Wie Hans Rosenthal den Holocaust überlebte "Du kannst bei mir bleiben, Hansi"

Aus seinem Versteck im Berliner Schrebergarten lief er vor genau 75 Jahren den Russen entgegen. Erst spät sprach der "Dalli Dalli"-Showmaster Hans Rosenthal darüber, wie drei Frauen ihn vor den Nazis retteten.
"Dalli Dalli"-Moderator Hans Rosenthal 1978: Unterhaltung mit Haltung

"Dalli Dalli"-Moderator Hans Rosenthal 1978: Unterhaltung mit Haltung

Foto: Istvan Bajzat/ picture-alliance/ dpa

Der Mann im Fernsehen war wie wir Kinder. Er wirkte so aufgedreht wie meine Schwester und ich, wenn wir auf dem Siebzigerjahre-Sofa mit ihm fieberten. Wenn ihn etwas begeisterte, wurde er ganz zappelig. Auch wenn er diese Anzüge der Erwachsenen trug, steif und beige, spürten wir, dass wir mit ihm Spaß hätten, wäre er unser Onkel. Dass sich in seiner Show sogar die Großen kindisch benahmen, gefiel uns sehr - damals, als wir noch keine Angst und keine Zweifel hatten und nur nach Hause kommen mussten, bevor es dunkel wurde.

Manchmal sprang der kleine Mann im Fernsehen vor lauter Freude in die Luft. Wir sprangen mit, weil die Sofafedern in der Polsterung herrlich Schwung gaben: "Sie sind der Meinung…?", rief er, hielt kurz inne, hüpfte los, und das Studiopublikum stimmte ein: "Das war spitze!" Wie durch ein Wunder blieb er kurz stehen in der Luft, die Beine angezogen, das Strahlen in seinem Gesicht für Sekunden eingefroren, den Zeigefinger in der Luft. So sah Fernsehtricktechnik in den Siebzigern aus.

Dieser Mann hieß Hans Rosenthal. Donnerstags lief im ZDF seine Show "Dalli Dalli" - wir hatten eine feste Verabredung mit ihm.

Später bemerkten wir die Augenblicke, wenn Hans Rosenthal traurig wurde. Immer gegen Ende seiner Sendung, wenn es um eine Familie mit vielen Kindern ohne Mutter ging oder um eine Oma, die ihre Enkel allein großziehen musste. Diese Menschen erhielten das erspielte Geld. Und Hans Rosenthal, gerade noch so ausgelassen, wurde seltsam still, senkte den Kopf, sein Gesicht zeigte ein verstörend starkes Mitgefühl.

Noch heute erinnere ich mich an ein ganz bestimmtes "Dalli Dalli"-Ende Anfang der Achtzigerjahre, ich war vielleicht elf Jahre alt. Da ließ Hans Rosenthal, der nie von sich redete wie die meisten anderen Erwachsenen, alle Zuschauer verstummen: "Heute möchte ich meinem Publikum danken. Dass ich in diesem Land, das ich einmal in dunkler Zeit erlebt habe, so viel Freude und Glück erleben konnte."

Ich fragte meine Mutter, was er denn meine? Sie antwortete, dass Hans Rosenthal Jude sei und in einer Zeit, als meine Großeltern jung waren, um sein Leben fürchten musste. Zum ersten Mal hörte ich bewusst, dass es Juden gab und sie in meinem Land Angst haben mussten. Menschen wie mein geliebter Hans Rosenthal wurden getötet von Deutschen - mich ließ das nicht mehr los.

"Von den Menschen, die mir heute zujubeln, hätten mich vor 30 Jahren einige vielleicht angezeigt"

Als ich in der Schule bereits viel über Hitler gelernt hatte, starb Hans Rosenthal mit 61 Jahren an Magenkrebs. Sein mit gelben Rosen geschmückter Sarg wurde auf dem Jüdischen Friedhof an der Berliner Heerstraße beigesetzt. Ein Rabbi sang das Totengebet.

In einem dicken Ordner mit der Aufschrift "Antisemitische Schreiben" hatte Rosenthal den ganzen Hass abgeheftet, der ihn erreichte. Kurz vor seinem Tod hatte er aber auch damit seinen Frieden gemacht und fast alles vernichtet. Öffentlich redete er lange überhaupt nicht vom Überleben in der Nazizeit. Vielleicht dachte er, man könne sein Publikum als Unterhalter nicht mit solchen Geschichten belasten.

