»Wochenschau« von der Ostfront Wie Opa Franz ins Kino kam

Als die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel, wurde ein junger Soldat für Sekunden zum »Wochenschau«-Helden. Der Historiker André Postert kannte von seinem Großvater nur dieses eine Stahlhelm-Bild – und suchte nach weiteren Spuren.
Unterm Stahlhelm: Über seinen Großvater wusste André Postert jahrzehntelang fast nichts und kannte nur dieses Bild

Unterm Stahlhelm: Über seinen Großvater wusste André Postert jahrzehntelang fast nichts und kannte nur dieses Bild

Foto: privat

Meinen Großvater kenne ich seit der Kindheit allein von einem einzigen Foto. Früher hing es neben Omas Bett, an jener Seite, wo er bis zu seinem Tod jede Nacht geschlafen hatte. Ab und an, das weiß ich noch, wanderte mein Blick fragend nach oben, was und wen ich da vor mir hatte. »Das war dein Opa Franz«, dürfte die Antwort gelautet haben.

Sicher, es gibt andere Bilder. Doch nur dieses eine steht mir vor Augen und hat Wert in der Familie: Franz im Alter von 20 Jahren, gelernter Maschinenschlosser aus dem Ruhrgebiet, erst seit wenigen Monaten Soldat. Das Foto zeigt ihn mit Stahlhelm in Russland von der Seite, den Blick prüfend geradeaus.

Aus gutem Grund machen Historiker ihre Familie selten zum Thema. Der Grat ist schmal, Wissenschaft etwas anderes als Familienerinnerung. Die Geschichte dieses Fotos will ich dennoch erzählen, stellvertretend für andere.

Die Notiz auf der Rückseite verrät: Franz wurde in Russland im Oktober 1941 auf Bild gebannt. Am 22. Juni 1941 hatte die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion ohne Kriegserklärung überfallen – Deckname »Unternehmen Barbarossa«. Ab Anfang Oktober stieß die Wehrmacht auf Wjasma und Brjansk vor, zwei Städte auf halbem Weg nach Moskau, die man nehmen musste, um die Offensive voranzubringen. Rasch drangen die Panzer vor. Die Kesselschlacht von Wjasma-Brjansk tobte bis zum 20. Oktober, während Teile der deutschen Truppen weitermarschierten.

Mehr als eine halbe Million Rotarmisten, die eingeschlossen bis zum Ende Widerstand geleistet hatten, gerieten in Gefangenschaft. Die meisten wurden in Sammellager gesperrt, nach Deutschland gebracht, viele starben an Unterernährung oder wurden ermordet.

Früh hielt Hitler seinen Vernichtungskrieg für entschieden. Doch Regen und Schlamm kündigten den ersten Winter an. Bis vor Moskau wurden die Füße mit jedem Monat schwerer. Was waren das für Fotografien, die Soldaten von dort nach Hause brachten? Es waren weder Andenken noch bloß Schnappschüsse.

Und dann die Filmszene mit Opa Franz

Beim Gang ins Kino kommt man heute um die Werbung nicht herum. Damals gab es keinen Werbeblock, dafür die »Wochenschau«, ein rund halbstündiges Gemisch aus Nachrichten und staatlichen Halbwahrheiten. Dutzende für die Front ausgebildete Kameramänner aus »Propagandakompanien« filmten aus Panzern und Flugzeugen oder folgten den Soldaten auf Schritt und Tritt.

Einer von ihnen hat Franz, junger Soldat, zum Leinwandhelden gemacht – für zwei, drei Sekunden. Das Filmmaterial von der Ostfront ist endlich. Solange Weltkriegsdokumentationen im Fernsehen laufen, wird Franz herumgeistern; das letzte Mal, soweit ich weiß, in einer Produktion von 1985.

Für Menschen, die nach dem Vater oder Großvater suchen, ersetzt längst das Internet den Gang ins Filmarchiv. Da es die »Wochenschau« mit Franz bis dato nur in Fragmenten ins Internet geschafft hat, musste in meinem Fall das Bundesarchiv helfen. Jetzt weiß ich, woher das Ostfront-Porträt stammt und wann es zu sehen war.

