Wie Kurt Hillmann den Naziterror überlebte "Musst ja nicht jedem erzählen, dass du Jude bist"

Jemanden abholen bedeutet umbringen - Kurt Hillmann wusste das als jüdischer Junge in Berlin. 1944 konnte er in einem Heim für tuberkulosekranke Kinder untertauchen und musste auch hier vorsichtig sein.

privat

Aufgezeichnet von Barbara Halstenberg


Meine Erinnerungen an die Kindheit und frühe Jugend sind davon geprägt, dass ich immer vorsichtig sein musste, wo ich hinging, mit wem ich sprach und was ich sagte - um mich nicht zu verraten. Ich bin 1933 in Berlin geboren, meine Mutter war eine Jüdin aus Polen, mein Vater galt als Arier. Ich besuchte einen jüdischen Kindergarten und eine jüdische Schule. All das brachte mit sich, dass ich verfolgt wurde.

Auf dem Weg zur Schule verprügelten mich die Jungen der anderen Schulen. Mein Vater versuchte, mich in einer anderen Schule unterzubringen, aber einen Juden nahmen sie nicht auf. So blieb ich zu Hause und las Abenteuerbücher. Ich machte all die Erfahrungen, die ein Kind als Außenseiter machen kann, ein Kind, das eigentlich gar nicht in die Gesellschaft gehört, das weg muss. Das habe ich täglich erlebt. Das ist die Kurzform meiner Geschichte.

Ich erinnere mich: Meine Mutter handelte auf Berliner Wochenmärkten mit Wäsche. Einmal bekam ich mit, wie sie beschimpft und ihr Stand verwüstet wurde. Niemand half ihr. Das passierte ihr noch ein paar Mal, dann gab sie den Stand auf. Wenn man so etwas schon im Kindergartenalter erlebt, prägt das sehr. Mutter und ich bekamen dann die Kennkarte mit dem Buchstaben "J" und hätten eigentlich den Stern tragen müssen. Aber Vater hatte verkündet: "Das machen wir nich!" Also trugen wir keinen Stern, was kreuzgefährlich war. Mit den jüdischen Lebensmittelkarten durften wir nur zwischen vier und fünf Uhr nachmittags einkaufen gehen.

Mein Vater hatte durch seinen Tischlereibetrieb gute Verbindungen. Bei einigen Lebensmittelhändlern, für die er arbeitete, tauschte er unsere jüdischen Lebensmittelmarken gegen normale Karten. Das erleichterte mir das Einkaufen, das ich übernommen hatte, nachdem meine Mutter an Tuberkulose erkrankt war. Kein Arzt wollte sie behandeln. Juden durften nur von jüdischen Ärzten behandelt werden, aber jüdische Ärzte gab es nicht mehr.

"Du siehst ja, was passiert!" Und ich sah es

Als ich einmal Zahnschmerzen hatte, plombierten mir zwei jüdische Zahnmedizinstudenten meinen Zahn heimlich auf der Toilette in ihrer Wohnung. Keiner sollte etwas merken. Die Ärzte ließen die Juden erst gar nicht in die Praxis. Wir mussten allein zurechtkommen.

Bei uns zu Hause wurde ganz offen geredet. Mutter und Vater hatten mir gesagt: "Musst ja nicht jedem erzählen, dass du Jude bist. Du siehst ja, was passiert!" Na klar sah ich, was passierte. Dauernd. Jeden Tag auf der Straße. Die Lastwagen fuhren vor, die Leute wurden aus ihren Häusern geholt, rauf auf den Lastwagen, mit Koffer, ohne Koffer. Die Einstellung "Vorsichtig sein!" bekam ich schnell mit. Ich bin heute noch vorsichtig, damals entwickelte ich dafür Antennen.

