World Trade Center im Film Das zweite Leben der Zwillingstürme

Etwa 3000 Menschen starben bei den Terrorattacken vom 11. September 2001. Kinoklassiker bewahren die Erinnerung an die monumentalen Türme von New York - nun erleben sie sogar eine filmisch perfekte Wiederauferstehung.

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Von Hannes Klug


Wie Gesteinsschichten sind die Büros der beiden Türme gestapelt, Stockwerk für Stockwerk, bis in den Himmel. Im Sonnenlicht funkeln die Fenster und Stahlstreben, als die Kamera die Fassade hinaufgleitet. Vom Dach steigt sie wie ein Vogel in die Luft, dreht sich - und zeigt den klaffenden Abgrund. Fern dort unten, nur winzige bunte Punkte, hupen Busse und Taxis in der Rushhour, drängen Büroarbeiter zurück an den Arbeitsplatz, legen Touristen ihre Köpfe in den Nacken, um ein Erinnerungsfoto vom World Trade Center zu schießen.

Die New Yorker Zwillingstürme, sie sind Vergangenheit, zerstört am 11. September 2001. In "The Walk" lässt Robert Zemeckis sie auferstehen - dank digitaler Technik so detailgenau, als wären sie nie weg gewesen. Der Film basiert auf der Geschichte des französischen Artisten Philippe Petit, der 1974 ein Seil zwischen den beiden Türmen spannte und darüber balancierte. Mindestens ebenso eindrucksvoll wie der Coup des Seiltänzers ist die perfekte filmische Nachbildung des verlorenen architektonischen Meisterwerks. "The Walk" erlaubt eine Zeitreise in die Epoche vor dem Terror-Trauma, als New York noch mit weniger leidvoller Bedeutung aufgeladen war.

Das World Trade Center prägte die Skyline der realen Stadt - aber auch etliche Filme entstanden hier. Sie bewahren das Andenken an die eingestürzten Zwillingstürme bis heute.

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Filmschauplatz New York: Die Twin Towers als Kulisse

Praktisch alle Phasen im Zyklus des markanten Bauwerks wurden so konserviert - von Anfang an. So zeigen Filme der frühen Siebzigerjahre die Zwillingstürme noch als halbfertige Rohbauten.

Vom Rohbau zum Symbol für Big Business

Im düsteren Thriller "Klute" von 1971 folgt Privatdetektiv John Klute (Donald Sutherland) einer Spur zur Prostituierten Bree Daniels (Jane Fonda). Klutes zwielichtiger Auftraggeber hat sein Büro in einem Wolkenkratzer; hinter den Panoramafenstern glitzert der Nordturm des World Trade Centers schon zur Hälfte silbern, während das Stahlskelett des Südturms noch in die Höhe wächst.

In der Gangsterkomödie "Vier schräge Vögel" aus dem Jahr 1972 fliegt die Diebesbande um Robert Redford im Hubschrauber über Manhattan. Ihr Weg führt dicht vorbei am World Trade Center, das gerade entsteht, wie auch in "French Connection - Brennpunkt Brooklyn" (1971).

Bald darauf dominieren die Türme schon aufgrund ihrer gewaltigen Größe die Film-Skyline. Nun werden auch ihre Lobbys, Flure, Büros gezeigt. In Sidney Pollacks Thriller "Die drei Tage des Kondor" von 1975 enthüllen dort der CIA-Mitarbeiter Joe Turner (Robert Redford) und seine Helferin Kathy Hale (Faye Dunaway) ein Komplott in den eigenen Reihen. Der New Yorker Geheimdienst-Ableger sitzt symbolträchtig hoch oben im WTC; der Blick aus den Büros auf die Stadt ringsum steht für uneingeschränkte Überwachung.

New York ist die vertikale Stadt schlechthin

Das nun höchste Bauwerk der Stadt und der Titelträger zuvor, das Empire State Building, sind beide berühmte Kulissen. Im Film kam es zu einer Art Aufgabenteilung: Das ältere, optisch verspieltere Empire State Building wurde häufiger für romantische Geschichten verwendet, etwa in "Die große Liebe meines Lebens" von 1957 oder in "Schlaflos in Seattle" von 1993. Dagegen stand das World Trade Center für die harte Geschäftswelt.