Wie viele alte SS-Männer oder ganz normale Nazis müssen sich wunderbar schmerzfrei amüsiert haben über diesen "netten Juden", der so harmlose Späße machte im Nachkriegsdeutschland? Der sie so verständnisvoll verschonte mit ihrer eigenen Vergangenheit. Der niemals bitter war, immer fröhlich. Der seine Show "Dalli Dalli" nannte. Genau diese Worte riefen doch einige SS-Wärter, wenn sie ihre Opfer aus den Waggons in die Lager trieben. Sie stammen aus dem Kaschubischen und Polnischen und bedeuten so viel wie "Los!" oder "Beeil dich!".

Rosenthals Sohn Gert ist ebenfalls ein fröhlicher Mensch. Gert war auch der Name des Bruders, den Hans Rosenthal sehr geliebt hatte und der im Holocaust starb. Gert Rosenthal ist Rechtsanwalt in Berlin und leitet die Hans-Rosenthal-Stiftung, die bis heute bedürftigen Familien hilft. Mit diesem gütigen Zug um Augen und Mund sieht er seinem Vater so ähnlich, dass man schmunzeln muss. Er spricht mit ebenso sanfter Beharrlichkeit in der Stimme.

"Ich erinnere mich an einen Spaziergang mit meinem Vater durch Berlin", erzählt er, "neben uns stoppte ein Reisebus. Die Touristen hatten meinen Vater erkannt und winkten ihm zu. Er liebte es, erkannt zu werden. Vielleicht auch, weil er lange versteckt leben musste. So winkte er den Leuten zurück. Und sagte leise zu mir: 'Gert, von den Menschen, die mir heute zujubeln, hätten mich vor 30 Jahren einige vielleicht angezeigt.' Es war eines der seltenen Male, dass mein Vater über die Zeit sprach, in der er sich als Jude verstecken musste."

"Aus seinen Augen sprach menschlicher Schmerz"

Der spätere Zentralratsvorsitzende der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, war auch Künstleragent und ein guter Freund von Rosenthal. Er sagte über ihn: "Er war süchtig nach Zustimmung, nach Beifall, ja nach der Liebe seiner Mitmenschen." In seinen Memoiren erzählt Paul Spiegel, der die Nazibarbarei selbst in einem Versteck überlebte, natürlich vom klugen, schlagfertigen und humorvollen Quizmaster, den alle kannten, doch auch vom anderen Hans Rosenthal:

"Aus seinen Augen sprach menschlicher Schmerz. Wenn Hans mit seiner stets heiseren Stimme auf mich einredete, das Gesagte mit zappeligen Gesten seiner Hände unterstrich und mich dabei mit gotterbärmlicher Traurigkeit ansah, hatte ich stets das Bedürfnis, meinen Arm um seine Schultern zu legen. Als wir uns besser kannten, tat ich es oft. Gelegentlich ließ seine Hektik dann kurz nach."

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Erst 1980 berichtete Rosenthal in seinem Buch "Zwei Leben in Deutschland" ausführlich über seine unglaubliche Überlebensgeschichte. Und als er kurz vor seinem Tod einen Fernsehpreis bekam , bedankte er sich mit den Worten: "Ich habe heute wieder das Gefühl, zu Ihnen zu gehören, und das macht mich glücklich." In einem Interview sagte er: "Dadurch, dass ich in der schrecklichsten Zeit drei Frauen gefunden habe, die für mich ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, bin ich ohne Ressentiments. Wissen Sie, ich habe in der schlimmsten Zeit auch das gute Deutschland kennengelernt."

Die Namen dieser drei Frauen sind auf einer Gedenkplatte dort zu lesen, wo Hans Rosenthal zwei Jahre lang den Naziterror überlebte: in einem Bretterverschlag der Laubenkolonie "Dreieinigkeit" in Berlin-Lichtenberg. Sie hießen Ida Jauch, Emma Harndt und Maria Schönebeck.