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Zeitzeuge Kurt Hillmann: Überleben in Berlin

Ich hatte zwei gute Freunde aus der jüdischen Schule. Der eine, Gerd Abraham, lebte nur noch mit seinem jüdischen Vater zusammen, nachdem sich die "arische" Mutter hatte scheiden lassen. Auch mein Vater hatte bereits ein Schreiben bekommen, er solle sich von Mutter scheiden lassen - ansonsten würden sie ihn zur Armee einziehen, obwohl er kriegsgeschädigt aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen war. Aber Vater ließ sich nicht scheiden. Er sagte: "Sobald ich das mache, ist das die Freigabe für euch in die Konzentrationslager."

Mein Freund Gerd tat mir leid. Er war oft allein, wartete den ganzen Tag auf seinen Vater, der in einer Fabrik zwangsverpflichtet war. Wir trafen uns fast jeden Tag, und wenn wir beim Bäcker für fünf Pfennig Kuchenkrümel kauften, fanden wir das wunderbar. Eines Tages sagte Gerd zu mir: "Komm morgen vorbei und nimm dir meinen Ball mit, den schenk ich dir." Seinen Ball hatte ich schon immer bewundert. Als ich am nächsten Tag zu ihm nach Hause kam, war die Wohnungstür bereits versiegelt. Sie hatten Vater und Sohn abgeholt. Ende.

Mein anderer Freund, Lutz Knobloch, wohnte mit seiner gutbürgerlichen Familie gegenüber in einem vornehmen Haus. Die Familie lebte nach dem jüdischen Ritus. Ich feierte mit ihnen das Laubhütten- und das Pessachfest, freitags manchmal den Sabbat. Das war meiner Mutter wichtig. Vater wollte das eigentlich nicht, er war Kommunist.

Auch Knoblochs wurden abgeholt. Als ich sie wieder besuchen wollte, war das Siegel an der Tür. Lutz Knobloch und seine Familie wurden in Ausschwitz ermordet, Gerd Abraham und sein Vater in Minsk. Ich hatte dann lange keine richtigen Freunde mehr.

Wir halfen anderen bei der Flucht

Eines Tages zog Karla zu uns. Sie war so alt wie ich. Ihre Eltern waren bereits ausgewandert, Karla und ihre Großmutter hätten nachkommen sollen. Aber dann war es zu spät, sie durften nicht mehr ausreisen. Karla war für mich wie eine Schwester, wir schliefen in einem Zimmer und verstanden uns gut. Sie war vielleicht ein Jahr bei uns, dann wurden sie abgeholt. Ihre Oma hatte eine Benachrichtigung bekommen und wollte nicht allein gehen.

Ich wusste, wo die Leute hinkommen, die abgeholt wurden. Sie kommen in ein Konzentrationslager und werden dort umgebracht - das war ganz klar für mich. Jemanden abholen hieß so viel wie umbringen. Und das konnte man sehen. Jeden Tag irgendwo. Das war nicht nachts, nicht geheimnisvoll, das war richtig offen. Ich spürte die ständige Bedrohung.

Als ich etwa neun Jahre alt war, begann die Zeit, als jüdische Bekannte bei uns Zuflucht suchten. Sie wohnten ein paar Tage bei uns, dann brachte ich sie mit dem Zug raus aus der Stadt. Immer zu einer anderen Adresse. Äußerlich war ich der Typ eines richtigen arischen Jungen: groß und blond. Eine Begleitperson wie ich war ideal. Ich fand mich in Berlin gut zurecht und wusste Bescheid, wie man sich benehmen musste, um nicht aufzufallen.

Kurt Hillmann: "Faschismus darf sich nicht wiederholen!"
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Kurt Hillmann: "Faschismus darf sich nicht wiederholen!"

Einmal suchte eine Frau mit einem kleinen Kind bei uns Schutz. Das Mädchen wollte spielen und in der Wohnung umherrennen. Aber wir mussten aufpassen, denn über uns wohnte ein strammer Nazi in SA-Uniform. Ich spielte mit der Kleinen, um sie ruhig zu halten, und dachte inständig: "Na, hoffentlich geht's gut!" Nach zwei oder drei Tagen brachte ich sie raus aus der Stadt. Wieder in ein anderes Haus. Wir hörten nie wieder etwas von ihnen - verschollen, weg.

