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22. Dezember 2010, 11:29 Uhr

Widerstandsbriefe

"Leben ist mehr als Überleben"

Von

Im Januar 1945 wurde der Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke von den Nazis hingerichtet. Nun werden die Briefe veröffentlicht, die er und seine Frau Freya sich in seinen letzten Wochen im Gefängnis schrieben. Sie lesen sich wie ein Lehrstück über Anstand, Moral und Liebe.

Ich jammere auch nicht, denn unser Leben müssen wir bereit sein einzusetzen. Ich billige alles, was Du tatest, aus Herzensgrund.

Freya an Helmuth James von Moltke 6. Januar 1945

Es ist ein Grab unter einer Wiese, einfach nur eine Wiese, mehr nicht. Auf dem Stein, 6000 Kilometer weit entfernt von der Heimat, auf dem Friedhof der Kleinstadt Norwich in Vermont, stehen beide Namen, Freya von Moltke und Helmuth James von Moltke, aber nur sie liegt hier begraben.

Freya von Moltke

29. März 1911 - 1. Januar 2010

Frau von

Helmuth James von Moltke

11. März 1907 - 23. Januar 1945

So hatte es sich Freya von Moltke gewünscht. Ihr Mann war 1945 von den Nazis in Berlin gehängt worden, die Henker kippten seine Asche auf einen Acker vor Berlin. Vor seiner Hinrichtung hatte Freya ihm das Versprechen gegeben, das gemeinsame Leben fortzusetzen, irgendwie.

Freya von Moltke war 1960 in die USA gegangen, nicht aus Protest gegen Deutschland, es hatte sich so ergeben. Sie hatte einen neuen Mann kennengelernt, ihn aber nie geheiratet. Sie mochte die sanfte Landschaft Neuenglands, die Holzhäuser mit den Veranden, den Indian Summer, das Land erinnerte sie an Schlesien. Dort hatte sie mit Helmuth James auf dem Gut Kreisau gelebt. Es ist in die Geschichte eingegangen als Treffpunkt vieler Hitler-Gegner, der Mitglieder des "Kreisauer Kreises".

Nach Kreisau hatte Helmuth James Graf von Moltke ab 1940 Vertraute eingeladen und mit ihnen eine neue Gesellschaftsordnung entworfen für die Zeit nach dem erwartbaren Zusammenbruch der NS-Diktatur. Zum Kreis gehörten Sozialdemokraten wie Julius Leber, aber auch Geistliche wie der evangelische Pfarrer Harald Poelchau oder der Jesuitenpater Alfred Delp; manche der etwa 20 Mitglieder schlossen sich - nachdem Moltke im Januar 1944 festgenommen worden war - den Hitler-Attentätern um Claus Schenk Graf von Stauffenberg an.

Fast 65 Jahre nach der Hinrichtung ihres Mannes starb Freya von Moltke Anfang des Jahres. Sie wurde 98 Jahre alt. Zu Weihnachten noch waren alle Enkel und Urenkel zu ihr gekommen. Sie hatte gekocht: Schweinefilets und Kartoffeln.

Nun ist es Ende November, und Helmuth Caspar von Moltke sitzt im Haus seiner Mutter, es ist der letzte Tag, an dem das Haus noch so aussieht, wie es immer war. Am folgenden Tag werden die Handwerker mit der Sanierung beginnen, das Haus soll ein Ferienort werden für die Familie. Im Wohnzimmer steht das schlichte Mobiliar der Mutter und ihres Partners Eugen Rosenstock-Huessy, eines Kulturphilosophen, mit dem Freya bis zu seinem Tod 1973 hier zusammenlebte.

Caspar von Moltke hat die Monate nach dem Tod der Mutter damit verbracht, die Abschiedsbriefe seiner Eltern zu edieren. Sie werden am 17. Januar als Buch im C.H. Beck-Verlag erscheinen. Jene Briefe, die sie sich von September 1944 bis zum Tag der Hinrichtung des Vaters am 23. Januar 1945 geschrieben haben. Es sind 184 sehr persönliche und erschütternde Schreiben: ein Gefühlssturm an der Grenze des Todes.

Freya von Moltke, die sich, wie ihr Sohn es nennt, "ungern decouvrierte", hatte sie zu ihren Lebzeiten nicht veröffentlichen wollen, im Herbst vergangenen Jahres gab sie die Originale ans Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Mit einer postumen Publikation aber war sie einverstanden. Sie wollte das Vermächtnis ihres Mannes am Leben erhalten.

