Fotostrecke

Rötger Feldmann - "In Rente geht Werner noch lange nicht"

Foto:

Peter Timm/ ullstein bild

"Werner"-Comiczeichner Brösel wird 70 Beinhart wie ein Opa

Mit Comics begann Motorradfreak Rötger Feldmann aus Frust über Polizisten, er erfand den norddeutschen Antihelden Werner. Am Dienstag wird "Brösel" 70 und spricht über Bölkstoff, Trump und das Glück der Arbeitslosigkeit.
Ein Interview von Danny Kringiel

SPIEGEL: Herr Feldmann - warum nennt man Sie eigentlich "Brösel"?

Feldmann: Wegen meines Motorrads. Ich hatte als junger Mann 'ne Horex, die hat bei Vollgas vibriert. Darum sind bei der Fahrt immer Teile abgebröselt. Mir fiel später erst auf, dass es in den USA den Comiczeichner Robert Crumb gab, was ja auch Brösel heißt. Ich bin also der deutsche Crumb.

SPIEGEL: Sie haben Ihre Geburtsstadt Travemünde mal als "St. Tropez des Nordens" bezeichnet. Klingt nach glamouröser Kindheit.

Feldmann: Mein Opa hatte das "Hotel Stadt Hamburg", für mich war das irre aufregend: die Dampfschiffe, die Hautevolee im Casino, die Schickimickis mit ihren Porsches und Jaguars, bei denen wir auf die Tachos gelinst haben.

SPIEGEL: Motoren begeisterten Sie schon früh?

Feldmann: Vor allem Dampfloks. Stundenlang saß ich am Bahnhof. Wenn die Schnellzüge anfuhren, "Ssssch!", da drehten die Räder durch, dann kam der erste Stoß, "WOOF!", der zweite, "WOOOFFF!", richtig geil!

SPIEGEL: Lag die Technikbegeisterung in der Familie?

Feldmann: Oh ja, mein Vater war besessen von Modelleisenbahnen. Die Häuser auf der Anlage hat er liebevoll aus Pappe gebastelt, mit Beleuchtung und drei Bahnhöfen. Für uns drei Jungs war das toll. Und mit Schiffen hatte mein Vater beruflich zu tun - er war bei der Wasserschutzpolizei. Auf dem Polizeiboot "Falke" bin ich gezeugt worden.

SPIEGEL: Als Sie sieben waren, zog Ihre Familie in die Stadt, nach Flensburg. Ein Kulturschock?

Feldmann: Ja, das war nicht so schön. Vati war Marineoffizier, und für die hatten sie Häuser in erster Reihe gegenüber der Marineschule. Er stand morgens immer mit 'ner Tasse Kaffee in der Küche und hat rübergeschaut. Der ist immer erst los, wenn die Typen die Flagge hissten. Wahrscheinlich war er immer zu spät.

Petra Feldmann (aus dem Hintergrund): Daher hast du das!

Feldmann: Ich bin früher auch immer erst fünf Minuten vor Arbeitsbeginn los - obwohl der Arbeitsweg 'ne Viertelstunde war.

SPIEGEL: Wann begannen Sie, an Fahrzeugen zu schrauben?

Feldmann: Mit zehn, am Fahrrad: Hupen mit Propeller, Griffe, Schaumgummischoner, Fuchsschwanz - so'n Scheiß! (lacht) Mein Bruder Andi hat dann mit 14 angefangen, an Motorrädern rumzubauen. Der ist mit schweren Maschinen rumgefahren, sie haben ihn im Wald erwischt, wie er über die Hügel geheizt ist. Dabei hatte er gar keinen Führerschein.

Fotostrecke

Rötger Feldmann - "In Rente geht Werner noch lange nicht"

Foto:

Peter Timm/ ullstein bild

SPIEGEL: Kam Ihr Interesse am Zeichnen früher oder später?

Feldmann: Als Kind schon. Im Winter war nichts los in Travemünde, mal ein Auto oder ein Fischkutter, die Schwedenfähren. Das habe ich festgehalten. Ab und zu hab' ich von Oma Geld erbettelt und ein "Micky Maus"-Heft gekauft, "Fix und Foxi" oder diese "Sigurd"-Ritterhefte. "Hier hassu 50 Fennich, kauf dich ma ein Lupi-Heft", sagte Oma immer. Sie meinte Lupo, den Wolf aus "Fix und Foxi". Ich hatte ganz oben im Hotel ein Zimmer voller Gerümpel, auch mit so einem alten Gitterbett. Darin habe ich stundenlang gesessen und Comics gelesen. Ich fing an, selbst kleine Stories zu zeichnen. Ich glaube, meine erste hieß "Verbrecherjagd". Da haben Charlie, Bully und Otto einen Laden überfallen, die Namen hatte ich aus einer Fernfahrerserie abgeguckt.

SPIEGEL: Angeblich haben Sie sogar ihren ersten Arbeitsplatz als Lithograph in Flensburg verloren, weil Sie ständig zeichneten.

