Widerstandsbriefe "Leben ist mehr als Überleben"

Nachlass von Joachim Wolfgang von Moltke

Von

5. Teil: "Trotzdem bin ich für jeden Tag dankbar"


Helmut James an Freya

28. Oktober 1944

Ich hatte große Lust mit Dir zu reden, weil ich traurig war. Es gab gar keinen Grund. Es ist aber so, dass dies Leben zwischen Tod und Leben eben anstrengend ist. Denn wenn man endlich zum Sterben ganz fertig und bereit ist, so kann man doch daraus keinen Dauerzustand machen. Das geht leider nicht; das Fleisch tut da nicht mit. So pendelt man zum Leben zurück, vielleicht nur wenig, man baut sich ein Kartenhaus, und dann, wenn man das merkt, reißt man es wieder ein, und das hat das Fleisch eben sehr ungern. Es ist auch ein Fall, wo Übung nicht den Meister macht; es bleibt immer ganz gleich unangenehm. So ist das eben heute mal wieder; dann zwei eklige Luftangriffe in der Nacht - immer so nah, dass man die großen Brocken runtersausen hörte und bei der Explosion die Scheiben zitterten -, dann Dunkelheit und Regen.

Freya an Helmuth James

3. November 1944

Mir geht es wirklich gut, und ich fühle mich glücklich und so fest mit Dir verbunden, dass ich einhergehe wie eine, die gut und glücklich und sorglos verheiratet ist. Wie ist das nur möglich mit solchen Aussichten! Mein Verstand versteht es nicht. Heute haben mir 2 Leute gesagt, die nichts von unserer Lage wussten, ich sähe gut aus. Wie kommt das nur? Es geht mir gut. Mein Jäm, und wie glücklich bin ich, wenn ich lese, dass es Dir sehr gut geht. Besseres gibt es für mich gar nicht. Dein P. bleibe ich immer.

Helmuth James an Freya

4./5. November 1944

Mein Lieber, ich verbringe meinen Tag jetzt hauptsächlich mit dem Schreiben des Schriftsatzes. Es ist wahrlich eine tollkühne Verteidigung: Ich bin immer und offen nicht Eurer Meinung gewesen und deswegen straffrei. Aber sie ist ja im Kern wahr und die einzige These, die überhaupt eine vernünftige Linie bietet. Aber das setzt voraus, dass ich im Termin glückhaft operiere und die angedeutete Linie erfolgreich verstärke und gegen Einzelangriffe verteidige. Jedenfalls sehe ich dem mit Spannung entgegen.

Was die Verzögerungen bedeuten, weiß ich nicht; ob augenblicklich überhaupt keine 20. 7.-Verfahren (Tag des Attentats auf Hitler) stattfinden? Da keine Hinrichtungen waren, möchte man das fast meinen.

Helmuth James an Freya

12./13. November 1944

Ich würde bitten, dem Hewel (Walther Hewel, Vertrauter Adolf Hitlers) noch zu sagen, er solle zweierlei anbringen, was die Familie aus Bescheidenheit in dem Gesuch an den Führer nicht gesagt hat:

a. dass sie schließlich an der Reichsgründung entscheidend beteiligt war.

b. dass Hans Adolf (deutscher Botschafter in Polen; gestorben 1943) mein Vetter und mit mir befreundet war.

Ich finde, dass man das Verdienst von Hans Adolf um das dritte Reich auch mit heranziehen soll.

Helmuth James an Freya

14. November 1944

Mein Lieber, heute Nacht habe ich furchtbar gerungen.

Der Kampf ging um die Gnadensache, und schließlich bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass das Gesuch schlecht und der Weg falsch ist. Ich sage das so brutal, mein Herz, weil ich glaube, dass Du es genauso gut ertragen kannst wie ich.

Es gibt nur ein Argument: Wir sind eine der großen Familien des Landes, und wenn die Familie sich geschlossen - auf dem Papier - vor mich stellt, dann ist das ein Argument: in dem einen Mann werden wegen der Geschlossenheit auch die übrigen betroffen, und alle zusammen können auf so große Verdienste verweisen, dass diese Gnade rechtfertigen.

Mach morgen ein ganz neues Gesuch mit Dix und besprich mit ihm genau, wie es vorgelegt werden soll. Dabei gibt es folgende Möglichkeit:

Gleichlautend an A. H. (Adolf Hitler) und Himmler. Das auf alle Fälle, scheint mir.

Frage? Das Exemplar an A. H. über Himmler

über Justizminister

über Freisler?

Das muss besprochen werden.

Mein armes Herz, das wird Dich sehr erschrecken. Lass es Dich nicht erschrecken.

insgesamt 3 Beiträge
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Klaus Moll, 23.12.2010
1.
Es ist eine eindringliche und für jemand, der diese Zeit erlebt hat völlig glaubwürdige und nachvollziehbare Dokumentation. Sie hat mich sehr berührt.
Tobias Mandelartz, 26.12.2010
2.
Ich hab´s in der "Print-Version" gelesen, im übervollen ICE, gestern, und es hat mich zu Tränen gerührt.
Rolf Augustin, 01.01.2011
3.
Bei dem Bild "Berghaus Kreisau" handelt es sich tatsächlich um "Schloss Kreisau", dem Gutshaus. Das echte "Berghaus" wird auf dem Bild "Widerstandstreffen in Kreisau" dargestellt. Ich habe beide vor einigen Jahren gesehen.
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