Im Radio die Stimme des Teufels

Bis 1943 lebt Hans Rosenthal bei seiner jüdischen Großmutter, jeden Tag in Lebensgefahr. Längst wird er zur Zwangsarbeit eingesetzt, muss auf Friedhöfen Gräber für die vielen Kriegstoten ausheben. Nur mit viel Glück ist er bisher den Deportationen entkommen. Seinen kleinen Bruder Gert, den Hans immer beschützt hatte, hat die SS schon abtransportiert nach Majdanek. Hans wird ihn nie wiedersehen. Weil Vater und Mutter ebenfalls längst tot sind, schickt die Oma Hans zu ihrer Bekannten Ida Jauch. Sie ist kein Nazi, das weiß die Großmutter.

Ida Jauch lebt in der "Dreieinigkeit"-Kolonie und betreibt in ihrer Laube einen winzigen Lebensmittelladen. Mit 17 klopft Hans am 27. März 1943 an. Er ringt um Worte und legt mit seinem Mut auch seine ganze Demut in die vier Sätze, mit denen er um sein Leben fleht: "Ich muss mich verstecken, Frau Jauch. Gert ist schon abtransportiert. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Ich wollte Sie fragen, ob Sie mich vielleicht aufnehmen und verstecken könnten?" Frau Jauch lächelt: "Du kannst bei mir bleiben, Hansi. Der Krieg dauert sowieso nicht mehr lange." Dann blättert sie in einem Buch und deutet auf einen Vers: "Es wird bald ein Ende haben mit dem bösen Zauber."

Ida Jauch versteckt Hans in einem Hinterzimmer ihrer Laube, wo sie früher Hühner hielt. Die kleine Luke, beklebt mit der Tapete der Wand, ist schwer zu erkennen. Dahinter lebt Hans ein Jahr lang auf vier Quadratmetern - eine Matratze auf vier Holzklötzen, ein Tisch, ein Stuhl. Eine Tüllgardine verhängt das taschentuchgroße Fenster, durch das er auf die Hühner im Garten und einen Baum blickt. "Das war alles", schreibt er in "Zwei Leben in Deutschland", "und doch - welcher Trost in meiner zermürbenden Gefangenschaft."

Mit dem Jungen teilt Ida Jauch die knappen Lebensmittelrationen, die schon für einen Menschen nicht reichen. Ihre Freundin Emma Harndt ist eingeweiht, lässt ihm die gelesene "Berliner Morgenpost" zukommen und schenkt ihm auch ein Detektorradio, das ohne Strom funktioniert. Hans hört abwechselnd den "englischen Feindsender" und die Hetzreden von Goebbels. Er ist zugleich angewidert von dieser Sprache und fasziniert von der ihr innewohnenden Macht. "Es war die Stimme des Teufels. Die Personifizierung dessen, was mich in meiner Einsamkeit bedrohte." Und er beschließt: Wenn er hier heil herauskommt, geht er zum Rundfunk.

Manchmal besucht ihn seine Oma, jedes Mal packt Hans die Angst, sie könnte beobachtet worden sein. So schärft sich sein Gehör: Er macht sich mit den Schritten aller Schrebergärtner vertraut. Sobald er einen fremden Gang hört, kriecht er unter die Matratze. Auch an dem Tag, als eine Fliegerbombe in den Garten einschlägt und die Fenster der Laube bersten lässt.

Lichtzeichen aus einer besseren Welt

Ida Jauch beantragt neue Fenster für den Winter; die NSDAP-Kreisleitung schickt zwei Männer zur Laube, um den Schaden zu inspizieren. In Hans Rosenthals Verschlag setzen sie sich auf die Matratze, unter der er ausharrt. Im Buch beschreibt er diese Szene in allen Details: "Ich erstarrte in Todesangst. Staub vom Fußboden, den ich eingeatmet hatte, reizte mich zum Husten. Ich hielt den Atem an ... Das Gespräch der Männer mit Frau Jauch zog sich endlos hin. Der Staub war nun in meiner Nase. Ich fühlte, dass ich niesen musste. Es war eine Höllenqual, es zu unterdrücken. Ich kämpfte mit Staub und Speichel, die sich in meinem Mund ansammelten. Mein Brustkorb schmerzte vom Anhalten der Luft. Mir wurde schwarz vor Augen."

Dann wechselt ein Mann auch noch die Sitzposition. Die Matratzenfedern quietschen. "Ich fühlte plötzlich einen Druck auf meiner Brust - er saß jetzt genau über mir. Meine Hände verkrampften sich, vor den Augen sah ich kreisende Sterne." Erst nach ewigen Minuten erheben sich die Männer endlich und verlassen den Raum. "Diese Minuten haben mich um Jahre älter gemacht", schreibt Rosenthal.

