Widerstandsbriefe "Leben ist mehr als Überleben"

Nachlass von Joachim Wolfgang von Moltke

Von

2. Teil: "Dein P. bin ich"


Freya an Helmuth James von Moltke

29. September 1944

Mein Jäm, mein Herz, mein Liebster, wie schön, dass ich Dir noch einmal richtig schreiben kann. Ich werde leben müssen, und das wird schwer sein, aber es wird gehen, denn ich werde Dich weiter lieben dürfen.

Die 15 Jahre, das war unser Leben, mein Jäm; was jetzt kommt, das wird ein Leben für die Söhnchen, für andere Menschen, für Dinge, ich weiß noch nicht, für was, aber mein, unser Leben, mein Herzensjäm, das ist nun hier zu Ende. Du hast es mir immer gesagt, dass Du früh sterben würdest. 7 Jahre länger hast Du mir versprochen, aber was tut schon Quantität. Es kommt auf die Qualität an. Wie gut, dass ich jede Minute mit Dir bewusst als ein Geschenk empfunden habe, dass ich mich um jede gerissen habe. Wir sind wirklich sehr reich und haben, davon bin ich überzeugt, das höchste Glück genossen, was es auf dieser Welt gibt. Wie gut, dass Du Dich doch zu mir entschlossen hast, wie gut, dass ich Dir für mich die Söhnchen entrissen habe. Ich werde alt und anders werden, aber in mir wirst Du immer drin bleiben, bis ich sterben und Dich so oder so wiederfinden darf.

Jetzt habe ich die ganze Zeit von mir gesprochen, und Du hast doch noch ein schweres Stück zu gehen, aber da Du nie gern gelebt hast, musst Du eigentlich die Aussicht auf Dein Lebensende nicht unangenehm finden. Mein Herz, Du hast mir ja immer gesagt, dass die Dir bevorstehende Form die beste Todesart sei. Hoffentlich ist es so und Du hast, mein Herz, keine Furcht.

Dein Leben erscheint mir schön und vollendet. Du stirbst für etwas, für das es sich zu sterben lohnt.

Um unser, der Söhnchen und mein Leben, machst Du Dir ja keine Sorgen. Ich fürchte mich gar nicht. Das werden wir schon fertigbringen, mit und ohne Kreisau, mit und ohne Geld, mit und ohne Kommunismus. Die Söhnchen werden schon richtig werden. Ich werde C.chen (Helmuth Caspar - Anm. d. Red.) sagen, Du seiest an Krankheit gestorben; wenn er größer ist, dann mehr. Solange es geht, werde ich an Kreisau kleben, denn das ist für alle die Heimat. Aber das wird sich alles finden.

Ich werde morgen wohl wieder nach Kreisau fahren und im Lauf der nächsten Woche wiederkommen. Dann bringe ich auch einen dicken Anzug mit. Ich habe hier bei P. (Harald Poelchau, der Gefängnispfarrer, in den Briefen meist mit "P." abgekürzt) in Frieden, unter Glück, Dankbarkeit und Tränen diesen Brief geschrieben, keinen bösen, sondern nur guten Tränen, mein Herz.

Dein P. bin ich. ("P." steht für Freyas Kosenamen Pim)

Helmuth James an Freya

1. Oktober 1944

Mein liebes Herz, mein Pim, mein Kleiner, unser Leben ist zu Ende. Dass dieser Preis vielleicht gezahlt werden müsste, haben wir beide gewusst.

Ich habe keine Furcht vor dem Tod und glaube, Euch in irgendeiner Form zu behalten, und ich habe animalische Angst vor dem Sterben. Ich würde der animalischen Angst und des Abschiedsschmerzes wohl Herr werden, wenn ich mich ganz in dies Schicksal ergäbe. Aber ich fühle mich verpflichtet, dagegen anzukämpfen, und dazu muss ich den Lebenswillen aufrechterhalten.

Helmuth James an Freya

6. Oktober 1944

Mein Lieber, mit großem Glück lese ich Deine Briefe immer wieder, tags und auch nachts, wenn ich aufwache. Denn wir steigen ja um 6 ins Bett und um 7 wieder heraus, weil wir um 6 gefesselt und um 7 wieder aufgeschlossen werden. Und so gibt es immer Zeiten in der Nacht, zu denen man wach ist. Da wir nur bei Licht schlafen, so sind das ganz vollwertige Stunden. Über die Fesselung brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Man gewöhnt sich vollkommen daran und wird auch mit Handschellen ganz geschickt.

Ich nehme bedenkenlos alles, weil es mich freut und weil ich denke, dass es mir vielleicht doch hilft, das Angebrülltwerden mit Gleichmut zu ertragen. Meine Diät von Honigsemmeln, Speck, Eiern und Zucker schlägt mir sehr gut an und tut sicher das ihre dazu, mich vergnügt zu erhalten. Ich esse nur Berge von diesen Schätzen, mein Herz, in der Hoffnung, dass Du es nachschaffen kannst, und in der Erwartung, dass es doch nur noch ein paar Tage dauern wird.

Glücklich war ich auch über Mantel und Wäsche, aber noch viel mehr über das Gefühl, dass Du mit mir unter einem Dach nur 100 m entfernt seist. Mir ist überhaupt Deine Anwesenheit in Berlin so angenehm, dass ich mich sozusagen zu Hause fühle. Bleib nur da, wenn es geht.

Auf Wiedersehen, mein sehr geliebtes Herz, so Gott will in dieser, sonst in jener Welt. Bewahre Dich ganz und unzerbrochen, auch wenn ich nicht mehr da bin.

insgesamt 3 Beiträge
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Klaus Moll, 23.12.2010
1.
Es ist eine eindringliche und für jemand, der diese Zeit erlebt hat völlig glaubwürdige und nachvollziehbare Dokumentation. Sie hat mich sehr berührt.
Tobias Mandelartz, 26.12.2010
2.
Ich hab´s in der "Print-Version" gelesen, im übervollen ICE, gestern, und es hat mich zu Tränen gerührt.
Rolf Augustin, 01.01.2011
3.
Bei dem Bild "Berghaus Kreisau" handelt es sich tatsächlich um "Schloss Kreisau", dem Gutshaus. Das echte "Berghaus" wird auf dem Bild "Widerstandstreffen in Kreisau" dargestellt. Ich habe beide vor einigen Jahren gesehen.
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