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Warum die Nazis die Windkraft liebten

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Windkraft im "Dritten Reich" Der Traum vom Reichskraftturm

Hermann Honnef begeisterte die Nationalsozialisten mit Entwürfen für Windräder, die höher als der Eiffelturm sein sollten. Die NS-Spitze hoffte auf eine autarke Energieversorgung - doch dann schaltete sich die SS ein.

Am 4. Mai 1934 betrat der Ingenieur Hermann Honnef die Reichskanzlei in der Berliner Wilhelmstraße. Er hatte einen Termin bei Adolf Hitler und sollte ihm Entwürfe für Höhenwind-Kraftwerke vorstellen. In der Tasche hatte er vermutlich gezeichnete Pläne seiner 430 Meter hohen Stahlträgerkonstruktionen mit fünf Turbinen - deutlich höher als der 324 Meter hohe Eiffelturm.

900 dieser Stahlriesen sollten mehr als genug Strom für alle Fabriken und Haushalte liefern. Bauern könnten im Winter ihre Äcker beheizen und vier Ernten einfahren. Bei Starkwinden könnte man Wasserstoff als Energieträger für Heizungen, Busse und Lokomotiven gewinnen. Der erste Turm, geplant an der Berliner Avus, sollte ein neunstöckiges Restaurant beherbergen.

Heute wirken Honnefs Pläne größenwahnsinnig, aber nicht völlig abwegig: Es gibt weltweit Firmen, die auf den Höhenwind setzen und mit über dem Meer fliegenden Windkraft-Turbinen experimentieren , die von Lenkdrachen gezogen werden.

Doch schon in den Dreißigerjahren glaubten viele Ingenieure, Professoren und Politiker an einen Durchbruch bei der Windkraftnutzung, wie der Technikhistoriker Matthias Heymann rekonstruiert hat. Und: Windstrom passte bestens in die Pläne der Nationalsozialisten, das Reich autark zu machen - und die Riesentürme entsprachen ihrer Vorliebe für alles Gigantische.

Ein Windrad versorgt 350 Glühbirnen

Die Idee, Strom aus Wind zu gewinnen, stammt schon aus dem 19. Jahrhundert. Die Basis legte der Industrielle Werner von Siemens, als er 1867 das dynamoelektrische Prinzip beschrieb und das wirtschaftliche Potenzial von Generatoren erkannte. Bereits im Jahr darauf schlug ein US-Wissenschaftler Windkraftwerke zur Stromerzeugung vor.

Die erste Anlage, über die heute Berichte vorliegen, erbaute der US-Erfinder Charles Brush 1887 in Cleveland: Die Windturbine erzeugte Gleichstrom für 350 Glühbirnen und mehrere Elektromotoren. In Hamburg beleuchtet der Unternehmer Gustav Conz zur Jahrhundertwende seine Fabrik mit Windstrom.

Die damaligen Generatoren funktionierten nur bei konstanten Drehzahlen, der Wind aber ist wechselhaft: Mal herrscht Flaute und mal stürmt es, mal weht eine Brise aus Westen, mal aus Osten. Ingenieure entwickelten Lösungen für dieses Problem, doch alle hatten bewegliche Teile, die Frost und Regen ausgesetzt waren: Die Anlagen waren teuer und störungsanfällig. Zudem konnten die damaligen Batterien kaum Energie speichern. Wenn kein Wind blies, brach die Stromversorgung bald zusammen.

Erfolgreich war der Windstrom allein in den ländlichen Regionen Dänemarks, wo der Wissenschaftler Poul la Cour eine dezentrale, genossenschaftliche Energieversorgung Hunderter Dörfer vorantrieb. In den Zwanzigerjahren sollten Högel und andere norddeutsche Gemeinden dieses Modell nachahmen, doch blieben diese Dörfer Ausnahmen.

Die Deutschen setzten auf Wasserkraft und Kohle

Im Rest Deutschlands errichteten Unternehmer Kohlekraftwerke und spannten Kabelnetze, die vor dem Ersten Weltkrieg bereits mehr als zwei Drittel des Landes abdeckten. Die britische Seeblockade im Krieg machte den Deutschen dann bewusst, dass sie von Kohle und Öl abhängig waren.

Viele Bauern kauften Windmotoren, die wie die alten Windmühlen aus dem Mittelalter keinen Strom erzeugten, sondern Wasser pumpten und Korn mahlten - zum Kriegsende standen solche Anlagen auf mehr als 6000 deutschen Höfen. Für Strom setzten die Politiker nach dem Krieg auf Wasserkraft: 1921 ging das Walchenseekraftwerk in Betrieb.

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Bald erholten sich die Kohleproduktion und der Welthandel, das Interesse an erneuerbaren Energien nahm ab. Als die Überlandleitungen auch abgelegene Dörfer erschlossen, lohnten sich die kleinen Windräder zum Kornmahlen und Wasserpumpen nicht mehr. Gegen Ende der Zwanzigerjahre schien die Windkraft in Deutschland daher ein Auslaufmodell zu sein.