Feldmann: Die Kollegen stachelten mich immer an, und ich habe sie und den Chef karikiert. Der war schon eigentümlich, Freimaurer, die hatten so ein Eulensymbol, und er sprach statt "S" so ein spitzes "Z", er war halber Däne. Morgens kam er immer rein mit einer Bierdose in der Hand. Ich habe ihn so gezeichnet, dass er mit seinen Haarbüscheln, der spitzen Nase und Hornbrille selbst wie eine Eule aussah. Eines Tages hat er das gesehen: "Was machen Zie da!? Alles für MEIN Geld!?" Das war's dann.

SPIEGEL: Sie haben immer Inspirationen aus Ihrem Umfeld gezogen. Das berühmteste Beispiel ist wohl Meister Röhrich, angelehnt an den Installateurmeister Ihres Bruders Andreas. Was sagte der dazu?

Feldmann: Beim fünften "Werner"-Buch hat sich Andis Meister beschwert. Wir hatten ihn mit richtigem Namen genannt. Es gab eine Unterlassungsklage, wir mussten in allen Büchern mit Filzstiften den Namen ändern, um nicht alle wegwerfen zu müssen. Anschließend haben wir ihn "Röhrich" getauft, war eh passender.

SPIEGEL: Wie ist dann die Figur Werner entstanden?

Anzeige
Feldmann, Rötger, Brösel

WERNER - ODER WAS?

Verlag: Bröseline
Seitenzahl: 144
Für 19,80 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Feldmann: Ich hatte schon viele Comics gezeichnet mit verschiedenen Figuren. Mein Freund Winfried Bartnick, der im Buchhandel gearbeitet hatte, meinte, ich müsse unbedingt Bücher machen. Ich habe dann die Geschichten so umgeschrieben, dass sie eine Hauptfigur hatten. Eigentlich konnte ich nicht richtig gut zeichnen, aber ich wollte anders sein. So ergab sich Werner mit seinen vier Haaren und zwei Zähnen. Irgendwie waren die Geschichten anarchisch - und naiv. Vielleicht hat gerade das die Leute fasziniert. 10.000 Exemplare haben wir 1981 vom ersten Buch "Werner - Oder was?" gedruckt. In ein paar Monaten war die erste Auflage abverkauft, wenig später die zweite, so ging es weiter.

SPIEGEL: Woher nahmen Sie die Ideen für seine Abenteuer?

Feldmann: Ich war in den Siebzigern sechs Jahre arbeitslos. Zum Arbeiten hatte ich keine Lust - mit 19 anfangen und ackern, bis du 65 bist? Immer nur Zwang, als Schüler, als Lehrling, bei der Bundeswehr, als Angestellter ... Wir werden dazu erzogen, Dinge zu tun, die wir eigentlich nicht wollen. Darauf hatte ich keinen Bock! Von der Stütze habe ich mein Motorrad unterhalten und mein Zelt, das reichte. Es war die beste Zeit meines Lebens. In die Comics floss ein, wenn die Polizei mich gefrustet hat. Da fährste mit abgefahrenen Reifen, weil du keine Kohle hast, und dann drangsalieren die dich: "Der Vergaser ist nicht original!" Schicken dich zum TÜV, wollen dein Motorrad wegnehmen.

SPIEGEL: In Comics zumindest konnten Sie Ihrer Tuner-Fantasie freien Lauf lassen - wie mit dem "Red Porsche Killer", einer viermotorigen Horex, mit der Werner 1985 in "Werner - Eiskalt!" gegen den Porsche seines Kumpels Holgi antrat.

Feldmann: Ich hatte meine Garage auf dem Hinterhof der Kneipe von Holgi, der eigentlich Holger Henze heißt. Da hab' ich gewerkelt, daneben stand sein Porsche. Den hat er immer rausgeholt, um anzugeben. Irgendwann meinte ich: "Du mit deinem Scheißporsche! Dich häng ich doch mit der Horex ab!" Ich prahlte: "Ich bau einfach zwei Horex-Motoren hintereinander!" Da hat er nur gelacht. "Dann eben vier Motoren!" Eines Abends haben wir die Wette abgeschlossen, dabei konnte ich das gar nicht bauen! Nur zeichnen.

SPIEGEL: Wie haben Sie es trotzdem geschafft, das Rennen real durchzuführen?

Feldmann: Als sich das Buch ein paar hunderttausendmal verkauft hatte, riefen Leser an: "Was ist denn nu' mit dem Rennen?" Da war klar: Wir müssen das machen. Unser Kumpel "Ölfuß", Wolfgang Ußleber, kannte sich mit Horex aus, der hat das in drei Jahren zusammengeschwartet.

SPIEGEL: Rund 250.000 Leute kamen 1988, um das Rennen auf dem Flugplatz Hartenholm anzusehen. Staus verstopften Schleswig-Holstein. Hatten Sie geahnt, was sie lostraten?

