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Münchner Freiheit: Kurze Euphorie, gnadenlose Rache

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NS-Widerstand der Münchner Freiheit Jagd auf die Goldfasane

Die "Freiheitsaktion Bayern" wollte vor 75 Jahren das Naziregime in München stürzen. Sie verkündete voreilig den Sieg und löste Euphorie aus. Chronik eines hochriskanten Aufstands - und der grausamen Rache.

Die SS-Männer schossen dem Lehrer Georg Hangl in den Rücken, als er am Nachmittag des 28. April 1945 floh. Den Dorfpfarrer Josef Grimm ermordeten sie diskreter in einem Wald. Am Morgen hatten die beiden am Kirchturm in Götting eine weiß-blaue Flagge anstelle der Hakenkreuzfahne gehisst: bayerischer Patriotismus statt NS-Vernichtungswahn.

Auch der Münchner Gastwirt Karl Läpple sollte an diesem Tag sterben. Volkssturmmänner errichteten einen improvisierten Galgen aus einem abgeschnittenen Gurt, den sie an einem Verkehrsschild befestigten. Läpple sollte sich auf ein herbeigerolltes Bierfass stellen. Er hatte einen SA-Mann in einen Kühlraum gesperrt. Nun wurde ihm sein Todesurteil vorgetragen, gezeichnet vom oberbayerischen Gauleiter Paul Giesler.

Die drei Schicksale verbindet ein außerhalb Bayerns wenig bekanntes Ereignis. Hunderte Bayern, viele aus dem bürgerlich-konservativen Milieu, schlossen sich spontan dem Aufstand gegen das NS-Regime an, nachdem sie am 28. April 1945 Radioaufrufe einer Widerstandsgruppe gehört hatten:

"Achtung, Achtung! Hier spricht die 'Freiheitsaktion Bayern'. Arbeiter, schützt eure Betriebe gegen Sabotage durch die Nazis! Sichert Arbeit und Brot für die Zukunft! Beseitigt die Funktionäre der nationalsozialistischen Partei! Die FAB hat heute Nacht die Regierungsgewalt erstritten."

Die "Freiheitsaktion Bayern" (FAB) setzte sich aus Soldaten Münchner Einheiten zusammen. Die meisten ihrer etwa 400 Anhänger stammten aus einer Dolmetscher- und einer Jagdpanzerkompanie. In der Nacht auf den 28. April hatte die FAB zwei Rundfunksender besetzt - und voreilig den Sturz von Gauleiter Giesler verkündet. Blumig riefen sie zur "Fasanenjagd"; gemeint waren die als "Goldfasane" verspotteten NS-Parteibonzen.

"Münchner Freiheit" zur Erinnerung

München hat nach dem Krieg einen Platz in Schwabing zur Ehre der FAB in "Münchner Freiheit" umbenannt. Dem einstigen Hauptmann und FAB-Planer Rupprecht Gerngross wurden hohe Auszeichnungen verliehen. Doch welchen Nutzen hatte der hochgelobte Aufstand, so kurz bevor die Amerikaner München am 30. April 1945 befreiten? War Rupprecht Gerngross, in der Münchner Presse als "vergessener Held" gefeiert, wirklich der führende Stratege - oder eher ein Zeitzeuge mit "unerträglicher persönlicher Eitelkeit", wie manche Mitstreiter urteilten? Riskierten die Widerständler nicht auch das Leben vieler Zivilisten, die ihren Botschaften folgten?

Münchner begrüßen am 30. April 1945 freundlich die einrückenden US-Truppen

Münchner begrüßen am 30. April 1945 freundlich die einrückenden US-Truppen

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Als teilweise "draufgängerisch und unkoordiniert" beschreibt die Historikerin Veronika Diem in einer minutiösen Studie das FAB-Vorgehen. Im Chaos der letzten Kriegstage war jede Planung heikel. Die Widerständler wussten: Militärisch könnten sie sich höchstens 48 Stunden halten. Daher durften sie erst kurz vor dem Einrücken der Amerikaner losschlagen - aber auch nicht zu spät. Denn die FAB wollte der Welt beweisen, dass es auch "ein anderes Deutschland gibt", so Gerngross. Zugleich strebte sie einen Waffenstillstand an, um München einen zerstörerischen letzten Kampf zu ersparen.