In den achtziger Jahren hatte sie erlebt, was Briefe ihres Mannes bewirken können. Das Verhältnis der Deutschen zu den gescheiterten Helden des Widerstands gegen das Nazi-Regime war lange spröde geblieben, doch als im Jahr 1988 die "Briefe an Freya" erschienen, die Helmuth James in Kriegs- und Vorkriegszeiten an seine Frau geschrieben hatte, änderte sich dies. Längst schon gibt es zahlreiche Biografien über Moltke, und im kommenden Frühjahr wird Freyas 100. Geburtstags gedacht. Die "Abschiedsbriefe" aber ragen heraus aus dieser Flut.

Als Helmuth James von Moltke im Januar 1944 verhaftet wurde, ahnte das Paar, dass es sich wohl kaum wiedersehen würde. Die Moltkes versuchten, Nähe durch Schreiben herzustellen. Sie schrieben sich häufig, oft mehrmals am Tag, sie berichteten einander, wie die Gefängniswärter über Hitler lästern und was sich auf Kreisau tut, wie die Söhne Caspar und der jüngere Konrad spielen oder sich auf Weihnachten freuen. Es ist der Versuch, sich gegenseitig in das Leben des anderen hineinzuziehen. Die Briefe entwickeln einen fast literarischen Sog, es gibt eine Art von Anstand und Mut, die den Leser in ihrer Intensität fast peinlich berührt. Es sind Liebesbriefe und moralische Lehrstücke in einem, sie behandeln große Fragen: Was bedeutet der Tod? Kann Liebe den Tod besiegen? Wie verhält sich Gut zu Böse, Recht zu Unrecht, Liebe zu Leid?

Die Eheleute arbeiten an Helmuth James' Verteidigung für den Prozess. Beide haben Jura studiert, er hat als Anwalt in Berlin gearbeitet. Sie verfassen ein Gnadengesuch und überlegen, an wen sie es richten könnten. Heinrich Himmler, der Reichsführer-SS, galt immerhin als Bewunderer von Helmuth James' berühmtem Urgroßonkel, der als siegreicher Feldmarschall 1870/71 zur Gründung des Deutschen Reichs beigetragen hatte.

Entscheidend für die Verteidigung scheint beiden, dass Helmuth James nicht an den Vorbereitungen eines Umsturzes beteiligt gewesen war, anders als etwa Carl Friedrich Goerdeler oder Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 Hitler hatte umbringen wollen.

Da Moltke Monate vor dem 20. Juli verhaftet worden war, hoffen er und seine Frau, dass ihnen Richter Roland Freisler in diesem Punkt folgen würde. Doch sie wissen auch, dass Moltke fest mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes gerechnet und mit dem Kreisauer Kreis einen gesellschaftlichen und politischen Neubeginn geplant hatte. Das war belastend genug. "Defätisten" nannten die Nazis all jene, die am Sieg zweifelten.

Freya und Helmuth James von Moltke sind überrascht, wie lange es dauert, bis es zum Prozess kommt - andere sogenannte Kreisauer waren schnell hingerichtet worden. Was sie nicht wissen: Sie sind das einzige Ehepaar des Widerstands, das sich so intensiv hat verabschieden können. Ihr Glück war, dass Moltke ins Gefängnis Tegel verlegt worden war, wo sein Freund und Mitwisser Harald Poelchau als Gefängnispfarrer arbeitete. Poelchau schmuggelte die Briefe, und Freya versteckte sie in Kreisau im Bienenstock.

"Pim", "mein Lieber", "Kleiner" nannte Helmuth James seine Frau. Was sich genau für ein Spiel hinter der männlichen Ansprache verbarg, weiß nicht einmal der Sohn: "Ich habe keine Idee, woher der Pim kam", sagt er.

Seine Mutter sei durch die Monate des Abschieds von ihrem Mann "vorbereitet" gewesen auf ein neues Leben ohne ihren Mann, das habe sie noch kurz vor ihrem Tod so gesagt, erzählt der Sohn. Was ist wichtig? Leben ist mehr als Überleben.

Einen einzigen Brief hat Freya von Moltke im Haus behalten, den letzten, den ihr Mann am Tag seiner Hinrichtung geschrieben hat.

Der Brief vom 23. Januar klingt heiter, fast beiläufig. Seine Frau hat ihm noch antworten wollen, sie saß wie so oft bei den Poelchaus im Wohnzimmer und schrieb, als Poelchau ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbrachte. Sie brach ab.

