Bundeskanzler Brandt Mehr Willy wagen - der Übervater der Sozialdemokraten

Vor genau 50 Jahren wurde Willy Brandt Kanzler und ist für viele bis heute eine Lichtgestalt: legendärer SPD-Chef, Aussöhner mit dem Osten, erfolgreicher Reformer. Er hatte auch dunklere Seiten.

Von Ludwig Greven


Wie wird man zum politischen Idol? Indem man einer Bewegung zur richtigen Zeit ein Gesicht und eine Stimme gibt, wie Greta Thunberg. Oder durch jahrzehntelange hartnäckige Arbeit wie Willy Brandt: Für eine ganze Generation ist der 1992 verstorbene frühere Kanzler und langjährige SPD-Chef bis heute eine Leitfigur. In ihrer tiefen Krise und verzweifelten Suche nach neuen Vorsitzenden erinnern ältere Sozialdemokraten gern an ihn. Denn Brandt stand und steht nicht nur für die erfolgreichste Phase in der Geschichte der SPD, sondern auch für ein anderes, besseres, modernes Deutschland. Auch und gerade im Ausland.

Als Brandt am 21. Oktober 1969 zum Kanzler der sozialliberalen Koalition gewählt wurde, befand sich die Bundesrepublik im Umbruch. Die Studentenbewegung und die außerparlamentarische Opposition gegen die erste Große Koalition hatten die erstarrten Verhältnisse der Adenauerschen Nachkriegs-Ära aufgebrochen; die Wirtschaftskrise von 1967 erschütterte den Glauben an einen ewigen Aufschwung nach dem Wiederaufbau und Wirtschaftswunder.

Nun verlangte das Land nach Veränderung. Willy Brandt sollte sie mit seinem neuartigen Regierungsbündnis verwirklichen.

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Willy Brandt: Der bessere Deutsche, verehrt wie verachtet

Geboren wurde er 1913 in Lübeck als Herbert Frahm, unehelicher Sohn einer Verkäuferin, war Linkssozialist in jungen Jahren und nahm im norwegischen Exil seinen Decknamen an. Für eine große politische Karriere brachte er alles mit: Brandt war ein begnadeter Redner, ein Menschenfischer und Frauenschwarm, er hatte Charisma und tiefe politische Überzeugungen.

Attacken auf den "Vaterlandsverräter"

Für manche, die wie die Schriftsteller Günter Grass und Walter Jens für ihn warben, umgab ihn ein regelrechter politischer Heiligenschein. Denn viele Millionen Deutsche waren stramme Nazis oder hatten sich angepasst; im Nachkriegsdeutschland bestimmten manche von ihnen schon wieder oder immer noch Politik, Wirtschaft und Justiz. Brandt dagegen war 1933 ins Exil gegangen, auf einem Fischerboot nach Dänemark und weiter nach Norden.

Die Nazis entzogen ihm 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft, nach zwei Jahren als staatenloser Flüchtling bürgerte Norwegen ihn ein. Erst von dort, dann während der deutschen Besetzung Norwegens von Schweden aus koordinierte er den linken Widerstand und schrieb gegen die braune Tyrannei an.

Video: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie

Nach dem Krieg verkörperte er als Regierender Bürgermeister von Berlin zur Zeit des Mauerbaus aber auch den Willen zur Selbstbehauptung gegen die kommunistische Bedrohung aus dem Osten. Und er war zugleich ein Politiker neuen Typs: der erste Kanzlerkandidat nach amerikanischem Vorbild, eine Art deutscher John F. Kennedy mit der gebürtigen Norwegerin Rut Brandt an seiner Seite, die er 1948 geheiratet hatte. Dieses moderne Paar suchte den Glanz der Öffentlichkeit, ganz anders als vor ihm Konrad Adenauer, Ludwig Erhardt und Kurt-Georg Kiesinger mit ihren Frauen in ihrem Schatten.

Auf der anderen Seite war Brandt stets auch eine politische Reizfigur. Konservative bis reaktionäre Kräfte und die Springer-Presse schmähten ihn als Vaterlandsverräter; seine Zeit im Exil diente vielfach als Anlass für persönliche Attacken. So sprach Adenauer von ihm als "Brandt alias Frahm", auch als Anspielung auf seine nichteheliche Geburt.

"Mehr Demokratie wagen"

In einem ähnlich wie heute enorm polarisierten politischen Klima empörten sich viele in der CDU, dass ein solcher Mann sie von der Macht verdrängte. Und bemühten sich nach Kräften, seiner Kanzlerschaft ein schnelles Ende zu bereiten.

Brandt fand indes Unterstützung von der Mitte der Gesellschaft bis weit in linke Kreise. "Wir wollen mehr Demokratie wagen", kündigte er am 28. Oktober 1969 im Bundestag an. Doch seine Regierung wackelte von Beginn an. Im Bundestag hatte die sozialliberale Koalition nur eine knappe Mehrheit von zwölf Sitzen, die durch Überläufer zur Union rasch schmolz.

