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Milch: Das Verschwinden der Schlauchverpackung

Gebeutelte Milch Was wurde aus dem Milchschlauch?

In der Kindheitserinnerung von Millionen Deutschen steht die Milch im Plastikbehälter auf dem Küchentisch, umhüllt von labbriger Folie. Irgendwann verschwand der Milchschlauch einfach. Warum eigentlich?

"Die Milchschläuche waren oft eine ziemliche Sauerei", sagt Horst-Christian Langowski, Professor für Lebensmittelverpackungstechnik an der TU München. "Die dünnen Plastikfolien der ersten Schlauchbeutel platzten gern mal oder rissen an den Nähten ein."

Die unangenehmen Folgen: Dann verteilte sich die Milch im Lastwagen, im Kühlregal, an den Schläuchen - und man hatte sie an der Hand, wenn man die Beutel in den Einkaufswagen packte. Oder schlimmer noch in der Einkaufstasche, wenn es erst nach dem Bezahlen passierte. Und das roch man auch.

Die meisten Deutschen über 40 haben diesen Geruch noch in der Nase und kennen das Gefühl: Milch einzukaufen hieß, in eine Wanne kalter, quallig schwappender Milchschläuche zu fassen und nach einem trockenen zu tasten. Über Jahrzehnte war dieser Plastikschlauch eine der Standard-Milchverpackungen in der Supermarktkühlung. Vor allem preiswerte Milch aus regionaler Produktion wurde in Plastik verpackt.

Milchunfälle: No Milk Today

Sonderlich beliebt, sagt Langowski, seien die Schläuche deshalb nicht gewesen. Es waren vor allem die Molkereien, die die Schlauchverpackungen seit den Sechzigerjahren auf dem Markt zu etablieren versuchten, weil sie leicht und günstig waren.

In den Achtzigerjahren kamen dann Milchschläuche aus mehrschichtigen Folien auf den Markt. Damit wurden die Schläuche dichter, die Milchunfälle seltener. Ein Problem blieb allerdings bestehen: Beim Ausgießen ging oft was daneben.

"Viele der Plastikbehälter, in die man die Schläuche steckte, waren etwa einen Zentimeter zu kurz. Damit kippte die Folie beim Ausgießen leicht weg - und die Milch schwappte daneben", sagt Langowski. Er habe damals selber bei einem Hersteller angefragt, warum man die Becher nicht höher baue. Die Antwort: Die Investition sei zu teuer, lohne nicht mehr, der Milchschlauch sei ohnehin zu unbeliebt.

Tatsächlich verschwanden die Milchschläuche um die Jahrtausendwende praktisch vom Markt. Hatten sie 1997 laut Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung noch einen Marktanteil von zwölf Prozent, so fiel er bis 2004 auf nur noch ein Prozent und liegt seitdem sogar darunter.

"Der Milchschlauch hat leider keine Verbraucherakzeptanz gefunden. Wesentliche Ursache dafür war das Handling", sagt Ulf Kelterborn, Geschäftsführer der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen. So sei der separate Behälter nicht überall erhältlich gewesen.

Achtung: Jetzt kommt ein Karton!

Der andere Grund für das Verschwinden des Getränkebeutels heißt ganz einfach: Tetra Pak.

Der in Schweden gegründete Konzern hatte in den Vierzigerjahren die Kartonverpackung für Milch erfunden. 1951 brachte die Firma den pyramidenförmigen Tetraeder auf den Markt. Seitdem hat Tetra Pak seine Verpackungsformen immer weiter ausgearbeitet und perfektioniert, vom Tetraeder für die Schulmilch in der Nachkriegszeit über den "Tetra-Giebeltop" bis hin zur Blockverpackung ("Tetrabric").

Allen Formen gemein ist: Sie bestehen, neben weiteren Beschichtungen, aus Karton. Damit können die Behälter selber stehen, und die Milch ergießt sich auch genau dahin, wo man sie haben will. Das Verbundsystem ist extrem stabil, stapelbar, platzt eigentlich nie. "Tetrapak hat die Milchschläuche einfach vom Markt verdrängt", so Verpackungsexperte Langowski.

Zudem hielten die Tetrapak-Kartons die Milch länger frisch. Denn zwischen die innenliegende Plastikfolie und den Karton zog das Unternehmen eine Aluminiumschicht ein. Die Verpackung lässt damit weder Licht noch Sauerstoff durch, so bleiben die Vitamine besser erhalten - ein weiterer Vorteil gegenüber den Folienverpackungen. Heute ist das Unternehmen nach eigenen Angaben Marktführer bei Getränke-Karton-Verpackungen und hat bei H-Milch-Kartons einen Marktanteil von 82 Prozent.


Videoanimation: Die Milch-Macht

DER SPIEGEL


Und das, obwohl das zunehmend umweltbewusste Deutschland Anfang der Neunzigerjahre sein riesiges Müllproblem erkannte. Die Mülldeponien füllten sich rasant, Müllverbrennung im heutigen Stil gab es noch nicht. Milchschläuche verursachten wesentlich weniger Müll als Tetrapak-Kartons - geradezu fortschrittlich: "Ökologisch ist der Milchschlauch nicht zu toppen, das war reines Polyethylen und lässt sich leicht recyceln", sagt Industrievertreter Kelterborn. "Darüber hinaus war der Beutel extrem leicht und dünn."

Wie umweltverträglich die Tetrapak-Kartons sind, ist dagegen sehr umstritten. Denn die klassischen H-Milch-Kartons bestehen aus fünf Schichten: innen Plastik, dann Aluminium, Klebstoff, bedruckter Karton und zuletzt außen nochmals Plastik.

Kleines Öko-Comeback des Milchschlauches

"Solche Verbundsysteme vollständig zu recyceln, ist schwierig", sagt der Wissenschaftler Langowski. Das Polyethylen, mit Papierfasern und Druckfarbe verunreinigt, sei eigentlich nicht wiederverwendbar. Auch Lobbyist Kelterborn stimmt zu: "Tetrapak ist unter Recyclingaspekten eine veraltete Verpackung aus Kunststoff, Pappe und Aluminium, die gar nicht zu trennen ist. Deshalb kann ein Großteil der Tetrapaks nur thermisch verwertet werden." Soll heißen: Die meisten Tetrapak-Kartons werden nach wie vor verbrannt.

Daher verhilft der Ökogedanke dem Milchschlauch nun zu einem kleinen Comeback. So verkauft Bauer Jörgen Hemme aus Niedersachsen die Milch seiner 320 Kühe direkt an Edeka oder Rewe, überwiegend in Norddeutschland - und zwar in Schlauchverpackungen.

Allerdings ist der Hemme-Schlauch eine moderne Version seines unscheinbaren Vorgängers: Zu 40 Prozent besteht er aus Kreide - und verbraucht damit weniger Kunststoff, Wasser, Energie. Zudem können die neuen Beutel stehen, dank Faltboden und der Kreide, die die Folie fester macht. Dazu gibt's seitlich einen luftgefüllten Griff zum Anfassen. Einen extra Plastikbehälter braucht es also nicht mehr; beim Ausgießen geht nichts daneben. "Wir sparen 60 Prozent Verpackungsvolumen gegenüber Tetrapak", sagt Nadine Wenk vom Hemme-Marketing. "Leer sind unsere Tüten so dünn wie Papier."

Wenig Müll also, viel Öko-Schick. Aus dem schlabbrigen Billig-Schlauch wird eine Trendverpackung - bisher allerdings nur in der Nische.

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Foto: LAURENT REBOURS/ AP

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