Caspar von Moltke beendet seine Erzählung über die Eltern. Aus dem Schlafzimmer seiner Mutter holt er den letzten Brief seines Vaters. Er faltet das vergilbte Blatt auseinander und deutet auf die winzigen Buchstaben. "Erstaunlich, nicht? Ein so großer Mann mit einer so kleinen Schrift."

Dieser Brief hatte all die Jahre in Freya von Moltkes Nachttisch gelegen.

1. Teil: Leben ist mehr als Überleben

"Dein P. bin ich"

Freya an Helmuth James von Moltke

29. September 1944

Mein Jäm, mein Herz, mein Liebster, wie schön, dass ich Dir noch einmal richtig schreiben kann. Ich werde leben müssen, und das wird schwer sein, aber es wird gehen, denn ich werde Dich weiter lieben dürfen.

Die 15 Jahre, das war unser Leben, mein Jäm; was jetzt kommt, das wird ein Leben für die Söhnchen, für andere Menschen, für Dinge, ich weiß noch nicht, für was, aber mein, unser Leben, mein Herzensjäm, das ist nun hier zu Ende. Du hast es mir immer gesagt, dass Du früh sterben würdest. 7 Jahre länger hast Du mir versprochen, aber was tut schon Quantität. Es kommt auf die Qualität an. Wie gut, dass ich jede Minute mit Dir bewusst als ein Geschenk empfunden habe, dass ich mich um jede gerissen habe. Wir sind wirklich sehr reich und haben, davon bin ich überzeugt, das höchste Glück genossen, was es auf dieser Welt gibt. Wie gut, dass Du Dich doch zu mir entschlossen hast, wie gut, dass ich Dir für mich die Söhnchen entrissen habe. Ich werde alt und anders werden, aber in mir wirst Du immer drin bleiben, bis ich sterben und Dich so oder so wiederfinden darf.

Jetzt habe ich die ganze Zeit von mir gesprochen, und Du hast doch noch ein schweres Stück zu gehen, aber da Du nie gern gelebt hast, musst Du eigentlich die Aussicht auf Dein Lebensende nicht unangenehm finden. Mein Herz, Du hast mir ja immer gesagt, dass die Dir bevorstehende Form die beste Todesart sei. Hoffentlich ist es so und Du hast, mein Herz, keine Furcht.

Dein Leben erscheint mir schön und vollendet. Du stirbst für etwas, für das es sich zu sterben lohnt.

Um unser, der Söhnchen und mein Leben, machst Du Dir ja keine Sorgen. Ich fürchte mich gar nicht. Das werden wir schon fertigbringen, mit und ohne Kreisau, mit und ohne Geld, mit und ohne Kommunismus. Die Söhnchen werden schon richtig werden. Ich werde C.chen (Helmuth Caspar - Anm. d. Red.) sagen, Du seiest an Krankheit gestorben; wenn er größer ist, dann mehr. Solange es geht, werde ich an Kreisau kleben, denn das ist für alle die Heimat. Aber das wird sich alles finden.

Ich werde morgen wohl wieder nach Kreisau fahren und im Lauf der nächsten Woche wiederkommen. Dann bringe ich auch einen dicken Anzug mit. Ich habe hier bei P. (Harald Poelchau, der Gefängnispfarrer, in den Briefen meist mit "P." abgekürzt) in Frieden, unter Glück, Dankbarkeit und Tränen diesen Brief geschrieben, keinen bösen, sondern nur guten Tränen, mein Herz.

Dein P. bin ich. ("P." steht für Freyas Kosenamen Pim)

Helmuth James an Freya

1. Oktober 1944

Mein liebes Herz, mein Pim, mein Kleiner, unser Leben ist zu Ende. Dass dieser Preis vielleicht gezahlt werden müsste, haben wir beide gewusst.

Ich habe keine Furcht vor dem Tod und glaube, Euch in irgendeiner Form zu behalten, und ich habe animalische Angst vor dem Sterben. Ich würde der animalischen Angst und des Abschiedsschmerzes wohl Herr werden, wenn ich mich ganz in dies Schicksal ergäbe. Aber ich fühle mich verpflichtet, dagegen anzukämpfen, und dazu muss ich den Lebenswillen aufrechterhalten.

