Widerstandsbriefe "Leben ist mehr als Überleben"

Nachlass von Joachim Wolfgang von Moltke

Von

3. Teil: "Du musst den Schmerz ertragen"


Helmuth James an Freya

8. Oktober 1944

Jetzt wäre es mir am wichtigsten, meine eigene Verteidigungslinie klarzubekommen. Ich habe sie kurz skizziert und hätte gerne ein strafrechtliches Urteil darüber. Aber abgesehen von dem Strafrecht möchte ich auch gerne taktische Hinweise haben: Wann kann man reden (bei Gericht)? Kann man zusammenhängend vortragen, oder soll man sich besser darauf beschränken, Fragen zu beantworten? Wie ist die jetzige Definition von Hochverrat und Defätismus?

Du siehst, dass ich mich ernsthaft mit der juristischen Seite meines Verfahrens befasse, obwohl ich mir klar bin, dass letzten Endes das alles nichts mit Jurisprudenz zu tun hat.

Aus Herrn Kant habe ich mit absoluter Sicherheit begriffen, dass alles Denken auf dieser Welt in den Begriffen von Zeit und Raum geschieht und dass beides für jede jenseitige Existenz nicht zutreffen kann.

Mit dem Tode tritt man dann aus dem Koordinatensystem von Zeit und Raum heraus, so dass wir, banal ausgedrückt, vielleicht "gleichzeitig" drüben ankommen, auch wenn Du noch 60 Jahre lebst und ich trotzdem auf Dich nicht zu warten brauche.

So, mein Herz, genug für heute; es ist Nachmittag, und es ist ein merkwürdiges Gefühl, den Abend herannahen zu sehen, an dem vielleicht der Bote mit der Anklageschrift kommt, und sich zu sagen: Morgen um diese Zeit bin ich vielleicht schon tot. Man sollte sich das eigentlich immer sagen, aber man tut es eben nicht. Leb wohl, mein Herz, Gott behüte Dich und Deine Söhnchen und uns. J.

Freya an Helmuth James

8./9. Oktober 1944

Mein liebes Herz, da sitze ich in Kreisau an meinem Schreibtisch, habe seit gestern meine Augen über so vieles wandern lassen, was Dir sehr lieb und vertraut ist, und habe nur das gedacht und wie gerne ich es Dich sehen ließe. Gestern war ein milder zartfarbiger Herbsttag. Ach, mein Herz, ich werde mich immer, immer an Deiner Seite über die Felder gehen sehen.

Alles, was Du isst, mein Herz, kommt selbstverständlich aus Kreisau, außer den Semmeln.

Ich sprach Müller (Gestapo-Chef) Freitag eine halbe Stunde. Er versprach mir, Dich noch einmal zu sprechen, aber dass er Dich umbringen lassen will, ist keine Frage. Als ich einmal sagte, ich als Deine Frau halte sehr viel von Dir, sagte er, dabei solle ich sicher bleiben, aber ihnen dürfte ich nicht übelnehmen, dass sie Dich anklagen müssten. So war es. Hoffentlich hat es nichts verdorben! Er regte an, ich solle an Himmler und Hitler je einen Brief schreiben. Soll ich das?

Dein P. bin ich.

Helmuth James an Freya

10. Oktober 1944

Mein Lieber, gestern kamen die Esssachen von Dir an. Der Anblick richtiger Butter, die ich ja seit dem 17. 8. nicht mehr bekommen habe, hat etwas peinlich Beglückendes. Sind die Pfirsiche von dem kleinen Spalierbäumchen? Essen ist so eine angenehme Abwechslung am Tage, und ich rechne am Morgen damit, nach 36 Stunden, und am Abend, nach 24 Stunden tot zu sein.

Mein Herz, so sehr ich es mir verbiete, so befasst sich mein Kopf doch immer mit Deinem künftigen Leben. Und vielleicht kann ich doch eine Sache dazu sagen, ohne dass das schaden kann. Nach einiger Zeit kommt der Alltag, und das wird der schlimmste Augenblick sein. Du musst aber diesen Tiefpunkt durchwandern und den Schmerz ertragen. Versuche nicht, durch übermäßige Geschäftigkeit darüber hinwegzuhuschen.

Mein Herz, ich habe mich etwas gescheut, Dir das zu schreiben, weil es so nach Besitzerwillen über das Grab hinaus aussieht und weil es in etwa ein grausamer Rat ist, für mich billig, für Dich schwer.

insgesamt 3 Beiträge
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Klaus Moll, 23.12.2010
1.
Es ist eine eindringliche und für jemand, der diese Zeit erlebt hat völlig glaubwürdige und nachvollziehbare Dokumentation. Sie hat mich sehr berührt.
Tobias Mandelartz, 26.12.2010
2.
Ich hab´s in der "Print-Version" gelesen, im übervollen ICE, gestern, und es hat mich zu Tränen gerührt.
Rolf Augustin, 01.01.2011
3.
Bei dem Bild "Berghaus Kreisau" handelt es sich tatsächlich um "Schloss Kreisau", dem Gutshaus. Das echte "Berghaus" wird auf dem Bild "Widerstandstreffen in Kreisau" dargestellt. Ich habe beide vor einigen Jahren gesehen.
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