewandert und zugleich der erste Mensch, dem dies innerhalb eines Jahres gelungen war.

So richtig realisiert habe ich diesen Erfolg erst später. Vorerst war ich froh, angekommen zu sein. Auf der Station erfuhr ich vom Fall der Berliner Mauer. Obwohl ich so oft die Transitstrecke nach Berlin gefahren bin - vorstellen konnte ich mir das zu diesem Zeitpunkt nicht. Nun gut, die Grenze war gefallen, aber mehr als die Hälfte der Strecke lag noch vor uns. Darauf richtete ich mein ganzes Augenmerk. Die Tragweite der Ereignisse in Deutschland wurden mir erst nach meiner Rückkehr bewusst.

Nach 92 Tagen erreichten wir schließlich die andere Seite der Antarktis. Zum ersten Mal hatten Menschen zu Fuß den Kontinent durchquert. In der neuseeländischen "Scott Station" legten wir unser Gurtgeschirr zum letzten Mal ab.

Reinhold und ich hatten uns bis hierhin trotz aller Unterschiede immer wieder zusammengerauft. Wir lagen uns in den Armen und freuten uns über diesen "Streich", wie wir es nannten. Doch diese Gemeinsamkeit endete in der Station. Das, was eine Freundschaft hätte werden können, zerbrach an der Wirklichkeit, an den individuellen Interessen des Marketings in eigener Sache.

Verzichten möchte ich auf dieses Erlebnis aber dennoch auf keinen Fall.

Zum Weiterlesen:

Zur Website von Arved Fuchs Expeditionen .

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