Fußball-Maskottchen Ich war Goleo

Teletubbies auf Speed, eine Orange mit Stummelbeinen, zwei Horrorhasen: Warum sind Fußballmaskottchen nur so hässlich? Puppenspieler Martin Paas kennt Goleo von innen. Und erlebte ein plüschiges Debakel.

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Jetzt steckt Martin Paas drin in dieser High-Tech-Maschine, dem modernsten aller Fußballmaskottchen: "Goleo VI", 2,30 Meter groß, auffallend breithüftig, Schuhgröße 58. Gut 250.000 US-Dollar soll der riesige Pelzlöwe samt Lizenzrechten gekostet haben, gebaut von der Firma des Muppets-Erfinders Jim Henson.

Drinnen ist es an diesem 13. November 2004 an die 50 Grad warm. Eine Hölle aus Plüsch. Der Sauerstoffgehalt sinkt. Paas schwitzt - auch weil 14 Millionen Deutsche zuschauen. Thomas Gottschalk, Fußballlegende Pelé und Franz Beckenbauer begrüßen bei "Wetten dass…?" in Leipzig den wahren Star des Abends bei seinem ersten Auftritt vor der WM 2006: Goleo, das erste Maskottchen der WM-Historie, das reden kann, mit Pille, seinem sprechenden Ball. Thomas mit der Löwenmähne hat sich passenderweise in einen Leoparden-Anzug geschmissen.

Doch nun ist Martin Paas, der Profi-Puppenspieler, der schon seit Jahren Ernie aus der Sesamstraße mimt, in Schwierigkeiten. Sein rechter Arm steckt in Goleos sieben Kilo schwerem Kopf; seine Finger modellieren Goleos Maul. Der linke Arm steckt in Goleos linker Pranke, nur per Nylonschnur kann Paas auch den rechten Löwenarm bewegen. Dabei darf er Pille nicht verlieren, den Gottschalk laut Drehbuch Pelé übergeben soll - was er dann aber vergisst.

Die anstrengenden Verrenkungen hat Paas wochenlang trainiert. Sorgen bereiten ihm die zwei Monitore, die auf seiner Brust geschnallt sind: Der eine zeigt, was der Löwe sieht, via Minikamera durch Goleos Auge. Den zweiten versorgt ein externer Kameramann mit Bildern aus Goleos Umgebung. Nur so kann Paas sich orientieren. Aber nach ein paar Schritten sind die Monitore schwarz. Totalausfall.

Katastrophe statt Traumjob: Martin Paas, Fußballnarr und Gladbach-Anhänger, hatte unbedingt dieses Maskottchen spielen wollen - wegen der einmaligen Chance, Weltstars aus der Nähe zu sehen. Im Casting setzte er sich gegen ein Dutzend anderer Puppenspieler durch. Jetzt sieht er nur noch schemenhaft durch zwei dünne Sehschlitze in Goleos Hals. Das Publikum klatscht. Paas schwitzt. Für eine Wette soll er Zuschauer auf die Bühne rufen, Männer und Frauen gemischt. Nur wie, wenn er halbblind ist? Bewusst bleibt er vage und stottert: "Ähm, dann nehme ich dich da!" Und: "Du da, ganz hinten!"

Diese Häme! "Hat Donald Duck eine Hose an?"

"Es war mein allerschlimmster Auftritt, ein einziges Desaster", erzählt Paas gut zehn Jahre später in einem Hamburger Restaurant. Paas hat wenig gemein mit der Figur, die er von 2004 bis 2006 bei rund 200 offiziellen Auftritten spielte. Er ist ein unauffälliger Mann mit lichtem Haar und kann das Fiasko sehr humorvoll umschreiben: "Es war wie in einem U-Boot - und dann macht einer das Licht aus."

Martin Paas
Martin Paas

Martin Paas

Gottschalk, sagt Paas, sei bei den Probeaufnahmen erst sehr nett zu Goleo gewesen. Bis die Kameras liefen - und Gottschalk losfrotzelte: "Einer deiner Vorfahren hatte wohl mal was mit einem Lama." Oder: "Goleo hat noch nie was von einem Lockenstab gehört."