In einem Zehn-Punkte-Programm skizzierte die FAB - noch teilweise im NS-Jargon - die Zeit nach dem Umsturz. Ein neu gebildeter "Regierungsausschuss" sei entschlossen, die "maßgeblichen" Funktionäre und ihr Gedankengut "bis in die kleinste Zelle hinein zu verfolgen und erbarmungslos auszurotten". Man werde Demokratie und Rechtsstaat wiederherstellen, Anarchie verhindern, die Verpflegung sichern. Deutschland solle wieder ein "gleichwertiges Mitglied der zivilisierten Menschheit" werden.

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Münchner Freiheit: Kurze Euphorie, gnadenlose Rache

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Der Weg dahin war eher grob geplant. In acht Teilaktionen wollten die Aufständischen Schlüsselstellen der Macht in München übernehmen. Doch einige Kommandeure erfuhren davon erst kurz zuvor; manche waren jung und verfügten über zu wenige Männer. An keiner der heiklen Aktionen beteiligte sich Gerngross - was die spätere Verbitterung einiger Kameraden erklären mag.

So führte Leutnant Helmut Putz, erst 24, die vielleicht wichtigste Mission. Sie scheiterte krachend. Mit 30 Soldaten sollte Putz in den Bunker des Zentralministeriums eindringen, um dort Gauleiter Giesler zu töten. Gegen 1 Uhr marschierten die Männer drei Kilometer zum Ministerium und bauten einen MG-Posten auf. Doch schon der Pförtner ließ sich nicht überrumpeln, Wachen bewarfen den MG-Posten mit einer Handgranate. Die Rebellen flohen, zwei wurden gefasst.

Anderen Einheiten gelang zwar die Besetzung des Rathauses und der "Münchner Neuesten Nachrichten". Doch offenbar niemand hatte Texte für eine Zeitung vorbereitet. So wurden nur wenige Flugblätter gedruckt - und aus Zeitnot nicht mehr verteilt.

Radiokrieg mit Lügen

Gerngross scheiterte ebenso. Er persönlich wollte Franz Ritter von Epp, 76, überzeugen, die Regierungsgewalt zu übernehmen und mit den Alliierten zu verhandeln. Der sehr populäre Reichsstatthalter von Bayern hätte glaubwürdig "Ruhe und Ordnung" verkörpern können, zauderte jedoch. Trotz der drängenden Lage legte er sich ein paar Stunden in seinem Herrenhaus schlafen - und sagte am Ende ab.

So blieb die Eroberung der Radiosender in München-Freimann und Ismaning der größte Erfolg. Ab 3 Uhr morgens sendeten Aktivisten aus Freimann in mehreren Sprachen, etwa auf Französisch:

"Wir rufen alle französischen Arbeiter und Franzosen in Bayern auf. Landsleute! Die Stunde der Freiheit hat endlich geschlagen. Die Kapitulation steht bevor. Der Nazi-Klüngel ist vernichtet. Wir hoffen, dass ihr aktiv an den Ereignissen teilnehmt."

Doch die Senderreichweite war gering. "Dass wir bis 7 Uhr nicht gestört wurden trotz nächster Nachbarschaft der SS-Kaserne, ist nahezu unglaublich", wunderte sich ein Aktivist noch nach dem Krieg. Der Großsender Ismaning im Norden, den 100 FAB-Kämpfer mit zwei Panzern eingenommen hatten, wurde hingegen gehört. So vernahm Schriftsteller Erich Kästner im fernen Tiroler Zillertal die FAB-Sendungen, der britische Geheimdienst protokollierte einige mit.

Schnell war auch Gauleiter Giesler informiert. Nun rächte sich, dass Gerngross in seinem Aufruf um 5.50 Uhr vollmundig verkündet hatte: "Die FAB hat das Joch der Nazis in München abgeschüttelt." Zudem hatte er suggeriert, Ritter von Epp unterstütze die FAB - ein Versuch, die Lügenmaschinerie der Nazis mit Lügen und Halbwahrheiten zu besiegen: Fehlinformationen sollten Tatsachen schaffen. Das löste einen "wilden Rundfunkkrieg" aus, wie der Schweizer Generalkonsul im Tagebuch notierte. Auch Kästner war verwirrt: "Der Äther ist unpräzise."