"Unabhängig von der Gnade fremder Völker"

Doch dann versank die Weltwirtschaft in der Krise, die Weimarer Republik brach zusammen, Hitler kam an die Macht. Der Diktator behauptete, dass das deutsche Volk nicht genug "Lebensraum" habe und Europa unterwerfen solle. Für dieses Vorhaben müsse sich das Reich selbst mit Brot, Stahl und Strom versorgen. "Deutschland will unabhängig sein von der Gnade fremder Völker", verkündete Hans Posse, Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium. Das "nationalsozialistische Autarkieprogramm" sah etwa vor, Benzin aus heimischer Kohle zu gewinnen.

Hermann Honnef, selbst nie in der NSDAP, bediente die Sehnsucht nach Unabhängigkeit in seinen Vorträgen, Artikeln und seinem Buch. Mit seiner imposanten Erscheinung und sachlichen Rhetorik begeisterte er selbst kritisches Fachpublikum. Er galt als Experte für Großprojekte, schließlich hatte er in England Riesenkräne, in Belgien bewegliche Brücken und in Königswusterhausen bei Berlin einen frei stehenden, 273 Meter hohen Funkturm errichtet.

Schon 1932 hatte die NSDAP-Zeitung "Völkischer Beobachter" über seinen "sensationellen Plan" berichtet. Nach Hitlers Machtantritt schickte der Ingenieur den Reichsministerien für Wirtschaft und Verkehr Denkschriften.

"Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst"

Einige Experten erkannten die Schwächen seiner Entwürfe. Bei Sturm sollte der obere Teil der Türme zur Seite gekippt werden, doch die Angriffsfläche wäre dann noch immer so groß, dass ein Windstoß die Turbinen abreißen könnte.

Die kreisförmigen Großgeneratoren würden "bestimmt nicht funktionieren können", hieß es in einem Gutachten, das Bauwerk wäre unbezahlbar und ein "Wegweiser für feindliche Flugzeuge." Unklar war auch, wie die Energie gespeichert werden sollte - Batterien waren teuer und schwach, Wasserstoffmotoren und -tanks kaum entwickelt.

Zudem ging Honnef davon aus, dass der Wind in höheren Luftschichten sehr konstant bläst. Für seine Kalkulationen verwendete er regionale Mittelwerte, bei denen Schwankungen schon herausgerechnet waren - selbst nachgemessen hatte er das nicht. So gründete das entscheidende Argument für die Höhe seiner Reichskrafttürme auf einer fehlerhaften Annahme.

Reichskanzleichef Hans Heinrich Lammers konterte die Einwände aus den Ministerien mit dem Gutachten eines Statikprofessors, der die Höhenwind-Kraftwerke als "Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst" beschreibt.

Plötzlich stürmten SS-Männer ins Zimmer

Und so trat Honnef im Mai 1934 in Hitlers Vorzimmer und wartete. Bevor er jedoch hereingebeten wurde, stürmten plötzlich SS-Männer in den Raum und führten ihn ab. Es ist unklar, ob die SS eigenmächtig oder mit Hitlers Einverständnis handelte. Im Nationalsozialismus herrschten ständig Machtkämpfe zwischen den einzelnen Kräften im Reich - vielleicht wurde der Ingenieur Opfer einer Intrige. Vielleicht hatte es die SS aber auch auf ihn abgesehen, weil er sich zu den Freimaurern bekannte.

Jedenfalls verurteilte ein Gericht Honnef zu drei Monaten Haft, weil er beim Konkurs einer Ingenieursfirma Gläubiger betrogen haben soll. Wegen einer Amnestie musste er jedoch nie ins Gefängnis. In Ministerien und in der Reichskanzlei interessierte sich nun kaum noch jemand für seine Pläne.

Erst während des Weltkriegs wandte sich das NS-Regime wieder der Windkraft zu, denn die zentrale Stromversorgung mit Kohlekraftwerken war anfällig für Bomberangriffe. 1940 sollte Honnef zu NSDAP-Reichsleiter Robert Ley kommen. "Der Führer hat sich gegen Ihre Großkraftwerke mit hohen Türmen ausgesprochen", sagte Ley laut Honnefs Protokoll. "Er will Kleinanlagen. Am liebsten möchte er auf jedem Dach ein Windrad sehen."

Verspottet und vergessen

Der Ingenieur bekam ein Dutzend Mitarbeiter und Geld für Testanlagen auf dem Mathiasberg nördlich von Berlin. Seine fünf Modelltürme waren um die dreißig Meter hoch - und unzuverlässig.

In der Nachkriegszeit schlug Honnef einen Windpark in der Nähe von Hamburg vor, wie der SPIEGEL berichtete. Ein Mitarbeiter der Energie-Versorgung-Schwaben bezeichnete ihn als "Oberclown" und "Humpelstilzchen".

Öl und Kohle waren damals billig, und die Forschungsgelder flossen in die Kernkraft. Als der Windkraft-Visionär Honnef 1961 verarmt starb, schien es völlig unvorstellbar, dass die Windkraft in Zukunft einmal zu einem Hoffnungsträger des Klimawandels werden würde.