Helmuth James an Freya

6. Oktober 1944

Mein Lieber, mit großem Glück lese ich Deine Briefe immer wieder, tags und auch nachts, wenn ich aufwache. Denn wir steigen ja um 6 ins Bett und um 7 wieder heraus, weil wir um 6 gefesselt und um 7 wieder aufgeschlossen werden. Und so gibt es immer Zeiten in der Nacht, zu denen man wach ist. Da wir nur bei Licht schlafen, so sind das ganz vollwertige Stunden. Über die Fesselung brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Man gewöhnt sich vollkommen daran und wird auch mit Handschellen ganz geschickt.

Ich nehme bedenkenlos alles, weil es mich freut und weil ich denke, dass es mir vielleicht doch hilft, das Angebrülltwerden mit Gleichmut zu ertragen. Meine Diät von Honigsemmeln, Speck, Eiern und Zucker schlägt mir sehr gut an und tut sicher das ihre dazu, mich vergnügt zu erhalten. Ich esse nur Berge von diesen Schätzen, mein Herz, in der Hoffnung, dass Du es nachschaffen kannst, und in der Erwartung, dass es doch nur noch ein paar Tage dauern wird.

Glücklich war ich auch über Mantel und Wäsche, aber noch viel mehr über das Gefühl, dass Du mit mir unter einem Dach nur 100 m entfernt seist. Mir ist überhaupt Deine Anwesenheit in Berlin so angenehm, dass ich mich sozusagen zu Hause fühle. Bleib nur da, wenn es geht.

Auf Wiedersehen, mein sehr geliebtes Herz, so Gott will in dieser, sonst in jener Welt. Bewahre Dich ganz und unzerbrochen, auch wenn ich nicht mehr da bin.

"Du musst den Schmerz ertragen"

Helmuth James an Freya

8. Oktober 1944

Jetzt wäre es mir am wichtigsten, meine eigene Verteidigungslinie klarzubekommen. Ich habe sie kurz skizziert und hätte gerne ein strafrechtliches Urteil darüber. Aber abgesehen von dem Strafrecht möchte ich auch gerne taktische Hinweise haben: Wann kann man reden (bei Gericht)? Kann man zusammenhängend vortragen, oder soll man sich besser darauf beschränken, Fragen zu beantworten? Wie ist die jetzige Definition von Hochverrat und Defätismus?

Du siehst, dass ich mich ernsthaft mit der juristischen Seite meines Verfahrens befasse, obwohl ich mir klar bin, dass letzten Endes das alles nichts mit Jurisprudenz zu tun hat.

Aus Herrn Kant habe ich mit absoluter Sicherheit begriffen, dass alles Denken auf dieser Welt in den Begriffen von Zeit und Raum geschieht und dass beides für jede jenseitige Existenz nicht zutreffen kann.

Mit dem Tode tritt man dann aus dem Koordinatensystem von Zeit und Raum heraus, so dass wir, banal ausgedrückt, vielleicht "gleichzeitig" drüben ankommen, auch wenn Du noch 60 Jahre lebst und ich trotzdem auf Dich nicht zu warten brauche.

So, mein Herz, genug für heute; es ist Nachmittag, und es ist ein merkwürdiges Gefühl, den Abend herannahen zu sehen, an dem vielleicht der Bote mit der Anklageschrift kommt, und sich zu sagen: Morgen um diese Zeit bin ich vielleicht schon tot. Man sollte sich das eigentlich immer sagen, aber man tut es eben nicht. Leb wohl, mein Herz, Gott behüte Dich und Deine Söhnchen und uns. J.

Freya an Helmuth James

8./9. Oktober 1944

Mein liebes Herz, da sitze ich in Kreisau an meinem Schreibtisch, habe seit gestern meine Augen über so vieles wandern lassen, was Dir sehr lieb und vertraut ist, und habe nur das gedacht und wie gerne ich es Dich sehen ließe. Gestern war ein milder zartfarbiger Herbsttag. Ach, mein Herz, ich werde mich immer, immer an Deiner Seite über die Felder gehen sehen.

Alles, was Du isst, mein Herz, kommt selbstverständlich aus Kreisau, außer den Semmeln.

Ich sprach Müller (Gestapo-Chef) Freitag eine halbe Stunde. Er versprach mir, Dich noch einmal zu sprechen, aber dass er Dich umbringen lassen will, ist keine Frage. Als ich einmal sagte, ich als Deine Frau halte sehr viel von Dir, sagte er, dabei solle ich sicher bleiben, aber ihnen dürfte ich nicht übelnehmen, dass sie Dich anklagen müssten. So war es. Hoffentlich hat es nichts verdorben! Er regte an, ich solle an Himmler und Hitler je einen Brief schreiben. Soll ich das?