Später als Erwachsener wurde mir klar, dass meine Eltern zu einem Netzwerk gehörten, in dem sich Menschen untereinander geholfen haben, Verfolgte unterzubringen. Diesen vielen Unbekannten müssen wir ein großes Danke sagen. Sie haben geholfen, Leben zu retten.

Mein Zittern begann mit den Fliegeralarmen

Ich habe noch gar nicht vom Krieg erzählt. Der Krieg war ein unangenehmes Nebenbei, wenn ich es heute betrachte. Eigentlich erstaunlich, denn der Krieg in Berlin war schlimm. Bei den heftigen Bombenangriffen fielen die Häuser in sich zusammen und verschütteten die Menschen unter sich. Bei Fliegeralarm durften Mutter und ich nicht in den Keller. Wir mussten auf der Vorkellertreppe sitzen bleiben. So hatte es der Blockwart bestimmt. Vater war im Ersten Weltkrieg in einem Unterstand verschüttet gewesen und ging deswegen nie in den Keller.

Ich erinnere mich an eine Bombennacht. Mutter und ich mussten die Treppe vor dem Keller verlassen. Wir liefen durch die Straßen unseres Viertels am Alexanderplatz, rechts und links brannten alle Häuser. Die Leute rannten wild umher. Ein Geschrei! Wir trugen Schutzbrillen, um die Augen vor dem Feuer zu schützen. Vor unsere Münder hielten wir feuchte Tücher, damit wir besser atmen konnten. So hatte es uns Vater gesagt.

Wir wurden oft nachts vom Alarm geweckt. Beim Anziehen zitterte ich immer. Heute hat sich das Zittern zu einem Tremor ausgeweitet. Es ist schwierig für mich, eine Tasse Kaffee in der Hand zu halten. Mein Zittern fing mit der Zeit der Fliegeralarme an: die Angst vor den Bombenangriffen, die ständige Angst, abgeholt zu werden.

Mutter wurde wegen ihrer Krankheit immer schwächer. Die Hauswirtschaft fiel ihr schwer, also übernahm ich das Einkaufen. Mutter versuchte vergebens, in ein Heim für Tuberkulosekranke zu kommen, aber Juden wurden dort nicht aufgenommen. Es wäre ihre Chance auf eine Heilung gewesen. Die einzige. Diese Zeit war schlimm für mich.

Im Oktober 1944 bekam ich eine Postkarte, ich solle mich in einem Lager für Mischlingskinder in Österreich einfinden. Für Vater war sofort klar, dass dort die Kinder aus Mischehen versammelt werden sollten, um sie später beiseiteschaffen zu können. Er sagte: "Jetzt müssen wir handeln!" Durch seine Arbeit hatte Vater auch Beziehungen zum Bezirksamt. So kam es, dass ich von der Lagerliste der Mischlingskinder gestrichen wurde und auf eine Liste mit tuberkulosekranken Kindern für ein Heim im Allgäu kam. Damit verschwand ich aus Berlin.

Ich berichte in Schulen, solange ich noch kann

Das Leben im Heim war wunderbar. Wir wurden von Nonnen betreut, von denen ich nur Bestes sagen kann. Wir machten Liegekuren und Spaziergänge in der Natur, es gab ein paar Stunden Unterricht. Aber nun kam eine Prüfung anderer Art auf mich zu. Ich teilte das Zimmer mit zwei Jungen. Der Vater des einen war beratender Ingenieur von Hitlers Architekten Albert Speer, der des anderen ein höherer SS-Offizier. Ich durfte mich nicht verraten, wollte aber auch mitreden. Es klappte gut, keiner schöpfte Verdacht. Ich glaube, die Nonnen wussten, wer ich war, ließen sich aber nichts anmerken.