Am 22. Oktober 1941, mit rund einer Woche Verzögerung, kamen die Kämpfe um Wjasma auf Deutschlands Kinoleinwänden an. Was die »Wochenschau« Nr. 581 zeigt: Soldaten überqueren einen Fluss, erstürmen einen Hang und formen den Brückenkopf, damit die anderen nachrücken können. Rotarmisten ergeben sich, deutsche Soldaten erzielen Geländegewinne. Und dann Franz in seiner Deckung, Stukas am Himmel, Gehöfte in Flammen, Maschinengewehr und Patronenhülsen.

Ein Hauch von »Soldat James Ryan«

Die Geräuschkulisse aus MG-Knattern, Geschützdonner und schrillen Stuka-Sirenen wurde in Berlin indes erst im Nachgang hineinkomponiert. Harry Giese, damals als »Großdeutscher Sprecher« bekannt, weil seine schneidende Stimme jede »Wochenschau« unterlegte, erklärt zu Anfang: »Vorstoß zur Ugra, einem Fluss zwischen Orel und Wjasma.« Ansonsten bleibt Giese wortkarg.

Die »Wochenschau« war gut durchdacht. Anfangs nahm Hitler die neueste Ausgabe in Augenschein, bevor sie im Kino lief. Bei der Bearbeitung dirigierte mehr als gelegentlich Joseph Goebbels persönlich. Weil der Propagandaminister befand, Bilder sprächen mehr als viele Worte, redete Sprecher Giese nicht mehr so ausführlich wie zuvor.

Im August 1941 schrieb Goebbels in sein Tagebuch: Mit der »Wochenschau« sei er diesmal nicht zufrieden. Nun dauere der Krieg schon länger als erwartet, zu oft werde das immer Gleiche gezeigt. Fortan sollten Sondertrupps in den besetzten Gebieten mehr »Milieu- und Menschenaufnahmen« anfertigen. Was das hieß, ahnt man: mehr Rassismus. Der Vorstoß auf Wjasma war jedoch kriegswichtig genug, um dabei Franz zu zeigen, so gewöhnlich seine Szene im Grunde auch war.

Die Geschichte gerät an dieser Stelle ein wenig zu »Soldat James Ryan«, unter Abzug von Heldentum und Happy End, aber vergleichbar im Stoff. Die Mutter, so will es die Familienlegende, sieht im Kino den Sohn flüchtig vorbeihuschen, wie er vorn an der Hauptkampflinie liegt – ihre Sorgen lassen sich allenfalls ahnen.

Eine Lüge, um den Sohn zu retten

Viel hat sie in Bewegung gesetzt, um Franz in Sicherheit zu bringen. Versuchen konnte man es mit einer Hitler-Verfügung vom Juni 1940. Sie besagte, dass die »Zurückziehung aus der kämpfenden Truppe« auf Antrag veranlasst werden könne – beim einzigen oder letzten lebenden Sohn und unter der Voraussetzung, dass der Vater in einem Krieg gefallen oder Kriegsfolgen erlegen ist.

Der Sinn dieser Regelung ist leicht zu verstehen: Die Familie sollte vor dem Ausbluten bewahrt werden, wenigstens ein letzter männlicher Versorger dem Töten entgehen. Wie häufig davon Gebrauch gemacht wurde, ist nicht sicher erforscht. Im Dezember 1942 forderte Kurt Zeitzler, Generalstabschef des Heeres: Die Bestimmung müsse auf den Prüfstand. Erneut hatte man in der mittlerweile verheerenden Lage an der Ostfront mehr Ab- als Zugänge verzeichnet. Folglich wurden die Klauseln Schritt für Schritt verschärft.

Drill in der Kaserne: Anfang 1941 erhielt Franz (links) seine militärische Grundausbildung in Eschweiler bei Aachen

Drill in der Kaserne: Anfang 1941 erhielt Franz (links) seine militärische Grundausbildung in Eschweiler bei Aachen

Foto: privat

Für Soldat Franz hatten sie von vornherein nicht gegolten, denn sein Vater war kein Kriegsopfer. Mit einer Lüge stellte die Mutter das Glück auf die Probe: Ihr Mann, so schrieb sie, sei einer Lungentuberkulose als Folge des Ersten Weltkriegs erlegen. Das kaufte man ihr ab. Im Mai 1942 kam der Brief des Wehrbezirkskommandos: Der Sohn wurde zu einem Ersatztruppenteil versetzt.