Noch schlimmer kam es nach dem Auftritt. Das Geläster über über das "ästhetische Desaster", diesen "hosenlosen Löwen", der nur ein Trikotleibchen trug. "Da wurde kübelweise Spott über diesem armen Tier ausgeschüttet", sagt Paas kopfschüttelnd. Man spürt, dass er eine Zeit lang nicht nur der Mensch Paas war, sondern zugleich die Figur Goleo - auch wenn er einräumt, der Löwe sei "wirklich nicht der Hübscheste" gewesen.

Die Wucht der Häme aber ärgerte ihn: "Es ging doch nur um ein bisschen Spaß." Und das mit der Hose hat er nie verstanden. "Hat Donald Duck eine Hose an? Nein, stört aber niemanden! Und die Maskottchen Tip und Tap von der WM 1974 in Deutschland? Die trugen ihr Trikot bauchnabelfrei. Das würde heute eine ganze Gender-Debatte lostreten!" Seine Erfahrung nach Hunderten Auftritten in Goleo: Die meisten Ausländer feierten das Maskottchen, viele Deutschen spotteten. Aber eigentlich, so vermutet Paas, aus einem anderen Grund - nämlich "weil Goleo ein Symbol der Marketingmaschine der Fifa war".

Wie Leo zum Löwen wurde

Ein anderer Löwe hatte diese Maschinerie in Schwung gebracht, genau 40 Jahre vor Goleo: "World Cup Willie" - das erste Maskottchen, das bei einer WM oder EM auftrat. Der Fußballlöwe mit dem rot-strubbeligen Haar und dem Union-Jack-Trikot kam gut an, aus zwei Gründen. "WCW", wie die Briten ihn nannten, war ein echter Glücksbringer für den Gastgeber: England gewann die WM 1966 und holte seinen bis heute einzigen Titel. Der andere Grund war, dass hinter dem Maskottchen eine rührende menschliche Geschichte stand.

Reg Hoye, der zuvor Kinderbücher von Enid Blyton illustriert hatte, lieferte vier Ideen. Beim späteren Siegerentwurf orientierte er sich, so erzählte er später, an seinem 12-jährigen Sohn namens Leo, was auf Lateinisch Löwe heißt.

World Cup Willie
FIFA

World Cup Willie

Heute ist Leo Hoye ein fast kahlköpfiger Linguistik-Professor und lehrt in Hongkong. War dieser Mann einst ein echter Löwe? "Nun ja", sagt Hoye im Interview mit SPIEGEL ONLINE, "ich hatte damals rote Haare, aber die wahren Gründe waren wohl mein Name und mein Charakter. Mein Vater sagte damals der Presse: Wir brauchen einen frechen Burschen, kräftig und selbstbewusst, verschmitzt und liebenswert. Genau wie meinen Sohn Leo."

Frech spielten auch die Briten auf, für Leo Hoye wurde es das Turnier seines Lebens. Die große Aufmerksamkeit half ihm, erwachsen zu werden. "Einige Schulkameraden neckten mich, aber ich genoss das Rampenlicht. Ich war nicht großkotzig, aber stolz auf den Erfolg meines Vaters."

Hunderttausendfach verkaufte sich der Löwe als Souvenir. "Die Nachfrage überstieg alles, was sich mein Vater in seinen wildesten Träumen ausgemalt hatte", erzählt Hoye. Das große Geld machten andere, etwa die Firma Tuckwell, für die Hoye zeichnete. Sie verdiente mit dem Merchandising Millionen, "mein Vater hat wenig abbekommen. Ein Künstler war er. Ein Geschäftsmann? Nein!"

Fortan verzichtete die Fifa bei keiner WM mehr auf Maskottchen; ab 1980 setzte auch die Uefa auf EM-Maskottchen. Die Vermarktung wurde immer stromlinienförmiger, vielleicht wirken die Maskottchen heute deshalb plumper, hässlicher.