So posierte Danny DeVito 1991 als Spekulant Lawrence Garfield in "Das Geld anderer Leute" für das Filmplakat vor den Zwillingstürmen, jetzt endgültig das Symbol für weltweite amerikanische Handelsmacht. Und mit einer Aufnahme ihrer dunklen Umrisse bei Sonnenuntergang eröffnete Oliver Stone 1987 seinen Film "Wall Street" um den Finanzhai Gordon Gekko (Michael Douglas).

Für Regisseure war der über 440 Meter hohe Monumentalbau unwiderstehlich. New York ist die vertikale Stadt schlechthin. Ihre Hochhausarchitektur stiftet in "Spider-Man" (2002) die entscheidenden Perspektiven, wenn etwa Mary Jane (Kirsten Dunst) von einem gesprengten Balkon in die Tiefe stürzt, Spider-Man ihr hinterher hechtet, sie auffängt und beide am seidenen Faden durch die Stadt schwingen.

Höhenangst macht auch die Faszination von "The Walk" aus, das Schelmenstück ist nervenaufreibend in 3D-Technik inszeniert. Als Philippe Petit (Joseph Gordon-Levitt) die ersten wackeligen Schritte auf dem Stahlseil unternimmt, filmt ihn die Kamera von oben; wir Zuschauer blicken mit in den Abgrund. Das Seil quietscht und knarrt, der Wind fegt Petit um die Ohren, erst im letzten Moment fängt sich der Akrobat, als eine Halterung der Aufhängung bricht.

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Filmische Zeitreisen wie diese halten die Erinnerung an eine verlorene geschichtliche Epoche am Leben. Gleichwohl war die Kinokarriere der berühmten Türme auch mit den Anschlägen von 2001 nicht beendet: Als einer der ersten Regisseure drehte Spike Lee 2002 wieder vor Ort - für sein Drogendealer-Drama "25 Stunden". In einer Szene unterhalten sich im Vordergrund die Freunde Frank (Barry Pepper) und Jacob (Philip Seymour Hoffman). Draußen vor dem Fenster suchen unterdessen ganz reale städtische Arbeiter in den Trümmern nach den menschlichen Überresten von Terroropfern.

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Carl Zippel, 13.11.2015
1.
Sehe ich es es richtig, daß die Filmemacher des Hochseilfilmes das Rockefeller Center direkt neben das WTC gebaut haben`?
Joachim Baumeister, 13.11.2015
2. Rohbau, ganz oben
1975. Meine damalige Frau steht vor Bauabdeckplanen auf dem 110. Stock, der sich noch im Rohbau befand. Ins WTC konnten wir einfach so mit den Aufzügen hinauffahren, keine Kontrollen, keine Einschränkung. Da standen wir in der leeren betonierten Etage und schauten von dort auf die Stadt. Habe ich fotografiert damals. (Historisches Fotos? Könnte man sagen.)
Robert Jach, 13.11.2015
3.
"Das nun höchste Bauwerk der Stadt und der Titelträger zuvor, das Empire State Building, sind beide berühmte Kulissen." Impliziert das "nun" nicht, dass das Empire State Building zur Zeit das höchste Gebäude der Stadt wäre? Ist das nicht das One World Trade Center?
Peter Halberg, 13.11.2015
4. Da gab es noch ein drittes Gebäude
welches (aus mir immer noch völlig unplausiblen Gründen) mit eingestürzt ist. Aber es geht beim Thema 11.September immer nur um die Zwillingstürme.
Bodo v. Ulmenstein, 13.11.2015
5.
...und da wäre noch Klaus Lemkes "Sylvie" (1973) erwähnenswert, in einer Einstellung umkreist ein Helikopter die im Bau befindlichen Türme bis hinauf zum Dach, auf dem ein Foto-Shooting stattfindet - dazu im Background "Papa was a Rolling Stone" von den Temptations und die typischen Polizeisirenen aus den entfernten Straßenschluchten- großartig!
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