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Wiener Farben: Sissis Welt

Foto: IMAGNO/Österreichisches Volkshochschularchiv

Wien um 1900 in Farbe Prater, Palatschinken und Paraden

Wien an der Schwelle zum 20. Jahrhundert: Kaiserstadt, Magnet für Arbeiter und Intellektuelle, Schmelztiegel vieler Nationen. Wiederentdeckte nachkolorierte Diapositive lassen das Leben in der Metropole vor dem Ersten Weltkrieg auferstehen. einestages zeigt die spektakulärsten Bilder.

Emil Mayers Kamera war eine echte Geheimwaffe: Sie fotografierte um die Ecke. Ein Spiegelmechanismus machte es möglich, dass kaum ein Mensch bemerkte, wenn Mayer ihn knipste. Mit seiner Zauberkiste zog der studierte Rechtsanwalt in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts durch die Straßen Wiens und drückte auf den Auslöser, wann immer er etwas typisch Wienerisches vor die Linse bekam: einen feschen k.u.k. Leutnant, den dicken Fiakerkutscher mit dem gezwirbelten Schnurrbart oder die Kinderhorde im Prater, die sich am Zaun die Nase plattdrückt, um einen Blick auf den Feuerspucker, den Riesenmenschen oder den Flohzirkus zu erhaschen. Mayer hat sozusagen den Schnappschuss erfunden - und damit Fotogeschichte geschrieben.

Gezeigt wurden die ungewöhnlichen Wien-Bilder bei öffentlichen Lichtbildvorträgen - damals ein äußerst beliebtes Freizeitvergnügen. Der Wiener Volksbildungsverein Urania bot regelmäßig populärwissenschaftliche Diashows zu den unterschiedlichsten Themen an, rund 900 insgesamt, darunter auch Heimatkundliches. Für das Publikum waren diese Vorträge ganz großes Kino - schließlich kannten die meisten noch keine bewegten Bilder. Um die Shows noch eindrucksvoller zu gestalten, ließ die Urania alle ihre Diapositive von Miniaturmalern kolorieren.

Insgesamt rund 60.000 Glasplatten mit unersetzlichen historischen Aufnahmen zahlreicher Fotografen sammelten sich so über die Jahre an. Wie durch ein Wunder wurden die empfindlichen Stücke nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 nicht von den Nazis zerstört - so wie sämtliche Kulturfilme der Urania. Auch die Bomben des Zweiten Weltkriegs überstanden sie, ausgelagert im Keller des österreichischen Volkshochschularchivs - und gerieten anschließend in Vergessenheit. Über ein halbes Jahrhundert lagen die Aufnahmen im Volksheim Ottakring. Erst 1999 wurden sie wiederentdeckt und zumindest gesichert - erschlossen werden konnte der Schatz wegen fehlender Mittel aber erst jetzt. Auf den Fund aufmerksam geworden, brachte der Verleger Christian Brandstätter jetzt einen opulenten Bildband mit über 300 der schönsten Aufnahmen heraus, der in Österreich innerhalb weniger Wochen nach Erscheinen ausverkauft war.

Die Welt von Gestern in Farbe

Entstanden ist eine einmalige Dokumentation, die das Wien der Jahrhundertwende zum ersten Mal in Farbe zeigt. Da ist das alte Wien des Kaiserglanzes mit seinen bunten Uniformen und rauschenden Ballnächten, das direkt aus den Sissi-Filmen mit Romy Schneider zu stammen scheint. Da ist das multikulturelle Wien, der ethnische Schmelztiegel, in dem Deutsch-Österreicher, Tschechen, Slowaken, Kroaten, Italiener und die vielen andere Nationalitäten des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn aufeinandertrafen. Und da ist das Wien der Moderne, das der Historiker Alan Jalinek "Silicon Valley des Geistes" genannt hat, das Wien von Jahrhundertgrößen wie Sigmund Freud, Arnold Schönberg, Egon Schiele, Gustav Klimt, Arthur Schnitzler, Robert Musil oder Hugo von Hofmannsthal - die Liste derer, die zwischen 1890 und 1910 von Wien aus das 20. Jahrhundert prägten, ließe sich fast endlos fortführen.

Emil Mayers Wien allerdings ist nicht modern, sondern schon für damalige Verhältnisse verklärend. Von den brodelnden Nationalitätenkonflikten im Vielvölkerstaat oder den sozialen Verwerfungen in der k.u.k.-Monarchie ist bei ihm kaum etwas zu ahnen. Dass neue Berufsgruppen wie Stenotypistinnen, Telefonistinnen, Chauffeure und nicht zuletzt die Industriearbeiter ihren Platz in der Gesellschaft und politische Mitsprache forderten, spielt bei ihm keine Rolle - Demonstrationen oder Streiks sucht man auf Mayers Glasdiapositiven vergeblich.

