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23. Mai 2013, 10:11 Uhr

In sieben Schritten

Wie Aliens den Eurovision Song Contest erfanden

Per Wikipedia durch die Weltgeschichte: Jeden Monat wühlt sich Danny Kringiel durch die uferlose Online-Enzyklopädie - und entdeckt auf einer absurden Zeitreise, dass absolut alles mit absolut allem zu tun hat.

1. Teil: Außerirdische mit Blutdurst

Das Wolkenvolk nannten sich die Zapoteken, Ureinwohner, die bereits um 1500 vor Christi erste Siedlungen im Süden Mexikos errichteten. Denn sie glaubten fest daran, dass ihre Vorfahren keine Menschen gewesen waren, sondern übernatürliche Wesen, die in den Wolken lebten. Über Jahrhunderte fristeten die Zapoteken ein beschauliches Leben im Tal von Oaxaca. Sie bauten Mais an, fertigten kunstvolle Töpferwaren und erbrachten gelegentlich das eine oder andere Menschenopfer. Und ging dieses beschauliche Leben einmal seinem Ende entgegen, stiegen sie einfach zu ihren außerirdischen Vorfahren auf - so jedenfalls ihre Erwartungshaltung.

Berühmtester Vertreter dieses Volkes wurde erstaunlicherweise nicht E.T. oder das Roswell-Alien,...

Kleinwüchsiger Gigant

...sondern der liberale Politiker Benito Juárez Garcia, der trotz seiner ungewöhnlich kleinen Statur (er maß nur 1,35 Meter) bis heute von vielen Mexikanern als größter Staatsmann angesehen wird, den ihr Mutterland je hervorgebracht hat.

Als Justizminister nahm Garcia in der Mitte des 19. Jahrhunderts tiefgreifende politische Veränderungen in Mexiko vor, die als "la Reforma" in die Geschichte des Landes eingingen: So führte er die strikte Trennung von Kirche und Staat ein, erkämpfte die Religionsfreiheit und die Zivilehe und ließ die Klöster auflösen. Noch heute zollt die Prunkstraße von Mexiko-Stadt, die Paseo de la Reforma, Garcias politischem Lebenswerk Tribut.

Doch nicht nur die Mexikaner bewunderten Garcia, auch...

Schicksalsschmied

...jenseits des Atlantiks hinterließ das politische Lebenswerk Benito Juárez Garcias tiefe Spuren: So verehrte etwa ein verarmter Schmied namens Alessandro aus dem kleinen italienischen Städtchen Montemaggiore di Predappio den mexikanischen Politiker. So sehr sogar, dass der leidenschaftliche Sozialist seinen am 29. Juli 1883 geborenen Sohn nach seinem politischen Vorbild Benito nannte. Natürlich wurde der kleine Benito von klein auf gemäß der sozialistischen Ideale seines Vaters erzogen, doch...

Rechtsabbieger auf Kriegskurs

...seine politische Haltung sollte in späteren Jahren eine radikale Wende durchmachen: Denn obwohl Benito Mussolini zunächst - nach einer kurzen Laufbahn als Grundschullehrer - ab 1909 politische Karriere als Sozialistenführer machte, wandte er sich bereits fünf Jahre später einer radikal rechtsgerichteten Politik zu, die bestimmt war von Nationalismus und Kriegsverherrlichung.

Mit den von ihm gegründeten Fasci Italiani di Combattimento, den "italienischen Kampfbünden", riss Mussolini 1922 die Macht in Italien an sich und wurde zum Urvater des Faschismus - dem "Duce", wie die Italiener ihren Führer bald ehrerbietig nannten. Ein Führer, der sie geradewegs in den Abgrund führen sollte, denn...

Das Imperium fällt zurück

...1939 trat Italien unter Mussolini in den Zweiten Weltkrieg ein. Ein Krieg, der seine Spuren hinterlassen sollte. Denn nach Kriegsende war nicht nur Mussolinis Vision von einem Neuen Römischen Imperium rund um das Mittelmeer gescheitert und der einstige "Duce" von seinen Widersachern hingerichtet und seine Leiche öffentlich ausgestellt worden. Auch Italien schien nach Mussolinis Kriegstreiberei dem Ende nahe: Das in Trümmern liegende Land lag auch wirtschaftlich am Boden. Daher...

Singen gegen Armut

...bemühten die Italiener sich nach Kräften, die darbende Wirtschaft wieder anzukurbeln - mitunter auf ungewöhnliche Weise: In der Stadt Sanremo etwa kam man auf die Idee, ein Musikfestival zu veranstalten, um Besucher in die Stadt zu locken und die örtlichen Geschäfte wieder auf Touren zu bringen.

Vom 29. bis zum 31. Januar 1951 wurde diese Idee erstmals in die Tat umgesetzt: Im Casino der Stadt wurde das Sanremo-Festival abgehalten. Im Rahmen dieses Songschreiber-Wettbewerbs wurden 20 Lieder verschiedener Komponisten von den italienischen Sängern Nilla Pizzi und Achille Togliani vorgetragen und der beste Song prämiert.

Das im italienischen Rundfunk übertragene "Festival della Canzone Italiana" wurde ein voller Erfolg - und eine bleibende Institution: Von Jahr zu Jahr wurde der Musikwettbewerb in der ligurischen Stadt größer, zog mehr Publikum und Stars an. Schon bald ging das Interesse über die Grenzen Italiens hinaus, denn...

Singen für Arme

...nur wenige Jahre später fühlte sich 1956 die Europäische Rundfunkunion (EBU) durch das Sanremo-Festival dazu inspiriert, einen ganz ähnlichen Wettbewerb ins Leben zu rufen: den "Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea" - der Jahre später in Eurovision Song Contest (ESC) umgetauft werden sollte.

Und nur am Rande: Die Beliebtheit des Wettbewerbs nahm in Europa zwar von Jahr zu Jahr zu - aber nicht unbedingt die der deutschen Beiträge. 1996 etwa schied der deutsche Titel, "Planet of Blue" von dem Münchner Friseur Leon, bereits bei einer Juryvorauswahl aus. Die ARD beschloss nach dieser Schmach, den Wettbewerb gar nicht auszustrahlen - ein Mediendebakel für den ESC.

Um aber Deutschland als finanzstarkes Mitgliedsland der EBU nicht zu verprellen, wurde eine neue Regelung eingeführt, nach der die Teilnehmer der EBU-Mitglieder mit dem größten Anteil am Etat grundsätzlich am Finale teilnehmen. Ganz gleich, wie miserabel ihr Lied auch ankommen sollte.

Dass man sich Beliebtheit jedoch letztlich nicht kaufen kann, stellten in diesem Jahr Deutschlands ESC-Vertreter Cascada deutlich unter Beweis - und belegten mit "Glorious" einen wenig glorreichen 21. Platz.

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