Das Erbe der Wende "Erst rauschhafter Aufbruch, dann radikaler Absturz"

Sieg der Freiheit oder feindliche Übernahme - auf die Wiedervereinigung blicken Ostdeutsche sehr verschieden zurück. Warum ist das so? Der Soziologe Alexander Leistner hat Erklärungen.
Ein Interview von Joachim Mohr
Auf der Berliner Mauer (10. November 1989): "Der Zusammenbruch kam völlig unverhofft"

Auf der Berliner Mauer (10. November 1989): "Der Zusammenbruch kam völlig unverhofft"

Foto:

David Brauchli / REUTERS

SPIEGEL: Die Wende 1989 in der DDR sieht ein Teil der Ostdeutschen als friedliche Revolution und Sieg der Freiheit. Ein anderer Teil bewertet den Wandel im Rückblick als Niederlage, empfindet die Wiedervereinigung gar als feindliche Übernahme Ostdeutschlands durch den Westen. Woher rührt dieser große Gegensatz?

Leistner: Das sind zwei stark verdichtete Erzählungen über enorm komplexe Ereignisse. Die Geschichte wird durch sie greifbarer, zum Teil spiegeln sich in ihnen aber auch individuelle Erfahrungen. Schon in den Neunzigerjahren tauchten in Zusammenhang mit der Wende negative Begriffe wie Krise, Bankrott, sogar Kolonialisierung auf, auch von Menschen, deren Existenz durch die Wiedervereinigung Schaden genommen hat. Wobei Negativbilder - das hat Pegida gezeigt – nicht zwingend von Wendeverlierern vertreten werden.

SPIEGEL: Prägt die emotionale Wucht der damaligen Ereignisse die Deutung?

Leistner: Ja. Viele Oppositionelle in der DDR etwa erlebten 1989 erst als geradezu rauschhaften Aufbruch, einen Versuch, die DDR zu verändern - und dann ab Herbst als radikalen Absturz in die Bedeutungslosigkeit, weil in der Bevölkerung die Resonanz für ihre Ideen fehlte. Viele Oppositionelle und ihre Ideen sind im Grunde überrollt worden vom Wohlstands- und Freiheitsbegehren der Ostdeutschen.

SPIEGEL: Zu den aktiven Oppositionellen gehörte die Mehrheit der Ostdeutschen nicht. Wie erlebten sie die Wende?

Leistner: Millionen Menschen waren betroffen vom Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft und dem Verlust ihrer Arbeitsplätze. Hinzu kamen etwa die Degradierung vieler berufstätiger Frauen zu Hausfrauen, die Entsorgung von Teilen der ostdeutschen Intelligenz, die Einsamkeit der SED-Opfer und andere Schicksale. So waren der gesellschaftliche Aufbruch und die demokratische Befreiung für viele Menschen gekoppelt an enorme Enttäuschungen und große Verunsicherung. Das waren zum Teil schockartige Erlebnisse, die fast jede Familie in Ostdeutschland berührten.

SPIEGEL: Empfanden sich die Menschen durch die Veränderungen vor allem bedroht?

Leistner: Viele erlebten die Wiedervereinigung jedenfalls nicht als eine Wiedervereinigung auf Augenhöhe. Künstlerinnen und Künstler beispielsweise, also Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, mussten erleben, dass ihre Arbeit plötzlich kaum mehr gewürdigt wurde.

SPIEGEL: Hofften viele Menschen 1989 auf eine Revolution, auf Freiheit und Konsum, wünschten sich aber gleichzeitig, dass ihr Berufsleben und ihr soziales Leben unverändert blieb?

Leistner: Das kann man so sagen. Man muss sich dabei aber immer die enorme Dynamik der Entwicklung klarmachen: Noch im Sommer 1989 konnte niemand den Zusammenbruch der DDR vorhersehen. Der Zusammenbruch kam völlig unverhofft, in Folge davon kam es gewissermaßen zu einem Überschuss an unterschiedlichsten Hoffnungen.

SPIEGEL: Eben auch die Hoffnung, dass der Bruch nicht zu groß werden würde?

Leistner: Ja. Eine Rolle spielten dabei auch populistisch genährte Wohlstandserwartungen, etwa der Spruch von den "blühenden Landschaften" des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Das erwies sich jedoch schnell als eine Illusion.