Mit Mutter hatte ich anfangs noch Briefkontakt. Weil sie wegen ihrer fortgeschrittenen Krankheit nicht mehr allein zu Hause bleiben konnte, pflegte eine Bekannte sie. Deren Mann, ein Blockwart, war wie eine schützende Hand für meine Mutter. Zwei Briefe von Mutter sind alles, was mir von ihr geblieben ist. Kurz nach meiner Ankunft im Allgäu starb sie an den Folgen ihrer Krankheit. Das erzählte mir Vater bei seinem einzigen Besuch im Februar 1945. Beim Abschied sagte er: "Nun müssen wir gucken, wie wir das Kriegsende überstehen, vielleicht treffen wir uns wieder!"

Ich überstand die Zeit im Heim bis Oktober 1945. Dann wurden die gesundeten Kinder nach Berlin gefahren. Ich wusste nicht, ob es meinen Vater überhaupt noch gab, und dachte im Bus die ganze Zeit: Nun biste bald da, wie wird das sein, wird dich einer abholen? Und wenn Vater nicht mehr da ist, dann musst du ins Waisenhaus! Am Busbahnhof in Berlin wurde ich noch auf eine letzte Probe gestellt - ich wurde als Letzter abgeholt. Vater lebte.

Aber die gesamte polnische Familie meiner Mutter lebte nicht mehr. Sie waren zunächst ins Getto in Litzmannstadt, dann ins Vernichtungslager Kulmhof gebracht worden. Dort töteten sie die Menschen mit den Abgasen von Lastwagen.

Ich träumte, Regierung und Volk würden sichern, dass sich Faschismus und Antisemitismus nicht wiederholen. Die Realität jedoch steht dem entgegen. Wenn ich die heutige politische Situation in Deutschland und Europa sehe, scheinen die Zeiten zurückzukommen. Deswegen erzähle ich auch in Schulen von meiner Geschichte, solange ich noch kann. Faschismus darf sich nicht wiederholen! Es ist eine Verpflichtung der Überlebenden, ihre Geschichte immer wieder zu erzählen.

insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Lars Dethloff, 12.11.2019
1. Danke!
Danke für die tolle Geschichte. Hr. Hillmann hat recht: Faschismus darf sie NIE wieder wiederholen! Ich ziehe meinen Hut vor diesem Mann und gebe ihm recht wie wichtig es ist davon zu berichten.
Michael Klein, 12.11.2019
2. und doch..
lässt unser Staat Nazis frei agieren. warum?
troy_mcclure, 12.11.2019
3. Gänsehaut
Eine bewegende Geschichte
Jochen Hoffstätter, 12.11.2019
4. .....
Dieser Bericht sollte für "besorgte Bürger", welche die AFD wählten, Alass geben ihre Wahl beim nächsten mal zu überdenken. Damit sich der "Fliegenschiss" in der deutschen Geschichte nicht wiederholt
Wajda Khanjari , 12.11.2019
5. beruehrend
Wenn ein 9-jaehriger Junge weiss, was "abholen" bedeutete, dann haben es alle gewusst. Dies konterkariert die Schutzbehauptungen der nicht-juedischen Deutschen, man habe von nichts gewusst. Das Vermaechtnis von Zeitzeugen ist wertvoll und den Menschen sei gedankt, diese Aufklaerungsarbeit zu tun. Dennoch bezweifel ich, dass wenn Kinder in einem "brauenen" politischen Elternhaus oder Umgebung aufwachsen ueberhaupt noch zugaenglich sind fuer solche Berichte. Das Wachsen eines rechten Klimas in der westlichen Welt ist erschreckend und laesst befuerchten, das sich die Geschichte wiederholt. Die gegenwaertigen Manipulationen, denen wir aus gesetzt sind beinhalten den Gebrauch von Woertern wie Krieg, Interessen, Verteidigung. Bedrohung etc ohne Scham und bereiten einen Boden, der aufnahmefaehig ist fuer neue Kriege auf europaeischem Boden.
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