"Jeder Schuss ein Goldfasan"

Giesler behauptete in seiner ersten Meldung um 9.56 Uhr beschwörend, nur eine "Handvoll Leute" beteilige sich am Aufstand. Den Nachnamen seines Gegenspielers verballhornte er zu "Gernegross":

"Lasst euch nicht verraten durch einen Möchtegern 'Gernegross'. Niemand wird einem 'Gernegross' folgen, der Deutschland verkauft. Der Spuk wird bald aufhören."

Die FAB konterte um 10.15 Uhr mit einer weiteren Lüge:

"Ritter von Epp, als Verteidiger und Träger der Reichsgewalt in Bayern, hat sich entschlossen, den sinnlos gewordenen Kampf gegen die Amerikaner und ihre Verbündeten abzubrechen."

Epp stand jedoch nicht mehr in Kontakt mit den FAB-Aktivisten. Zu ihnen zählte auch sein Adjutant Günther Caracciola-Delbrück - er wurde noch am selben Tag auf Befehl Gieslers erschossen, ebenso wie acht weitere FAB-Männer.

"Dann ab zum Ami"

Derweil rückten starke SS-Verbände auf Ismaning vor. "Die Stimmung war auf einmal sehr abgesunken", erinnerte sich ein FAB-Soldat. Um 10.46 Uhr wurde der letzte Aufruf abgesetzt - dann folgte nur noch Musik. Gerngross versuchte noch, den Leiter der Besetzer zum Durchhalten zu bewegen. Als das aussichtslos schien, soll er gesagt haben: "Dann gibt's nur eines, ab zum Ami."

Die Revolte der "Drückeberger", die "nie Pulver gerochen haben in diesem Krieg", sei "im Keim erstickt", verkündete Giesler gegen Mittag und warnte:

"Lasst euch darum in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen niemals mehr auch nur für wenige Augenblicke durch einen solchen verbrecherischen Missbrauch irgendeiner Ätherwelle in Verwirrung bringen."

Tatsächlich hatten einige FAB-Aufrufe regelrechte Euphorie ausgelöst. Dabei half auch eine gefälschte Radiobotschaft, vermutlich von den Alliierten produziert: "Jeder Schuss ein Goldfasan", verkündete ein Sprecher am Nachmittag des 28. April und erweckte den Eindruck, der Aufstand sei erfolgreich; die ersten NS-Größen seien schon gehängt.

Dem Galgen entkommen

Historikerin Diem konnte in ihrer Studie 78 spontane "Folgeaktionen" von insgesamt etwa 1000 Menschen nachweisen. 20 Aktionen seien "eskaliert". In Landsberg und Dachau etwa wurden die Rathäuser gestürmt; SS-Einheiten aus dem KZ Dachau eroberten das Rathaus zurück. Einigen Getöteten hängten die Mörder "Werwolf"-Schilder um den Hals; so nannte sich eine Nazi-Untergrundbewegung, die "Liebesdiener des Feindes" zu töten drohte.

Besonders grausam wütete die Einheit "Werwolf Oberbayern" unter SA-Brigadeführer Hans Zöberlein in der Kleinstadt Penzberg. Dort hatte der frühere SPD-Bürgermeister Hans Rummer die Stilllegung eines Bergwerks erzwungen, um es unzerstört den Amerikanern zu übergeben, und den NS-Bürgermeister abgesetzt. Ein Regiment der Wehrmacht eroberte das Rathaus zurück. In der "Penzberger Mordnacht" wurden Rummer und 15 weitere Bürger, darunter viele Bergmänner und eine Schwangere, erschossen und erhängt.

Dagegen entkam Gastwirt Karl Läpple im Münchner Westend der Hinrichtung mit dem improvisierten Galgen. Resolut bestand er auf einer Gegenüberstellung mit dem SA-Mann, der ihn zuerst bedroht, und den er daher nur aus Notwehr eingesperrt habe. Tatsächlich ließen sich die Volkssturmmänner beeindrucken und ihn laufen.

Ein Galgen, womöglich derselbe, kam im Westend dennoch zum Einsatz. Doch das Seil riss, als ein Rentner wegen einer gehissten weißen Flagge sterben sollte. Er fiel bewusstlos zu Boden, einen zweiten Versuch ersparten ihm die Henker. Vielleicht war es ein Funken Restanstand in diesen verrohten Tagen des Untergangs - oder sie wollten nur den Galgen nicht reparieren.

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