SPIEGEL: Warum fällt es vielen Menschen bis heute schwer, die Wende 1989 als komplexen historischen Vorgang zu begreifen, dem einfache Erklärungen nicht gerecht werden?

Leistner: Vereinfachende Erzählungen verfangen eben, auch erinnerungspolitisch. Im wiedervereinigten Deutschland ist man nach wie vor bemüht, 1989 als identitätsstiftendes Moment zu überfrachten. In Festreden und Ausstellungen in der öffentlichen Auseinandersetzung mit der DDR rezipiert man 1989 als Akt der Selbstbefreiung und als abgeschlossenen Vorgang. Ein extrem verkürztes Narrativ, denn für viele Menschen war es eben nicht immer eine Erfolgsgeschichte und auch nicht abgeschlossen. Zu welchen individuellen biografischen Katastrophen der Zusammenbruch der DDR führte, wurde lange nicht anerkannt, teilweise sogar stigmatisiert.

Verkohltes Trabi-Wrack (1990): "Zum Teil schockartige Erlebnisse"

Verkohltes Trabi-Wrack (1990): "Zum Teil schockartige Erlebnisse"

Foto: imago stock&people / imago/Sven Simon

SPIEGEL: Was hat das bewirkt?

Leistner: Das hat viel Trotz erzeugt bei den Menschen, neuerdings einen ins Negative gewendeten Stolz der Unangepassten, auch große Kritik an der Dominanz westdeutscher Eliten und deren Perspektiven.

SPIEGEL: Und dieser Trotz verstärkte eine einseitige Sicht auf die Wende?

Leistner: Ja. Bei den Menschen, die die Wiedervereinigung kritisieren, herrscht oft bis heute das Gefühl vor, dass der gesellschaftliche Wandel über sie hereinbrach, ohne dass sie mitgestalten konnten. Deshalb stehen sich heute, wenn man es vereinfacht, eben diese zwei Betrachtungsweisen gegenüber: die Wiedervereinigung als Erfolgsgeschichte und die böswillige Übernahme des Ostens durch den Westen - im Grunde eine Aufbruch- und eine Abbruchvariante der Wendezeit.

SPIEGEL: Hat in den vergangenen Jahren die Neigung zugenommen, die Wiedervereinigung als Annexion wahrzunehmen?

Leistner: Zumindest bei einem Teil der Menschen, bis zur absurden Gleichsetzung der SED-Diktatur mit einer angeblichen Diktatur Merkels in rechten Kreisen.

SPIEGEL: Welche Fehler wurden im Westen gemacht?

Leistner: Was viele Westdeutsche bis heute verkennen: Im Westen hat sich durch die Wiedervereinigung doch nur wenig verändert, im Osten dagegen fast alles. Durch diese Ungleichzeitigkeit gibt es zwischen West und Ost völlig unterschiedliche Erinnerungen.

SPIEGEL: Greifen das rechte Kreise in Ostdeutschland bewusst auf?

Leistner: Ja. Wobei etwa die AfD in Ostdeutschland nicht nur an die Opferrolle der Ostdeutschen appelliert, sondern vielmehr versucht, ein ostdeutsches Selbstbewusstsein anzusprechen, Ostdeutschland sogar als das bessere Deutschland zu präsentieren. Es ist fast tragisch - im Grunde haben erst die Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland dazu geführt, dass es mehr Aufmerksamkeit für die ostdeutsche Geschichte nach 1989 gibt.

SPIEGEL: Was müsste sich ändern, damit die Wende zu einem gemeinsamen Datum der deutschen Geschichte wird und kein für viele Menschen trennendes Ereignis zwischen Ost und West bleibt?

Leistner: Es fehlt nach wie vor der empathische westdeutsche Blick, es fehlt das Verständnis anzuerkennen, dass die ersten Erfahrungen mit der westdeutschen demokratischen Gesellschaft für viele Ostdeutsche eben nicht nur positiv waren. Den Schock der damals fast blitzartigen Transformation, der die Ostdeutschen getroffen hat, verstehen viele Menschen im Westen noch immer nicht. Bis heute kann man im Westen dagegen immer noch den Vorwurf der Undankbarkeit an die Adresse der Ostdeutschen hören.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.