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Herman Lehmann - ein Deutscher unter Apachen

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UT Institute of Texan Cultures in San Antonio / dpa

Wilder Westen Der Deutsche, der bei »Indianern« aufwuchs

Als Zehnjähriger wurde Herman Lehmann in Texas von Apachen entführt. Sie erzogen ihn zu einem treuen Krieger, der Weiße tötete – und gar nicht wieder zurück in die Zivilisation wollte.

Das Spiel ist aus. Eben sind die vier Geschwister – zwei Jungen, zwei Mädchen – noch vergnügt durchs Getreidefeld in Texas gejagt, haben kreischend Vögel vom Acker verscheucht. Doch jetzt sind sie umzingelt. Sie sehen in furchterregend rot bemalte Fratzen von Apachen. Dann geht alles sehr schnell. Die fremden Männer stürzen sich auf die beiden Jungs: Eine heftige Ohrfeige, ein Hieb, schon sind sie außer Gefecht. Sie reißen ihnen die Kleider vom Leib, verschnüren sie nackt auf ihren Pferden und galoppieren davon.

Ihre Gefangenen sind Willie, 8 Jahre alt, und Herman, 10. »Wir rasten durch Gestrüpp und Unterholz und mein Fleisch wurde von Mesquitedornen und Katzenklauen zerstochen und aufgerissen und die Sonne brannte mir Blasen auf Rücken und Glieder«, schreibt Herman später in seiner Autobiografie »Neun Jahre bei den Indianern«.

An jenem Tag im Mai 1870 ist seine Kindheit schlagartig vorbei. Er verliert seine Heimat, seine Eltern und alles, was ihm vertraut ist. Stattdessen wird man ihn zum furchtlosen Krieger erziehen. Er wird zum Zeugen der Zerstörung der Lebenswelt der Ureinwohner. Und eines Tages wird er Weiße hassen – und töten.

»Wie ich überlebte, weiß ich nicht«

Hermans Eltern waren 1846 wie viele deutsche Familien in die USA ausgewandert, sie bewirtschafteten eine kleine Farm in der Nähe von Fredericksburg, Texas. Die Siedlung der Deutschen lag mitten im Jagdgebiet indigener Stämme, der Apachen und Komantschen. Immer wieder überfielen ihre Trupps die Gehöfte. Sie stahlen Pferde – und entführten Kinder. Entweder tauschten sie sie gegen Waren oder nahmen sie bei sich auf. Denn der Kampf gegen die Weißen forderte unzählige Opfer, die Indigenen brauchten Nachwuchs.

Der verschleppte Herman hatte Todesangst. Als seine Entführer vom Stamm der Mescalero-Apachen unterwegs rasteten, fingen sie ein Stierkalb und schlitzten es auf. Der Gruppenanführer »schnappte mich und tauchte meinen Kopf in den Pansen des Kalbes und schmierte mir den ekligen Inhalt in mein ganzes Gesicht … und zwang mich, etwas davon herunterzuwürgen und ich übergab mich ausgiebig«, notierte Hermann später in seinen Memoiren. Noch tragischer für ihn: Die Gruppe wurde von Weißen überrascht und im Chaos gelang Bruder Willie die Flucht. Jetzt war Herman den Fremden allein ausgeliefert.

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Herman Lehmann - ein Deutscher unter Apachen

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Abends misshandelten sie den Jungen: Die Apachen banden ihn an einem langen Stock fest und hingen ihn – wie ein Tier am Spieß – waagerecht auf, mit dem Gesicht nach unten. So verbrachte Herman die ganze Nacht. »Ich durchlitt sämtliche Todesqualen, doch wenn ich stöhnte, sprang einer der Indianer auf und riss an meinen Haaren und Ohren und schlug mich. Wie ich diese grauenhafte Nacht überlebte, weiß ich nicht.«

Vom Entführer adoptiert

Die Prärieindianer lebten als Nomaden, zogen auf der Suche nach Jagdgründen durch die Steppen der Great Plains im Südwesten Nordamerikas. Ihre Tipis konnten sie innerhalb einer Stunde abbauen. Wochen später erreichte der Trupp das Hauptlager des Stammes.

Im Lager wartete auf Herman eine Prüfung, die über sein Leben entscheiden sollte. Seine Entführer stellten ihn vor die Wahl: rohes oder gekochtes Fleisch. Intuitiv griff er nach dem rohen. »Das gefiel den Indianern und sie fingen sofort an, mich zu tätscheln. Hätte ich zuerst das gekochte Essen … angerührt, wäre ich vermutlich zu Tode gefoltert worden.« Gekochtes Fleisch war das Essen der Weißen.

Nach dieser Probe nahmen die Apachen den Jungen in ihrer Mitte auf. Sie gaben ihm einen neuen Namen: »En Da«, Weißer Junge. Sein Entführer, Häuptling Carnoviste, wurde sein neuer Vater. Herman lernte die Sprache der Apachen. Schon bald konnte er wilde Pferde reiten, Bogen schnitzen, Feuer entfachen. Zwar dachte er immer wieder an Flucht, doch wohin? Den Weg zurück nach Fredericksburg hätte er niemals gefunden. Und die Apachen erzählten ihm, sie hätten seine Familie getötet. Eine Lüge, doch für Herman schien es kein Zurück zu geben.