Feldmann: Nein, das war irre. Schon im Vorfeld ging der Streit um die Rennstrecke durch die Zeitungen: "Werner kriegt keine Autobahn!" Es gab Fotos von Barschel mit Werner-Büste. Als das Motorrad fertig war, davon habe ich noch Zeitungsausschnitte aus Fernost, die man gar nicht lesen kann. Das ging um die Welt. Holger Hübner fand das Rennen so geil, dass er daraufhin das Wacken-Festival erfand.

SPIEGEL: Wenig später kam der erste Kinofilm "Werner - Beinhart!" in die Kinos.

Feldmann: Das hat viel verändert. Zum Beispiel Werners Form: Die Nase ist kürzer geworden, die Zähne breiter. In den Büchern war er zweidimensional, im Film musste er aus allen Winkeln gut aussehen. Von vorne war der Mund kaum sichtbar, wir haben den Kopf oben kleiner gemacht und die Oberlippe breiter. So hat er viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten.

SPIEGEL: Wie war es, plötzlich im großen Team zu arbeiten?

Feldmann: Produzent Bernd Eichinger hatte Zeichner aus aller Welt zusammengetrieben, sogar Disney-Leute, von denen ich viel lernen konnte. Und sie von mir: Erklär mal einer Gruppe von Ungarn, Kanadiern und Amis, was Werner für ein Charakter ist - das ist denen völlig fremd. Aber nach einer Weile fanden die es geil, sich austoben zu dürfen. Ein entblößter Meister Röhrich wäre in Amerika ja undenkbar. Die ganzen Nationalitäten zusammen, die Ungarn haben für alle Gulasch gekocht, ein US-Zeichner hat den Biergarten vollgereihert, weil er Himbeergeist bekam, aber nur Whiskey gewohnt war - wir hatten Spaß!

SPIEGEL: Als Sie zum ersten Mal Werner auf der Leinwand sahen - was war das für ein Gefühl?

Feldmann: Gemischt. Die Realfilmteile im ersten Film fand ich doof. Zu sehen, was diese Bayern mit der norddeutschen Figur gemacht hatten, war komisch - das ist ja praktisch ein ganz anderes Land. Das war nicht mein Ding. Aber ich musste da durch.

SPIEGEL: Werner ist untrennbar verbunden mit dem Ploppen einer Flensburger-Bügelflasche. Wie kam die Kooperation mit der Bierbrauerei zustanden?

Feldmann: Im zweiten Buch war eine Geschichte, da hatten ein paar Bierflaschen eine Party, und "die Flensburger" kommen zu Besuch - Flens-Flaschen mit einer Bierkiste voller Werner-Figuren. Daraufhin hat mich die Brauerei eingeladen. Werner hat Flens dann berühmt gemacht. Zum Dank schickte mir die Brauerei ein paar Bierdeckel und Gläser. (Dramatischer Tonfall) Dafür hätte ich eigentlich mit Gold überschüttet werden müssen!

SPIEGEL: Stattdessen ging Flensburger später mit Anwälten gegen Sie vor. Was war passiert?

Feldmann: Ende der Achtzigerjahre hatten wir die Idee, ein eigenes Bier zu machen, "Bölkstoff". Aber keine Brauerei wollte es, auch die Flensburger nicht. Wir haben es dann 1989 mit der Hannoveraner Gilde-Brauerei gemacht. Flensburger war sauer, weil der Werner-Band "Besser is das!" erschien, auf dem Werner eine Bölkstoff-Flasche hochhielt. "Vergleichende Werbung!", haben sie gesagt - weil Werner vorher immer Flens getrunken hatte. Wir mussten die Sprechblase auf allen Covern schwärzen. Mehr als ein Jahrzehnt später, nachdem bei der Flensburger ein Generationenwechsel stattgefunden hatte, wollten sie dann doch zusammenarbeiten.

SPIEGEL: Als "Werner" entstand, waren Sie 30, nun werden Sie 70. Sehen Sie die Geschichten heute anders?

Feldmann: Manches war schon daneben: "arbeitslos und Spaß dabei", "blau auf'm Bau", Bullen besoffen machen und so. Wir waren einfach so, die Polizei hat uns nicht gekümmert. Wenn ein Polizist über mein Motorrad moserte, habe ich gesagt: "Wie sieht denn deine Scheißkarre aus?"

SPIEGEL: Geht Werner irgendwann in Rente?

Feldmann: Es wird vielleicht schwerer, mit 70 noch den Zeitgeist zu spüren, du kannst ja nicht der Jugend was über Handys vorlästern. Manchmal ist es auch schwer, lustig zu zeichnen, wenn so viel Schreckliches passiert: Trump, Brexit, keiner will mehr Europa. Aber in Rente geht Werner deshalb noch lange nicht. 2018 kam der letzte Band raus, seit einem Jahr überarbeiten wir alle alten Comics grundlegend. Außerdem bereiten wir gerade eine Streamingserie vor. Werner ist immer noch Lehrling - nur ich bin ein alter Sack.

Mehr lesen über Verwandte Artikel