"Es gilt, biedere Sponsoren zu überzeugen, sehr viel Geld hinzulegen, damit die Party überhaupt steigt", sagt Martin Paas, der Puppenspieler. Das führe zu schlechten Kompromissen. Für die WM 2006 etwa habe es, so erzählte ihm ein Insider, einen "viel witzigeren" Entwurf als Goleo gegeben, eine Fantasiefigur. Bis bei einer Testvorführung manche gefragt hätten: Was stellt das denn dar? "Da schrillten bei ein paar Entscheidern die Alarmglocken, sie sagten: Nee, wir machen lieber einen Löwen. Löwen gehen immer", so Paas. "Das war eine unmutige Altherrenentscheidung."

Torwand-Sieger gegen Pelé und Beckenbauer

Seine Zeit in Goleo will er trotzdem nicht missen. Der Jubel in den Stadien, die Sommermärchen-Atmosphäre. "Geil" sei das gewesen, sagt Paas und erzählt von "irre schönen Goleo-Momenten": etwa als er beim Torwandschießen gegen Pelé und Beckenbauer gewann, obwohl er wenig sah und mit seinen Riesenfüßen den Ball kaum kontrollieren konnte. Der Treffer - pures Glück. Oder als beim Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien der Fan mit ihm durchging.

Denn eigentlich sollten Goleo und Pille laut Fifa-Regelung kurz vor Anpfiff aus dem Stadion. Diesmal blieben sie bis kurz vor dem Elfmeterschießen. Paas spielte ausnahmsweise Pille und steuerte dessen Lippen per Fernbedienung. Ein Foto zeigt, wie er zwischen Balljungen, Fotografen und Ordnern hinter dem Tor steht und beim entscheidenden Fehlschuss der Argentinier die Arme hochreißt, Pilles Fernbedienung hängt noch um seinen Hals. Und das in der neutralen Zone, in der Jubeln streng verboten ist.

Goleo steht längst im Haus der Geschichte in Bonn. Museal trocken ist jetzt das Fell, das Paas regelmäßig derart vollschwitzte, dass es stundenlang geföhnt werden musste. Eines hat das Maskottchen dauerhaft verändert: "Goleo hat meine Liebe zum Fußball neu entfacht", sagt Paas und klingt dankbar. Aus dem Fußballfan, der sich 2006 für seine Auftritte die Gesichter möglichst vieler Sportler einprägen musste, ist ein Fußballverrückter geworden.

insgesamt 6 Beiträge
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Martin Morawietz, 15.06.2016
1. Fotostrecke
Ich will ja nicht kleinlich sein, aber die WM 1990 fand nicht in Mexico statt. Wie wir ja alle wissen, spielte unsere Gurkentruppe 1986 in Mexico und gewann 1990 in Italien den Titel.
Torsten Moser, 15.06.2016
2. Fuleco
Was die Behauptung betrifft, Fuleco heisse bei den Brasilianern "Arsch" in der Umgangssprache, benötigt sie doch etwas mehr Recherche. Es sieht zumindest so aus, dass viele der brasilianischen Landsleute ziemlich überrascht waren, weil sie von dem Wort zuvor nie etwas gehört haben. http://www.bildblog.de/55681/wm-maskottchen-fuleco-verarscht/
Markus Schönfeld, 15.06.2016
3. Bisschen spät ...
um immer noch die gleiche Fuleco-Geschichte abzuschreiben. Hier die Hintergründe: http://www.bildblog.de/55681/wm-maskottchen-fuleco-verarscht/
Peter Hartung, 15.06.2016
4.
Tip und Tap waren toll. Das fand ich in den 70ern als Kind, und das finde ich heute noch. Ebenso gut war dieser kleine Gaucho 1978. Alles, was danach kam habe nie wahrgenommen, wieder vergessen, oder fand es von Anfang an schrecklich.
Yoerc Mueller, 16.06.2016
5. ♪♪
Das muss man erstmal schaffen: "Eins, häßlicher als das Andere"
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