Dein P. bin ich.

Helmuth James an Freya

10. Oktober 1944

Mein Lieber, gestern kamen die Esssachen von Dir an. Der Anblick richtiger Butter, die ich ja seit dem 17. 8. nicht mehr bekommen habe, hat etwas peinlich Beglückendes. Sind die Pfirsiche von dem kleinen Spalierbäumchen? Essen ist so eine angenehme Abwechslung am Tage, und ich rechne am Morgen damit, nach 36 Stunden, und am Abend, nach 24 Stunden tot zu sein.

Mein Herz, so sehr ich es mir verbiete, so befasst sich mein Kopf doch immer mit Deinem künftigen Leben. Und vielleicht kann ich doch eine Sache dazu sagen, ohne dass das schaden kann. Nach einiger Zeit kommt der Alltag, und das wird der schlimmste Augenblick sein. Du musst aber diesen Tiefpunkt durchwandern und den Schmerz ertragen. Versuche nicht, durch übermäßige Geschäftigkeit darüber hinwegzuhuschen.

Mein Herz, ich habe mich etwas gescheut, Dir das zu schreiben, weil es so nach Besitzerwillen über das Grab hinaus aussieht und weil es in etwa ein grausamer Rat ist, für mich billig, für Dich schwer.

"Es war sehr lieb und ich wurde ganz wach"

Freya an Helmuth James

11. Oktober 1944

Mein Lieber, eben komme ich von dem Besuch bei Dir zurück. Ich saß im Wartezimmer und schickte alle Gedanken der Liebe zu Dir hinauf. Dann kam der freundliche Wachtmeister mit Deinen Sachen. Die Weste war warm von Dir und brachte mir, wenn nicht einen Kuss, so doch ein bisschen davon.

Ich war nun gestern bei Dix (Anwalt), um das zu erfragen, was Du wissen wolltest. Ich habe nur allgemein nach der Art der Verhandlungen und nach Freisler (Präsident des Volksgerichtshofs) gefragt. Das berichte ich Dir also zunächst. Ja, es ist eine ordnungsmäßige Verhandlung, und nach Dixens Ansicht wird das Urteil auch erst aufgrund der Verhandlung gefunden. Dix betonte, Freisler sei ein hervorragender "Inquirent" und frage sehr gründlich und vielseitig, lasse den Angeklagten auch sprechen, sei aber so temperamentvoll, dass er oft unterbreche. Über Freisler sagte er, er halte ihn für den klügsten Mann des ganzen Regimes, er sei ein Mordskerl und glänzender Verhandlungsführer. Einen Angeklagten, der nicht geistig auf der Höhe sei, zermalme er wie eine Boa constrictor ihr Opfer. Eine Verhandlung unter Freisler könne unter Umständen atemberaubend faszinierend sein. Er sei sehr gebildet und habe überhaupt Niveau. Er ist also ein match, was ich gar nicht gewusst hatte. Ich dachte, er brüllte nur. Dix ist dabei grundsätzlich unserer Meinung über ihn, aber mir scheint, man muss über seine Qualität doch Bescheid wissen. Ich habe persönlich noch das Bedürfnis, Dir zu sagen, Du möchtest Dir nur ja nichts gefallen lassen. Wenn er brüllt, dann brülle wieder! Ich finde es doch wichtig, dass Du groß aus der Sache hervorgehst. Du wirst mit Kühnheit sicher mehr bei ihm erreichen. Ich bin ja auch der Ansicht, dass Du Dich verteidigen musst bis zum Äußersten, aber schlängeln darfst Du Dich nicht. Diese Männer müssen zum mindesten merken, dass es sich um eine geistige Macht handelt, an die sie trotz allem nicht herankönnen. Ich umarme Dich zärtlich, mein Herzensjäm, denn ich liebe Dich ganz und gar und auch Deinen Leib, Deine Hände, Deinen Kopf, Dein Gesicht. In großer Liebe bin ich Dein P.

