Widerstandsbriefe "Leben ist mehr als Überleben"

Nachlass von Joachim Wolfgang von Moltke

Von

6. Teil: "Dir - Liebe und Heimatlichkeit"


Freya an Helmuth James

15./16. November 1944

Ach, mein Jäm, ich weiß! Dass wir im Grunde genau auf der gleichen Stufe wie H. H. (Heinrich Himmler), A. H. und F. (Freisler) stehen, ist uns sehr klar. Ich wage deren Funktionen und deren Gewicht auf Gottes Waage nicht zu beurteilen. So einfach ist es sicher nicht, dass auch Gott ihre Wege so wie wir verurteilt. Es bleibt zum mindesten das: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun".

Helmuth James an Freya

19. November 1944

Ich fühle mich wegfertig. Aber das ändert nichts daran, dass mir das Sterben nicht leichtfällt; aber das Merkwürdige ist, dass es mir jedes Mal, wenn ich mich wieder darauf rüste, schwerer wird, Abschied zu nehmen. Es ist so, als wenn Du eine Holzschraube immer wieder einschraubst und dadurch der Gang etwas locker wird, so dass Du, wenn Du sie wieder einschraubst, eine Drehung tiefer schrauben musst, und das geht dann jedes Mal schwerer. Für Stauffenberg war das viel leichter: Geschwindigkeit ist eine Erleichterung. (Hitler-Attentäter Claus Stauffenberg wurde am 20. Juli 1944, am Tag des Attentats auf Hitler, hingerichtet.) Trotzdem bin ich für jeden Tag dankbar.

Helmuth James an Freya

5. Dezember 1944

Mein Herz, die Anklageschrift ist ein Wunder, denn der Angriff liegt vollkommen falsch. Von Vorbereitungshandlungen für 20. 7. ist keine Rede; eigentlich ist bei mir auch die Möglichkeit des Hochverrats bereits aufgegeben und es bleibt nur Defätismus. Nun muss man dazu Folgendes sagen: a. Defätismus, wenn er als erwiesen angenommen wird, reicht auch. b. Freisler wird es auf die Wahrheit gar nicht so ankommen. Also: Zu menschlicher Hoffnung ist gar kein Anlass. Aber, mein Herz, wir sind verpflichtet, diesen Vorgang als ein Zeichen dafür zu werten, dass Gott uns hört; es wäre eitel Unglaube, das nicht zu tun.

Helmuth James an Freya

5./6. Dezember 1944

Mein Herz, es ist sehr nahe an Weihnachten, wenn ich jetzt umgebracht werde, und ich zittere etwas für Dich, dass das dann noch gar nicht verdaut ist. Wappne Dich, mein Herz. Hoffentlich vermagst Du das, denn die vielen Kinder haben ja einen Anspruch auf eine fröhliche Weihnacht, auch wenn ihre Väter gerade umgebracht worden sind.

Freya an Helmuth James

24./25. Dezember 1944

Mein Lieber, der Tag ist zu Ende. Tausendmal sind meine Gedanken zu Dir geflogen, und immer haben sie Dich gefunden.

Mein liebes Herz. Wir haben einen ganz wunderhübschen Baum. Könntest du ihn sehen! Er ist zierlich, geht, nachdem wir ihn noch mit Büchern etwas erhöht haben, bis zur Spitze des Spiegels, ist ganz, ganz ebenmäßig gebaut, ganz und ganz schlank, ganz voll, ganz reizend ist er. In ihm hängen nun außer dem Lametta und weißen Kerzen eine ganze Menge von den kleinsten rotwangigen Äpfeln, die Du, mein Herz, jetzt immer isst. Das sieht wunderhübsch aus und ist so recht aus Kreisau. Am Abend vorher hatte mich die Verzweiflung gepackt, dass Deine alte Eisenbahn eben doch nur noch ein Wrack ist, trotz aller Reparaturen, aber wir haben sie dann ganz nebensächlich aufgebaut. Casparchen war halb tot vor Freude.

Ich möchte Dir die Liebe und Heimatlichkeit, den Weihnachtsglanz so gerne vermitteln, dieses alles, was schon unsere vergangenen Jahre so schön gemacht hat, und da bin ich traurig, dass Du in deiner Zelle es nicht sehen kannst, sonst bin ich nur dankbar.

Nach der Verhandlung am Volksgerichtshof und dem Todesurteil durch Freisler

insgesamt 3 Beiträge
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Klaus Moll, 23.12.2010
1.
Es ist eine eindringliche und für jemand, der diese Zeit erlebt hat völlig glaubwürdige und nachvollziehbare Dokumentation. Sie hat mich sehr berührt.
Tobias Mandelartz, 26.12.2010
2.
Ich hab´s in der "Print-Version" gelesen, im übervollen ICE, gestern, und es hat mich zu Tränen gerührt.
Rolf Augustin, 01.01.2011
3.
Bei dem Bild "Berghaus Kreisau" handelt es sich tatsächlich um "Schloss Kreisau", dem Gutshaus. Das echte "Berghaus" wird auf dem Bild "Widerstandstreffen in Kreisau" dargestellt. Ich habe beide vor einigen Jahren gesehen.
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