Nach einem Jahr stirbt Frau Jauch - "zum zweiten Mal verlor ich eine Mutter". Zu Emma Harndt kann Hans nicht gehen, als Kommunisten leben Herr und Frau Harndt selber im Visier der Gestapo. Maria Schönebeck aber, eine weitere Nachbarin in der Schrebergartenanlage, nimmt ihn auf. In ihrer Laube kommt er ein weiteres Jahr unter.

Als zum Kriegsende hin fast jede Nacht Bomber ihre tödliche Fracht über Berlin abwerfen, wagt er sich aus dem Versteck. "Wenn die Sirenen erklangen mit ihrem auf- und abschwellenden Heulton der Luftwarnung, schlug mein Herz höher", erinnert sich Rosenthal, "ich lag im Gras, verschränkte die Arme hinter meinem Kopf und sah hinaus in den Berliner Himmel. Da war das Leben fast schön." Manchmal denkt er: "Wenn die Piloten da oben wüssten, wie mir hier unten zumute ist, wie sie mich erfreuten mit ihrem Flug, der für die anderen Berliner so viel Angst und Schrecken und für viele auch den Tod bedeutete. Für mich bedeuteten sie das Leben. Ihre Kondensstreifen waren Lichtzeichen aus einer besseren Welt, in der auch ich frei leben durfte."

In seiner Zuflucht hört er mit dem kleinen Radio vom missglückten Stauffenberg-Attentat. Und einige Wochen zuvor schon von der großen Invasion, vom D-Day. Er hofft und hofft. Nach dem Krieg wird Hans Rosenthal erfahren, dass sein Vetter Rudi Masche als US-Soldat am Omaha Beach gekämpft hat, mit einem der Landungsboote immer neue Soldaten von den Kreuzern abgeholt und an den Strand gebracht hat. Rudi Masche überlebte den Kugelhagel des D-Day.

"Ich bin ein glücklicher Mensch!"

Am 25. April 1945 hört Hans im Versteck ein neues Geräusch: das Rasseln von Panzerketten. "Das müssen die Russen sein!" Er läuft hinaus zu den Befreiern. Vielleicht ist es so gekommen, wie die fromme Frau Jauch es vorausgesagt hatte. Vielleicht hatte ihm in der ganzen Zeit eine höhere Macht beigestanden. Ida Jauch hatte ihm kurz vor ihrem Tod einen Psalm auf ein Stück Papier geschrieben, das ihm sein Leben lang heilig blieb: "Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen."

Im Oktober 2015 ehrte der Staat Israel seine drei Retterinnen, Ida Jauch wurde posthum sogar als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet. Ihr Name steht im Garten der Gerechten in der israelischen Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem.

Sein Sohn Gert Rosenthal denkt heute ohne Wehmut an seinen Vater zurück. "Zu meiner Mutter sagte er oft: 'Ich bin ein glücklicher Mensch!' In seinem zweiten Leben wollte er etwas von der Hilfe, die er erfahren hatte, zurückgeben. Und so gingen alle Spielgewinne aus 'Dalli Dalli' an arme Familien."

Die Erinnerung an die Zeit der Verfolgung kehrte in Hans Rosenthals zweitem Leben nach dem Krieg oft zurück. In der Nacht schreckte er hoch, weil er träumte, jemand habe an die Tür der Laube geklopft, um ihn zu holen. "Er verkehrte aber selbst solche Augenblicke ins Positive", sagt sein Sohn Gert. Mit einem Leuchtkugelschreiber auf seinem Nachttisch notierte er neue Ideen für "Dalli Dalli".

Hans Rosenthal war kein Moralist und auch kein gesellschaftlicher Mahner. Er war einer, der das Böse überstanden hatte und nun seinen Mitmenschen Gutes tun und Freude machen wollte. Er war ein personifiziertes Trotzdem. Er machte "nur" Unterhaltung. Aber in diesem Wort steckt das Wort "Haltung". Und die hatte er.

Hans Rosenthal: Ein personifiziertes Trotzdem

Hans Rosenthal: Ein personifiziertes Trotzdem

Foto: United Archives / kpa / Grimm/ imago images

Korrektur: In einer früheren Version dieses Beitrags war der zeitliche Bezug zwischen Stauffenberg-Attentat und D-Day falsch dargestellt. Wir haben die Passage korrigiert.