Helmuth James an Freya

14. Oktober 1944

Mein Lieber, mir ist ein neues Argument eingefallen. Ob es nicht möglich sei, mich zunächst einmal aufzusparen, einfach nicht zu vollstrecken und in ruhigeren Zeiten zu überlegen, ob man nicht mit mir etwas Besseres anfangen könnte, als mich aufzuhängen. Im Übrigen sei es doch auch so, dass ein nicht vollstrecktes, rechtskräftiges Todesurteil für mich eine ganz beachtliche Strafe sei, die überdies mich treffe, während ein sofort vollstrecktes Todesurteil vor allem Dich, aber unter diesen besonderen Umständen vielleicht auch ganz Deutschland treffe.

Mein liebes Herz, welch eine Zeit! Was für Frucht wird sie bringen. Werden wir etwas erworben haben, was es denen, die nach uns kommen werden, vor allem unseren Söhnchen, leichter macht zu erkennen, neue Untiefen zu messen und neue Höhen zu erklimmen? Oder ist jeder Einzelne so sehr ein selbständiger Gedanke Gottes, dass er alles nur für sich alleine tut, leidet, erringt, sät, erntet?

Helmuth James an Freya

26. Oktober 1944

Mein Herz, heute im Halbschlaf hatte ich einen merkwürdigen Gedanken, halb Gedanke, halb Traum. Ich kam zur Hinrichtung nach Plötzensee, und da sagte der Henker: "Wie soll ich denn den Linken alleine hinrichten ohne den Rechten; das geht ja nicht." Und als man mich ansah, da warst Du an meiner rechten Seite angewachsen, wie die Siamesischen Zwillinge, so dass eine Hinrichtung unmöglich war. Es war sehr lieb und ich wurde ganz wach.

"Trotzdem bin ich für jeden Tag dankbar"

Helmut James an Freya

28. Oktober 1944

Ich hatte große Lust mit Dir zu reden, weil ich traurig war. Es gab gar keinen Grund. Es ist aber so, dass dies Leben zwischen Tod und Leben eben anstrengend ist. Denn wenn man endlich zum Sterben ganz fertig und bereit ist, so kann man doch daraus keinen Dauerzustand machen. Das geht leider nicht; das Fleisch tut da nicht mit. So pendelt man zum Leben zurück, vielleicht nur wenig, man baut sich ein Kartenhaus, und dann, wenn man das merkt, reißt man es wieder ein, und das hat das Fleisch eben sehr ungern. Es ist auch ein Fall, wo Übung nicht den Meister macht; es bleibt immer ganz gleich unangenehm. So ist das eben heute mal wieder; dann zwei eklige Luftangriffe in der Nacht - immer so nah, dass man die großen Brocken runtersausen hörte und bei der Explosion die Scheiben zitterten -, dann Dunkelheit und Regen.

Freya an Helmuth James

3. November 1944

Mir geht es wirklich gut, und ich fühle mich glücklich und so fest mit Dir verbunden, dass ich einhergehe wie eine, die gut und glücklich und sorglos verheiratet ist. Wie ist das nur möglich mit solchen Aussichten! Mein Verstand versteht es nicht. Heute haben mir 2 Leute gesagt, die nichts von unserer Lage wussten, ich sähe gut aus. Wie kommt das nur? Es geht mir gut. Mein Jäm, und wie glücklich bin ich, wenn ich lese, dass es Dir sehr gut geht. Besseres gibt es für mich gar nicht. Dein P. bleibe ich immer.

Helmuth James an Freya

4./5. November 1944

Mein Lieber, ich verbringe meinen Tag jetzt hauptsächlich mit dem Schreiben des Schriftsatzes. Es ist wahrlich eine tollkühne Verteidigung: Ich bin immer und offen nicht Eurer Meinung gewesen und deswegen straffrei. Aber sie ist ja im Kern wahr und die einzige These, die überhaupt eine vernünftige Linie bietet. Aber das setzt voraus, dass ich im Termin glückhaft operiere und die angedeutete Linie erfolgreich verstärke und gegen Einzelangriffe verteidige. Jedenfalls sehe ich dem mit Spannung entgegen.

Was die Verzögerungen bedeuten, weiß ich nicht; ob augenblicklich überhaupt keine 20. 7.-Verfahren (Tag des Attentats auf Hitler) stattfinden? Da keine Hinrichtungen waren, möchte man das fast meinen.