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Wiener Farben: Sissis Welt

Foto: IMAGNO/Österreichisches Volkshochschularchiv

Gerade weil Mayers Fotoreportagen suggerierten, dass alles noch beim Alten war, kamen sie beim verunsicherten bürgerlichen Publikum gut an. Berühmt wurden vor allem seine kolorierten Praterbilder, die er 1909 und 1910 in Lichtbildvorträgen in der Urania präsentierte. Egal, wie selektiv Mayer seine Motive wählte - die Bilder nehmen den Betrachter von heute mit auf eine einzigartige Zeitreise, die den legendären Vergnügungspark der kleinen Leute um 1900 wieder auferstehen lässt: Da ist der Vater, der, die Melone im Nacken, seinen Kindern Naschkram kauft. Der einsame Biergartengast, der, offensichtlich leicht beschwipst, mit dem Ober diskutiert. Die Kinderfrau in ihrer mährischen Tracht, die ihrem Schützling zu trinken gibt.

Die Welt unter Wien

Doch die von Brandstätter ausgewählten Wien-Aufnahmen zeigen auch jene Seiten der Stadt, die Mayer und die meisten seiner Zeitgenossen damals so gern verdrängten: das moderne, zum Teil industrialisierte Wien, in das Saisonarbeiter aus allen Regionen des Vielvölkerstaats strömten; das Wien des sozialen Elends, der Wohnungsnot und der Armut. Um die Jahrhundertwende lebten beispielsweise unzählige Menschen in der Kanalisation der Stadt - von der Stadtverwaltung geduldet. Die Behörden sorgten sogar dafür, dass die Unterwelt mit Strom und Licht versorgt wurde, und machten regelmäßig Aushänge, um die Obdachlosen zu warnen, wenn Spülungen der Kanalisation anstanden.

Es ist dieses Wien, das damals Fotografen wie Helmut Drawe und Emil Kläger dokumentierten. In ihrer Sozialreportage "Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens", die 1908 veröffentlicht und auch in den Urania-Vorträgen gezeigt wurde, machten sie die Wohnungsnot zum Thema. Ihre eindrucksvollen Aufnahmen des anderen Wien zeigen etwa sogenannte Bettgeher - Menschen, die in illegalen Privatunterkünften für acht Stunden ein Bett mieteten und am Morgen wieder verschwinden mussten. Rund 80.000 soll es davon 1910 in Wien gegeben haben. Vor allem in den Wiener Vororten gab es geschäftstüchtige Wohnungsbesitzer, die jeden Quadratmeter ihrer Wohnung auf diese Weise vermieteten.

Auch das Elend der Kanalbewohner zeigten Drawe und Kläger ihrem Publikum; in ihren Vorträgen sind auch Aufnahmen, die in der Wiener Kanalisation entstanden zu sein scheinen. Mittlerweile hat sich allerdings herausgestellt, dass die Fotografen sich vermutlich nicht selbst in die Parallelwelt unter Wien gewagt haben, sondern die Szenen nachstellten - was nichts daran ändert, dass es diese Quartiere gab.

Die Welt, aus der Hitler kam

Was der Bildband nicht zeigen kann, ist die morbide Untergangsstimmung des Wiener fin de siècle, den grassierenden Nihilismus, der sich wenige Jahre später im Ersten Weltkrieg entlud. Die k.u.k. Pracht mit goldbetressten Uniformen und Federbüschen am Hut verschleiert, dass die Monarchie auf die brennenden Fragen ihrer Zeit keine Antworten hatte, weder auf die akuten sozialen Probleme noch auf die gärenden Nationalitätenkonflikte.

Als der 18-jährige Adolf Hitler 1907 von Braunau am Inn nach Wien zog, um Kunstmaler zu werden, fand er eine Stadt vor, in der völkische Rhetorik und Ressentiments gegen Fremde allgegenwärtig waren. Nicht so sehr Schnitzler, Freud und Klimt dominierten das öffentliche Leben, weit stärker prägten es bekennende Antisemiten wie der Alldeutsche Georg von Schönerer oder Wiens Bürgermeister Karl Lueger. Hier lernte Hitler nicht nur das damalige Wiener Modewort "entartet" kennen - und so liegt auf den farbenfrohen Aufnahmen aus dem Wien von damals auch ein dunkler Schatten: Sie zeigen uns auch die Welt, aus der jemand wie Hitler kam.

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