Weltweite Vernetzung Flatrate-Fieber im globalen Dorf

Am Anfang war das Wort. Dann kam der Brief. Schließlich das Telefon. Am Schluss der Computer und mit ihm das Internet. Aber wo war die Schnittstelle? Ab welchem Zeitpunkt verselbständigte sich alles? Udo Wolter blickt zurück auf die Anfänge des Netzes.

Udo Wolter

Der Blick zurück scheint verschwommen. Aber die Schilder haben sich ins Hirn eingeprägt: "Ruf doch mal an!" stand auf den Telefonzellen. Aber wehe, man rief an und fasste sich nicht kurz! Dann stand die wartende Menge wütend an der Scheibe und nervte klopfend, dass man aufhören solle. Klar hatten viele Telefon zu Hause. Damals, in den Achtzigern. Aber im Urlaub? Handys waren unerschwinglich und koffergroß. Und die Kosten für Ferngespräche konnten sich auch kräftig summieren.

Kurzzeitig kam sogar die Mode auf, für teures Geld die japanische Zeitansage anzuwählen. Meine Eltern fanden das nicht mehr lustig, nachdem ich es mehrere Male ausprobiert hatte. Insofern war "Weit-Weg-Kommunikation" vor allem teuer. Das Studium der Informatik zog mich 1987 nach Berlin. Das Ferngespräch nach Hause wurde vor allem durch ein Telefon günstiger, welches sich in einem Gebäude der Deutschen Post befand. Dieses verursachte keinerlei Kosten (in irgendeiner Rechnung wohl schon, aber nicht bei den Telefonierenden), und man stellte sich einfach in eine wartende Schlange mit Chinesen und Menschen aus anderen Nationen, bis man dran war. Das Ganze auf einem trüben Dachboden mit wenig Beleuchtung, installiert von Studenten der Nachrichtentechnik. Das war die günstigste Form der Kommunikation zu der Zeit - wobei man nicht vergessen sollte, dass Berlin damals eine Orts-Flatrate hatte: ein Gespräch kostete eine Einheit (20 Pfennige), ganz egal, wie lange es dauerte.

Eine neue Welt mit 9600 Bit pro Sekunde

An der Uni, es war die TU Berlin, war die Technik weiter. Dort wurden wir an einen Großrechner der Firma IBM namens "VM370" gelassen, ein Überbleibsel aus den siebziger Jahren. Zu der Zeit war unsereins schon C64-Spiele mit bunter Grafik, Sound und Ballerspielen gewohnt. Da verging einem eigentlich die Lust auf Computer, wenn man auf der Uni diese langweiligen Terminals mit ihren grünen Monitoren sah.

Ein Freund zeigte mir jedoch die Welt dahinter. Denn: Die Rechner waren an ein Netzwerk namens "Bitnet/EARN" angeschlossen. Zuerst war es etwas schwierig, das zu verstehen, aber als dann klar war, dass man sich in so etwas wie Mailing-Listen und Foren unterhalten konnte, war ich baff. Auf einmal war es möglich, sich weltweit ohne Extrakosten mit x-beliebigen Fremden zu unterhalten. Es gab Chat-Systeme, und da Modems zu teuer waren, es außerdem gab es noch keine Wähl-Eingänge bei der TU Berlin für Studenten gab, verbrachte ich diverse Nächte in der Uni, nur um mit Amerikanern, Australiern, Engländern, Dänen oder Italienern zu chatten.

Eine völlig neue Welt tat sich vor meinen Augen auf, Tausende von Kilometern waren in Sekunden überbrückt. Ok, die Technik war nicht perfekt, das Netz war nicht gerade breitbandig. 9600 Bit pro Sekunde waren Maximum auf europäischer Seite, und es nahmen Tausende von Personen weltweit teil. Allerdings saßen alle an irgendwelchen Hochschulen oder Universitäten. Ich war also Mitglied eines sehr exklusiven Clubs geworden und freute mir ein Loch in den Bauch.

Fasziniert von neuartigen Dingern namens "Server"

Einige Zeit später wurden die Netzsysteme immer komplexer, es gab Netz-Spiele und vor allem nahmen immer mehr Studenten das Netz wahr. Ergebnis: Es wurde voller und langsamer. Das führte dazu, dass das Rechenzentrum der TU Berlin den ganzen Wahn zu stoppen versuchte: Studenten durften nicht mehr chatten, da sonst angeblich der akademische Betrieb durch die Vollausnutzung des Netzes lahmgelegt werde. Natürlich war man dermaßen angefixt und süchtig danach, dass man sich Wege suchte, um weiterzumachen. Das führte zwar zu einem Studentenjob innerhalb des Rechnerbetriebes (das war knapp, hätte auch zur Exmatrikulation führen können), aber das ist hier eher nebensächlich.