Herbert Wehner, Fraktionschef und Zuchtmeister der SPD, und Helmut Schmidt waren gegen den Schwenk zur FDP. Sie sahen die Zeit noch nicht reif für einen sozialdemokratischen Kanzler, den ersten seit der Weimarer Zeit, und wollten die Koalition mit der CDU/CSU fortsetzen. Der FDP-Vorsitzende Walter Scheel rang mit starken nationalliberalen Kräften unter Führung seines Vorgängers Erich Mende.

Aber Brandt hatte den Regierungswechsel klug geplant: Als Vizekanzler unter dem Altnazi Kiesinger hatte er mit Karl Schiller als Wirtschaftsminister und anderen gezeigt, dass Sozialdemokraten regieren konnten. Und gemeinsam mit Scheel hatte er Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten gemacht, als Vorboten der sozialliberalen Wende. Als Außenminister hatte er zudem zur Hochzeit des Kalten Krieges gemeinsam mit seinem Vertrauten Egon Bahr die Entspannungspolitik gegenüber der DDR, der Sowjetunion und den osteuropäischen Staaten vorbereitet.

Der Kniefall von Warschau - die ganz große Geste

Sie sollte - neben den inneren Reformen - zum Markenzeichen und Vermächtnis seiner Regierungszeit werden: "Wandel durch Annäherung". Brandt nannte die DDR nicht länger, wie seine Vorgänger, "Zone" und traf sich im März 1970 als erster westdeutscher Kanzler mit DDR-Ministerpräsident Willi Stoph in Erfurt. Die Menschen begrüßten ihn begeistert mit "Willy, Willy"-Rufen.

Neun Monate später reiste er nach Warschau, um die Oder-Neiße-Linie zwischen Polen und Deutschland anzuerkennen. Damit zog er sich den heiligen Zorn der Vertriebenen zu. Ein Foto ging um die Welt: Willy Brandt im langen Mantel kniend vor dem Mahnmal für die Opfer des Aufstands im jüdischen Getto. Diese Geste der Demut als Symbol für die Aussöhnung machte ihn vom Bundeskanzler zum Staatsmann. 1971 erhielt Brandt für seine Entspannungspolitik den Friedensnobelpreis.

Willy Brandts politisches Erbe
Der Versöhner
Mit seiner Ostpolitik wollte Willy Brandt das Verhältnis zu den Staaten des Warschauer Pakts entspannen, per "Wandel durch Annäherung" konkrete Verbesserungen für die Menschen in der DDR erreichen. Sein Vertrauter Egon Bahr handelte dazu Verträge mit Moskau, Warschau, Prag und Ost-Berlin aus. Die Union hingegen sah darin eine Anerkennung der DDR. Ein Transitabkommen regelte zunächst den Zugang von und nach West-Berlin. 1971 stellte der Grundlagenvertrag das Verhältnis zwischen beiden deutschen Staaten erstmals auf eine völkerrechtliche Basis - mit Ständigen Vertretungen in beiden Hauptstädten.
Der Reformer
"Mehr Demokratie wagen" bedeutete für Brandt vor allem mehr Chancengleichheit und mehr Freiheit. Die SPD/FDP-Regierung reformierte das Sozial- und Bildungssystem, das Strafrecht, Wohnungs- und Städtebau und die Verkehrspolitik. So sorgt das Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) seit 1971 dafür, dass auch Kinder aus ärmeren Familien studieren können. Für Frauen wurde der Gleichstellungsgrundsatz des Grundgesetzes erstmals gesetzlich konkretisiert. Das Abtreibungsrecht wurde liberalisiert, die Fristenlösung eingeführt und der Homosexuellenparagraph 175 abgemildert, der bis dahin gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Strafe stellte. Im Strafrecht hielt der Grundgedanke der Resozialisierung Einzug. Arbeitnehmer erhielten mehr Mitbestimmungsrechte. In Brandts Regierungszeit fiel allerdings auch der Radikalenerlass, mit Berufsverboten für tatsächliche oder vermeintliche Verfassungsfeinde. Er vergiftete das innenpolitische Klima und wurde erst viel später aufgehoben.
Der Internationalist und Friedenskämpfer
Nach seinem Rücktritt blieb Brandt SPD-Vorsitzender und wurde Chef der Sozialistischen Internationalen sowie der Nord-Süd-Kommission, die sich für einen gerechteren Welthandel und einen Ausgleich zwischen den reichen Industrienationen und den Ländern der Dritten Welt einsetzte. Im Streit um die Nato-Nachrüstung wurde er zu einer führenden Figur der Friedensbewegung und zum Gegenspieler Helmut Schmidts. Nach dem Fall der Mauer verkündete Brandt: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört." Er sah die deutsche Vereinigung wie viele Historiker als späten Erfolg seiner Entspannungspolitik. Allerdings hatte er sie noch ein Jahr zuvor als "Lebenslüge" bezeichnet. Brandt setzte sich energisch für den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin ein.

Es brauchte jedoch große Anstrengungen, die Ostverträge mit Moskau, Ost-Berlin, Warschau und Prag gegen heftigen Widerstand der Opposition und Bedenken bei westlichen Partnern durch den Bundestag zu bringen. Die politische Schlacht führte dramatisch in den Versuch, ihn durch ein konstruktives Misstrauensvotum zu stürzen - und endete mit Brandts Erfolg: Seinem Widersacher Rainer Barzel von der CDU fehlten überraschend zwei Stimmen; wie sich später herausstellte, hatte die Stasi sie gekauft.