Helmuth James an Freya

12./13. November 1944

Ich würde bitten, dem Hewel (Walther Hewel, Vertrauter Adolf Hitlers) noch zu sagen, er solle zweierlei anbringen, was die Familie aus Bescheidenheit in dem Gesuch an den Führer nicht gesagt hat:

a. dass sie schließlich an der Reichsgründung entscheidend beteiligt war.

b. dass Hans Adolf (deutscher Botschafter in Polen; gestorben 1943) mein Vetter und mit mir befreundet war.

Ich finde, dass man das Verdienst von Hans Adolf um das dritte Reich auch mit heranziehen soll.

Helmuth James an Freya

14. November 1944

Mein Lieber, heute Nacht habe ich furchtbar gerungen.

Der Kampf ging um die Gnadensache, und schließlich bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass das Gesuch schlecht und der Weg falsch ist. Ich sage das so brutal, mein Herz, weil ich glaube, dass Du es genauso gut ertragen kannst wie ich.

Es gibt nur ein Argument: Wir sind eine der großen Familien des Landes, und wenn die Familie sich geschlossen - auf dem Papier - vor mich stellt, dann ist das ein Argument: in dem einen Mann werden wegen der Geschlossenheit auch die übrigen betroffen, und alle zusammen können auf so große Verdienste verweisen, dass diese Gnade rechtfertigen.

Mach morgen ein ganz neues Gesuch mit Dix und besprich mit ihm genau, wie es vorgelegt werden soll. Dabei gibt es folgende Möglichkeit:

Gleichlautend an A. H. (Adolf Hitler) und Himmler. Das auf alle Fälle, scheint mir.

Frage? Das Exemplar an A. H. über Himmler

über Justizminister

über Freisler?

Das muss besprochen werden.

Mein armes Herz, das wird Dich sehr erschrecken. Lass es Dich nicht erschrecken.

"Dir - Liebe und Heimatlichkeit"

Freya an Helmuth James

15./16. November 1944

Ach, mein Jäm, ich weiß! Dass wir im Grunde genau auf der gleichen Stufe wie H. H. (Heinrich Himmler), A. H. und F. (Freisler) stehen, ist uns sehr klar. Ich wage deren Funktionen und deren Gewicht auf Gottes Waage nicht zu beurteilen. So einfach ist es sicher nicht, dass auch Gott ihre Wege so wie wir verurteilt. Es bleibt zum mindesten das: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun".

Helmuth James an Freya

19. November 1944

Ich fühle mich wegfertig. Aber das ändert nichts daran, dass mir das Sterben nicht leichtfällt; aber das Merkwürdige ist, dass es mir jedes Mal, wenn ich mich wieder darauf rüste, schwerer wird, Abschied zu nehmen. Es ist so, als wenn Du eine Holzschraube immer wieder einschraubst und dadurch der Gang etwas locker wird, so dass Du, wenn Du sie wieder einschraubst, eine Drehung tiefer schrauben musst, und das geht dann jedes Mal schwerer. Für Stauffenberg war das viel leichter: Geschwindigkeit ist eine Erleichterung. (Hitler-Attentäter Claus Stauffenberg wurde am 20. Juli 1944, am Tag des Attentats auf Hitler, hingerichtet.) Trotzdem bin ich für jeden Tag dankbar.

Helmuth James an Freya

5. Dezember 1944

Mein Herz, die Anklageschrift ist ein Wunder, denn der Angriff liegt vollkommen falsch. Von Vorbereitungshandlungen für 20. 7. ist keine Rede; eigentlich ist bei mir auch die Möglichkeit des Hochverrats bereits aufgegeben und es bleibt nur Defätismus. Nun muss man dazu Folgendes sagen: a. Defätismus, wenn er als erwiesen angenommen wird, reicht auch. b. Freisler wird es auf die Wahrheit gar nicht so ankommen. Also: Zu menschlicher Hoffnung ist gar kein Anlass. Aber, mein Herz, wir sind verpflichtet, diesen Vorgang als ein Zeichen dafür zu werten, dass Gott uns hört; es wäre eitel Unglaube, das nicht zu tun.

Helmuth James an Freya

5./6. Dezember 1944

Mein Herz, es ist sehr nahe an Weihnachten, wenn ich jetzt umgebracht werde, und ich zittere etwas für Dich, dass das dann noch gar nicht verdaut ist. Wappne Dich, mein Herz. Hoffentlich vermagst Du das, denn die vielen Kinder haben ja einen Anspruch auf eine fröhliche Weihnacht, auch wenn ihre Väter gerade umgebracht worden sind.