Anfang 1990 wurde ein Netz mit einer dickeren Leitung angekündigt: das Internetz (das hatte wirklich anfangs diesen deutschen Namen hierzulande). Nun hatte die TU Berlin eine 64 KBit-Leitung nach außen, und zwar für alle - Studenten wie Nicht-Studenten. Die Bitnet/EARN-Nutzung war bei mir mittlerweile wegen der chronischen Verstopfung auf einem Tiefpunkt angekommen. Ich wollte so vieles von neuartigen "Servern" runterziehen, also Diensten, auf denen Dateien direkt lagerten: Software, Bilder, sogar kleinere Filme und Audio-Stückchen, oft in erbärmlicher Qualität. Aber das alte Netz gab das nicht her.

Nun gab es bei dem neuen Netz eine Art Gateway in das alte Netz. Ich benötigte noch dringend eine Anleitung für ein Spiel, das ich zu der Zeit ganz gern spielte, aber nicht vollständig begriff. Also setzte ich eine Mail an den Gateway-Server auf, und die Anleitung war ein paar Tage später tatsächlich in meinem Postfach. Tja, so war das 1990, ein paar Tage waren nicht viel. Nach einer Woche bekam ich eine Nachricht, dass das Holen der Anleitung Kosten in Höhe von 330 DM verursacht hatte. Schock! Ich musste das glücklicherweise nicht bezahlen, aber man bewegte sich im neuen Netz fortan schon etwas bewusster als im alten, bei dem man noch angenommen hatte, es sei alles kostenlos. Natürlich bezahlte auch da jemand den Spaß: die Uni, der Senat, der Steuerzahler.

Modems für jedermann

Ein anderer Freund bastelte in diesem folgeschweren Jahr 1990 an etwas herum, dass er IRC nannte. Es war ein Chat-System für das neue Netz. Begeistert von den Chat-Systemen von früher konnte ich mich natürlich nicht zurückhalten und machte mit. All dieses passierte zu einer Zeit, als Daten noch als Einzeldateien auf FTP-Servern herumlagen und das WWW noch nicht einmal am Horizont zu sehen war.

Fünf Jahre später hatte ich mein Informatik-Diplom in der Tasche und die Welt einen fundamentalen Wandel hinter sich gebracht. Mittlerweile waren sogar Modems Dinge, die jedermann kannte. ISDN hielt Einzug in die Haushalte, und das Internet veranlasste sogar einen Konzern wie Microsoft, ihren Internet-Kurs, der bis dahin eher aus Ignorieren bestand, zu ändern. Jahre, nachdem die Unix-Welt vernetzt war, nachdem Linux über USENET-Zusammenarbeit erschienen war, entschied sich Microsoft, mit dem System Windows95 den Einstieg ins Internet für Jedermann zu ermöglichen. Ich bin sicherlich kein Freund dieser Firma, aber ohne diesen gewagten Schritt wäre das Internet wohl nie so groß geworden wie heute.

Tja, und heute? Teenies tippen sich auf Handys die Finger wund. Eine SMS kostet wenigstens noch Geld. Aber der Internet-Anschluss zu Hause? Alles Flatrates. Wir haben nun das globale Dorf, nach dem ich so lange selbst gelechzt habe. Die wenigsten nehmen es allerdings so wahr wie ich. Die jüngeren wissen nicht mehr, wie es ohne Handy und Internet war und können den technologischen Fortschritt gar nicht schätzen. Ich selbst muss auch gestehen: ich vergesse es immer wieder, dabei war ich praktisch die ganze Zeit Teil des Spiels, ohne es zu wissen.

Wüstentrip als Gegengift

Jetzt buchen wir alles mit größter Selbstverständlichkeit online. Wir fahren in fremde Länder und schicken von dortigen Internet-Cafés aus lieber E-Mails statt Postkarten, am besten gleich inklusive der Urlaubsbilder von der DigiCam. Das Leben hat sich radikal verändert. Aber ich wäre nicht ich, würde ich das Haar in der Suppe nicht finden: Früher hatte ich mehr Verbindungen zu allen möglichen Leuten. Der Faktor Alltäglichkeit schleift eine innige Freundschaft über Kontinente hinweg ab. Es scheint egal, ob jemand in Windhuk sitzt oder einen Kilometer entfernt, wenn man sich mit ihm unterhält. Das zerstört natürlich auch das Besondere, was wir da haben: die allgegenwärtige Kommunikation "Jede mit Jedem". Es wird uns erst dann bewusst, wenn wir an einem Ort sind, der weder Handy-Netze noch Internet-Cafés hat.

Ich empfehle für zwischendurch einen Wüstentrip. Danach weiß man zu schätzen, was uns die digitale Revolution der Vernetzung in den letzten 20 Jahren gebracht hat. Ich schätze das vielleicht nicht jeden Tag, aber in Momenten wie diesen, wo ich davon erzähle.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.