Brandt gewann jetzt an Rückenwind. Die Zahl der Parteimitglieder wuchs und wuchs, auf mehr als eine Million. Bei der Neuwahl im November 1972 wurde die SPD mit 45,8 Prozent der Stimmen erstmals stärkste Partei, ein Ergebnis, von dem die Sozialdemokraten inzwischen nicht einmal mehr träumen können. Ein strahlender persönlicher Triumph für Brandt und neben dem Friedensnobelpreis eine eindeutige Bestätigung für seine Politik.

"Willy, wir müssen regieren"

Willy Brandt hatte jedoch auch andere Seiten. Trotz allen Glanzes und aller Bewunderung blieb er im Grunde ein einsamer, sensibler Mensch, geprägt durch die Erfahrungen des Exils. Wie enge Weggefährten beschrieben, umgab ihn bisweilen eine große Melancholie. Immer wieder versank er in Depressionen, zog sich zurück, lag tagelang im Bett - heute undenkbar. Sein Kanzleramtschef Horst Ehmke holte ihn dann mit einer Flasche Rotwein und dem legendären Spruch zurück: "Willy, wir müssen regieren."

Matthias Brandt, sein jüngster Sohn und erfolgreicher Schauspieler, schilderte später in Interviews, welche gedrückte Stimmung im Haus der Familie herrschte. Mit einem Vater, der für ihn und seinen Bruder Peter praktisch nie anwesend war und der ständig ihre Mutter mit anderen Frauen betrog.

Phasenweise war Brandt ein entschlossener, geschickter Kämpfer. Dann wieder ließ er die Dinge schleifen. Herbert Wehner, sein innerparteilicher Gegenspieler, ätzte von Moskau aus: "Der Herr badet gerne lau." Und drängte ihn in der Guillaume-Affäre 1974 zum Rücktritt - ausgerechnet ein enttarnter Stasi-Spion brachte ihn zu Fall. Brandt wirkte zermürbt und traurig; Helmut Schmidt wurde sein Nachfolger.

In anderer Form ging die Brandt-Ära allerdings weiter, in der Sozialistischen Internationalen, als Parteichef bis 1987, als Parlamentarier. Den Fall der Mauer ("Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört") erlebte er noch und sah ihn, wie viele Historiker, als späten Erfolg seiner Entspannungspolitik.

In den letzten Jahren vor seinem Tod am 8. Oktober 1992 schirmte ihn seine dritte Frau Brigitte Seebacher selbst von engen Getreuen ab und bemächtigte sich seiner politischen Hinterlassenschaft, ähnlich wie die Witwe von Helmut Kohl. Es war das letzte Drama in einem höchst bewegten und bewegenden Leben.

Zum Autor
    einestages-Autor Ludwig Greven ist freier Publizist. 1972 machte er, obwohl kein Mitglied der SPD, als 16-Jähriger Wahlkampf für Willy Brandt und demonstrierte zehn Jahre später mit ihm im Bonner Hofgarten gegen die Nato-Nachrüstung. Er hat jedoch auch großen Respekt für die Leistungen von Helmut Schmidt und Helmut Kohl.
insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Karl-Heinz Hesse, 21.10.2019
1. Willy Brandt.
Selbst durfte ich diesen Besten Kanzler unserer Republik nicht wählen, da Damals das Wahlalter noch bei 21 Jahren war. SPD was ist aus Dir geworden.
Hans-Peter Albrich, 21.10.2019
2. W. Brandt, Ehmke, Wehner, H. Schmidt
welch große Persönlichkeiten einst. Heute Stegner, H. Maas, O. Scholz ... Aber vielleicht ist das auch nur die Sicht eine alten Mannes. Denn die FDP hatte auch große Persönlichkeiten wie Genscher, Baum, Hildegard Hamm-Brücher die für mich immer noch für Liberalität stehen. Die CDU hatte Adenauer, Erhard, Kohl Selbst FJS von der CSU zähle ich zu großen Persönlichkeiten, auch wenn ich immer ein Gegner von FJS war und sein werde. Und ich glaube das genau ist das Problem der Altparteien, irgendwie Einheitspersönlichkeiten, irgendwie alle so "harmonisch", langweilig.
Rainer Wäscher, 21.10.2019
3.
Bei der ersten Wahl meines Lebens konnte ich ihn wählen. Nachdem ich ihn zum Kanzler gewählt hatte, fiel der Krawattenzwang bei Beatkonzerten endlich weg.
R. Detzer, 21.10.2019
4. Auf einem
sinkenden Schiff wie der SPD gehen die guten Leute zuerst; zurück bleibt das Problem.
Marc Schürmeyer, 21.10.2019
5. Kleine Korrektur
Willy Brandt war dreimal verheiratet: von 1941 bis 1948 mit Carlota Thorkildsen, von 1948 bis 1980 mit Rut Hansen und ab 1983 mit Brigitte Seebacher.
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