Wollte er überleben, musste er sich anpassen. Sein Schicksal hing jetzt von dem seines Stammes ab – und der kämpfte um seine Existenz. Im Laufe des 19. Jahrhunderts drangen weiße Siedler immer weiter nach Westen Richtung Pazifik vor. Im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846–1848) erbeuteten die Vereinigten Staaten das gesamte Gebiet zwischen Rocky Mountains und Pazifikküste.

Mit dem Vertrag von Medicine Lodge 1868 versuchte die Regierung, die Ureinwohner in Reservate zu drängen. Gleichzeitig begannen weiße Jäger, Büffelherden systematisch auszurotten: Innerhalb von nur zehn Jahren schlachteten sie in den Great Plains Schätzungen zufolge mehr als zehn Millionen Bisons ab, bis nur noch wenige Hundert übrig blieben. »Wir sahen oft, wie sie große Wagenladungen von Häuten fortschleppten und fanden die Kadaver von tausenden abgeschlachteten Bisons. Es machte uns verzweifelt, dieses frevelhafte Massakrieren unserer Nahrungsgrundlage mitanzusehen«, notierte Herman.

Der Überlebenskampf der Indigenen wurde immer verzweifelter und grausamer. Hermans Apachen-Gruppe überfiel Siedlungen, Trecks, Büffeljäger und skalpierte Hunderte Weiße. Ihre gefürchtetsten Gegner waren die Texas Ranger, eine Art Guerillatruppe, die die weißen Siedler schützen sollte und deshalb permanent hinter den Ureinwohnern her war.

Auch »Weißer Junge« wurde zum Mörder. Sein erstes Opfer war ein mexikanischer Büffeljäger, den die Apachen überwältigt hatten. Der Häuptling befahl Herman, den Mann zu töten. »Ich schoss ihm einen Pfeil durchs Herz und er fiel tot um.« Dann sollte er den Toten skalpieren. »So nahm ich mein Messer, machte einen Einschnitt rund um den oberen Teil des Kopfes, griff das Haar mit den Fingern und ruckte schnell nach hinten, und der Skalp löste sich.« Es habe, so Herman, geklungen wie ein Schuss aus einem Korkengewehr.

Im Herzen ein Apache

Die Apachen machten Herman trotz seiner Hautfarbe zu einem der ihren. Er tat sich mit Tapferkeit hervor, durfte sogar eine kleine Gruppe Krieger anführen.

Der Kampf gegen die Weißen schweißte zwar zusammen, doch auch die Apachen wurden zuweilen Gegner: Als Herman einen Medizinmann tötete, musste er fliehen, seinen Stamm verlassen. Zu den Weißen zurückzukehren, kam für ihn nicht infrage. Stattdessen schloss er sich 1877 den Komantschen an, erbitterten Feinden der Apachen.

Doch auch sie konnten den Büffeljägern und Texas Rangern nur wenig entgegensetzen. Wie Getriebene zogen sie durch die Great Plains, nirgends schien es einen Platz für die Komantschen zu geben. Eine offene Schlacht erschien so aussichtslos, dass der große Quanah Parker, ein Oberhäuptling der Komantschen, die Gruppe zur Kapitulation bewegt.

Und so zog Hermans Stamm ins Reservat bei Fort Sill im heutigen Oklahoma, »weil uns die Weißen bis zum bitteren Ende jagen würden«. Hier lebten die Ureinwohner meist in Tipis, mussten ihre traditionelle nomadische Lebensweise aber aufgeben. Hermann fiel schnell auf, die Geschichte vom »weißen Indianer« sprach sich rum.

Unterdessen hatte seine Mutter nie die Hoffnung aufgegeben, ihn wiederzufinden. Tatsächlich konnte sie den Kommandanten des Forts überreden, den »weißen Indianer« zu sich in die Siedlung Loyal Valley zu bringen. Als er dort widerwillig ankam, drängte sich eine Menschenmenge um den mittlerweile 19-Jährigen. Seine Mutter kam ihm nach neun Jahren völlig fremd vor.

»Für mich war meine Mutter in dieser Stunde, die mir die Krönung aller glücklichen Ereignisse hätte sein sollen, nichts weiter als eine weiße Squaw.« Identifiziert wurde Herman überhaupt nur, weil seine Familie ihn an einer Narbe erkannte. Selbst seinen alten Namen »Herman« hatte er fast vergessen. »Dieser Name hatte einen gewohnten Klang. Dann fiel mir ein, dass es mein eigener Name war.« Er hatte seine Familie wiedergefunden. »Aber ich war ein Indianer, und ich mochte sie nicht, weil sie Bleichgesichter waren.«

Sogar seine deutsche Muttersprache hatte er verlernt, Englisch konnte er nicht. Während seine Familie glaubte, sie hätte ihn befreit, sehnte er sich zurück. Statt auf einem Federbett schlief er lieber auf dem Fußboden, schmückte sein Haupt mit Federn. Einmal stürmte er einen Gottesdienst und führte zum Entsetzen der Gemeinde am Altar einen wilden Kriegstanz auf. Herman schien nicht mehr in die Welt der Weißen zu passen.

Seine Geschichte klang in den Ohren seiner Zeitgenossen so unglaublich, dass viele ihn für einen Schwindler hielten. Allerdings konnte er 1901 tatsächlich ein Schreiben des »Büros für Indianerangelegenheiten« aus Washington vorweisen, das ihn als Mitglied des Komantschen-Stammes bestätigte.

Den Rest seines Lebens blieb er hin- und hergerissen zwischen Zivilisation und Wildnis, lebte bald im Reservat, bald in Loyal Valley. Im Herzen blieb er »Indianer« – bis zu seinem Tod 1932.

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