Nun sollte man sich das nicht so vorstellen wie beim Soldaten James Ryan, für den sich die anderen durchkämpfen, um ihn nach Hause zu bringen. Auf deutscher Seite geht die Geschichte anders. In der Kälte des russischen Winters erfror Franz fast ein Fuß. Man brachte ihn ins Lazarett nach Łódź, ein bekannter Name auch wegen des 1940 dort errichteten Judengettos, des zweitgrößten in Polen nach Warschau.

Über den Krieg sprach Opa Franz wenig

Erst im Krankenbett erfuhr Franz, dass er die Ostfront nicht wiedersehen musste. Der Mutter und dem Frost konnte er danken. Nach Monaten in einer Kaserne in Koblenz ging es aber erneut zum Einsatz: nach Jugoslawien, ab Frühjahr 1941 von der Wehrmacht besetzt. Blutig erkämpfte sich dort die faschistische Ustascha mit militärischer Hilfe der Deutschen einen kroatischen Staat. Für Franz bedeutete das nicht die Front, nicht die vorderste Linie, trotzdem keine Lebensversicherung.

Dass Franz Verbrechen erlebte, darf man annehmen. Die einzige Erinnerung, die er später mit anderen teilte, handelte nicht von deutschen Untaten oder dem Holocaust. Er raunte bloß, die kroatische Ustascha habe gegen Serben und Juden wie Berserker gewütet. Freund und Feind seien nicht unterscheidbar gewesen. Allein der Ustascha-Terror forderte bis zu einer halben Million Opfer. Und nur wenige Soldaten, hört und liest man, sind auf dem Balkan sauber geblieben. Franz vielleicht ebenso wenig wie andere.

Im Mai 1944 schlug Franz ein Schrapnellsplitter seitlinks durch den Schädel, ließ ihn aber am Leben. Kurz vor Kriegsende geriet er in russische Gefangenschaft. Die Verletzungen nicht ausgeheilt, ein Bein und beide Arme lahm, unterernährt entließ man ihn im Herbst 1946 in die Freiheit. Bis zuletzt litt er – technisch, wie das klingt – unter Kriegsbeschädigungen. Franz wurde 61 Jahre alt.

War mein Großvater ein Nazi? Zumindest keiner mit Brief und Siegel. Die einstigen Parteigenossen lassen sich überführen, dank der nahezu vollständig überlieferten Karteikarten im Bundesarchiv. Weiße Westen wurden so einige beschmutzt. Wenn ich schon da bin, warum nicht die rund 13 Millionen Digitalisate nach der eigenen Familie durchforsten? Das dauert nicht lange. Viele Parteigenossen mit meinem Nachnamen tauchen auf, etliche aus der Heimat; auch ein grobschlächtiger SA-Mann starrt mich vom Passbild aus grimmig an.

Was tun mit dem alten Foto?

Daheim lasse ich die Namen fallen: Keiner ist bekannt, über keinen hat man je gesprochen. Die Enttäuschung, die jeder Historiker kennt, wenn er sucht, aber nicht fündig wird, ist diesmal mit der Erleichterung verschwistert: Mein Großvater ist nicht in die NSDAP eingetreten. Doch was sagen Karteikarten, sofern sie vorhanden sind, schon aus über Menschen und ihre politische Haltung? Eine letzte Gewissheit, wie er dachte oder was er getan hat, bekomme ich nicht.

Das »Wochenschau«-Bild, im selben alten Holzrahmen wie früher, hängt im Wohnzimmer meiner Eltern. Als Zentralgestirn in der Mitte, außen herum andere Fotos. Irgendwann – und ich hoffe sehr, es dauert – kommt es zu mir. Was tun mit einem Bild, auf das man noch immer blickt wie das Kind, mit mehr Wissen zwar, aber vergleichbar befremdet?

Die einen wittern unlautere Traditionspflege: Das gehöre nicht an die Wand, sei unzeitgemäß. Was Unrecht war, dürfe man nicht tradieren. Schon richtig. Dann gibt es die anderen, die von den dunklen Kapiteln seit Langem genug haben. Sie verstecken Geschichte in Schubladen, auf Dachböden, geben Schlussstrich-Parteien ihre Stimme.

Beide Seiten haben es auf ihre Weise einfach. Nicht mittig, eher am Rand oder in der Ecke, dennoch wird das Kriegsporträt einen Platz bekommen. Es ist eben nicht einfach, aber es zeigt Opa, wie ich ihn nur so und nie anders kannte: ein junger Soldat aus der »Wochenschau«.