Freya an Helmuth James

24./25. Dezember 1944

Mein Lieber, der Tag ist zu Ende. Tausendmal sind meine Gedanken zu Dir geflogen, und immer haben sie Dich gefunden.

Mein liebes Herz. Wir haben einen ganz wunderhübschen Baum. Könntest du ihn sehen! Er ist zierlich, geht, nachdem wir ihn noch mit Büchern etwas erhöht haben, bis zur Spitze des Spiegels, ist ganz, ganz ebenmäßig gebaut, ganz und ganz schlank, ganz voll, ganz reizend ist er. In ihm hängen nun außer dem Lametta und weißen Kerzen eine ganze Menge von den kleinsten rotwangigen Äpfeln, die Du, mein Herz, jetzt immer isst. Das sieht wunderhübsch aus und ist so recht aus Kreisau. Am Abend vorher hatte mich die Verzweiflung gepackt, dass Deine alte Eisenbahn eben doch nur noch ein Wrack ist, trotz aller Reparaturen, aber wir haben sie dann ganz nebensächlich aufgebaut. Casparchen war halb tot vor Freude.

Ich möchte Dir die Liebe und Heimatlichkeit, den Weihnachtsglanz so gerne vermitteln, dieses alles, was schon unsere vergangenen Jahre so schön gemacht hat, und da bin ich traurig, dass Du in deiner Zelle es nicht sehen kannst, sonst bin ich nur dankbar.

Nach der Verhandlung am Volksgerichtshof und dem Todesurteil durch Freisler

"Und dabei bleibt's"

Helmuth James an Freya

12./13. Januar

Mein Herz, bleierne Müdigkeit hat mich jetzt überfallen. Das ständige Hoch drei Tage lang hat mich eben erschöpft, zumal ich drei Nächte nur mit Pillen geschlafen habe, weil ich über Tag immerzu Kaffee trank, Coffein und Kaffeebohnen aß.

Mein Armer, Dein Brief von gestern Abend und heute früh zeigt mir, wie anstrengend das alles für Dich war. Es ist eben viel schwieriger zuzuschauen, als betroffen zu sein. Nun, so hoffe ich, ist das überstanden. Der Termin ist vorbei, und ich kann deswegen ruhig an die Gnadensache denken und Dir dabei helfen. So will ich mal anfangen zu schreiben, was mir so alles einfällt. Ich jedenfalls bin gegen "Haltung". Trauer ist Trauer und Schmerz ist Schmerz, und man braucht sich keines zu schämen. Haltung verhärtet leicht das Herz, und für Dich wäre das ganz unmöglich. Du darfst nie denken, Du seiest "mir eine gute Haltung schuldig".

Freya an Helmuth James

19. Januar 1945

Mein liebes Herz. Um 3 war ich bei Müller (Gestapo-Chef). Er fing gleich so an, dass er sagte, man/ich könne gar nichts mehr für Dich tun, denn Du seiest ein Hochverräter, und es ginge nicht, dass die lebten und an der Front die anderen für D'land stürben. Das könne auch kein Reichsführer und selbst kein Führer ändern, denn die hätten darin - dem Sinn nach - keinen eigenen Willen mehr.

Kurz, mein Herz, dieser "mächtige" Mann hat ein sehr tiefes persönliches Ressentiment gegen Dich. Wird das H. H. nicht teilen?

Lieber! Mit Recht haben sie es! Gut, dass sie es haben, denn mit denen gibt es keinen Kompromiss! - Dass er mit mir persönlich so sehr freundlich war, war mir so unangenehm. "Hätte er sich Ihnen nur mehr untergeordnet." Das mochte ich gar nicht hören.

Ich nehme Dich mit und bleibe Dir nah in großer, heißer, starker, ungetrübter und so Gott will unangefochtener Liebe. P.

Todestag

Helmuth James an Freya

23. Januar 1945

Mein Lieber, wie schön zu wissen, dass Du da bist. Wie sehr lieb. Eben brachte (der Wachtmeister) mir frisches Fleisch, Schlagsahne und Semmeln.

Sonst nichts anderes als dass ich Dich, mein sehr liebes Herz, sehr lieb habe und dabei bleibt's. J.

Freya an Helmuth James

23. Januar 1945

Wie fest trage ich Dich bei mir mein Herz, ganz ganz fest und mit der felsenfesten Sicherheit, dass daran auch Dein Tod nichts ändern kann.

Ich werde mir jetzt noch eine Sprecherlaubnis besorgen (Brief bricht ab.)

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